Start
Bücher
Neuvorstellungen
kurz vorgestellt
Klassiker
Vorabdrucke
Zeitschriften
Familiendynamik
Konfliktdynamik
Journ. of Fam.Ther.
Family Process
Kontext
OSC
perspekt. mediation
Psychoth. im Dialog
Psychother.Soz.Wiss.
rpm
Soziale Systeme
systeme
System Familie
systhema
ZSTB
Links
Beiträge
Feldpost
Salon
Interviews
Nachrufe
Glossen
Luhmann-Special
Kongressgeschichten
"Das erste Mal"
Begegnungen
Blinde Flecke
Mauerfall 1989
Von Klienten lernen
Bibliothek
edition ferkel
Berichte
Nachrichten
Kalender
Newsletter
Konzept
Institute
Info
Autoren
Kontakt
Impressum
Druckversion Druckversion
Copyright © 2013
levold system design
Alle Rechte vorbehalten.
systemagazin logo


Vorabdruck aus Martin Rufer: Erfasse komplex, Handle einfach. Systemische Psychotherapie als Praxis der Selbstorganisation – ein Lernbuch

Rufer: Erfasse komplex Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012 (Frühjahr)

271 Seiten, brosch.

Preis: 24,95 €

ISBN-10: 3525401795
ISBN-13: 978-3525401798

Verlagsinformation: Praxisliteratur wie auch Fortbildungen hinterlassen oft den Eindruck, dass Therapie eine Sache der Methode oder Technik sei. Dem stehen Erkenntnisse aus Forschung und Praxis gegenüber, die therapeutische Kompetenz an »common factors« festmachen und die Therapeuten als Prozessgestalter und Künstler des Gesprächs verstehen, angefangen bei der Wahl des passenden Settings hin zu Wortwahl, Tonfall und Gestik.
In diesem an der Alltagspraxis orientierten Lernbuch stehen folgende Fragen im Mittelpunkt: Wie kann man therapeutische Prozesse verstehen und gestalten? Wer und was ist dabei wichtig? Woran liegt es, wenn es in Therapien hakt? In allen gelingenden Therapien lassen sich allgemeine Wirkfaktoren und Kriterien ausfindig machen, die helfen, Komplexität zu verstehen und zu vereinfachen. Martin Rufer unternimmt den Versuch, die generischen Prinzipien selbstorganisierender Prozesse nach Haken und Schiepek als ein systemisches Konzept für die Fallkonzeption zu konkretisieren und basierend darauf Psychotherapie im weiteren Kontext zu verstehen.
Dieses Buch ruft bewährte Werkzeuge in Erinnerung, ergänzt das Handlungsrepertoire um neue und regt dazu an, sich als Praktiker in den system- und psychotherapeutischen Diskurs einzumischen.

Geleitworte von Arnold Retzer, Franz Caspar und das Vorwort des Autors

Über Autor:
Lic. phil. Martin Rufer ist in eigener Praxis als Psychologe und Psychotherapeut sowie im Bereich Weiterbildung und Supervision in Bern tätig. Von 2000–2009 war er Geschäftsleiter des ZSB Bern (Zentrum für systemische Therapie und Beratung).


Generische Prinzipien: Zur Praxis der Selbstorganisation (Kapitel 2, S.31-41)

»Das Wissen um die generischen Prinzipien
selbstorganisierender Prozesse kann therapeutisches
Handeln organisieren, vereinfachen
und begründen« (Haken u. Schiepek, 2006, S. 441).

