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Vorabdruck aus Rosmarie Welter-Enderlin: Resilienz und Krisenkompetenz. Kommentierte Fallgeschichten

Welter-Enderlin Krisenkompetenz Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2010 (März)

154 S., broschiert

Preis: 19,95 €

ISBN-10: 3896706829

ISBN-13: 978-3896706829

Verlagsinformation:
„Anna hatte es nie leicht: Nach der Scheidung der Eltern sieht sie ihren Vater nie wieder. Die Mutter ist Alkoholikerin, die jüngere Schwester drogenabhängig, der Stiefvater spielsüchtig. Als er die Familie verlässt, hat er auch Annas Erspartes verspielt. Sie verliebt sich in einen Bauern, lebt und arbeitet auf seinem Hof mit, bis er sie gegen eine andere Frau austauscht – und sie nur noch dort arbeitet. In der neuen Wohnung wird sie von einem Nachbarn sexuell belästigt. Trotz all dieser Erfahrungen ist Anna eine starke Frau geworden, die ihr Leben selbst bestimmt. Insgesamt elf solcher Geschichten hat die renommierte Schweizer Psychotherapeutin Rosmarie Welter-Enderlin in diesem Buch zusammengetragen. Sie verdeutlichen, wie Menschen kritische Lebensereignisse unter Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen meistern und die Krise als Anlass für ihre Entwicklung nutzen. Dabei wird deutlich, dass die Quellen, aus denen Betroffene ihre Kraft schöpfen, ebenso vielfältig sind wie kritische Lebensereignisse selbst: Familie, Freunde, Rituale, Tiere, Natur, Spiritualität – jeder kann seinen eigenen Weg finden, an Schicksalsschlägen nicht zu zerbrechen. Welter-Enderlin beschreibt in ausführlichen Kommentaren, wie Therapeuten diesen Prozess wirksam unterstützen können. Ihre Berichte aus der Praxis sind eingebunden in gut verständliche Erläuterungen zum Konzept der Resilienz.

Über die Autorin: Rosmarie Welter-Enderlin, MSW, Paar-, Familien- und Organisationsberaterin, langjährige Lehrbeauftragte an der Universität Zürich; Autorin zahlreicher Fachartikel und Bücher, darunter "Resilienz und Krisenkompetenz" (2010), "Wie aus Familiengeschichten Zukunft entsteht" (2006) und – zusammen mit Bruno Hildenbrand – "Resilienz: Gedeihen trotz widriger Umstände" (2006), "Rituale – Vielfalt in Alltag und Therapie" (2. Aufl. 2004) sowie "Gefühle und Systeme" (1998). 2003 erhielt sie den "American Family Therapy Academy Award" für herausragende Beiträge zur Familientherapie. Im Jahr 2006 ehrten zahlreiche Kollegen Rosmarie Welter-Enderlins Beitrag zur Entwicklung der systemischen Therapie und Beratung mit der Festschrift "Erhalten und Verändern" (hrsg. von Bruno Hildenbrand).

6. Blicke in die Abgründe einer Lebensgeschichte: Thomas, Psychotherapeut/Psychologe

Thomas’ Bericht

Ich freue mich, hier meine ganz persönlichen Gedanken zur Bedeutung von Resilienz in meiner Biographie und meinem Alltag erläutern zu können. Ich berichte über rund fünf Jahre nach der größten Traumatisierung, die ich bisher erlebt habe und zu der mich Erinnerungen noch täglich einholen. Meine Geschichte handelt von Unklarheit, naiv- blindem Vertrauen, unüberlegtem Handeln und tiefer Verunsicherung, aber auch von Überleben, Unbeschwertheit, Sehnsucht, Lebensfreude, von echtem Glück und der Frage, wer ich eigentlich bin. Im Anhang werde ich, von meiner Beraterin angeregt, über das Trauma berichten, das mich seit vielen Jahren bewegt.

Wenn ich mich mit meiner Biografie auseinandersetze, erkenne ich, wie wenige lebendige, emotionale Erinnerungen ich an meine Eltern, insbesondere an meinen Vater, habe. Erinnerungen an meine Kinderjahre stehen mit der Schule, mit Freunden und Verwandten, mit meinen Freundinnen und mit meiner Großmutter mütterlicherseits in Verbindung. Lediglich Weihnachten, meine Geburtstage, ein paar Ferienaufenthalte und spätere Erlebnisse während meiner Lehre lassen zum Glück ein paar wärmende Bilder in der Beziehung zu meinen Eltern entstehen.

Mein bisheriges Leben war aber weder karg noch traurig. Das Gegenteil ist der Fall: Ich bin ein Spring-ins-Feld, ein »Showman«, ein Frauenverführer und in vielem, so glaube ich, doch ziemlich grandios oder zumindest erfolgreich in meiner Selbstdarstellung. Doch bin ich gleichzeitig auch überaus zerbrechlich und verletzbar. Wie mutig, wie schwach bin ich? Ich kann mich selbst nicht einordnen. Mit allen meinen Kontakten und in meiner Familie erhalte ich kein klares Abbild meiner selbst. Vermutlich geht dies aber allen Menschen so, oder nicht?

