Gestern starb der Theologe, Journalist und Schriftsteller Ernst Klee im Alter von 71 Jahren. Wie kein anderer hat er die Geschichte der Tötung von Psychisch Kranken und Behinderten im Dritten Reich recherchiert und veröffentlicht, einem nationalsozialistischen Massenmord, der am längsten verleugnet und nicht beachtet worden ist. Seine Bücher sind im Fischer-Verlag erschienen. Klee hat nicht nur durch sein investigatives Ein-Mann-Unternehmen aufgedeckt, was im Nationalsozialismus mit kranken und behinderten Erwachsenen und Kindern passiert ist, sondern auch aufgezeigt, dass die Täter nach dem Kriegsende ihre Karriere nicht bestraft wurden, sondern in der Regel ihre Karriere weiter fortsetzen konnten. Das Manuskript einer Radiosendung über Ernst Klee von 2010 ist hier zu lesen…
Im Berliner Parodos-Verlag, einem jungen philosophischen Verlag mit den Fachgebieten Philosophie, Psychiatrie, Psychoanalyse, Sozialwissenschaften, Politische Wissenschaften sowie Kultur- und Medienwissenschaften erschien 2007 ein Band zum Thema "Subjektivität und Gehirn", herausgegeben von Thomas Fuchs, Kai Vogeley und Martin Heinze. Ein Rezensent attestierte den Herausgebern, dass es ihnen "in hervorragender Weise gelungen (sei), das Subjektive wieder in sein Recht zu setzen: Das Jahrzehnt des isolierten Gehirns ist vorbei." Auch Günter Schiepek (Foto) hat für diesen Band einen Beitrag verfasst, der auch online zu lesen ist, in dem er sich mit dem Verhältnis von neuronalen und mentalen Prozessen aus Sicht der Synergetik auseinandersetzt. Im abstract heißt es: "Der Beitrag thematisiert die Möglichkeit, Bewusstsein und die Erfahrung des Selbst mit Hilfe neuronaler Selbstorganisation zu erklären. Dabei wird deutlich, dass die Synergetik als Wissenschaft der Selbstorganisation grundlegende Prinzipien der Funktionsweise des Gehirns beschreibt, die unter anderem auch in der Erfahrung des Bewusstseins und des Selbst münden. Die Frage ist dabei, wie transiente Kohärenzen, Synchronisationsmuster und Ordnungsübergänge neuronaler Netze und ihres Funktionierens entstehen. Der Beitrag beschreibt, welche Hirnstrukturen die Voraussetzungen für die Selbstorganisation von Bewusstsein und Selbst bereitstellen. Damit ist allerdings der qualitative Sprung in die subjektive Erfahrung, in die Qualia-Qualität und in die Erste-Person-Perspektive nicht aufgelöst; es bleibt bei Theorien der Ermöglichung und bei Korrelaten – wenngleich diese der Komplexität des Geschehens durchaus gerecht werden mögen. Somit werden schließlich auch die Grenzen der Möglichkeit deutlich, Bewusstsein und Selbst über (Varianten der) Emergenz zu erklären." Zum vollständigen Text geht es hier …
Was leistet der Begriff „qualitative Forschung“ für die Entwicklung junger Psychotherapie-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern noch, fragt Gastherausgeberin Kathrin Mörtl in ihrem Editorial für die letzte Ausgabe von Psychotherapie & Sozialwissenschaft (2/2012) und bezieht sich damit auf den alten Streit zwischen qualitativer und quantitativer Forschung.Eine wichtige Perspektive dabei ist die Frage nach dem Zugang, den gerade junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zum Feld der qualitativen Forschung in einem System bekommen können, in welchem quantitative Ansätze vorherrschen. Es geht hier also um die "Beobachtung der Beobachter", um die Einbeziehung der Person des Forschers, ihrer akademischen Sozialisation, ihrer Interessen und Karrierewünsche ebenso wie ihrer emotionalen Involvierung in den Forschungsprozess in die Betrachtung ihrer Forschungsvorhaben. Kathrin Mörtl (Foto: SFU Wien), die in der Einleitung auch von ihren eigenen Ambivalenzen und Erfahrungen berichtet, ist es gelungen, ein außerordentlich interessantes Heft zusammenzustellen, dessen Beiträge das Spannungsfeld von professioneller und persönlicher Perspektive ausloten uns sowohl den wissenschaftspolitischen und grundlagentheoretischen Kontext thematisieren als auch z.B. der Frage nachgehen, was es mit Verleugnungen und Löschungen im Prozess qualitativer Forschung auf sich hat: was bleibt "off the record" (Gedanken, die zwar im Prozess auftauchen, aber den Weg in die Forschungsberichte nicht schaffen), was bleibt "off the books", wird also niemals veröffentlicht und was bleibt "off the charts", also unbewusste oder auch einfach nicht erwünschte persönliche Aspekte der Forschung. Ein tolles Heft, das Forschungsinteressierte zur Kenntnis nehmen sollten! Zu den vollständigen abstracts geht es hier…