Musterhafter Wandel: Zur Theorie der Selbstorganisation


Patienten sind oft in ihren Denk- und Handlungsmustern gefangen. Dies zeigen auch die Fallbeispiele in diesem Buch. Ganz allgemein aber gilt, dass den Betroffenen bei psychischen Störungen die Flexibilität verloren geht. Maßnahmen und auch therapeutische Gespräche scheinen oft lange Zeit wenig ändern zu können. Plötzlich aber zeigt der Patient unerwartete Fortschritte oder Veränderungen im Umfeld des Patienten stoßen eine überraschende Entwicklung an. Dass diese, oft auch zum Erstaunen des Patienten, seiner Angehörigen und des Therapeuten selbst, nicht zufällig, sondern musterhaft verlaufen, ist Teil der Forschung zur nichtlinearen Dynamik selbstorganisierender Systeme (Haken u. Schiepek, 2006).

Schon C. G. Jung erkannte die Komplexität des psychischen Systems: »Die Angepasstheit eines psychischen Systems bezieht sich aber auf die jeweilige Zeitlage und Umweltbedingung und ist daher nicht für immer und ewig festgelegt. Die Angepasstheit ist ein stetig fortschreitender Vorgang, welche die ebenso stetige Beobachtung des Wechsels der äußeren und inneren Gegebenheiten zur unerlässlichen Voraussetzung hat« (zit. nach Alt, 1991, S. 90) und der Gestaltpsychologe Wolfgang Metzger (1899–1979) postulierte: »Ordnung kann unter Umständen von selbst – ohne das Eingreifen eines ordnenden Geistes – entstehen« (Metzger, 1963, zit. nach Schiepek u. Schönfelder, 2007, S. 54).

Später dann waren es vor allem Experimente aus den Natur- und Neurowissenschaften (z. B. Kelso, 1995), mit denen man zeigen konnte, dass schon kleine Störungen zum Umkippen von (motorischen) Bewegungsmustern führen. Dass dieser musterhafte Prozess sich dann auch noch mathematisch beschreiben ließ, läutete in der Tat einen Paradigmenwechsel ein (Haken u. Schiepek, 2006). Damit wurde ein Weg beschritten weg von der Idee eines zentralen Programms, das das Verhalten steuert, hin zum Konzept der Selbstorganisation als ein universelles Prinzip der Ordnungsbildung und des Ordnungswandels.

Ähnlich wie in physikalischen Systemen erzeugt auch in biologischen Systemen das neuronale Zusammenspiel beim Menschen zwar geordnete Zustände, aber mit nur wenig stabilen Mustern. Entsprechend sind es die Kippvorgänge und Fluktuationen, die zu neuen Ordnungszuständen führen. Wandel findet nicht kontinuierlich statt. Zufall und Unvorhersehbarkeit spielen eine große Rolle, wenn Systeme ins Kippen geraten, wie auch jüngste Beispiele aus Politik, Wirtschaft und Umwelt zeigen (Hungersnöte in Afrika, Finanz- und Schuldenkrisen, die atomare Katastrophe in Fukushima, der Klimawandel).

Diese nichtlineare Dynamik in neuronalen Netzwerken gilt auch für Psychotherapie, wie in Forschungen zur »Neurobiologie der Psychotherapie« (Schiepek, 2011) gezeigt werden konnte.

Heilung in der Lesart der Selbstorganisation ist der Übergang von einem krankhaften Ordnungszustand in einen anderen Ordnungszustand mit gesundem, flexiblem Verhalten. Eine dauerhafte Besserung lässt sich dabei nicht durch vorübergehenden äußeren Druck herstellen. Wandel wird im Inneren eines Systems (Gehirn, Individuum, Paar, Familie) erzeugt (generiert), ohne dass dem ein erkennbares Umweltereignis entspricht bzw. eindeutig einer therapeutischen Intervention zugeordnet werden kann (…).

Um eine neue Ordnung zu bilden, müssen selbstorganisierende Systeme zunächst aus dem Gleichgewicht geraten. Solche »Zwischenzustände« sind durch kritische Instabilität gekennzeichnet (z. B. Turbulenzen in bio-psycho-sozialen Systemen). Sie sind zwar selbstorganisatorisch geregelt, die Gesetzmäßigkeiten aber oft nicht nachvollziehbar. »Die Hummel hat eine Flügelfläche von 0,7 cm2 bei 1,2 g Körpergewicht. Die Gesetze der Physik lehren uns, dass es unmöglich ist, so zu fliegen. Die Hummel weiß das nicht und fliegt trotzdem und dies mit höchster Präzision« (Einstein, zit. nach Calaprice, 1997, S. 25).

