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Vorabdruck aus Pauline Boss: Verlust, Trauma und Resilienz - Die therapeutische Arbeit mit dem »uneindeutigen Verlust«

Boss: Verlust, Trauma, Resilienz Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2008 (August)

331 S., gebunden

Preis: 34,90 €

ISBN-10: 3608944753
ISBN-13: 978-3608944754


Verlagsinformation: Pauline Boss ist die Vordenkerin des Konzeptes des »uneindeutigen Verlustes«. Sie zeigt, wie durch therapeutische Strategien die seelische Widerstandskraft (Resilienz) der Betroffenen erhöht werden kann, wenn sie sich mit dem traumatischen Verlust konfrontiert sehen und keinen Ausweg erkennen. Das Phänomen »uneindeutiger Verluste« meint zwei unterschiedliche Erscheinungsformen von Verlusterfahrungen: Zum einen den Verlust eines nahestehenden Menschen, der physisch nicht greifbar, doch psychisch als anwesend empfunden wird. Beispiele sind die Opfer des Tsunami, die nicht zu identifizierenden Opfer des Anschlags vom 11. September oder verschwundene Kinder wie im bekannten Fall Madeleine. Zum anderen die Gruppe von Menschen, die zwar körperlich anwesend sind, deren Geist und Persönlichkeit aber allmählich dahinschwinden wie bei Alzheimer-Demenz. Diese Fälle stellen eine besondere Belastung für das seelische Gleichgewicht der Zurückgebliebenen dar. Eine ehemals vertraute Person wird einem fremd, ohne dass man sich emotional endgültig von ihr lösen könnte. Es entsteht ein Prozess des immerwährenden Abschiednehmens, der die Betroffenen gefühlsmäßig versteinern lässt. Boss zeigt Techniken und therapeutische Strategien, mit deren Hilfe die Betroffenen lernen, ihr Schicksal anzunehmen und eine gesunde Einstellung zum Leben zu finden. Sie lernen, ihre Lebenssituation wieder in die Hand zu nehmen, und gewinnen die Einsicht, mit der Ungewissheit des Verlustes weiterleben zu müssen.

Auszug aus Kapitel 7: Ambivalenz als etwas Normales begreiflich machen

Das Leiden an einem uneindeutigen Verlust führt unweigerlich zu ambivalenten Gefühlen, Emotionen und Verhaltensweisen, die dem vermissten oder mental nicht mehr erreichbaren Angehörigen und den anderen Familienmitgliedern gelten. Wenn Menschen keine Informationen über den Verbleib oder Zustand der abwesenden Person haben, wissen sie nicht, wie sie darauf reagieren und welchen Weg sie einschlagen sollen. Wenn sich die Betroffenen ihrer Ambivalenz nicht bewusst werden, entwickeln sie möglicherweise starke Ängste und somatische Symptome. Wenn sie ihre Ambivalenz erkennen, entwickeln sie unter Umständen Schuldgefühle, vor allem dann, wenn die negative Seite der ambivalenten Gefühle, zum Beispiel Wut oder Hass, ausagiert und beispielsweise Streit mit dem unheilbar kranken Vater angezettelt wird, wie es die Dichterin Sharon Olds (1992) beschreibt: »Ich wollte sehen, wie mein Vater stirbt, weil ich ihn hasste. Oh, ich liebte ihn so sehr.« (S. 71) Linda Gray Sexton (1997), Tochter der Dichterin Anne Sexton, ist erstaunt, als sie erlebt, wie ihre oftmals psychisch abwesende Mutter auf der Bühne voll und ganz für das Publikum da ist: »In diesem Moment hasste ich sie und ihre Macht total. In diesem Moment liebte ich sie und ihre Macht total.« (S.  161) Im Hinblick auf die physische Abwesenheit eines Angehörigen berichtet Francine du Plessix Gray von ähnlich widersprüchlichen Gefühlen, nachdem ihr Vater im Zweiten Weltkrieg als Pilot vermisst galt. Sie lebt seit ihrer Kindheit mit diesem Verlust und bezeichnet ihre Ambivalenz über die Suche nach ihrem vermissten Vater als »erstaun lichen und nie endenden Kampf« (persönliche Mitteilung am 16.  Juni 2005). Sehr viel ist seit Jahrhunderten über Ambivalenz geschrieben worden; unsere therapeutische Aufgabe ist es jetzt, die Rolle der Ambivalenz in dem schmerzhaften Kampf zu verstehen, den Menschen in Fällen uneindeutiger Verluste führen (Boss & Kaplan 2004).
Ambivalenz als etwas Normales darstellen heißt ihre Existenz anerkennen. Haben Menschen ihre Ambivalenz erst einmal erkannt, können sie mit der inne ren Spannung so umgehen, dass sie ihr nicht ausgeliefert sind. Resilienz stellt sich dann ein, wenn man weiß, dass die durch einen uneindeutigen Verlust verursachte Ambivalenz normal ist und bewältigt werden kann.