In einem sehr interessanten Text, der auf einen Vortrag zurückgeht, wirft Altmeister Thomas Luckmann, der gemeinsam mit Peter Berger den Klassiker "Die gesellschaftliche Klonstruktion der Wirklichkeit" verfasst hat, einen Blick zurück auf die "Kommunikative Wende" in den Sozialwissenschaften und die damit verbundene Hinwendung zur qualitativen Erforschung sozialer Prozesse. Er ist soeben in der Open-Access-Zeitschrift Qualitative Sociology Review erschienen. Im abstracts heißt es: "This paper presents a historical view of the emergence of what is known as the communicative paradigm. Through a personal reminiscence of his long career, Thomas Luckmann entangles the main sources of what was a radical shift of the role of language and communication in the humanities and social sciences. In doing so, Luckmann shows that the epistemological and ontological assumptions on which the contemporary study of social interaction and communicative processes rely were practically non-existent half a century ago. While sociology and linguistics seemed to exist in separate universes during Luckmann’s student days, a dialogical approach to language and social life eventually appeared – for example, in ethnomethodology, conversational analysis and French structuralism – and laid the foundation to the (today taken for granted) idea that social realities are the result of human activities. Human social reality and the worldview that motivates and guides interaction are mainly constructed in communicative processes. If social reality is constructed in communicative interaction our most reliable knowledge of that reality comes from reconstructions of these processes. Such reconstructions have been greatly facilitated by technological innovation, such as tape- and video-recorder, which, alongside theoretical advancements, may explain the timing of the communicative turn. Finally, this paper marks the benefits of sequential analysis in enabling us to trace step-by-step the processes by which social reality is constructed and reconstructed. Zum vollständigen Text geht es hier…
"Wenn sich Deutsche und Spanier streiten, muss es nicht immer an den interkulturellen Unterschieden liegen. Transnationale Projekte bieten eine ganze Palette an möglichen Konfliktlinien. Braucht es hier Kulturexperten? Oder erfahrene Mediatoren? Können wir als systemische Berater nur noch mit einem ausländischen Counterpart erfolgreich sein?" Diesen Fragen gehen Ute Clement (Foto: Carl Auer Verlag) und Bettina Nemeczek in einem lesenswerten Aufsatz mit dem Titel "Mythos Kultur Erfahrungen in einer transnationalen Projektberatung" nach, der in der Ausgabe 4/2000 in der Zeitschrift Organisationsentwicklung erschienen ist. Beide Autorinnen arbeiten als systemische Beraterinnen von internationalen und transnationalen Projekten. Den Volltext ihres Beitrages kann man hier lesen…
Im psychiatriekritischen Internetforum "Mad in America. Science, Psychiatry and Community" haben Eugene Epstein (Foto), Manfred Wiesner und Lothar Duda anlässlich der aktuellen Veröffentlichung des DSM-V einen kritischen Beitrag über psychiatrische Diagnostik im Zuge der Globalisierung westlicher Psychiatrie und Psychotherapie verfasst, dessen deutsche Übersetzung heute in der Systemischen Bibliothek im systemagazin erscheint. Im Abstract heißt es: "Die Autoren gehen von der These aus, dass der psychiatrische und der psychotherapeutische Diskurs (in der westlichen Welt) inzwischen die gesamte Gesellschaft infiltriert haben. Mit dem DSM-5 dehnen sich diese Diskurse weiter aus. Das Denken und Sprechen über psychisches