Für die Psychotherapie heißt dies: Veränderung geschieht eher sprunghaft, angestoßen durch Ereignisse im Umfeld des Patienten oder auch durch Impulse in der einen oder anderen Therapiesitzung.

Die dazu notwendig Energie speist sich in der Therapie meist aus dem Leidensdruck des Patienten (oder seiner Angehörigen) und dem Willen zu positiver Veränderung.

Der Therapeut versucht in einem Therapiesystem dafür günstige, die Motivation fördernde Bedingungen zu schaffen. Dafür sollte die Behandlung transparent, interaktiv, plausibel und auch zeitlich passend sein. »Eigentlich habe ich ja schon vor der Therapie gewusst, was sich bei uns verändern müsste« (Klientin im Anschluss an eine Paartherapie). Mit anderen Worten: Eingriffe in (Klienten-)Systeme sind nur dann effektiv, wenn diese sich bereits in einem instabilen Zustand befinden.

Es geht also nicht darum, Störungen von außen aufzubrechen, sondern sie in Bezug zu inneren Veränderungen des Systems (Autopoiese) aufzulösen. Interventionen müssen deshalb mit den Lebensentwürfen, den Wünschen, Bedürfnissen und Möglichkeiten des/der Betroffenen übereinstimmen.

Studien haben zudem gezeigt, dass diese Phasen der Instabilität (Zwischenzustand) in ganz unterschiedlichen Abschnitten der Behandlung stattfinden (Schiepek u. Schönfelder, 2007). Sie künden sich zwar an (»rapid early responses«, Schiepek, 2011, S. 23), oft aber nicht dann und dort, wo der Therapeut sie vermeintlich verortet. Genauso können sich Symptome – auch ohne symptomorientiertes Arbeiten – unerwartet schnell verbessern (»sudden gains«, Schiepek, 2011, S. 23).

Veränderungen laufen und zeigen sich diskontinuierlich. Fixen Behandlungsplänen erteilt die Theorie der Selbstorganisation damit von vornherein eine Absage. Diese Sichtweise verlangt flexible Therapeuten, die sich in ihrem Vorgehen vom Patienten führen lassen (»Du weißt es, du sagst es mir«, Bowlby, 1988, S. 151).

Diese Erkenntnisse stützen auch eine Idee des mittelalterlichen Arztes und Philosophen Paracelsus: Eine Behandlung bietet immer nur den Rahmen für die natürlichen Heilungsprozesse. Aufgabe der Psychotherapie ist es, die optimalen Rahmenbedingungen dafür zu schaffen – von der Ebene der Neurobiologie bis zum familiären, sozialen und gesundheitspolitischen Umfeld.

Die Psychotherapie braucht Theorien, die die Eigendynamik und die spontanen Musterbildungsprozesse von Systemen (z. B. Patient, Klient) mit der Dynamik externer Prozesse (z. B. Kontext von Patient und Therapeut) in Zusammenhang sehen.

Damit ist die therapeutische Orientierung an der Kompetenz von Patienten zentral und als einer Kraft im Inneren von Klientensystemen auch wissenschaftlich begründbar, oder wie es der Psychiater Ausloos für die therapeutische Arbeit formuliert: »Eine Familie kann sich nur solchen Probleme stellen, die zu lösen sie auch selber in der Lage ist« (2000, S. 25). In dieser Konsequenz wird Kooperation nicht nur proklamiert, sondern konzeptualisiert (siehe Fallbeispiele).

