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Neuvorstellung zur Übersicht
29.08.2008
Pauline Boss: Loss, Trauma, and Resilience. Therapeutic Work with Ambiguous Loss
Boss: Loss, Trauma, Resilience Norton, New York 2006

251 S., Hardcover

Preis: 19,99 €

ISBN-10: 0393704491
ISBN-13: 978-0393704495
Norton, New York





Jörg Leonhard, Darmstadt:

Pauline Boss ist Familientherapeutin und emeritierte Professorin der University of Minnesota, USA. Sie hat vielfältige Erfahrungen als Familientherapeutin, war Koordinatorin der psychologischen Nachbetreuung von Familien nach den Anschlägen vom 11. September in New York und für das Internationale Rote Kreuz in Bosnien-Herzegowina tätig. Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit dem therapeutischen Umgang mit Menschen die ein „ambiguous loss“ verarbeiten müssen. Was ist damit gemeint? Ambiguous heißt in der wörtlichen Übersetzung zunächst unklar oder zweideutig, also der oder ein unklare(r) Verlust. Wie kann ein Verlust unklar sein? Hier schöpft die Autorin aus ihren vielfältigen Erfahrungen. Ein Verlust kann geistig oder körperlich sein. Ein geistiger Verlust bedeutet demnach zum Beispiel, Menschen dadurch zu verlieren, dass sie an Alzheimer erkranken oder im Koma liegen. Der Verlust dieser Person ist unklar und zweideutig, weil sie zwar körperlich anwesend ist, aber geistig „verschwindet“, somit anders als wenn jemand verstirbt – demnach geistig und körperlich verschwunden wäre. Ein unklarer Verlust auf der physischen Ebene geschieht zum Beispiel durch Menschen, die verschollen sind, Entführungsopfer, verschleppte Menschen oder Menschen, die nach einem Attentat oder einer Naturkatastrophe verschwunden sind ohne das ein Leichnam geborgen werden und damit der Tod erklärt werden kann. Boss zeigt auf, wie sich diese Unklarheit auf die Betroffenen auswirkt, die Besonderheit dieser Art der Traumatisierung und die Auswirkung auf die eigene Widerstandsfähigkeit oder Spannkraft (resilience). Das Zögern weiterzuleben, neue Bekanntschaften einzugehen, für sich selbst ein Ende zu finden, Tabus die damit angerührt werden und eine Vielzahl weiterer innerer Konflikte, die eine Lösung unmöglich erscheinen lassen. Boss beschreibt einen lösungsorientierter Ansatz, der die mit der Situation verbundenen Gefühle aufgreift und integriert. Das Buch gliedert sich in zwei Teile und einen Epilog. Der Epilog richtet sich direkt an Therapeuten und ihre eigenen Erfahrungen mit unklaren Verlusten und schließt damit einen Kreislauf, der im Teil 1 beginnt. Teil 1 ist der Herleitung ihres Konzeptes von „ambiguous loss“ gewidmet, es befasst sich mit Definitionen, der Integration in bestehende Therapiekonzepte und den Zusammenhängen mit Stress, Trauma, Gesundheit und Resilienz. Teil 2 beschreibt therapeutische Ziele und Ansätze in der Behandlung von „ambiguous loss“.
Ich halte das Buch für ein interessantes und aufschlussreiches Buch. Pauline Boss gibt einen sehr guten Überblick über das Thema und führt in ihre Gedanken behutsam doch stringent ein. Leser werden sich sicherlich an Situation und an Klienten/-innen erinnern und neue Wege und Denkweisen entdecken können. Sicherlich bietet das Buch keine neue Methode oder ein neues Konzept. Die aufgezeigten Gedanken werden sich Praktiker in ihrer Arbeit immer wieder machen und sich den systemischen Herausforderungen einer Arbeit mit Menschen, die unklare oder ungeklärte Verluste bewältigen müssen, stellen. Trotzdem ist das Buch sehr empfehlenswert, da es eine gute Sammlung und Konzentration des Themas bietet und eine thematische Vernetzung schafft die bisher so deutlich nicht hergestellt wurde. Es ist in gutem und auch für den ungeübten Englisch-Leser lesbaren Englisch geschrieben.