Ambiguität und Ambivalenz

Damit der therapeutisch relevante Zusammenhang zwischen Ambiguität und Ambivalenz deutlich wird, klären wir zunächst den Unterschied zwischen den beiden Begriffen (Boss 2000, 2002b; Boss & Kaplan 2004).
Ambiguität bedeutet fehlende Klarheit. Wenn ein Verlust als uneindeutig beschrieben wird, heißt das, dass der Verlust weder bestätigt noch aufgeklärt werden kann. Folglich wissen die Hinterbliebenen bzw. Betroffenen nicht, ob die vermisste oder mental nicht mehr erreichbare Person endgültig verloren ist oder vielleicht doch noch zurückkommt. Sie empfinden den Mangel an Informationen als schmerzhaft, und zwar unabhängig davon, ob der uneindeutige Verlust physischer oder psychischer Natur ist.
Der Ambivalenzbegriff geht auf Eugen Bleuler (1911) zurück und verweist auf das Nebeneinander sich widersprechender Gefühle. Im Falle eines uneindeutigen Verlusts können miteinander unvereinbare Gefühle sich gleichzeitig oder schwankend manifestieren, doch immer sind die Gefühle widersprüchlich (z. B. Liebe und Hass; Anziehung und Abstoßung; wollen, dass der abwesende Angehörige tot und zugleich am Leben ist). Wenn Menschen zwischen zwei Extremen hin- und hergerissen sind, erleben sie Angst, und wenn sie mit dieser Angst nicht umgehen können, erleiden sie traumatisierenden Stress.
Durch Ambiguität wird die Ambivalenz verstärkt; aufgrund der Ambivalenz wissen die Betroffenen nicht mehr, was sie tun sollen, wie sie sich entscheiden sollen, welche Rollen sie spielen oder welche Aufgaben sie übernehmen müssen. Die Folge ist Unbeweglichkeit. So verringert die Ambivalenz die persönliche Handlungsbefähigung (agency) und bringt Beziehungsprozesse zum Erliegen. Die Betroffenen sind sich ihrer ambivalenten Gefühle manchmal  bewusst, oft aber sind sie es nicht – besonders dann nicht, wenn ihre Emotionen negativer Art sind oder Schuldgefühle hervorrufen. Wenn Gefühle so entsetzlich sind, dass man sie nicht akzeptieren kann (wenn man beispielsweise wünscht, jemand möge tot sein), wird die destruktive Seite der Ambivalenzgleichung oftmals verdrängt und nicht bemerkt.
Der Fokus liegt hier zwar auf der Frage, wie das Leiden an einem uneindeutigen Verlust zur Ambivalenz führt, aber die Entwicklung kann auch in umgekehrter Richtung laufen, das heißt, dass die Ambivalenz zum Leiden an einem uneindeutigen Verlust führt. So kann sich beispielsweise die Ambivalenz eines Mannes, der sich nicht entscheiden kann, ob er seine Verlobte heiraten und mit ihr Kinder haben soll oder nicht, zum Leiden an einem uneindeutigen Verlust entwickeln, wenn die Frau sich dem Ende ihrer fruchtbaren Jahre nähert. Wenn der Partner ambivalent ist, ob er heiraten und Kinder zeugen will, kann die Partnerin seine Präsenz in ihrer Beziehung als bedrückend unklar empfinden. Ambivalenz kann auch dann zum Erleben eines uneindeutigen Verlusts führen, wenn die Mitglieder einer verfeindeten Familie zwischen ihren Gefühlen von Hass und Liebe so sehr schwanken und dadurch erstarrt sind, dass sie nicht nach vorne schauen und sich miteinander aussöhnen können. Solch ambivalente Gefühle blockieren den Heilungsprozess und haben zur Folge, dass die Familienmitglieder auf unabsehbare Zeit auf unklare Weise füreinander verloren sind.
Doch in diesem Buch stehen mehrdeutige Situationen im Mittelpunkt, die extern hervorgerufen sind und im Individuum ambivalente Emotionen erzeugen. Wenn dies nicht erkannt wird, unterspülen die widersprüchlichen Gefühle die individuelle Resilienz und die Resilienz auf der Beziehungsebene (also im Hinblick auf Partner, Freunde und Familien). Daraus erwachsen Schuldgefühle und Entscheidungslosigkeit, die wiederum Trauer- und Bewältigungsprozesse und die Beziehungsdynamik einfrieren lassen.
Als Therapeut kann man dieses Problem aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten (1). Aus soziologischer Sicht ist die Grenze des Paares beziehungsweise der Familie nicht mehr gewahrt – Rollen werden vermischt und alltägliche Aufgaben nicht mehr erfüllt. Das Konfliktpotenzial ist hoch. Aus psychologischer Sicht ist der Angstpegel hoch, kognitive und emotionale Bewältigung ist blockiert, es werden Entscheidungen aufgeschoben und Rituale aufgehoben, und an die Stelle persönlicher Bindungen tritt Isolation (Boss & Kaplan 2004). Ambivalenz aufgrund eines uneindeutigen Verlusts ist jedoch nur dann ein Problem, wenn sie zu lähmenden Schuldgefühlen, Entscheidungslosigkeit, depressiver Erstarrung, paralysierender Angst, somatischen Symptomen, Missbrauch und lebensbedrohlichen Verhaltensweisen führt.

