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Neuvorstellung zur Übersicht
07.07.2012
Andreas Manteufel: Nerven bewahren. Alltag in der Akutpsychiatrie - Aus dem Sudelheft eines Psychologen
Manteufel: Nerven bewahren Paranus Verlag, Neumünster 2012

184 S., broschiert

Preis: 14,80 €

ISBN-10: 3940636193
ISBN-13: 978-3940636195
Paranus Verlag





Martin Rufer, Bern:

Schon Titel und Gestaltung des Covers lassen vermuten, dass den Leser hier nicht ein Fachbuch der üblichen Sorte erwartet. Würde man den zweiten Untertitel nicht genau lesen, liessen sich zwischen den Buchdeckeln auch Einträge „aus dem Sudelheft eines Patienten“ vermuten. Dabei handelt es sich um die essay-artige Darstellung des ganz normalen Irrsinns aus der Feder eines promovierten Psychologen, der seit 20 Jahren in der psychiatrischen Klinik Bonn (Abteilung Allgemeine Psychiatrie 1) arbeitet. Dass die Einträge im Sudelheft sich so nahe an den Erfahrungen von Patienten orientieren, zeigt dem Leser, dass auch stationäre Psychiatrie in hohem Masse menschenfreundlich erlebt und gestaltet werden kann, ohne gleichzeitig diesen speziellen (Zwangs-) Kontext schön reden zu müssen. Skizzenartig und witzig werden vornehmlich Sprachspiele (Wittgenstein) von Patienten in ihrer Situationskomik („Das ist hier ja wie im Irrenhaus“, „Jetzt habe ich mich entschieden, Antrieb zu haben“, „Ich bin freiwillig abgehauen“, „To much emotion“ ) verbunden mit Metaphern („Die Postamt-Metapher psychischer Erkrankungen: Abstempeln und aufgeben“) und theoretischen Reflexionen zur Darstellung gebracht. So wird z.B.liebevoll über die Aussage einer Patientin „Das ist Kontrollfürsorge“ (S.78) nachgedacht, um in Kooperation mit der Patientin auch Widersprüchliches und Ambivalentes auszuhalten.

Nicht nur der interessierte Laie erhält damit Einblick in ein komplexes Regelwerk, sondern v.a. wir Fachleute sind eingeladen über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken. Gerne wird - oft weit ab vom Klinikalltag - vergessen, dass leidende Menschen für eine gewisse Zeit in dieser Struktur Zuflucht und Sicherheit finden, um sich wieder neu orientieren zu können. So lautet ein Eintrag in Sudelheft (Dialog zwischen einem Patienten kurz vor der Entlassung nach langer stationärer Behandlung): „Was, denken Sie, hat Ihnen in der Behandlung geholfen, wieder gesund zu werden?“ Antwort: „Drei geregelte Mahlzeiten am Tag.“ (S.26).

Dass dieses Sprachspiel dem Autor zu denken geben musste, ist naheliegend. Dass es in seiner Präganz aber viel therapeutische Weisheit zum Ausdruck bringt, wird erst beim Weiterlesen deutlich. Zu gut weiss der Autor mit Blick auf Theorien der Selbstorganisation und nicht-linearer Dynamik in (sozialen) Systemen und seinen Doktorvater Günter Schiepek, dass Psychotherapie Schaffen von günstigen Bedingungen für Veränderungen heisst. Wissen doch auch wir Therapeuten in der freien Praxis (wie der Rezensent selbst) nie genau, wo, wann und was genau den Patienten oder Klienten geholfen hat und heilsam war. Dies macht uns bescheiden und kreativ gleichermassen. Auch wenn dem Kontext entsprechend, aber für Systemiker eher unüblich, durchgängig von Patienten und nicht von Klienten gesprochen wird, und Klassifikationsdiagnostik nicht zum vornherein abgelehnt wird, ist dieses Buch ein systemisches, eines allerdings, das über die Therapieschule i.e.S. hinaus weist (S. 155). Aus den alltäglichen Anforderungen heraus werden Themen wie Auftragsklärung, Medikation, Arbeitsbündnis dem Kontext entsprechend, aber im Interesse des Patienten reflektiert. In der Orientierung an systemwissenschaftlichen, therapieintegrativen Modellen wird im Vertrauen in sich selbstorganisierende Prozesse eine Grundhaltung spürbar, ohne dass diese explizite hervorgestrichen werden muss. Der Message dieses Buches folgend wird Konzeptuelles schmal gehalten und Begriffe wie „Systemkompetenz“ erst im Schlussteil erörtert (s.166ff).