Empfinden und Leiden wird damit zunehmend global uniformiert. Im Resonanzraum dieses Vokabulars sind wir alle potentielle PatientInnen. Hierdurch bietet sich das DSM-5 im Sinne eines „MacGuffins” auch als Vehikel an, den Wirtschaftsfaktor psychiatrisch/psychotherapeutische Versorgung weiter am Laufen zu halten. Die Pathologisierung des Individuums und die Trübung des Blicks für gesellschaftliche Veränderungsnotwendigkeiten sind hierbei zwei Seiten einer Medaille. Der globalen Homogenisierung des Blicks auf psychisches Befinden stellen die Autoren die Kultivierung von Diversität bei der Beschreibung und Einordnung psychischen Empfindens und Leidens gegenüber. Sie proklamieren die Überwindung der Hegemonie des traditionellen psychiatrischen und psychotherapeutischen Diskurses und rufen dazu auf, mit der Entwicklung einer „posttherapeutischen Welt” zu beginnen. In einer ersten Annäherung hieran gehen sie darauf ein, wie die Ausbildung von „Helfern” im Lichte eines solchen veränderten Denkens gestaltet werden sollte." Zum vollständigen Text geht es hier…
Der Supervisionsdiskurs ist in den letzten Jahren recht still geworden, sein Platz in den einschlägigen Medien ist zunehmend von "arbeitsbezogener Beratung", Coaching oder Organisationsentwicklung eingenommen worden. Das gilt erst recht für die Beforschung von Supervision. Aus diesem Grund sei hier noch einmal auf die schöne Arbeit von Petra Bauer aus dem Kontext (dessen Mitherausgeberin sie zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch nicht war) verwiesen, in der sie Systemische Supervision aus der Sicht der SupervisandInnen rekonstruiert hat. Petra Bauer ist Professorin für Erziehungswissenschaft mir dem Schwerpunkt Sozialpädagogik an der Universität Tübingen. Anhand einiger Supervisionsbeispiele in psychiatrischen Teams zeigt sie, "wie vielfältig diese Konstruktionsprozesse verlaufen können, mit denen Supervisandinnen die Interventionen von Supervisorinnen mit ihrem eigenen professionellen Handlungsverständnis zu vermitteln suchen" Im abstract heißt es: "Systemische Supervision bietet ein vielfältiges Spektrum an Konzepten und Methoden, die sich oft nur schwer unter einem gemeinsamen Dach vereinen lassen. Vor diesem Hintergrund fragt der Beitrag danach, was Supervisandinnen als das spezifisch Systemische in der von ihnen in Anspruch genommenen Supervision betrachten. Im Rekurs auf Ergebnisse einer empirischen Studie zu systemischer Supervision in psychiatrischen Teams wird aufgezeigt, wie die fachlichen Handlungsorientierungen der Supervisanden und die Anforderungen der jeweiligen Teamorganisation die Erwartungen an die Supervision und damit auch die Wahrnehmung der methodischen Ausrichtung des/der Supervisor/in prägen. Damit verbinden sich weiterführende methodologische Überlegungen zur Erforschung der Wirksamkeit von systemischer Supervision." Der Artikel ist im Wissensportal der DGSF nachzulesen, und zwar hier…
Nachdem in den vergangenen Jahrzehnten Fragen interkultureller Therapie und Beratung im systemischen Feld eher eine kleinere Rolle gespielt haben, stehen sie interessanterweise in den letzten Monaten stark im Vordergrund. So stand die letzte Jahrestagung der DGSF in Freiburg unter dem Motto „Kulturen im Dialog“ und sind in der letzten Zeit auch einige Ausgaben von systemischen Zeitschriften diesem Thema gewidmet. Das aktuelle Heft der „Zeitschrift für systemische Therapie und Beratung“ erörtert unter dem Titel „Kultur und Migration – Gedanken zu einem Thema zwischen Alltag und Besonderheit“ verschiedene Aspekte von Migration und der Arbeit mit Migrantinnen. Die Herausgeberin Cornelia Tsirigotis steuert darüber hinaus eine Reihe von Rezensionen aktueller Büchern zum Thema bei. Darüber hinaus wird die von Ludger Kühling und Johannes Herwig-Lempp angestoßene Debatte, ob Sozialarbeit anspruchsvoller als Therapie sei (die hier dokumentiert ist), in diesem Heft mit einem Leserbrief von Stefan Baerwolff und einem Abschlusskommentar der Autoren weitergeführt. Zu den vollständigen Abstract…