Zusammenhang zwischen normaler Ambivalenz und Resilienz

Wenn Menschen unklare Situationen annehmen, sich ihnen anpassen und nicht endlos nach Antworten suchen, können dadurch die schädlichen und zur Unbeweglichkeit führenden Auswirkungen der Ambivalenz minimiert werden. Dies setzt jedoch Resilienz voraus. So lassen sich etwa Schuldgefühle verringern, wenn man weiß, dass es eine durchaus normale Reaktion ist, wenn man den leidenden Angehörigen am Leben erhalten möchte und ihm zugleich wünscht, dass er sterben kann.
Resilient sein heißt, dass man solche ambivalenten Gefühle erkennt, damit man mit ihnen fertig werden und somit schädliche Verhaltensweisen vermeiden kann, die man später bedauert. Wenn die negative Seite der Ambivalenz nicht erkannt und bewältigt wird, nimmt die Angst übermäßig zu und erzeugt Probleme, zum Beispiel generalisierte Angststörungen, Panikattacken, Zwangsstörungen, Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und Phobien. Wenn Menschen wissen, dass sie ihre Ambivalenz überwinden können, hilft ihnen das, ihre Ängste und Schuldgefühle, die nach einem uneindeutigen Verlust traumatisieren können, als etwas Normales anzusehen.