Im Verständnis der Selbstorganisation können prinzipiell alle psychotherapeutischen Methoden helfen, die die Ordnungsbildung in der Psyche beeinflussen und so (nichtlineare) Veränderungsprozesse anstoßen. Welche Mittel und Maßnahmen am besten Veränderung bewirken, hängt weniger vom Störungsbild als vom relevanten System, das heißt vom jeweiligen Patienten, den Mitbetroffenen, dem Behandlungskontext und dem Können des Therapeuten ab (Norcross, 2002; Lambert, 2010b).

Generische Prinzipien entsprechen in gewissem Sinne auch den allgemeinen, unspezifischen Wirkfaktoren, die Psychotherapieforscher schon seit den 1960er Jahren diskutierten (z. B. Zuversicht, Änderungsbereitschaft, Beziehung zum Therapeuten).

Darüber hinaus lassen sich aber aus der Theorie der Synergetik Bedingungen für die Gestaltung selbstorganisierender Entwicklungen als spezifische Prozessmerkmale (Prinzipien) generieren. »Auf der Grundlage dieser Prinzipien wird versucht die Befundlage der sogenannt unspezifischen Wirkfaktoren in der Psychotherapie kritisch zu rekapitulieren und im Sinne spezifischer Prozessmerkmale zu interpretieren« (Haken u. Schiepek, 2006, S. 436). Indem Psychotherapeuten befähigt werden, Klientenfeedbacks aus therapeutischen Prozessen richtig oder besser zu lesen, werden sie gleichsam zu Erforschern ihrer eigenen Praxis.

Vergleichbar mit der Partitur für die Interpretation eines musikalischen Werks steht dem Therapeuten eine »Partitur für die Therapie« zur Verfügung, die ihm hilft, Therapie auf gleicher Augenhöhe mit Patienten zu organisieren, zu vereinfachen und zu begründen. »Alles soll so einfach wie möglich gemacht werden, aber nicht einfacher« (Einstein, zit. nach Calaprice, 1997, S. 34).

Generische Prinzipien: Zur Praxis der Selbstorganisation


Auch wenn die Forschung die Frage, wann und wie ein Blatt vom Baum fällt, nie genau beantworten wird, kann sie helfen, Bedingungen oder Prinzipien zu verstehen, die selbstorganisierenden Prozessen zugrunde liegen. Die von Schiepek für die Psychotherapie formulierten generischen Prinzipien sind gewissermaßen Bausteine, aus denen sich Heuristiken für die Psychotherapie entwickeln lassen. Mit ihrer Hilfe geht es darum, für die jeweilige Fallkonzeption
  • eine theoretische Fundierung des praktischen Handelns zu ermöglichen;
  • eine prozessadäquate Organisation des Behandlungsverlaufs zu erreichen;
  • zu einer Komplexitätsreduktion beizutragen, indem die Vielzahl möglicher Interventionen vor dem Hintergrund weniger Kriterien beurteilt wird und so »Handeln vereinfacht«;
  • Fallen und Hürden zu erkennen und auch (unerwartete )Probleme im Therapieverlauf besser zu verstehen.
»Es handelt sich dabei nicht um ein Phasenmodell, das der Eigendynamik menschlicher Entwicklungsprozesse eine normative Schrittfolge aufzwingen würde, sondern um Kriterien, die es permanent zu beachten gilt, die aber in unterschiedlichen Phasen der Psychotherapie unterschiedliche Bedeutung erhalten können« (Haken u. Schiepek, 2006, S. 437).

Diese Prinzipien sind den störungsspezifisch orientierten Interventionen übergeordnet und dienen als Filter und Kriterien für kontinuierlich, adaptive Indikationsentscheidungen (…). Als Partitur helfen sie dem Therapeuten nicht nur bei der Fallkonzeption, sondern in der Gestaltung therapeutischer Prozesse den richtigen Ton und den passenden Rhythmus zu finden, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. So lassen sich aus dem Prozess heraus Instabilitäten und Stagnationen erkennen.