Die Anfangsjahre der Familientherapie waren von vielen Experimenten gekennzeichnet. Viele ihrer Pioniere entwickelten sehr persönliche Stile und Vorgehensweisen, die einerseits aufgrund ihres Charismas durchaus erfolgreich waren, andererseits aber heutzutage durchaus Befremden auslösen können. Einer dieser Pioniere war Carl Whitaker (1912-1995; Foto: wikipedia.de), der vor allem durch seine ungewöhnliche Art bekannt wurde, mit Familien mit einem psychotischen Indexpatienten zu arbeiten. Unter dem Titel: "Add Craziness and Stir. Psychotherapy with a Psychoticogenic Family" erschien 1981 in einem von Maurizio Andolfi und I. Zwerling herausgegebenen Band "Dimensions of Family Therapy" bei Guilford Press ein Aufsatz von Whitaker (mit David V. Keith), der 1999 in einer deutschen Übersetzung (von Anna-Lena Greve) in systhema erschien. Den Beipack-Zettel hat Arist von Schlippe geschrieben, er lautet wie folgt: "Den folgenden Beitrag haben wir (leicht gekürzt) aus verschiedenen Gründen in die Systhema aufgenommen. Da ist zunächst einmal ein historisches Interesse: Carl Whitaker, der schon vor längerer Zeit starb, gehört zu den originellsten und kreativsten Figuren in der Geschichte der Familientherapie. Sein Ansatz, die Familien mit (vor allem psychotischen) Patienten wieder "spielen" zu lehren und sich zu diesem Zwecke selbst oft "absurd" zu verhalten, zeugt von einer hohen Bereitschaft, ungewöhnliche, ja sehr ungewöhnliche Wege zu gehen, um ein System zu verstören. Die Erinnerung an solche – anarchische, aber wohl auch riskante – Bereitschaft möchten wir gerade in Zeiten der drohenden Verarmung "qualitäts"-gesicherter Psychotherapie gewahrt wissen. Damit soll dieser Artikel zum Zweiten auch einen Kontrapunkt setzen, zum Nachdenken anregen über die Psychotherapiekultur der Gegenwart – je kürzer, desto besser, je methodisch abgesicherter desto qualitätssicherer? Ob dies tatsächlich sinnvolle Anweisungen sind? Gerade das Primat von Methode über eine Qualität von Beziehung, in die sich auch der Therapeut als Person eingibt, wird in diesem Text massiv hinterfragt. Und zum Dritten, so stelle ich mir vor, wird der Aufsatz den Leser / die Leserin auch verstören, so wie mich. Zwischen Begeisterung, Aufregung und Erschrecken, ja Empörung habe ich diesen Text gelesen. Der m.E. sehr (zu sehr) lockere Umgang mit therapeutischer Macht, der ebenfalls (zu?) laxe Umgang mit Krankheits- und Gesundheitsbegriffen, die z.T. atemberaubende oder haarsträubende Art, jegliche Abstinenzregeln hinter sich zu lassen – all das, stelle ich mir vor, kann Stoff für Diskussionen geben. Denn eines kann dieser Text nicht: Leser / Leserin kalt lassen oder langweilen. Ein letztes Wort dazu, was dieser Text nicht soll: er soll nicht zum Nachahmen anregen. Er sollte eher dazu anregen, als Lehre aus der Lektüre des Vorgehens dieses powervollen und authentischen Therapeuten den Schluss zu ziehen: werde der/die, der/die du bist, nicht: werde wie er. In diesem Sinne: viel Spaß mit der Lektüre der deutschen Uraufführung dieses Artikels. Es war etwas mühsam, die Abdruckgenehmigung zu bekommen und wir bedanken uns bei Guilford-Press in New York für die freundliche Genehmigung dafür." Zum vollständigen Text…
Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) prüft die Anerkennung der Systemischen Therapie als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung bei Erwachsenen. Dies hat der G-BA am 18. April 2013 beschlossen. Der Beschluss erfolgte vier Jahre nachdem der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (WBP) die Systemische Therapie als wissenschaftliches Psychotherapieverfahren bei Erwachsenen sowie Kindern und Jugendlichen anerkannt hat. Bisher stellte keine der Trägerorganisationen des G-BA einen Antrag auf Prüfung. Der Antrag wurde jetzt vom unparteiischen Mitglied und Vorsitzenden des Unterausschusses Methodenbewertung Dr. Harald Deisler eingebracht und im Plenum des G-BA einstimmig beschlossen. Die Systemische Therapie bei Kindern und Jugendlichen wird nicht Gegenstand des Bewertungsverfahrens sein.