In einer kleinbürgerlichen Familie aus Basel in Zürich aufgewachsen, musste ich mich zuerst im Kindergarten und dann in der Schule mit »transkulturellen« Problemen herumschlagen: Da mich die anderen Kinder wegen des Basler Dialektes auslachten, lernte ich, mich schnell anzupassen, sprach bald fast astreinen Zürcher Dialekt. Das Schwierigere war aber, mit meiner roten Haarfarbe und meinen Sommersprossen zurechtzukommen. Schon im Kindergarten erfuhr ich nämlich, dass ich »anders als die anderen« war. Es gab zu lachen und zu spotten, wenn man mich sah. Meine Verunsicherung wuchs. In einem Naturschutz-Kinderlager, zu dem mich meine Eltern motivierten, weil ich Amphibien-Fan war, und weil ich eher wenig Kontakt zu anderen Kindern hatte, riefen mir die älteren »Füürio, de Bach brännt« zu. Meine roten Haare waren Anlass für diese Art von Diskriminierung. Man klaute mir Kursunterlagen und Geld. Ich rief jeden Abend vom Restaurant aus meine Mutter an und musste fast weinen, erzählte aber wenig von meinen Erfahrungen, weil ich meine Eltern nicht belasten wollte. Unglücklicherweise war ich ein ängstlicher Junge, der vor allem im sportlich-körperlichen Bereich große Mühe hatte. Sport- und Schwimmunterricht waren schlimm für mich. Im Vergleich zu anderen Kindern fühlte ich mich minderwertig. Ich log meinen Lehrern Krankheiten oder Behinderungen vor, um vom Schwimmunterricht befreit zu werden. Meine Eltern erfuhren jeweils nachträglich davon. Glücklicherweise gab es einen Lehrer, der mir für das Fach Schwimmen vorschlug, mein eigenes Programm zu machen, anstatt vom Sprungbrett zu springen.

Ich glaube, meine Eltern waren ziemlich überfordert mit mir und wollten doch nur mein Bestes. Wie soll man es schließlich als Eltern richtig machen: Kein Druck – etwas zu müssen ist nicht gut, weil man Kinder sonst verweichlicht –, zu viel Zwang ist auch ungesund. Meine »Geheimwaffen«, um zu Anerkennung bei den Mitschülern zu kommen, waren Humor, Selbstironie und »den Clown spielen«. Mein schauspielerisches Talent, meine Liebe zur Musik und später meine »One-Man-Show«, mit der ich sogar während des Studiums Geld verdienen konnte, ließen mich immer wieder in einer etwas anderen Rolle erscheinen. In der Pubertät wurde ich zunehmend bunter, experimenteller und kreativer. Ich gründete eine Wanderdisco, machte in der Jugendpolitik mit und spielte bei einer Laienbühne. Irgendwie seltsam, doch habe ich aus jener Zeit kaum Erinnerungen an meine Eltern. Ich kann mich nicht an Lob oder Tadel erinnern. Ließen die Eltern mich einfach machen? Ärgerten Sie sich über mich? Waren sie stolz auf mich? Einzig meine Mutter ist mir in Erinnerung, die ich in ihrem Pyjama unter der Bastelraumtüre erblickte, wenn ich mit den Kollegen wieder mal zu laut den Verstärker aufdrehte. Sie protestierte gegen die Lautstärke mit der Frage, was wohl die Nachbarn denken würden.

Eigentlich zeichne ich mich nicht primär durch dickfelliges, unempathisches Denken und Fühlen aus. Eher das Gegenteil ist der Fall, sonst könnte ich in meinem Beruf als Therapeut vermutlich nicht bestehen. Warum ich aber meine Eltern nie recht »gespürt« habe, bleibt unklar.

Mein Vater schrieb mehrere Bücher über Kindererziehung und Psychologie. Er gab Kurse und war als zumeist ehrenamtlicher Stiftungsrat in verschiedenen Gremien tätig. Er ist ein »Profi« in Kindererziehung … Zu Hause glänzte er meistens durch Abwesenheit, sowohl physisch als auch psychisch. Noch heute irritiert mich bei der Begegnung mit meinem Vater, dem Kommunikationsspezialisten, sein seltsames emotionales Wegtreten. Seine oberflächliche, fast gespielt wirkende Begeisterung und Freundlichkeit machen mich meistens wütend. Ich fühle mich aber nicht persönlich gemeint, da ich beobachte, dass er dieses Verhalten auch gegenüber anderen Menschen zeigt.