Therapeutisches Handeln

Wenn das Problem einen Namen bekommt – »uneindeutiger Verlust« – und seine Ursache externalisiert wird, beginnt der Prozess, in dem die Ambivalenz als etwas Normales dargestellt wird. Sowohl kognitive als auch psychodynamische Therapien (beispielsweise auf der Beziehungsebene) sind für den Fortgang des Prozesses notwendig. Der das Einverständnis der Klienten voraussetzende Gebrauch narrativer Methoden eignet sich besonders gut, unbewusste Vorgänge und symbolische Interaktionen erkennbar zu machen. Die Ambivalenz eines Menschen lässt sich unmittelbar einschätzen, indem man ihn fragt: »Fühlen Sie sich davon hin- und hergerissen?« (Pillemer & Suitor 2002). Seine Ambivalenz lässt sich auch indirekt einschätzen, indem man qualitativ oder psychodynamisch ausgerichtete Interviews mit ihm durchführt. Ich ziehe es vor, die Ambivalenz von Klienten dadurch einzuschätzen, dass ich ihren Geschichten zuhöre, die sie in Familiengesprächen einander erzählen (Boss et al. 2003). Im Rahmen der therapeutischen Betreuung nach 9/11 erzählte die Frau eines Katastrophenhelfers, der im World Trade Center vermisst war, von ihren Schuldgefühlen darüber, dass sie eine Wut auf ihren Mann hatte: »Wie kann ich nur so eine Wut auf meinen Mann haben? Er war ein Held, der Tausenden von Menschen das Leben gerettet hat. Weshalb musste er denn noch einmal in das Gebäude zurückgehen, um noch weitere Menschen zu retten? Ich habe eine solche Wut auf ihn, weil er nicht an seine Kinder – und an mich – dachte. Dafür hasse ich ihn. Nein, es tut mir leid, dass ich das gesagt habe. Ich liebe ihn. Ich bin stolz auf das, was er geleistet hat.«
Hinterbliebene physisch vermisster Angehöriger reagieren häufig auf diese Weise, aber ähnliche Reaktionen erlebt man auch bei Menschen, die geistig behinderte oder demenzkranke Angehörige haben. Wenn Hinterbliebene oder Betroffene ihre Geschichten erzählen und wir ihre Erzählungen bezeugen, gelangen sie zu der Einsicht, dass sie mit widersprüchlichen Gefühlen leben können. Ihre Schuldgefühle darüber, dass sie auf die vermisste oder mental nicht mehr erreichbare Person zornig sind, verringern sich. Wenn Menschen ihre Situation besser verstehen und begreifen, beginnt der Bewältigungsprozess. Auch wenn das Rätsel des uneindeutigen Verlusts niemals eine Lösung erfährt, können Menschen lernen – und sie lernen tatsächlich –, mit der Ambivalenz ihrer Situation zu leben. Wenn sie ihre Ambivalenz als etwas Normales betrachten, wird auch ihre Angst geringer.
Das therapeutische Ziel besteht darin, dass Klienten, die einen uneindeutigen Verlust erlebt haben, das erwerben können, was Parker (1995) als bewältigbare Ambivalenz bezeichnet, und dass sie entdecken, dass der Umgang mit ihrer Ambivalenz »eine Quelle sozialer Kreativität« (Lüscher 2004, S. 28) sein kann. Im Falle eines uneindeutigen Verlusts ist das Problem nicht die Ambivalenz, sondern die Unfähigkeit, mit den durch die Situation hervorgerufenen Schuldgefühlen und Ängsten fertig zu werden. Damit wir bei den Betroffenen pathologische Entwicklungen verhindern und Resilienz aufbauen können, müssen wir ihnen helfen, mit den Ängsten und Schuldgefühlen umzugehen, die aus ihrer nach dem uneindeutigen Verlust verständlichen Ambivalenz entstanden sind. Das Gefühl der Beherrschbarkeit (mastery) muss zwar möglicherweise relativiert werden, und doch entwickelt sich die Fähigkeit, der Ambivalenz Herr zu werden, aus der Handlungsbefähigung (Waters 1994) und dem, was Pearlin und Schooler (1978) als Gefühl der Beherrschbarkeit bezeichnen.