Ähnlich wie in Woody Allens Filmen scheint für Manteufel im Humor verbunden mit Respekt das Geheimnis zu liegen, dass man als Mitarbeiter im System Psychiatrie die Nerven nicht verliert. Auch wenn der Autor dabei zu Recht über Begriffe oder „Unwörter“ [M.R] wie „Affektinkontinenz“ (S.64) stolpert, eröffnen sich ihm gerade in diesen Sprachspielen neue Sichtweisen. Assoziativ wird so über Wirkprozesse in der Psychotherapie, Lebensweisheiten verbunden mit ganz Normalem (S.174ff) nachgedacht; angefangen von der Bedeutung von Geduld, über den Wert von Arbeitspausen, den mail Verkehr und die Wichtigkeit von persönlichen Kontakten bis hin zur Gestaltung des eigenen Raumes im Arbeitsplatz Psychiatrie. Es bleibt zu hoffen, dass damit und darüber hinaus der Diskurs angestossen wird, wie genau sich denn stationäre von ambulanten Kontexten unterscheiden oder wie (anders?) denn das Sudelheft eines Psychiaters oder einer Pflegefachfrau aussehen würde? Dies könnte mithelfen, sich selber immer wieder zu fragen, was denn im eigenen Berufsalltag „das Systemische“ ist und wie sich eigenes Handeln konzeptuell begründen lässt.

Das Realistische ist das Spektakuläre, wie einer meiner Kollegen mit langjähriger Erfahrung in der Psychiatrie einmal gesagt hat. Dies gilt im Besonderen auch für dieses Buch, denn wie der Autor selber schreibt: „Das Feld der Psychotherapie ist immer noch durch so manchen Kult um sogenannte „grosse Meister“ und „Interventions-Trickkisten“ verdorben. Wir sind normale Menschen, die ihren Job machen – mal besser mal schlechter (S.178).

„Irren ist menschlich“ so hiess das legendäre Lehrbuch der Psychiatrie von Klaus Dörner und Ursula Plog. Das vorliegende kleine Bändchen ist auch heute noch, 35 Jahre später, der schlichte, humorvolle, v.a. aber klientenorientierte Beweis dafür.


Cornelia Tsirigotis, Frankfurt:

„Na, was sagt der Doktor?“
„Der hat gesagt, ich habe eine Psychose.“
„Und das lässt du dir einreden? Bist du verrückt?“
Dialog zweier Patienten, vom Chefarzt unbeobachtet mitgehört (S. 122)

Andreas Manteufel ist aufmerksamen systhema-LeserInnen bestens bekannt: als kompetenter Rezensent in unterschiedlichen theoretischen und praktischen Feldern: Selbstorganisation, Hirnforschung, (systemische) Psychiatrie, als Autor von wissenschaftlichen Beiträgen. Hier lässt er uns nun sein „Sudelheft“ lesen, ein Heft, in das er seit Beginn seiner Tätigkeit in der psychiatrischen Klinik Gedanken, Erfahrungen, Geschichten und Merkwürdigkeiten eingetragen hat. Was hilft, im Klinikalltag der Psychiatrie Nerven zu bewahren? Es ist in allererster Hinsicht Humor. Andreas Manteufel erzählt seine Geschichten und Gedanken nicht einfach so, sein Wissen aus „seinen“ Themenfeldern Selbstorganisation, Hirnforschung winkt aus seinen Reflexionen, wird beim Lesen spürbar und nachvollziehbar, die Alltagsgeschichten aus der Beobachterperspektive werden mit der Fülle seines theoretischen Wissens und mit einer beispielhaften systemischen Haltung und professionellen Ethik durchdacht. Dazu kommt eine wunderbare sprachliche Ausdrucksfähigkeit und ein Sinn für feinsinnige Sprachspiele, so dass das Buch eine wahre Freude zu lesen ist und seine Lektüre zugleich fachliche Bereicherung und Gewinn mit sich bringt.