Ich werde oft auf seinen Namen angesprochen und gefragt, ob ich einen Vater hätte, der schon Kurse gegeben hat. Ich höre eigentlich nur Gutes über ihn. Die Menschen, die meinen Vater kennen, scheinen Respekt vor ihm zu haben. Auch an Freunden hat es meinen Eltern nie gefehlt. Zu den meisten von ihnen habe ich selbst herzliche Freundschaften knüpfen können. Im Gegensatz zu meinem drei Jahre jüngeren Bruder war ich auch immer gerne mit dabei, wenn meine Eltern Gäste hatten. Zu meinem 20. Geburtstag organisierte ich ein Fest, bei dem sicher die Hälfte der Anwesenden auf meinen Wunsch aus Freunden der Generation meiner Eltern bestand. Im Gegenzug dazu »adoptierte« meine Mutter (eine gütige und herzliche, aber furchtbar anpasserische und unterwürfige Person) meine langjährige, erste Freundin nach meiner Trennung von ihr. Und sie nahm sich auch gleich deren Ex- und Wieder-Freund an und überhaupt aller netten Menschen wie Nachbarn usw. Als ich etwa 16-jährig war, wurde meine Mutter »abgehoben«, esoterisch und auch sonst irgendwie seltsam. Meine Ex-Freundin entwickelte sich in dieselbe Richtung. Zunehmend wurde mir meine Mutter fremd. Übertriebene Krankheitsängste und Lebensunsicherheit hielten sich bei ihr mit astrologisch-esoterischen Lebensmodellen die Waage.

Nun sind meine Eltern alt. Vor allem meine Mutter, aber auch der Vater, verbringt viel Zeit mit Aufsuchen von Ärzten, Heilern und Homöopathen. Mein Vater ist depressiv, meine Mutter hypochondrisch. Überängstlich sind beide auch im Kontakt zu meinen Kindern und meiner großartigen Frau. Sie trauen weder sich noch ihren Enkeln etwas zu. Sie scheinen sich zu bemühen, nicht allzu viel mit uns zu tun zu haben, indem sie Hunderte von Ausreden erzählen, warum sie für ihre Enkel und für uns keine Zeit finden. Gleichzeitig loben und bewundern sie unsere Kinder über alles. Es gab über die Distanz auch einige Auseinandersetzungen mit uns, die von meinen Eltern ausgingen. Heute zeigen sie etwas mehr Engagement. Mitleid mit meinem Vater habe ich aber vor allem in einem Punkt: Ich habe ihn in meinem Leben eigentlich kaum unbeschwert erlebt. Eher habe ich das Bild eines leidenden, überarbeiteten und unglücklichen Mannes, der von ständigen Existenzängsten geplagt ist. Im Vergleich zu ihm bin ich das absolute Gegenteil: Großzügig, genießerisch, übertrieben unbeschwert, (zu) blind vertrauend, wenig vorsichtig, aber vorsorglich im Umgang mit mir und anderen. Gleichwohl kenne ich Ängste und Sorgen.

Lehrzeit, Studium und berufliche Entwicklung hin zur Selbstständigkeit absolvierte ich recht problemlos. Mit meiner offenen und fröhlichen Art gewinne ich die Sympathie von Klienten und Freunden. In meiner Arbeit lerne ich täglich dazu und werde langsam das, was man unter einem »professionellen Helfer« versteht. Vieles, was ich vor acht oder sechs Jahren meinen Klienten empfohlen oder was ich behauptet habe, mache ich heute anders. Mir sind schon Kunstfehler passiert, für die ich auch prompt in der Hölle schmoren musste. Familie und Existenz habe ich aufs Spiel gesetzt. Vieles, was ich vor einigen Jahren behauptet oder gesagt habe, würde ich heute ziemlich anders vertreten. Vermutlich habe ich im Rahmen meiner Arbeit Menschen verunsichert, verletzt und ihnen unrecht getan. Ich hoffe, dass mir diese Menschen verzeihen können.

Bis zum Zeitpunkt meiner verschiedenen beruflichen Probleme konnte man mich durchaus als naiv und blauäugig bezeichnen: Stets bemüht, anderen Menschen nicht unangenehm aufzufallen oder gar jemandem nein zu sagen. Im Rahmen von beruflichen Krisen habe ich, vor allem vonseiten der Justiz und der Boulevardpresse (aber niemals von Freunden!), massives Unrecht mir gegenüber erlebt. Ich erarbeitete mir mit diesen Erfahrungen eine gehörige Portion gesunder Urteilsfähigkeit und Skepsis, die ich in der Beratung von prominenten und exponierten Klienten in hilfreicher Art und Weise vermitteln kann. Ich habe erkannt, dass Menschen nicht einfach nett und großzügig, sondern sehr wohl berechnend, habgierig, sensations- und rachsüchtig sein können. Heute bin ich direkter, ehrlicher und klarer. Dabei mache ich die Erfahrung, dass ich nicht etwa weniger Freunde habe oder dass meine Klienten unzufriedener wären.