Theoretischer Hintergrund

Da ich mich als Therapeutin mit dem externen Lebenskontext des Klienten befasse, habe ich natürlich aus der soziologischen Theorie Erkenntnisse darüber gewonnen, wie die aus einem uneindeutigen Verlust herrührende Ambivalenz als etwas Normales begreiflich gemacht werden kann. Dabei ist die von Andrew Weigert (1991) entwickelte Konzeption besonders hilfreich. Auch er unterscheidet zwischen Ambiguität und Ambivalenz und bemerkt dazu, dass Ambiguität etwas ist, das man weiß (Kognition), und Ambivalenz etwas, das man fühlt (Emotion): »Auch wenn sowohl gegensätzliche Vorstellungen als auch gegensätzliche Gefühle vielleicht gleichzeitig erfahren werden, muss man doch zwischen dem Wissen um Ambiguität und dem Fühlen von Ambivalenz unterscheiden.« (S. 42) Diesen Unterschied betont er auf eine Weise, dass Therapeuten, die sich mit der Erkenntnis (Kognition) und dem Fühlen (Emotion) des Klienten befassen, sich an ihm orientieren können.
Von der psychologischen Warte aus sehen wir Individuen, deren kognitive und emotionale Bewältigungsstrategien durch Ambivalenz blockiert sind. Ihr Leid ist ungelöst und ihre Problemverarbeitung blockiert; Entscheidungen werden aufgeschoben; in ihrer Identität sind sie verunsichert; und die Struktur ihrer Bindungen zu anderen Menschen wird kompliziert.
Von der soziologischen Warte aus sehen wir den Lebenskontext und das soziale Umfeld, in dem das Individuum und seine Familie das Trauma eines uneindeutigen Verlusts erleben. Wir sehen Grenzen, Rollen und Aufgaben, die durch kontextuell bedingte Ambivalenz blockiert sind. Die Betroffenen wissen nicht mehr, ob sich ein Familienmitglied innerhalb oder außerhalb ihres Beziehungskreises befindet, und die Grenze des Paares oder der Familie kann nicht mehr aufrechterhalten werden. Rollen werden unscharf, und die Betroffen sind den Alltagsaufgaben nicht mehr gewachsen.
Was man in der Psychologie als Ambivalenz bezeichnet, ist oftmals eine normale Reaktion auf unklare Situationen und keine individuelle Pathologie. Wenn der Vater oder die Mutter an Alzheimer-Krankheit leidet, sind die erwachsenen Kinder möglicherweise voller widersprüchlicher Gedanken und Gefühle hinsichtlich ihrer Rollen und Identität. Und wenn sie dann nicht wissen, wie sie
mit der Situation umgehen sollen, klammern sie sich an den kranken Menschen und schieben ihn zugleich von sich weg. Häufig haben die Betroffenen Schuldgefühle, weil sie einerseits wollen, dass der Elternteil lebt, und andererseits wünschen, dass er sterben kann. Sie akzeptieren die Rolle des pflegenden Angehörigen und weisen sie zugleich zurück. Unter Umständen müssen sie sich auch damit befassen, wie man den älteren Menschen am besten versorgt, was ihnen für ihre eigenen Rollen als Ehepartner und Eltern Zeit raubt (Boss & Kaplan 2004).
Situationen uneindeutiger Verluste bieten auf der individuellen, paarbezogenen, familialen und sogar auf der gemeinschaftsbezogenen Ebene einen  guten Nährboden für erhöhte Ambivalenz und können – müssen aber nicht – problematisch sein, was davon abhängt, inwieweit die Betroffenen sich ihrer Ambivalenz bewusst sind, ihre Gefühle artikulieren können und so resilient sind, dass sie mit der Situation umgehen können. Ambivalenz muss kein Problem sein; wenn Menschen allerdings nicht wissen, wer in ihr Leben gehört und wer nicht, blockieren Ängste, Schuldgefühle und Trauma ihre Beziehungen und Interaktionen auf unterschiedlichen Ebenen. Damit Resilienz und Gesundheit sich einstellen, müssen wir dafür sorgen, dass Status, Rollen und Identitäten der Klienten relativ klar sind und die Grenzen des Systems bei aller Flexibilität erhalten bleiben. So kann die Ambivalenz, die das Leiden an einem uneindeutigen Verlust natürlich begleitet, in einem bewältigbaren Rahmen bleiben und für die Dauer der Ambiguität immer wieder neu eingeschätzt werden.