Die diese Besprechung einleitende Geschichte mit der Zuschreibung durch Arzt wie Mitpatienten ist ein Beispiel für Andreas Manteufels Freude an der Mehrsinnigkeit von Alltagssprache. Zugleich verrät die Geschichte bzw. ihr Ende auch seine professionelle Haltung zum Fachgebiet Psychiatrie: „Ich hoffe, für den in die Enge gedrängten Patienten gab es ein Entrinnen, in welcher Form auch immer. Er musste sich, um nicht ganz durchzudrehen, nicht etwa für die eine oder andere Form der Verrücktheit entscheiden. Er musste sich vielmehr von der Situation distanzieren und sein eigenes Krankheits- und Gesundheitskonzept finden“ (S. 123).

Dieses Buch ist nicht nur für in der Psychiatrie Arbeitende von Gewinn. Jeder kann Andreas Manteufels Reflexionen mit Gewinn lesen. Dieses Buch sollte man unbedingt lesen, behalten, wieder lesen, verschenken, verbreiten …

(mit freundlicher Genehmigung aus systhema 2/2012)





Vorabdruck S. 13-30  "Einträge ins Sudelbuch""





Verlagsinformation:

„Ich habe gleich zu Beginn meiner beruflichen Tätigkeit eine Art Sudelheft angelegt. Darin hielt und halte ich fest, was ich staunend, erheitert, beeindruckt und manchmal mit Unverständnis im Klinikalltag aufschnapp(t)e. Auch Zitate aus der Literatur oder Zeitungen, die einen psychiatrischen Nagel auf den Kopf treffen, schreibe ich bisweilen in dieses Sudelheft. Dieser Fundus ist der Grundstock des vorliegenden Buches, angereichert mit Erinnerungen und Kommentaren, die mir jetzt, beim Zusammenschreiben, dazu einfallen. „Nerven bewahren“ ist ein Buch über Metaphern und Sprachspiele in der Psychiatrie. Und es ist ein Buch zu der Frage, wie man dort seine Nerven bewahrt. Die Antwort lautet unterm Strich: Mit einer gewissen Distanz und mit Humor. Humor brauchen wir als Gegengift zu der Schwere, die vielen Gesprächen und Geschichten, die wir miterleben, anhaftet. Humor beflügelt die Kreativität, hilft dabei, Dinge einmal ganz anders zu sehen und vermittelt eine positive, lösungsorientierte Grundhaltung. Genau dieser Humor spiegelt sich in vielen Äußerungen unserer Patienten wider, und das ist es, was mich daran reizt, solche besonderen Sprachblüten zu sammeln und Ihnen hier verdichtet vorzustellen.“


Inhalt:

Nerven bewahren
Einträge aus dem Sudelheft
Nerven bewahren – wie geht das?
Normal bleiben
Ein Arbeitsplatz – viele (Be-)Deutungen


Über den Autor:

Dr. phil., Jg. 1963, psychologischer Psychotherapeut. Studium der Psychologie (Diplom) und der Angewandten Sprachwissenschaften (Magister). Seit 1992 in der LVR-Klinik Bonn in der Abteilung Allgemeine Psychiatrie 1 tätig. Promotion bei Prof. Günter Schiepek 1996 mit einer Arbeit über Systemspiele. Zahlreiche Fachveröffentlichungen. Praktische Arbeitsschwerpunkte: Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapie, Supervision und Coaching.



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