Das Weltbild meiner Eltern erscheint mir mittlerweile ziemlich naiv. Ich kann mir die Sache eigentlich gar nicht wirklich erklären, es fehlen mir die Worte. Es bleibt vorerst einfach eine Irritation, ein Schmerz, manchmal eine Wut, vor allem meinem Vater gegenüber. Gleichzeitig besteht eine tiefe Dankbarkeit dafür, dass mir meine Eltern so viel ermöglichten. Sie akzeptierten meine Spleens und Hobbies weitgehend. Und ich habe warme Erinnerungen, wenn ich an unser Zuhause und an die (späteren) Schul-, Lehr- und Studienjahre denke. Ich habe Vater und Mutter gern, und ich fühle Mitleid für ihr so wenig freies Leben.

Was wird aus mir und meiner Familie, was werden meine Kinder über mich und meine Frau schreiben?

Ein Rückblick auf ein Trauma, das mich bis heute bewegt:

Ich nehme mir nun die Zeit, die schmerzhaften Momente, welche mich seit sechs Jahren täglich begleiten, niederzuschreiben. Am schwersten fällt es mir, über meine persönlichen Verletzungen zu schreiben, weil ich mir bewusst geworden bin, dass ich in meinen beruflichen Anfängerjahren Fehler begangen habe. Ich muss – ohne es zu merken – Patientinnen mit meiner Spontaneität und Herzlichkeit zu nahe getreten sein. Eine von ihnen hat eine Strafklage wegen »Übergriffen« gegen mich eingereicht, von der ich bis vor Kurzem nichts wusste. Gemäß der Fachliteratur werden Therapeuten, die Fehler im Sinne von Übergriffen begangen haben, als Psychopathen, Narzissten und dissoziale Persönlichkeiten bezeichnet. Selbst wenn es mir gelingen würde, das Mitgefühl der Leser zu wecken, wäre das gemäß dieser Theorie der Beweis, dass eben Menschen wie ich fähig sind, andere zu manipulieren.

Dennoch schreibe ich hier auf Anregung von Rosmarie Welter-Enderlin meine ganz persönlichen Erfahrungen und meine tiefsten Gefühle auf und auch, was mir Schritt um Schritt geholfen hat, meine Traumata zu überwinden … Gedeihen trotz widriger Umstände …

Es war im Frühsommer 2002, als wir eines Tages früh um 7.00 Uhr – die ganze Familie schlief noch – von der Hausglocke geweckt wurden. Via Gegensprechanlage teilte man mir mit, dass die Polizei hier sei und dass man mit mir sprechen wolle. Ich öffnete, meine Frau und unser dreieinhalbjähriger Sohn waren in ziemlicher Aufregung. Es standen vier oder fünf Personen, darunter eine Bezirksanwältin und der Gemeindepolizist unserer Wohngemeinde, vor der Türe und verlangten eine Hausdurchsuchung und meine Festnahme.

Ich erlebte einen Schock wie noch nie. Meine damals hochschwangere Frau und erstaunlicherweise mein noch so junger Sohn hatten den Ernst der Lage sofort erfasst. Ich und mein Sohn weinten, meine Frau versuchte tapfer zu sein. Ein groß gewachsener, äußerst ungehobelter Polizist packte mich. Er erlaubte mir nicht einmal, mich von meiner Frau und meinem Kind zu verabschieden. Ich müsse sofort »einrücken«. Zunächst wurde ich in einem Privatauto der Polizei zu meinem Arbeitsplatz geführt, danach wurde ich in Handschellen in einem Kastenwagen ohne Fenster an einen mir unbekannten Ort gebracht. Im Auto konnte ich mich wegen der Handschellen nirgends festhalten. In den Kurven schlug es mich hin und her. Ich wurde in der Folge von verschiedenen Menschen an verschiedenen Orten, zuletzt von der Bezirksanwältin, ins- gesamt vier Stunden lang verhört (was ich später im Protokoll las). Da mir meine Uhr und alles andere außer meinen Kleidern abgenommen worden war, konnte ich nur aufgrund der anbrechenden Dämmerung beim Verlassen des Bezirksgefängnisses annehmen, dass ich über zwölf Stunden in völliger Unsicherheit vollkommen fremden Menschen aus- gesetzt war und bezüglich meiner privaten, beruflichen und sozialen Zukunft von ihnen absolut verunsichert wurde. Ich erhielt kaum zu trinken, beim Verhör etwas Schokolade.

Die Toilette durfte ich über Stunden nicht aufsuchen. Ein Wachmann zerstritt sich mit der Bezirksanwältin, weil er wegen meines Verhörs Überstunden machen musste. Ich musste aufgrund des Verbotes, die Toilette aufzusuchen, einnässen, verbarg dies jedoch. Als es dunkel wurde, kam ich in eine kleine Zelle, zusammen mit einem nicht Deutsch sprechenden Häftling. Die Luft war miserabel, und es war extrem warm. Trotz eingenässter Kleider erhielt ich keine Ersatzwäsche (obwohl ich solche zu Hause in Begleitung eines der Polizisten vor meiner Frau und meinem Sohn hatte einpacken müssen). Duschen könne man alle sechs Tage, sagte man mir, das nächste Mal in vier Tagen. Es gab eine Toilette ohne Brille. Mir war übel und ich hatte Durchfall.