Methodologische Voraussetzungen

Wenn wir Individuen, Paare und Familien, die aufgrund von Ambivalenz erstarrt sind, stärken wollen, sind sowohl kognitiv orientierte als auch emotionsbasierte Bewältigungsansätze notwendig (2). Ich arbeite nach kognitiven und psychoedukativen Ansätzen, um Stress zu reduzieren und den kognitiven und problemorientierten Verarbeitungsprozess zu fördern. Um den Klienten zu helfen, einen Sinn in ihrem Leiden und neue Hoffnung im Leben zu finden, gehe ich psychodynamisch und beziehungsbezogen vor, was man als emotionsbasierten Bewältigungsansatz bezeichnet. Objektrelationen und sonstige Beziehungsansätze fördern individuelle und familiale Prozesse, in denen Identität und Bindungsmuster neu definiert werden. Um in Fällen uneindeutiger Verluste die Resilienz stärken zu können, müssen wir nach emotionsbasierten und kognitiv orientierten Bewältigungsansätzen vorgehen.
Weitere Ausführungen zu emotionsorientierten und psychodynamischen Interventionen finden sich in den Kapiteln 8 und 9 sowie im Epilog. Die nachstehenden Leitlinien sind eher didaktischer Art und helfen dem Therapeuten, den Zusammenhang zwischen uneindeutigen Verlusten und Ambivalenz zu verstehen. Sie strukturieren meine eigene therapeutische Arbeit und auch meine Workshops für Therapeuten, Mediziner, Geistliche und Traumaexperten, sodass die Teilnehmer am Ende der Veranstaltung dafür qualifiziert sind, mit Familien von physisch vermissten oder mental nicht mehr erreichbaren Angehörigen umzugehen.

Was hilft, Ambivalenz als etwas Normales zu begreifen?

Die nachstehend aufgelisteten Leitlinien helfen, Ambivalenz als etwas Normales hinzustellen. Die einzelnen Punkte werden im Abschnitt »Leitfaden zur Intervention« (S.  210 ff.) ausführlich behandelt.
  • Schuldgefühle und negative Gefühle, nicht aber schädigende Handlungen, als etwas Normales begreiflich machen.
  • Mit Kunst zum Verständnis von Ambivalenz beitragen.
  • Persönliche Handlungsbefähigung zurückgewinnen.
  • Wahlfamilie (psychological family) neu definieren.
  • Gemeinschaft als eine Art Familie betrachten.
  • Alltägliche Rollen und Aufgaben neu zuweisen.
  • Kontext und Situation hinterfragen.
  • Ambivalente Gefühle zum Ausdruck bringen.
  • Latente oder unbewusste Ambivalenz offenlegen.
  • Sich mit erkannter Ambivalenz auseinandersetzen.
  • Konflikt als etwas Positives sehen.
  • Verschiedene Wege zur Bewältigung von Ambivalenz beurteilen.
  • Erkennen, dass Ambivalenz bleibt, auch wenn die unklare Situation abgeschlossen ist.
  • Spannungstoleranz entwickeln.
  • Kognitive Bewältigungsstrategien anwenden.

Was hindert daran, Ambivalenz als etwas Normales zu begreifen?

Man muss wissen, was den Prozess behindert, in dem die Ambivalenz, die mit einem uneindeutigen Verlust unweigerlich verbunden ist, als etwas Normales begreiflich gemacht wird. Der Prozess ist nämlich blockiert, wenn der Therapeut seinen Blick auf ein einzelnes Symptom richtet und von dem betroffenen Paar und der leidenden Familie die üblichen Bewältigungsstrategien und Anpassungen erwartet.