Als generische Prinzipien gelten:
  • Herstellen von Stabilitätsbedingungen [1],
  • Erkennen von Mustern des relevanten Systems [2],
  • Sinnbezug [3],
  • Kontrollparameter identifizieren und Energetisierung ermöglichen [4],
  • Destabilisierung – Erkennen und Gestalten von Phasen der Instabilität [5],
  • »Kairos« – Passung mit psychischen und sozialen Prozessen in der Zeit [6],
  • Zielorientierung – Symmetriebrechung ermöglichen [7],
  • Restabilisierung – Etablieren neuer Strukturelemente [8].
Diese werden im Folgenden ausgeführt und erläutert (Haken u. Schiepek, 2006, S. 436 ff.) und mit einer Auswahl an Fragen ergänzt, die der Therapeut sich selbst und in angepasster Form auch seinen Klienten stellen kann. Sie ermöglichen es, Indikationen zu prüfen und fallbezogen Entscheidungen für das Vorgehen zu treffen (…).

Herstellen von Stabilitätsbedingungen [1]: Therapeutischer Wandel (Ordnungsübergänge) ist mit Destabilisierung verbunden. Damit in diesen instabilen Phasen auch entsprechend therapeutische Prozesse möglich werden, braucht es einen Kontext von Stabilität, das heißt stabile Rahmenbedingungen. Dazu gehören alle Maßnahmen zur Schaffung struktureller Sicherheit (Versorgungskontext, Therapieraum, Therapiesetting, Finanzierung, Behandlungsablauf, Verstehbarkeit und Transparenz des Vorgehens), die Beziehungsqualität und das Vertrauen zum Therapeuten (Glaubwürdigkeit, emotionale Standfestigkeit, Systemkompetenz, Therapie auf gleicher Augenhöhe) sowie der Zugang zu den Ressourcen und Kompetenzen des Klienten. Nicht nur in der Therapie mit traumatisierten Menschen (…) zeigt sich, wie wichtig ein »sicherer Ort« ist, sondern ganz allgemein gilt ein tragendes therapeutisches System als der Boden für explorierendes Verhalten.
  • Welche kontextuellen Bedingungen (Angehörige, Institutionen, Finanzierung, Transparenz im Vorgehen usw.) gilt es zu beachten (…)?
  • Wer im Klientensystem leidet wie und wo liegt mein Auftrag?
  • Welche Abwesenden sind als »Stabilisatoren« bedeutsam und müssten im Interesse des Patienten einbezogen werden?
  • Wie finde ich mit Sprache und Gestik wertschätzend Anschluss?
Erkennen von Mustern des relevanten Systems [2]: Es gilt festzulegen, auf welches (bio-psycho-soziale) System sich die zu fördernde Selbstorganisationsprozesse beziehen sollen (Person, Paar, Familie, Institution). Die systemdiagnostische Fallkonzeption des Therapeuten liefert ein Bezugssystem für das Erfassen problematischer Kommunikations- und Beziehungsmuster oder intra- und interpersoneller Systemprozesse. Ein Problemverständnis dieser Muster bietet Ansatzpunkte für die Fallkonzeption, die Hypothesenbildung und passende Interventionen. Schulenspezifische Modelle wie die idiographische Systemmodulierung (Schiepek, 1999), Plan- oder Schemaanalyse (Caspar, 1996) oder die Arbeit mit Teilen (Ego States) können dabei hilfreich sein. Unterschiedliche Beziehungsmuster erfordern eine darauf abgestimmte Beziehungsgestaltung und Prozesssteuerung.
  • Welches ist das relevante System für ein Problemverständnis (Emotion, Kognition, Bindungssystem, soziales und/oder institutionelles Umfeld)?
  • Welches sind die Problembeschreibungen im Klientensystem?
  • Was sind wiederkehrende, belastende oder störende Kognitions-, Emotions- und Verhaltensmuster? Welche (klinischen) Diagnostiken (auch standardisierte Methoden) können helfen, Störungs- und Problemmuster zu verstehen (…)? Welches sind meine Hypothesen?
Sinnbezug [3]: Patienten kommen oft mit dem Wunsch, das eigene oder das Verhalten anderer begreifen oder einordnen zu können. Oft ist es aber für sie schwierig, eine innere Stimmigkeit (Synergitätsbewertung, Sinn) in belastenden Erfahrungen zu finden. Insbesondere aber die durch Therapie intendierten Entwicklungsprozesse sollten als sinnvoll erlebt werden können und mit zentralen Lebenskonzepten und Sinnsystemen in Korrespondenz stehen. Erst so kann Verhalten, Denken und Erleben auch neu bewertet werden. Sinnbezug entspricht der Dimension der Bedeutsamkeit in Antonovskys »Kohärenzsinn« (Antonovsky, 1997) und steht in Bezug zu dem motivationalen Konzept der »Konsistenz« in Grawes Therapietheorie (Grawe, 1998). Nur für sinnvolle Projekte lohnt es sich, auch etwas zu investieren, und genau in diesem Sinne ist Klärungsorientierung wichtig.