Mir wurden Bleistift und Papier zur Verfügung gestellt. Ich machte eine Zeichnung für unseren Sohn, verfasste einen Brief an meine Frau und einen an meine Eltern, die ich am nächsten Morgen zum Versenden abgeben durfte. Die Briefe kamen aber nie an!

In der Nacht erfolgte ein Häftlingswechsel. Ich musste mein Bett wechseln. Ich hatte unglaubliche Ängste. Das Schlimmste während der rund 36 Stunden Haft war, von meiner Familie vollkommen abgeschnitten zu sein. Dies war auch für meine Frau unerträglich, die mit verschiedenen Telefonaten, zum Beispiel bei der Bezirksanwältin, erfolglos versuchte, mehr über meine Situation zu erfahren. Über meine Schwierigkeiten und Verfehlungen in meiner Anfangszeit als Psychotherapeut hatte ich meine Frau bereits Monate zuvor detailliert informiert.

Ich musste Fingerabdrücke und DNA-Proben abliefern. Viele private Unterlagen wurden konfisziert. Diese Unterlagen habe ich, trotz Einstellung des Verfahrens, bis heute nicht zurückerhalten. DNA und Fingerprints sind in irgendwelchen Dateien gelagert, und es kann jederzeit vonseiten der Justiz darüber verfügt werden.

In der tiefsten Verzweiflung während meiner Haft kam so etwas wie ein fatalistisches Gefühl der totalen Freiheit auf. Ich ging davon aus, dass man mich zumindest nicht umbringen würde. Aber halten Frau und Kind(er) noch zu mir? Werde ich je wieder einer bezahlten Tätigkeit nachgehen können? Das waren Fragen, denen ich in diesen Momenten nicht ausweichen konnte. Ich entwickelte die Vorstellung, als anonymer Einzelkämpfer durchs Leben gehen zu müssen. Eigenartigerweise ist in mir gleichzeitig so etwas wie ein tiefer Glaube an mich selbst spürbar geworden. Eine Aussage der Klägerin im Protokoll, mit dem ich bei einem der Verhöre konfrontiert wurde, lautete, dass ich ein brillanter und fähiger Therapeut sei. Auch wenn ich nicht glaubte, je wieder als Therapeut arbeiten zu können, hat mir dies dennoch geholfen zu glauben, dass ich irgendwie durchs Leben kommen würde. Dass anschließend, unter Mithilfe eines Anwaltes, dank aufwendiger Verfahren mit der Gesundheitsdirektion und dem Berufsverband doch noch eine berufliche Existenz gesichert werden konnte, war damals für mich kaum denkbar.

Eine weitere, mindestens so unsäglich belastende Situation ereignete sich eineinhalb Jahre danach, als ein weithin bekannter psychisch gestörter Boulevardjournalist in völlig anderem Zusammenhang auf meine Geschichte aufmerksam geworden war und mich auf die Titelseite seines »Verdummungsblattes« bringen wollte. Mein Verfahren stand damals formal kurz vor Abschluss. Es hat mich enormen nervlichen Aufwand gekostet, die Schlagzeilen abzuwenden. Auch die Nerven der Ex-Klientin, die mich damals ins Gefängnis gebracht hatte, lagen blank.

Sie war überhaupt nicht an einer Veröffentlichung interessiert, wie ich bei verschiedenen Telefonaten mit ihr in Erfahrung bringen konnte. Der besagte Journalist hat von jemandem beim Bezirksgericht erfahren, dass ein Verfahren gegen mich eröffnet worden sei (was mein Vertrauen in die Justizbehörden nicht gerade stärkte).

Beratung

Diese Zeit war für mich und meine Familie, die nach der Geschichte der Festnahme zu mir gehalten hat, nochmals grauenhaft. Ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, mir das Leben zu nehmen, da eine ungerechtfertigte Veröffentlichung und Falschdarstellung mich wahnsinnig gedemütigt hätte. Irgendwie hat mein Anwalt die Sache abwenden können. Panik und fehlender emotionaler Boden sind mir aber geblieben!

In meiner Not habe ich die Sache der Supervisorin, zu der ich seit meinen Schwierigkeiten gegangen bin, erzählt. Diese machte mir den Vorschlag, mich doch an meine langjährige Ausbilderin zu wenden. In der Ausbildung hatte ich ja viel über Do’s und Dont’s gelernt und sollte dank meinem Diplom fähig sei, fehlerfrei zu arbeiten! So hatte ich einst gedacht … Ausgerechnet zu meiner gestrengen Lehrerin? Auch dank dem Druck meiner Frau bin ich also zu dir, Rosmarie Welter-Enderlin, gekommen. Dies war so etwas wie die absolute Aufgabe von mir selbst. Ich hatte größte Befürchtungen, was dieser Schritt wohl auslösen würde. Es war unerträglich, dir zu erklären, was ich für ein »Versager« bin. Ich mag mich noch exakt an die ersten Stunden bei dir erinnern. Ich war paranoid und glaubte, alle wüssten von meiner Situation, und an jeder Ecke lauere ein Feind, der mich wegen allem Möglichen überführen wollte. Ich zog mich zurück von Freunden und Eltern.