(mit freundlicher Erlaubnis aus systhema 2007)


Anmerkung zur deutschen Übersetzung: Das Buch liegt seit heute auch in deutscher Sprache vor. Die Übersetzung besorgte Astrid Hildenbrand, die sich mit ihren zahlreichen Übersetzungen familien- und systemtherapeutischer Fachliteratur einen ausgezeichneten Ruf erworben hat. Sie hat gemeinsam mit ihrem Mann Bruno Hildenbrand ein Vorwort zur deutschen Ausgabe verfasst.





Zur website von Pauline Boss

Eine weitere (englischsprachige) Rezension aus Cognitive Behavioral Therapy Book Reviews

Hier geht es zu Inhaltsverzeichnis und Vorwort der englischen Ausgabe (PDF)

Boss: Verlust, Trauma, ResilienzIm systemagazin ist am 28.8.2009 ein Vorabdruck aus dem 7. Kapitel erschienen: "Ambivalenz als etwas Normales begreiflich machen"














Verlagsinformation:

Zur englischen Ausgabe: All losses are touched with ambiguity. Yet those who suffer losses without finality bear a particular burden. Whether it is the experience of caring for a parent in the grip of Alzheimer’s or waiting to learn the fate of a spouse gone missing in a disastrous event, the loss is disastrously coupled with a lack of closure. Bereft of rituals and social support, persons who experience such ambiguous losses find it hard to understand their situation, difficult to cope, and almost impossible to move ahead with their lives. In Loss, Trauma, and Resilience, Boss, the principal theorist of the concept of ambiguous loss, offers new concepts and clinical practices for addressing this critical psychological experience that, in one form or another, touches all of our experiences of loss. Boss draws on research and extensive clinical experience working with families in order to frame a powerful but flexible therapeutic approach. The fundamental goal is to guide readers in the task of building resilience in clients who face of the trauma of loss without resolution.

Zur deutschen Ausgabe: Pauline Boss ist die Vordenkerin des Konzeptes des »uneindeutigen Verlustes«. Sie zeigt, wie durch therapeutische Strategien die seelische Widerstandskraft (Resilienz) der Betroffenen erhöht werden kann, wenn sie sich mit dem traumatischen Verlust konfrontiert sehen und keinen Ausweg erkennen.Das Phänomen »uneindeutiger Verluste« meint zwei unterschiedliche Erscheinungsformen von Verlusterfahrungen: Zum einen den Verlust eines nahestehenden Menschen, der physisch nicht greifbar, doch psychisch als anwesend empfunden wird. Beispiele sind die Opfer des Tsunami, die nicht zu identifizierenden Opfer des Anschlags vom 11. September oder verschwundene Kinder wie im bekannten Fall Madeleine. Zum anderen die Gruppe von Menschen, die zwar körperlich anwesend sind, deren Geist und Persönlichkeit aber allmählich dahinschwinden wie bei Alzheimer-Demenz. Diese Fälle stellen eine besondere Belastung für das seelische Gleichgewicht der Zurückgebliebenen dar. Eine ehemals vertraute Person wird einem fremd, ohne dass man sich emotional endgültig von ihr lösen könnte. Es entsteht ein Prozess des immerwährenden Abschiednehmens, der die Betroffenen gefühlsmäßig versteinern lässt. Boss zeigt Techniken und therapeutische Strategien, mit deren Hilfe die Betroffenen lernen, ihr Schicksal anzunehmen und eine gesunde Einstellung zum Leben zu finden. Sie lernen, ihre Lebenssituation wieder in die Hand zu nehmen, und gewinnen die Einsicht, mit der Ungewissheit des Verlustes weiterleben zu müssen.