  • Welche Bedeutung, Funktion, Sinn haben bisherige (auch gescheiterte) Problemlösungsversuche? Welches sind die wirklichen (existenziellen) Probleme des Patienten? Welche sollen Thema in der Therapie sein?
  • Welche Geschichten (Narrative) und Problembeschreibung machen im Lebensentwurf und Kontext des Patienten Sinn?
  • Wie lässt sich die Externalisierung von Problemen (z. B. Klagen) internalisieren (z. B. Fokus auf Emotionen, Auslassungen in den Narrativen)?
Kontrollparameter identifizieren und Energetisierungen ermöglichen [4]: Selbstorganisation setzt die energetische Aktivierung eines Systems voraus. In der Psychotherapie heißt dies Herstellung motivationsfördernder, energetisierender Bedingungen (emotions-, kognitionsfokussiert) auf dem Boden von Anliegen, Zielen, Kompetenzen und Ressourcen der Patienten. Korrigierende Erfahrungen brauchen konsistente Ziele, um Lernbereitschaft zu erzeugen. Motivation geht einer Therapie nicht voraus, sondern sie ist Teil des therapeutischen Prozesses und wird sowohl vom Therapeuten, vom Therapiekontext als auch vom Lebensumfeld des Patienten mitgesteuert.
  • Welche Interessen oder Systemebenen müssen beachtet werden (…)?
  • Wer oder was macht Druck? Wo liegt der Widerstand?
  • Wie kann ich dabei die Allparteilichkeit aufrechterhalten?
  • Muss ich eher emotions- oder eher kognitionsfokussiert intervenieren?
  • Gibt es Resilienzen oder wie und wo zeigen sich Ressourcen?
  • Wie lassen sich Bindungen nutzen und Selbstwirksamkeit aktivieren?
Destabilisierung – Erkennen und Gestalten von Phasen der Instabilität [5]: Psychotherapie eröffnet veränderte Erfahrungsmöglichkeiten. Bestehende Muster werden destabilisiert. Damit verbundene Inkongruenzen wirken zunächst irritierend, auch wenn Klienten oft schon vorher das Gefühl entwickeln, dass bisheriges Verhalten, Denken und Fühlen nicht (mehr) adäquat ist (»eigentlich habe ich es ja schon immer gewusst«). Diese »inputsensiblen Phasen« werden therapeutisch in unterschiedlichen Techniken und Interventionen genutzt, um bestehende Muster zu unterbrechen oder zu destabilisieren sowie Differenzierungen, Unterscheidungen und neues, ungewöhnliches Verhalten einzuführen, zum Beispiel durch den Einbezug von »Dritten«, durch Reframing, Übungen und Exposition.
  • Wann und wie zeigt sich eine Phase »kritischer Instabilität«?
  • Wie künden sich »Ordnungsübergänge« an und wie reagiere ich darauf ?
  • Welche meiner Interventionen oder Techniken (Gesprächsführung, Metaphern, Aufgaben, Übungen usw.) sind passend?
  • Wie können Beziehungsressourcen (Support) dafür genutzt werden?
»Kairos« – Passung mit psychischen und sozialen Prozessen in der Zeit [6]: Angewandte therapeutische Heuristiken sollten dem aktuellen kognitiv-emotionalen (Entwicklungs-)Zustand von Patienten entsprechen. Vorgehensweise und Kommunikationsstil des Therapeuten müssen zu den psychischen, physischen Prozessen und Rhythmen des Klienten und seines sozialen Umfeldes passen. Merkmale wie Körperhaltung, Sprechgeschwindigkeit, Sprechpausen, Blickkontakt, Aufgreifen von Bildern, Metaphern und Redewendungen sind dabei zentral. Aber nur wenn Patienten auch eine entsprechende »Aufnahmebereitschaft« zeigen, können Therapien auch wirken. Die Interventionen des Therapeuten müssen daher zu Persönlichkeitsstil und aktueller Verarbeitungstiefe passen. Erst wenn die Bedürfnisschemata aktiviert sind, der Patient auch emotional involviert ist, werden Problembewältigung und neue Erfahrungen möglich.
  • Passt mein (therapeutischer) Schlüssel? Wo sind die Fallen?
  • Wann passt was und wie führe, steuere ich den Therapieprozess (aktiv – passiv, konfrontativ – abwartend, emotionsfokussiert – kognitionsfokussiert)?
  • Wie zeigt sich Angst vor Veränderung beim Klienten bzw. bei mir als Therapeuten (Problemtrance, Schonverhalten)?
  • Wie erhalte und wie lese ich Feedback (Resonanz)?
Zielorientierung – Symmetriebrechung ermöglichen [7]: In der Psychotherapie, insbesondere in Phasen kritischer Instabilität, kann schlecht vorausgesagt werden, wann und wie Veränderung bzw. Nichtveränderung eintritt (ähnliche Wahrscheinlichkeit entspricht Symmetrie).