Die Systemische Therapie zählt seit dem WBP-Gutachten vom 14. Dezember 2008 zu den wissenschaftlich anerkannten Psychotherapieverfahren. Das Bewertungsverfahren des WBP bestätigte die Wirksamkeit der Systemischen Therapie in der Behandlung von Erwachsenen für die Anwendungsbereiche:
Affektive Störungen (F3), Essstörungen (F50), Psychische und soziale Faktoren bei somatischen Krankheiten (F54), Abhängigkeiten und Missbrauch (F1, F55), Schizophrenie und wahnhafte Störungen (F2). Für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen stellte der WBP darüber hinaus die wissenschaftliche Anerkennung der Systemischen Therapie für die folgenden Anwendungsbereiche fest:
Affektive Störungen (F30 bis F39) und Belastungsstörungen (F43), Essstörungen (F50) und andere Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen (F5), Verhaltensstörungen (F90 bis F92), F94, F98) mit Beginn in der Kindheit und Jugend sowie Tic-Störungen (F95), Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen (F60, F62, F68 bis F69), Störungen der Impulskontrolle (F63), Störungen der Geschlechtsidentität und Sexualstörungen (F64 bis F66), Abhängigkeit und Missbrauch (F1, F55), Schizophrenie und wahnhafte Störungen (F20 – F29). Die Systemische Therapie erfüllte hiermit die damaligen WBP-Mindestkriterien und wurde als Verfahren für die vertiefte Ausbildung sowohl zum Psychologischen Psychotherapeuten als auch zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten empfohlen. Damit war für die Systemische Therapie auch die erste Voraussetzung für die Anerkennung als neues Psychotherapieverfahren in der gesetzlichen Krankenversicherung gegeben, die regelhaft eine Einleitung eines Bewertungsverfahrens durch den G-BA begründet (§ 17 Absatz 1 der Psychotherapie-Richtlinie).
Der G-BA prüft nun als weitere Voraussetzung, ob bei der Systemischen Therapie ein Nachweis des Nutzens, der medizinischen Notwendigkeit und Wirtschaftlichkeit belegbar ist – und zwar für mindestens die Anwendungsbereiche „Affektive Störungen“ sowie „Angststörungen und Zwangsstörungen“ und in mindestens einem der drei Anwendungsbereiche „somatoforme Störungen“, „Persönlichkeitsstörungen und Verhaltensstörungen“ sowie „Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen“ oder in mindestens zwei der sonstigen Anwendungsbereiche der Psychotherapie-Richtlinie."