Wenn die Therapie auf ein einzelnes Symptom fokussiert

Zu den durch Ambivalenz verursachten Stress- und Angstsymptomen zählen Depressionen und Angststörungen, die natürlich behandelt werden müssen. Doch auch mit der eigentlichen Ursache der Ambivalenz muss man sich in der Therapie befassen. Die Fokussierung auf ein einzelnes Symptom ist hinderlich, weil dadurch, dass nur das Pathologische bemerkt und der Kontext der Ambiguität nicht gewürdigt wird, der Klient nicht die Möglichkeit hat, seine widersprüchlichen Gefühle kognitiv zu verarbeiten. In Fällen uneindeutiger Verluste muss nicht nur die individuelle Pathologie, sondern auch der situative Kontext als Quelle von Symptomen bestätigt werden.

Wenn die üblichen Bewältigungs- und Anpassungsmuster erwartet werden

Wenn Therapeuten und Therapeutinnen nur nach den üblichen, den so genannten »normativen« Bewältigungs- und Anpassungsmustern suchen, tragen sie möglicherweise dazu bei, dass ihre Klienten noch mehr Schuld- und Schamgefühle wegen ihrer beispiellosen Art des Umgangs mit Ambiguität und Verlust entwickeln. Wenn man nur die typischen Muster sieht, kann die Unklarheit
nicht als etwas Normales angesehen werden, da die potenzielle Vielfalt ignoriert wird, wie Menschen mit uneindeutigen Verlusten und den daraus resultierenden gegensätzlichen Gefühlen umgehen. Therapeuten müssen ihre Perspektive erweitern, damit sie sehen können, wie Menschen mit den Schattierungen von Abwesenheit und Anwesenheit eines Angehörigen zurechtkommen.

Anmerkungen:
(1) Bengtson et al. (2002) sehen das Ambivalenzkonzept als Ergänzung zu Konflikt- und Solidaritätskonzepten. Die Normvorstellungen gehen jedoch auseinander. Pillemer und Lüscher (2004) sehen Ambivalenz im Hinblick auf intergenerationelle Beziehungen als etwas Normales an und behaupten, dass sich Verhaltensprobleme und individuelle Störungen aufgrund der Unfähigkeit entwickeln können, konstruktiv mit Ambivalenz (verglichen mit Defiziten in der Solidarität) umzugehen.
(2) Kling, Seltzer und Ryff (1997) haben untersucht, ob pflegende Eltern eines geistig behinderten erwachsenen Kindes sich besser fühlen, wenn ihre Arbeit emotionsorientiert ist, oder ob ihr Wohlbefinden bei einer problemorientierten Vorgehensweise größer ist. Eltern, die problemorientiert vorgingen, gaben langfristig mehr positive Veränderungen an. Festgestellt werden geschlechts- und persönlichkeitsbezogene Unterschiede und die Tatsache, dass der Erfolg einer Intervention von der Art der Probleme abhängt. Die problemorientierte Bewältigung wird eher mit umweltbezogener Beherrschbarkeit und Lebenssinn assoziiert. Die emotionsorientierte Bewältigung wird im Hinblick auf umweltbezogene Beherrschbarkeit eher mit abnehmendem Wohlbefinden, abnehmender Selbstakzeptanz und Depression assoziiert. Laut Thoits (1994) sind problemorientierte »Bewältiger« möglicherweise psychische Aktivisten, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen wollen. Kling, Seltzer und Ryff (1997) geben aber zu bedenken, dass das Leben bestimmte Herausforderungen stellen könnte, die sich einer aktivistischen Orientierung verschließen. Dabei denke ich an den Umgang mit Opfern von Genozid, eines Tsunami oder von Terrorismus. Aber auch wenn an Beherrschbarkeit ausgerichtete und aktive Bewältigung nicht immer ausreichend ist, scheint das Gefühl der Beherrschbarkeit – unabhängig vom therapeutischen Modell – für die Entwicklung von Resilienz wichtig zu sein. Die Ergebnisse, wie Kling, Seltzer und Ryff (1997) sie bei pflegenden Eltern geistig behinderter Kinder erzielt haben, sind ähnlich den Befunden, wie sie bei Partnern von Alzheimerpatienten festgestellt wurden: dass nämlich das Gefühl geringer Beherrschbarkeit (in Verbindung mit einer hohen Grenzambiguität) depressive Symptome bei den Pflegepersonen ankündigte (Boss et al. 1990; Caron, Boss & Mortimer 1999). Fazit: Das therapeutische Repertoire muss sowohl kognitiv orientierte als auch emotionsbasierte Fertigkeiten beinhalten.