Da oft kleine Fluktuationen über ihre Realisation entscheiden, ist die Vorhersehbarkeit (Prognose) gering. Um also Symmetriebrechungen in eine bestimmte Richtung zu lenken (Prozesssteuerung), können wie im Sport mit Hilfestellungen bestimmte Bewegungsabläufe unterstützt und mit neuen Erfahrungen in der Therapie erweitert werden. Die Entwicklung und Repräsentation von Zielen bekommt hier ihren Stellenwert. Ähnlich wie der Sportler vor dem Start kann der Klient einen intendierten (neuen) Ordnungszustand antizipieren (»future pacing«).
  • Wie lässt sich Neues von Altem (mehr desselben) unterscheiden? Welche Übungen helfen den neuen Zustand zu antizipieren?
  • Wer aus dem sozialen Umfeld (Partner, Eltern) kann den Patienten auf diesem Weg unterstützen und ihm Feedback (Resonanz) geben?
Restabilisierung – Etablieren neuer Strukturelemente [8]: Veränderung ist ein Prozess und dieser geschieht meist sprunghaft und schrittweise. Oft sind es Kaskaden von Ordnungsübergängen, die einen oft turbulenten Therapieverlauf beschreiben. Wo dann positiv bewertete Veränderungen erreicht wurden, gilt es diese in unterschiedlichen Situationen und Kontexten einzuüben, zu stabilisieren und zu automatisieren und so zugänglich und verfügbar zu halten. Je mehr sich Therapie im realen Leben und Lebenskontext des Patienten orientiert (z. B. Einbezug von Angehörigen, Partnern), desto mehr gelingt es, die neuen Muster in bestehende Selbstkonzepte zu integrieren. Maßnahmen zur Stabilisierung und Generalisierung neuer Kognitions-, Emotions- und Verhaltensmuster erzeugen Nachhaltigkeit.
  • Wie lassen sich Problemlösungen und neue Skills im System festigen?
  • Muss geübt werden (z. B. Skills-Training, Achtsamkeit usw.)?
  • Wann ist der richtige Zeitpunkt zur Beendigung der Therapie? Wie mache ich mich als Therapeut überflüssig?
Dieses Wissen um die generischen Prinzipien selbstorganisierender Prozesse leitet die Fallkonzeption (…).