Inhalt der deutschsprachigen Ausgabe:

Vorwort für die deutschsprachige Ausgabe von A. und B. Hildenbrand
Geleitwort von Carlos E. Sluzki

Vorbemerkung
Der Aufbau des Buches
Der Kreis schließt sich

Einführung: Verlust und Ambiguität
Die kontextuelle Perspektive
Uneindeutiger Verlust und traumatischer Stress
Das Konzept des uneindeutigen Verlusts
Die Geschichte der Konzeptentwicklung
Die konzeptuelle Basis: Stress und Resilienz
Die therapeutische Ausbildung
Weiterer Forschungsbedarf
Fazit

Teil I Das Konzept des uneindeutigen Verlusts

1 Die Wahlfamilie
Die Wahlfamilie als Stress- und Resilienzfaktor
Wahlfamilie und kulturelle Vielfalt
Theoretische Annahmen
Ambiguität bezüglich Abwesenheit und Anwesenheit
Fazit

2 Trauma und Stress
Das therapeutische Repertoire erweitern
Stress und Trauma
Die Notwendigkeit familientherapeutischer Ansätze in der PTBS-Behandlung
Die Notwendigkeit familientherapeutischer Ansätze in der Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen
Behandlung und Intervention

3 Resilienz und Gesundheit
Definitionen
Die Geschichte des Resilienzbegriffs und neuere Forschungen
Resilienz kann auch zum Problem werden
Leitfaden für Therapie und Prävention
Fallbeispiel

Teil II Therapeutische Ziele im Umgang mit uneindeutigem Verlust

4 Sinn zuschreiben
Die Suche nach Sinn
Die Phänomenologie des Sinns
Wie finden Menschen Sinn?
Was hindert Menschen daran, Sinn zu finden?
Therapiemethoden und Wege zum Sinn
Fazit

5 Beherrschbarkeit relativieren
Was versteht man unter Beherrschbarkeit?
Theoretischer Hintergrund
Wie kann das Gefühl der Beherrschbarkeit relativiert werden?
Wann muss das Gefühl der Beherrschbarkeit relativiert werden?
Therapiemethoden und Wege zu einem moderaten Gefühl der Beherrschbarkeit
Fazit

6 Identität neu definieren
Identität und uneindeutiger Verlust
Die soziale Konstruktion als theoretischer Hintergrund
Was fördert die Neudefinition der Identität?
Was verhindert die Neudefinition der eigenen Identität?
Therapiemethoden und Wege zur veränderten Identität
Fazit

7 Ambivalenz als etwas Normales begreiflich machen
Ambiguität und Ambivalenz
Zusammenhang zwischen normaler Ambivalenz und Resilienz
Theoretischer Hintergrund
Was hilft, Ambivalenz als etwas Normales zu begreifen?
Was hindert daran, Ambivalenz als etwas Normales zu begreifen?
Therapiemethoden und Wege, Ambivalenz als etwas Normales begreiflich zu machen
Fazit

8 Bindung revidieren
Bindung und Ambiguität
Theoretische Überlegungen zu Umfeldproblemen und Kontext
Was fördert die Revision der Bindung?
Was behindert die Revision der Bindung?
Therapiemethoden und Wege zur Bindungsrevision
Fazit

9 Hoffnung für sich entdecken
Hoffnung und uneindeutiger Verlust
Theoretischer Hintergrund
Wann hilft Hoffnung?
Wann behindert Hoffnung?
Therapiemethoden und Wege zur Hoffnung
Fazit

Epilog: Das Selbst des Therapeuten
Der Ausgangspunkt
Ambiguität und Verlust besser aushalten können
Fazit


Vorwort zur deutschen Ausgabe:

Im März 2008 vermeldet der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) auf seiner Internetplattform: »60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind 1,3 Millionen Vermisstenschicksale noch immer nicht geklärt. Pro Jahr gehen weiterhin bis zu 2000 völlig neue Anfragen nach dem Verbleib von Angehörigen oder Freunden aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs (…) ein .« Im Mai 2007 ist in einer großen Tageszeitung zu lesen: »Am 1. April dieses Jahres galten 1653 Kinder und Jugendliche in Deutschland als vermisst. So steht es in der Bund-Länder-Datei des Bundeskriminalamts. Jeden Tag werden dort bis zu 300 Fahndungen neu erfasst oder gelöscht« (Frankfurter Allgemeine Zeitung 26. 05. 07). Im Juni 2007 lautet eine Überschrift in einer Lokalzeitung: »Koma- Patient wacht nach 19 Jahren wieder auf: Die Ehefrau des 65-Jährigen glaubte bis zuletzt an die Genesung ihres Mannes« (Oberhessische Presse 05. 06. 07). Im Oktober 2007 wird ebenfalls in der Tagespresse über den Umgang mit dem seelischen Leiden vieler der rund einer Million derzeit in Deutschland lebender Flüchtlinge berichtet: »Viele Flüchtlinge haben in ihrer Heimat Unaussprechliches erdulden müssen (…) Ist es schon heikel genug, zu diesen hierzulande schwer vorstellbaren Gewaltszenarien Zugang zu finden, so tritt in der Therapie der Flüchtlingsopfer als weitere Schwierigkeit ihr zum Teil gänzlich anderer kultureller und politischer Hintergrund hinzu (…) Wenn etwa eine Frau aus dem Kosovo von den abendlichen ‚Besuchen' des vor ihren Augen getöteten Bruders erzählt, verleitet dies womöglich dazu, an eine Schizophrenie zu denken (…) Beim Umgang mit Patienten aus diesem Kulturkreis (…) erfährt man indes, dass es sich dort um einen typischen Topos im Rahmen eines noch nicht abgeschlossenen Trauerprozesses handelt« (Frankfurter Allgemeine Zeitung 31. 10. 07).
Mit diesen Themen befasst Pauline Boss sich in ihrem Buch »Verlust, Trauma und Resilienz «. Dieses Werk ist eine Etappe auf einem langen Weg, der Anfang der 1970er Jahre mit einer Untersuchung von Familien begann, deren Angehörige als Soldaten im Vietnamkrieg vermisst wurden und die unter diesem »uneindeutigen Verlust« litten, und dann weitergeführt wurde mit einer Übertragung dieses Konzepts auf die Situation von Familien, die demenz- und alzheimerkranke Angehörige haben und eine andere Art von Uneindeutigkeit erfahren. Erweitert wird dieses Konzept nun um eine neue Perspektive: die der Resilienz nämlich.
Pauline Boss hat nicht nur mit geschultem soziologischem Blick das Konzept des »uneindeutigen Verlusts« entwickelt und das Verbindende dieses Ansatzes über unterschiedliche Ereignisse, Bevölkerungsgruppen und Kulturen hinweg erkannt, sondern auch als Therapeutin daraus ein wirksames, interkulturell angelegtes Behandlungskonzept gemacht. In der therapeutischen Arbeit mit Hinterbliebenen der Opfer von Ereignissen wie den Bombenattentaten in Oklahoma City, den Anschlägen auf das World Trade Center in New York und der Tsunamikatastrophe in Südostasien sowie mit Betroffenen von Kriegen und ethnischen Säuberungen wie etwa im früheren Jugoslawien, d. h. mit Menschen, die zutiefst traumatisiert waren und ihr weiteres Leben nicht mehr zufrieden stellend gestalten konnten, hat sich erwiesen, wie fruchtbar das Konzept des »uneindeutigen Verlusts« ist. Pauline Boss suchte konsequent nach einer Antwort auf die Frage, weshalb solchermaßen traumatisierte Menschen über ihren Verlust nicht »hinwegkommen«, und fand sie in dem in allen Fällen gleichen Phänomen: dass nämlich die Betroffenen an einem unaufgeklärten und häufig nie aufzuklärenden Verlust litten. Die Hinterbliebenen hatten keinen »Beweis« dafür, dass der geliebte Mensch tatsächlich tot war. Sie klammerten sich an den früheren Status quo und konnten deshalb nicht nach vorne schauen. Allerdings ist Pauline Boss in ihrer therapeutischen Praxis auch unzähligen Menschen begegnet, die Angehörige durch eher »alltägliche« Geschehnisse wie Scheidung, Adoption, Tod oder Krankheit verloren haben und diesen Verlust nicht verarbeiten konnten.