Im von Falco von Ameln 2004 im A. Francke-Verlag herausgegeben Band "Konstruktivismus: Die Grundlagen systemischer Therapie, Beratung und Bildungsarbeit" ist auch ein Artikel von Torsten Groth und Rudolf Wimmer erschienen, der sich mit dem Konstruktivismus als Grundlage systemischer Organisationsberatung befasst. Sein Ziel ist es, aufzuzeigen, "inwieweit sich diese Beratungsform von anderen Formen unterscheidet, worin ihre Besonderheiten liegen und was es heißt, Organisationsberatung unter Zuhilfenahme der Luhmann’schen Systemtheorie durchzuführen". Der sehr lesenswerte Beitrag ist auch online zu lesen, und zwar hier…
Am 18. und 19. April feierte die Systemische Gesellschaft mit einer Zukunftskonferenz ihr 20jähriges Jubiläum im Berliner "Heimathafen Neukölln", einem Volkstheater, das auch als Veranstaltungsort ein gutes Bild abgab. Neben einem Rückblick auf die Situation der Gründungszeit Anfang der 90er Jahre ging es vor allem um die Entwicklung neuer Themen und Perspektiven für die zukünftige Verbandsarbeit, die in einem gut geleiteten Open Space vorangebracht wurde. Als Höhepunkt der Tagung wurde auf dem Tagungsfest die neue website der Systemischen Gesellschaft freigeschaltet, die nun endlich nach langer Entwicklungsarbeit neue Möglichkeiten der Kommunikation und Online-Kooperation für die SG-Mitglieder bietet. Endlich keine verpixelten und unscharfen Bilder mehr, endlich laden vernünftige Kontraste und eine lesefreundliche Schrift zum Lesen und Verweilen ein. Zwar sind die meisten Features noch einzulösende Versprechen, aber an der Fertigstellung wird mit Volldampf gearbeitet. Herzliche Glückwünsche vom systemagazin zu einem Relaunch, das lange hat auf sich warten lassen, aber nun ausgesprochen verheißungsvoll wirkt! Nach acht erfolgreichen Jahren als Vorsitzende hat Cornelia Oestereich übrigens in diesem Jahr nicht mehr für dieses Amt kandidiert. Sie wurde mit riesigem Beifall für ihre Leistungen und ihren Einsatz von der Mitgliederversammlung am 20.4. verabschiedet (Foto). Als Nachfolgerin wurde Ulrike Borst vom Ausbildungsinstitut Meilen (Zürich) gewählt, bestens als Mitherausgeberin der Familiendynamik bekannt. Auch hier wünscht das systemagazin alles Gute und eine gute Hand bei den zukünftigen Entwicklungen im systemischen Feld. Zum neuen Webauftritt der Systemischen Gesellschaft geht es hier…
Ein Gastbeitrag von Sabine Jacobs, freie Autorin und Coach:
Ob und wie partnerschaftsrelevante Verhaltensweisen von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden, untersuchte der Psychologe Dr. Markus Schaer (Foto: Academia.edu) für seine Dissertation „Das Früher im Heute: Liebespaare und ihre Herkunftsfamilien“. Für seine Forschungsarbeit an der Universität München wurde Schaer mit dem Forschungspreis der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) 2012 ausgezeichnet. Schaers Arbeit beschreibt die intergenerationale Transmission von Paarkonfliktstilen und Kompetenzen zur Stressbewältigung. Der Autor interviewte junge erwachsene Paare und deren Eltern. Insgesamt nahmen mehr als 650 Personen an seiner Studie teil. Durch die Befragung ganzer Familiensysteme und mit systemischen Analyseverfahren konnte er ein differenziertes Bild der Transmission erarbeiten, das auch geschlechtstypische Unterschiede aufzeigt. Die Ergebnisse von Schaers Forschungsarbeit machen nachvollziehbar, wie familiäre Verhaltenstraditionen mit der „sozialen Vererbung“ des Scheidungsrisikos zusammenhängen. Seine Analyse mehrgenerationaler Dynamiken und Muster von negativem und konstruktivem Konfliktverhalten liefert Erkenntnisse für die präventive und therapeutische Arbeit mit Paaren und Familien. Die Untersuchung von Markus Schaer ist im Oktober 2012 im Asanger Verlag erschienen.
Das Interview mit dem Autor Dr. Markus Schaer führte Sabine Jacobs:
Sabine Jacobs: „Du bist genau wie deine Mutter“, dieser Satz fällt oft, wenn Paare streiten. Was ist dran - machen wir später tatsächlich nach, was wir im Elternhaus gelernt haben? Markus Schaer: Theoretisch könnte man ja von zwei Möglichkeiten ausgehen. Wir kopieren das Streitverhalten unserer Eltern oder aber wir verhalten uns bewusst anders, insbesondere dann, wenn in unserer Herkunftsfamilie eine destruktive Streitkultur an der Tagesordnung war. In der Forschung finden wir aber eher Kontinuitätszusammenhänge, das heißt, wir neigen dazu, es genauso zu machen, wie unsere Eltern. Das lässt sich für viele Verhaltensweisen zeigen, zum Beispiel für allgemeine Wärme, für unseren Interaktionsstil, unsere Problemlösekompetenzen und eben auch für unser Streitverhalten. Sogar extrem destruktive Verhaltensweisen werden von einer Generation zur Nächten weitergegeben, also beispielsweise häusliche Gewalt. Wenn es in der Herkunftsfamilie zu gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen ist, dann steigt das Risiko für Gewalt in der eigenen Partnerschaft auf das doppelte bis dreifache. Und das obwohl die Menschen, die Gewalt in ihrer Familie erlebt haben, darunter sehr gelitten haben.