Interventionstechniken bieten dem Praktiker innerhalb der funktionalen Äquivalenz mehrere Techniken für die Realisierung jeweils eines Prinzips Spielräume und Wahlfreiheit« (Schiepek, 2008, S. 1040). Eine Normierung der Vielfalt von Stilen und Praxisformen ist also gerade nicht beabsichtigt. Im Gegenteil: Psychotherapeuten und Berater können damit ihre therapeutischen Kompetenzen (neu) begreifen und passende Essenzen in ihren eigenen Stil integrieren. Wie dies konkret gemeint ist und gemacht werden kann, lässt sich in den Fallbeispielen (…) Schritt für Schritt nachvollziehen.

Literatur:

Alt, F. (1991). C. G. Jung. Vom Leiden und Heilen. Olten: Walter.
Antonovsky, A. (1997). Salutogenese. Tübingen: Dgvt.
Ausloos, G. (2000). Die Kompetenz der Familien, Heidelberg: Carl-Auer.
Bowlby, J. (1988). Developmental psychiatry comes of age. American Journal of Psychiatry, 145, 1–10.
Calaprice, A. (Hrsg.) (1997). Einstein sagt. Zitate, Einfälle, Gedanken. München: Piper.
Caspar, F. (1996). Beziehungen und Probleme verstehen. Eine Einführung in die Psychotherapeutische Plananalyse. Bern: Huber.
Grawe, K. (1998). Psychologische Therapie. Göttingen: Hogrefe.
Haken, H., Schiepek, G. (2006). Synergetik in der Psychologie. Göttingen: Hogrefe.
Kelso, J. A. S. (1995). Dynamic Patterns. The Self-Organization of Brain and Behaviour. Cambridge: MIT Press.
Lambert, M. J. (2010b). Kann man gute und schlechte Therapeuten schulen- übergreifend an ihren Ergebnissen erkennen? Psychotherapie im Dialog, 11 (1), 42–44.
Norcross, J. C. (Hrsg.) (2002). Psychotherapy relationships that work. New York: Oxford University Press.
Schiepek, G. (1999). Die Grundlagen der Systemischen Therapie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Schiepek, G. (2008). Psychotherapie als evidenzbasiertes Prozessmanagement. Ein Beitrag zur Professionalisierung jenseits des Standardmodells: Nervenheilkunde, 27 (12), 1138–1146.
Schiepek, G. (Hrsg.) (2003/2011). Neurobiologie der Psychotherapie. Stuttgart: Schattauer.
Schiepek, G., Schönfelder, V. (2007). Musterhafter Wandel. Gehirn & Geist 10, 53–55.

_____________________________________________________________


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung
des Verlages Vandenhoeck & Ruprecht



Suche
Heute ist der
Aktuelle Nachrichten
15.06.2014
Die Systemische Gesellschaft sucht zum 1. Januar 2015 neue Geschäftsführung
10.04.2014
W 3 Endowed Professorship for Systemic Family Therapy in Freiburg
08.04.2014
Gesundheitsausgaben 2012 übersteigen 300 Milliarden Euro
28.01.2014
Fast jede zweite neue Frührente psychisch bedingt
17.12.2013
Diagnose Alkoholmissbrauch: 2012 wieder mehr Kinder und Jugendliche stationär behandelt

Besuche seit dem 27.1.2005:

Counter




RSS Newsfeeds Verzeichnis RSS-Scout - suchen und finden