Literatur:

Bengtson, V.  L., Giarrusso, R., Mabry, J. B. & M. Silverstein (2002): Solidarity, conflict, and ambivalence: Complementary or competing perspectives on intergenerational relationships? Journal of Marriage and the Family 64: 568 – 576.
Bleuler, E. (1911): Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien. Leipzig/Wien (Deuticke).
Boss, P. (2000): Leben mit ungelöstem Leid: Ein psychologischer Ratgeber. München (Beck). [Engl. Orig. (1999): Ambiguous loss: Learning to live with unresolved grief. Cambridge, MA (Harvard University Press).]
Boss, P. (2002b): Family stress management: A contextual approach, 2nd ed. Thousand Oaks, CA (Sage).
Boss, P., Caron, W., Horbal, J. & J. Mortimer (1990): Predictors of depression in caregivers of dementia patients: Boundary ambiguity and mastery. Family Process 29(3): 245 – 254.
Boss, P. & Kaplan, L. (2004): Ambiguous loss and ambivalence when a parent has dementia. In: K. Pillemer & K. Lüscher (Eds.): Intergenerational ambivalences: New perspectives on parent-child relations in later life. Oxford, UK (Elsevier), S.  207 – 224.
Boss, P. & C. Mulligan (Eds.) (2003): Family stress: Classic and contemporary readings. Thousand Oaks, CA (Sage).
Caron, W., Boss, P. & J. Mortimer (1999): Family boundary ambiguity predicts Alzheimer’s outcomes. Psychiatry: Interpersonal and Biological Processes 62(4): 347 – 356.
Kling, K.  C., Seltzer, M.  M. & Ryff, C.  D. (1997): Distinctive late-life challenges: Implications for coping and well-being. Psychology and Aging 12(2): 288– 295.
Lüscher, K. (2004): Conceptualizing and uncovering intergenerational ambivalence. In: K. Pillemer & K. Lüscher (Eds.): Intergenerational ambivalences: New perspectives on parent-child relations in later life. Oxford, UK (Elsevier), S. 23 – 62.
Olds, S.  (1992): The father, 1st ed. New York (Knopf).
Parker, R. (1995): Mother love, mother hate: The power of maternal ambivalence. New York (Basic Books).
Pearlin, L. I & C. Schooler (1978): The structure of coping. Journal of Health and Social Beha-vior 19(1): 2 – 21.
Pillemer, K.  A. & K. Lüscher (2004): Intergenerational ambivalences: New perspectives on parent-child relations in later life. Oxford, UK (Elsevier).
Sexton, L.  G. (1997): Auf der Suche nach meiner Mutter. Frankfurt a. M. (Fischer TB-Verlag). [Engl. Orig. (1994): Searching for Mercy Street: My journey back to my mother, Anne Sexton, 1st ed. Boston (Little Brown).]
Thoits, P.  A. (1994): Stressors and problem-solving: The individual as psychological activist. Journal of Health and Social Behavior 35(2): 143 – 160.
Waters, M. (1994): Modern sociological theory. Thousand Oaks, CA (Sage).
Weigert, A.  J. (1991): Mixed emotions: Certain steps toward understanding ambivalence. Albany (State University of New York Press).


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Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Klett-Cotta-Verlages



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