Meine Eltern übrigens nahm ich in dieser Zeit als loyal, jedoch ziemlich überfordert wahr. Jedenfalls bin ich bei unserer ersten Sitzung in einem Wechselbad der Gefühle gewesen. In den Momenten deines ruhigen Zuhörens, durch dein empathisches Verhalten und deine Bereitschaft, mich nicht einfach zu verurteilen, habe ich eine unglaubliche Kraft und Erleichterung erlebt. Mein Selbstbild hat sich wieder entzerrt. Total seltsam eigentlich, erlebe ich dies doch als Therapeut selbst in verschiedensten Situationen bei meinen Klienten. Doch habe ich mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen können, dass die Begegnung mit jemand Professionellem solch’ existenzielle Wirkung haben kann! Die Aspekte von Macht und Ohnmacht, wie sie zu jeder Beratung gehören, wurden in unseren Gesprächen zu einem zentralen Thema. Ich habe auf meine Motive achten gelernt und habe Macht als Möglichkeit von positiver Einflussnahme, aber auch von Gewalt zu thematisieren gelernt. Ich erlaube mir heute wieder, der etwas »spinnige« Mensch zu sein, der ich bin …

Ich ging nach den Sitzungen mit meiner Therapeutin jeweils weinend und lachend, aber mehr selbstbewusst als unsicher nach Hause und habe meine Erfahrungen meiner Frau erzählt sowie meinen zwei besten Freunden, die über meine Probleme Bescheid wussten. Wie sich die Sache weiter entwickelt, wird mehr und mehr klar … nämlich »Gedeihen trotz widriger Umstände«.

Manchmal spüre ich nun etwas von deiner Unerschrockenheit in mir. Manchmal sage ich mir, »die sollen nur kommen, mit denen werde ich noch vor dem Frühstück fertig«. Mit Aufrichtigkeit und Achtsamkeit werde ich gut überleben. Sicher bin ich ein kompetenter, kritischer und adäquat liebevoller Therapeut!

Kommentar

Zu den Erfahrungen von Thomas

Hätte die berufliche Entwicklung von Thomas anders verlaufen können – und falls ja, unter welchen Bedingungen? Als ich seinen Bericht nochmals las, habe ich mir diese Frage immer wieder gestellt. Ein Lebensmotto meiner Mutter ist mir dabei zu Hilfe gekommen: »Es sind die schlecht’sten Früchte nicht, woran die Wespen nagen.«

Thomas hat sich gemartert mit der Frage, was er vielleicht falsch gemacht hat, als Mensch und als Professioneller. Also war es sicher nicht nötig, dass ich Öl aufs Feuer gegossen hätte. Aber habe ich mit meinem Verstehen und meiner Akzeptanz seines Tuns vielleicht dazu beigetragen, dass Thomas wieder Ähnliches tut in ähnlichem Rahmen?

Diese Frage ist für mich sinnlos. Ein wichtiger Satz aus der systemtherapeutischen Erfahrung lautet, dass man nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen könne. Das heißt schlicht, dass Sätze wie »weil damals, darum heute« nicht zum systemischen Denken passen, sondern zu einer Logik gehören, die ich als bieder-brutal bezeichne. Bieder, weil sie aus dem Kochbuch einer braven Hausfrau oder eines braven Hausmanns stammen könnte, und brutal, weil sie an Defiziten orientiert und entsprechend bösartig ist.

Thomas hat in mancher Hinsicht Glück. Auf der individuellen Ebene geht es bei ihm um die Frage, wer den interpersonalen Rahmen von Verhaltensweisen absteckt, und wer die Spielregeln für Tun und Lassen in diesem Rahmen aufstellt und ihren Erfolg bewertet. Zu dieser Frage gehören auch die Anliegen von passendem oder unpassendem Verhalten – passend zum Umgang mit den jeweiligen kritischen Ereignissen. Die Richtlinien dazu stammen aus der Vorgabe zum therapeutischen Anliegen, auf keinen Fall zusätzlichen Stress zu erzeugen für die Betroffenen. Während die in jedem therapeutischen Modell enthaltene Mehrdeutigkeit von richtigem oder falschem Verhalten nicht wegzureden ist, gibt es eindeutige Kriterien bezüglich der Frage, zu wessen Gunsten Therapeuten handeln und in wessen Auftrag.

In diese Kategorie fällt die Kompetenz des Beraters oder der Beraterin, welche mit weitem Horizont und mit Anteilnahme, aber ohne billiges Laisser-faire, die Bedingungen des Geschehens für ihre Klienten rahmt. Im vorliegenden Bericht macht der Schreibende deutlich, was ihm die kompetente Beratung und Begleitung seiner Beraterin an Halt und Sicherheit vermittelte.