Doch, so die Beobachtung der Autorin, es gab unter den Betroffen auch immer Menschen, die nach Verlust und Trauma ihrem Leben wieder einen Sinn geben und hoffnungsvoll in die Zukunft blicken konnten. Solche Menschen nennt Pauline Boss » resilient «. Sie übernimmt damit einen Begriff, der von der Psychologin Emmy Werner entwickelt wurde, die über 30 Jahre hinweg einen Jahrgang (den von 1955) von Kindern beobachtet hat, die auf der hawaiischen Insel Kauai aufwuchsen und unter äußerst belastenden Lebensbedingungen zu leiden hatten. Ein Drittel dieser Kinder entwickelte sich zu kompetenten und selbstbewussten Erwachsenen, und Emmy Werner stellte sich die Frage, was es war, das diesen Kindern trotz anfänglich widriger Lebensumstände half, einen guten Weg ins Leben zu finden. Die schützenden Momente, die Emmy Werner sowohl im Kind selbst, in seiner Familie und im Verwandtschaftssystem wie auch in seinem Umfeld identifizierte, bezeichnet sie als Faktoren der Resilienz – und aufgrund ihrer Resilienz waren diese Kinder in der Lage, flexibel und elastisch mit ihren Belastungen fertig zu werden. Es kommt aber noch etwas hinzu: Emmy Werner konnte zeigen, dass Menschen, die einmal kritische Lebenssituationen bewältigt haben, sich mit weiteren belastenden Ereignissen besser auseinandersetzen und mit diesen angemessener umgehen können. Demnach wachsen und lernen Individuen und Familien, möglicherweise auch Gemeinschaften, durch die Krisenbewältigung und gedeihen nicht nur trotz, sondern gerade wegen widriger Umstände.
Wenn Pauline Boss ihr Konzept des »uneindeutigen Verlusts« um die Perspektive der Resilienz erweitert, lenkt sie den Blick auch auf die Stärken und Ressourcen, auf die Individuen, Paare und Familien zurückgreifen oder die sie entwickeln können, wenn sie mit uneindeutigen und nicht aufzuklärenden Verlusten, wie sie eingangs erwähnt werden, konfrontiert sind. Ihr Umgang mit dem Resilienzbegriff ist kritisch (»echte Resilienz ist mehr als stoisches Durchhalten und endloses Anpassen«, S. 100) und ebenso differenziert, wie Emmy Werner und Kolleginnen ihn angelegt haben. Der Autorin geht es nicht einfach darum, erlittenen Traumatisierungen verbliebene Autonomiepotenziale entgegenzusetzen; denn Resilienz ist nicht additiv zu sehen, sondern interaktionistisch: Menschliche Entwicklung geht im Wechselspiel von Stärken und Schwächen vonstatten. Und Pauline Boss weist auf einen weiteren wichtigen Aspekt hin: » Resilient sein heißt lernen, mit unbeantworteten Fragen zu leben« (S. 85). Damit gibt sie den Anstoß zu einem grundlegenden Perspektivenwechsel sowohl bei der Analyse von Verlust- und Traumaerfahrungen als auch im Rahmen der therapeutischen Praxis.
Pauline Boss gibt ihre Erkenntnisse erfolgreich in der Aus- und Weiterbildung von Therapeuten und Therapeutinnen weiter und überprüft sie stets an ihrer eigenen facettenreichen therapeutischen Arbeit. Die Prinzipien ihres Konzepts sieht sie jedoch nicht nur als hilfreiches Instrument in der therapeutischen Arbeit mit traumatisierten Menschen, sondern auch als Schlüssel zum Aufspüren uneindeutiger Verluste und von Resilienzpotenzialen im eigenen Leben von Therapeutinnen und Therapeuten.
Die zentrale Botschaft dieses Buches lautet: Man sollte Uneindeutigkeit nicht zu beseitigen versuchen (da sie sich meistens nicht beseitigen lässt), sondern lernen, sie zu akzeptieren und aus ihr Stärke zu beziehen. In einer Welt, in der Uneindeutigkeiten und Ambivalenzen zunehmend zum Alltagsleben gehören, behandelt Pauline Boss in diesem Buch ein Thema, das alle angeht.

Astrid und Bruno Hildenbrand


Über die Autorin:

Pauline Boss, Ph. D., war Professorin und Clinical Supervisor of Marriage and Family Therapy an der Universität in Minnesota. Unter anderem war sie Ausbilderin der internationalen Einsatztruppe des Roten Kreuzes für ihre Mission in Bosnien-Herzegowina.





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