Unser Elternhaus beeinflusst also unser Streitverhalten. Gilt das für Männer und Frauen gleichermaßen?
Im Prinzip ja. Trotzdem gibt es Unterschiede. Kleine Mädchen lernen von beiden Elternteilen, von der Mutter als Rollenvorbild aber auch vom Vater als Interaktionspartner. Später neigen sie dann dazu, sich in Konflikten ähnlich zu verhalten, wie sie es schon als Kind den Eltern gegenüber taten. Es besteht also eine gewisse Verhaltenskonsistenz. Bei Männern ist das anders.
Inwiefern?
Männer erleben in einer Liebesbeziehung einen größeren Rollenwechsel. Die Rolle des kindlichen Sohnes passt nicht in das Bild, das wir vom autonomen männlich-starken Liebhaber haben. Deshalb spielt die Mutter -Sohn – Beziehung hier auch keine so große Rolle. Männer orientieren sich eher am Vorbild des Vaters. Wenn der also beim Streit mit der Faust auf den Tisch schlug oder aber den inneren Rückzug antrat, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich der Sohn später ähnlich verhält.
Eine destruktiver Streitkultur im Elternhaus kann also böse Folgen haben für die eigene Beziehung…
Eindeutig. Beispiel Scheidungsrisiko. Das überträgt sich von einer Generation zur nächsten. Sogar eine Scheidung der Großeltern hat noch Wirkung auf das eigene Scheidungsrisiko. Und diese Effekte sind nicht gering. Wenn Ihre Eltern geschieden sind, dann steigt ihr eigenes Scheidungsrisiko schon um das 1,3 fache. Und wenn Sie dann auch noch einen Partner haben, der eine Scheidung seiner Eltern erlebt hat, dann haben Sie schon ein dreifach erhöhtes Scheidungsrisiko.
Trennung ist häufig die Konsequenz von destruktivem Streitverhalten. Was genau verstehen Sie darunter?
Typische Killerverhalten sind zum Beispiel die Verallgemeinerung von Vorwürfen und Kritik sowie die Bereitschaft, den jeweils Anderen als Person abzuwerten. Sehr destruktiv wirkt auch, wenn sich einer der beiden Partner wortlos zurückzieht. Und natürlich dazu passend - die gezielte Provokation. Im Zusammenspiel führt das zur Eskalation.
Ein typisches Beispiel ist die sogenannte Forderungs-Rückzugsspirale…
Forderungs-Rückzugsspiralen sind ein häufiges Muster, das vor allem dann auftritt, wenn Partner-Konflikte sich bereits verhärtet haben. Dabei versucht ein Partner, z.B. die Frau einen Konflikt-Thema anzusprechen, der Mann fühlt sich bedrängt und zieht sich zurück. Durch den Rückzug des Mannes fühlt sich die Frau gekränkt und reagiert noch resoluter, dadurch zieht sich der Partner noch mehr zurück usw. Es entsteht ein Teufelskreis und am Ende sagt der eine „ich würd ja nicht so nörgeln, wenn Du mir endlich zuhören würdest“ und der andere sagt „ich würde Dir ja zuhören, wenn Du nicht ständig so nörgeln würdest. Das ist ein Muster mit einer hohen Eigendynamik.
Meist sind es die Männer, die sich zurückziehen, warum?
Ursache sind zum einen unterschiedliche Beziehungskonzepte. Frauen gehen eher davon aus, dass eine Beziehung dann in Ordnung ist, wenn sie über Probleme noch reden können. Die Männer finden eine Beziehung eher dann in Ordnung, wenn sie nicht über Probleme reden müssen. Hinzu kommt, dass Männer sich schneller von ihren Gefühlen überflutet fühlen, ihr Rückzug hat dann eher eine Schutzreaktion. Außerdem spielt die Herkunftsfamilie eine Rolle. Die Wahrscheinlichkeit für gesprächsvermeidendes Verhalten steigt, wenn der Vater sich ebenfalls in Konflikten zurückgezogen hat. Es fehlen alternative Rollenvorbilder.