Etwas vom Wichtigsten, was ich selbst als Beraterin noch immer lerne, ist, die Verbindung zwischen Theorien und Handeln herzustellen. Es gibt nach meiner Erfahrung Therapeuten, die sich wunderbar einlassen können auf Lernende, ohne dass sie ihr Handeln theoretisch erklären können – und es gibt Lehrende, die dicke Stöße theoretischer Erklärungen für ihr Tun haben, aber kaum eine Ahnung, wie sie Lernende motivieren können. Das Thema »Handeln ohne zu wissen und Wissen ohne zu handeln« lässt sich leicht, aber wenig erfolgreich, auf dem Buckel von Lernenden abhandeln.

Kunst als dritte Dimension neben Wissen und Können ist ein wesentliches Merkmal wirksamer Therapie. Zur Kunst gehört der phantasievolle und intuitiv-emotionale Umgang mit Intimität zwischen Familienmitgliedern, zwischen Liebespartnern, aber eben auch Intimität im Sinne von Erkennen und Erkanntwerden in der therapeutischen Beziehung. Ohne die Kunst eines angstfreien, mutigen Mich-Einlassens – das heißt auch, »zu empfinden, statt nur zu wissen« – kann ich mir weder wirksame Paar- oder Familientherapie noch Organisationsberatung vorstellen. Daran anknüpfend gibt es ein anderes Thema: Wie Therapeutinnen und Therapeuten mit sich selbst umgehen – also die sogenannte Self-Care oder das Selbst-Coaching – besonders, wenn sie den Eindruck des Scheiterns haben.

Person und Therapie

In jedem Leben gibt es Themen, die uns prägen und die bewusst oder halb bewusst unsere Berufswahl und heutige Arbeit beeinflussen. Als ich selbst damals auf der Suche nach einem für mich passenden beruflichen Ort war, hatte ich das Gefühl, es sei alles Zufall. In meiner eigenen Familie gab es niemanden, der mit Beratung oder Therapie Erfahrung hatte. Als Beruf wurden in meiner Familie Psychotherapie und Organisationsberatung eher kritisch betrachtet.

Rückblickend meine ich, dass meine kindliche Erfahrung von anteilnehmender und engagierter Begegnung sowie das »Netzwerken« meiner fröhlichen und tüchtigen Mutter meine Berufswahl mehr geprägt hat, als mir damals bewusst war. Es ist wohl auch nicht verwunderlich, dass ich vor über 20 Jahren meinen eigenen »Laden«, ein Ausbildungsinstitut, als mittelgroßen Betrieb gegründet und diesen seither mit einem Team von Kollegen und Professionellen in aller Welt vernetzt habe. Wenn ich heute ab und zu hinter der Einwegscheibe sitze, wo vorn ein Kollege oder eine Kollegin in Ausbildung arbeitet, denke ich mit weichen Gefühlen an meine erste Lehrmeisterin, meine Mutter im Blumenladen.

Professionelle Sozialisation

Die beschriebene Kindheitserfahrung legte also einen guten Boden für meine persönliche Entwicklung. Jerome Frank (1992, S. 236) meint dazu:

»Jeder, der ein bisschen menschliche Wärme und ein bisschen Verstand aufbringt, ein bisschen Feingefühl für die Probleme anderer hat und den Wunsch zu helfen, kann für viele Anwärter auf Psychotherapie nützlich sein … Die Linderung von Angst und Niedergeschlagenheit durch Psychotherapie ist dem Placebo-Effekt sehr ähnlich …«

Diese Alltäglichkeit des Heilens gehörte zu meiner Kindheit. Am Familientisch saßen bei uns, seit ich mich erinnere, Menschen mit der Beschreibung »Depression«, die in der psychiatrischen Klinik Burghölzli in Zürich gewesen waren. Weil der Klinikchef Bleuler meine Eltern kannte, hat er ihnen ganz selbstverständlich das Feingefühl und die Wärme zugetraut, mit der sie jüngere und ältere Patienten sicher rahmen würden. Meistens, wenn auch nicht immer, ist ihnen das gut gelungen. Ich habe viel gelernt – auch über Misserfolge in der Familienpflege.

Meine Frage als junge Frau war: Wie würde ich selbst über Wärme und Feingefühl hinaus, also jenseits des Placeboeffektes, Menschen bei der Lösung ihrer Probleme unterstützen lernen, und wer würde mich dafür anerkennen? Laientherapie war zwar in der Psychoanalyse eine Zeitlang anerkannt, aber nicht auf dem späteren Gebiet der Familientherapie. Also machte ich in den USA eine Ausbildung in Verhaltenstherapie, von deren Pragmatismus ich noch heute zehre. Allerdings wurde der Fokus auf die »Zweierkiste Klient/Therapeut« für meinen Geschmack bald zu eng. In den 70er Jahren habe ich mich dann der »systemischen« Paar- und Familientherapie zugewendet. Dabei haben zwei brillante Lehrmeister mich beeinflusst: Jay Haley in Washington und Mara Selvini Palazzoli in Mailand. Es waren gute Jahre, und die Aufbruchstimmung in unserem Feld erlebte ich als phantastisch. Sogenannte schwierige Fälle, besonders jene in der Psychiatrie, mit denen ich in USA arbeitete, wo noch fraglos mit angsterzeugenden Elektroschocks experimentiert wurde, forderten mich zum Widerspruch heraus. Ich wollte mich Menschen anschließen und sie verstehen, und ich wollte lieber die Autonomie meiner Klientinnen und Klienten unterstützen als ihren Gehorsam. Die Hebung ihres Selbstbewusstseins in entspannender Situation passte zu meinem Verständnis von Problemlösung bzw. von Heilung.

Am besten gefiel mir, dass mich beide, Haley in Washington und Selvini in Mailand, dabei unterstützten, in Therapien aktiv zu sein und einen langen Atem zu behalten, selbst wenn keine schnellen Lösungen in Sicht waren. Schwierig fand ich jedoch bei beiden therapeutischen Schulen, dass sie der Person von Therapeut oder Therapeutin und der therapeutischen Beziehung kaum Bedeutung beimaßen – wenigstens nicht in der Theorie. Was Wolfgang Loth und Arist von Schlippe (2004, S. 341 ff.) an beiden Schulen kritisieren, ist ihre Strategie der Undurchschaubarkeit bzw. die Metaphorik des Kalten Krieges, die in Begriffen wie kommunikative »Bomben« oder »Spiele der Familie« enthalten sind. Am schwierigsten fand ich persönlich den Anspruch auf thera- peutische Neutralität bei Selvini und ihrem Team, die mit »Neutralität« den – ihrem psychoanalytischen Hintergrund entsprechenden – Begriff »therapeutische Abstinenz« ersetzten. Aus meiner heutigen Sicht finde ich die Einstellung zum Thema der Person des Therapeuten in der therapeutischen Beziehung in beiden »strategischen« Richtungen fragwürdig. Wer sich in die damalige Zeit versetzt, kann aber verstehen, warum der Begriff der therapeutischen Beziehung, der damals mit einer strengen Form von Psychoanalyse verknüpft war, welche als die Bedingung für Wandel propagiert wurde, keinen Platz bekam im systemisch-strategischen Paradigma.

Beide, Selvini und Haley, redeten damals lieber von therapeutischer »Strategie« als von Beziehung. Diese Kriegssprache ist nicht meine Präferenz, obwohl ich 1976 für die deutsche Übersetzung von Haleys »Direktive Familientherapie. Strategien für die Lösung von Problemen« ein wohlwollendes Vorwort schrieb. Es gibt ja, wie in allen theoretischen Therapiemodellen, immer auch gelebtes Leben, das von den theoretischen Landkarten abweicht und oft attraktiver ist als die kognitiven Landkarten! Im Fall von Thomas hat seine liebevolle Frau Franziska ihm diesen sicheren Rahmen der »Entwicklung trotz widriger Umstände« angeboten, was zur Vertiefung ihrer Paarbeziehung beigetragen hat.

Von Thomas habe ich vor allem gelernt, dass bei der Auseinandersetzung mit den eigenen Eltern und ihren Mängeln eine großzügige Haltung angezeigt ist, die erlaubt, Blicke in ihre Abgründe zu tun, ohne Angst selbst hineinzufallen. Thomas ist ein treuer Mensch, der es wagt, Vater und Mutter in kritischem Licht zu sehen, ohne die Beziehung zu ihnen grundsätzlich in Frage zu stellen oder sie gar abzubrechen. Ich lerne von ihm, wie der Balanceakt von Nähe und Distanz immer wieder anzupacken ist, und wie die Angst vor Überanpassung, die er in der Kindheit erlernt hat, ihn ab und zu beeinträchtigt, aber auch herausfordert, die Balance immer wieder neu zu probieren.

Was beiden von uns hilft, ist wohl die Tatsache, dass keiner von uns ein »Publikum« beeindrucken muss, das am Schicksal von Thomas und seiner Familie ein Interesse hat, welches über die naheliegende Auseinandersetzung mit den Lebensthemen und den Anforderungen an ihn hinausgeht. Bei einem Menschen wie Thomas, der als »Show- man«, wie er von sich sagt, verführbar ist, ist die Nüchternheit einer präzisen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und den darin enthaltenen Lebensthemen wohltuend. Ich freue mich zu berichten, dass sie sich bewährt hat.


Literatur:

Loth, Wolfgang & Arist von Schlippe (2004): Die therapeutische Beziehung aus systemischer Sicht. In: Psychotherapie im Dialog 5 (4): S. 341-347.




Mit freundlicher Erlaubnis des Carl-Auer-Verlages



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