Hinzu kommen dann aber auch noch die Erfahrungen der Frau in ihrer eigenen Herkunftsfamilie…
Stimmt. Wir haben festgestellt, dass Frauen überdurchschnittlich häufig einen Partner wählen, der ein Rückzugsverhalten zeigt, das dem Verhalten ihres Vaters ähnelt. Und wenn diese Frauen dann den Rückzug in ihrer Partnerschaft erleben, fühlen sie sich davon möglicherweise besonders verletzt. In diesem Fall ist das Risiko für die Forderungs-Rückzugspiralen besonders hoch.
Wie hoch ist denn der Einfluss der Herkunftsfamilie auf unser Konfliktverhalten? Kann man das in Zahlen ausdrücken?
Im Durchschnitt können wir aus dem Verhalten der Herkunftsfamilie etwa 20 – 30 Prozent des Paarverhaltens vorhersagen. Das sind eher mittlere Zusammenhänge keine riesigen, aber sie sind eindeutig nachweisbar.
Das heißt, wir sind auch selbst verantwortlich?
Klar, um es mal so zu sagen: Die Herkunftsfamilie spielt eher die Hintergrundmusik der Paarbeziehung. Ob wir in Dur oder in Moll spielen, das entscheiden wir schon selbst als Paar. Wichtig ist zum Beispiel die Erkenntnis, dass negative Verhaltensweisen unseres Partners, wie Nörgeln, Rückzug oder Aggression immer auch durch unser eigenes negatives Verhalten mit ausgelöst wird. Dieser Auslösefaktor beträgt immerhin ca. 25 Prozent. Unser eigenes negatives Verhalten hat also eine hohe Ansteckungsgefahr.
Leider im Gegensatz zu positivem Verhalten. Das wirkt lange nicht so ansteckend, warum? Vermutlich aus neurobiologischen Gründen. Bei negativen Verhaltensweisen sind sofort negative Emotionen im Spiel. Wenn uns einer unfreundlich behandelt, reagieren wir darauf geradezu automatisch. Im Gegensatz zu konstruktivem Verhalten. Das müssen wir immer wieder aus eigener Kraft an den Tag legen. Wir müssen also in der Lage sein unsere Emotionen kognitiv zu regulieren.
Es sind höhere Hirnfunktionen gefragt…
Ja, wir müssen eine bewusste Entscheidung für positives Verhalten treffen, auch wenn sich der Erfolg nicht unmittelbar einstellt. Das erklärt auch die berühmte 5 zu 1 Kostante des amerikanischen Paarforschers John Gottman. Demnach braucht es mindestens fünf positive Gesten, um eine negative Interaktionssequenz auszugleichen. Paare, die das nicht mehr schaffen, trennen sich mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit.
Um das zu verhindern, brauchen wir also konstruktive Streit-Techniken. Was hilft konkret?
Das Wichtigste ist Zuzuhören, also Aufmerksamkeit zu schenken und sich Zeit lassen, die Position des Gegenübers zu verstehen. Dann müssen wir in der Lage sein zu verhandeln und Kompromisse zu schließen. Wer seine Position immer zu 100 durchsetzen will, macht den anderen zum hundertprozentigen Verlierer. Das möchte keiner sein. Und natürlich gehört Respekt dazu, auch wenn ich auf der Sachebene unterschiedlicher Meinung bin. Also Respekt, Achtsamkeit, Akzeptanz und nicht zuletzt die Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln und sich in die Position des anderen hineinversetzen zu können. Und zwar nicht nur kognitiv sondern auch emotional. Wenn das beiden Partnern gelingt, sprechen wir von einer positiven Streitkultur.
Und das kann man hinkriegen trotz familiärer Belastung?
Durchaus. Das kann man lernen. Wir sind immer auch eigenständige Gestalter unserer Beziehungen. Wichtig ist nur, dass man sich die familiären Muster bewusst macht, um sich dagegen wehren zu können.