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Vorabdruck aus: Thomas Hegemann & Cornelia Oestereich: Einführung in die interkulturelle Beratung und Therapie

Hegemann Oestereich: Interkulturelle Beratung Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2009 (März)

128 S., Klebebindung

Preis: 12,95 €

ISBN-10: 3896706772
ISBN-13: 978-3896706775


Verlagsinformation: In einer multikulturellen Gesellschaft können die Menschen immer weniger davon ausgehen, dass ihr Gegenüber die gleichen Vorstellungen über die Welt hat oder gleiche Werte und Haltungen vertritt. Auch professionelle Beratung und Psychotherapie müssen sich auf ethnische und kulturelle Veränderungen einstellen. Thomas Hegemann und Cornelia Oestereich stellen in dieser Einführung kompakt und übersichtlich die Grundlagen und Besonderheiten der interkulturellen systemischen Arbeit dar. Nach einer Einführung in die Grundlagen der Sozialanthropologie und Medizinethnologie beschreiben sie die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die interkulturelle Praxis. Den größten Teil nehmen die Beispiele aus der beraterischen bzw. therapeutischen Praxis des Autorenteams ein. Sie illustrieren ein breites Angebot von Beratungsmethoden für die psychosoziale Arbeit mit Menschen mit Migrationshintergund, von der Überwindung von Sprachbarrieren bis zur Arbeit in emotional belastenden Situationen. Ein ausführliches Literaturverzeichnis und Vorschläge für Praxisleitlinien schließen die Einführung ab.

Über die Autoren:
Thomas Hegemann, Dr. med., war als Arzt in Deutschland, Ghana und England in Kinderkliniken und -psychiatrien tätig. Später leitete er eine Kinder- und Jugendpsychiatrie. Heute ist er Vorstand von ISTOB – Institut für systemische Therapie und Organisationsberatung in München. Ende der 90er Jahre führte er mit Ben Furman das "ICH SCHAFFS!"-Programm in Deutschland ein und stellte es in Seminaren vor. Seine aktuellen Schwerpunktthemen sind: interkulturelle Kompetenztrainings, Entwicklung kundenorientierter Servicedienste, systemische Personalentwicklung und Führungskräftecoaching.

Cornelia Oestereich Dr. med., Psychiaterin, Psychotherapeutin, Familientherapeutin. Ärztliche Leiterin einer psychiatrischen Klinik mit Fachabteilungen für Allgemeinpsychiatrie und Psychotherapie, Suchterkrankungen, Gerontopsychiatrie sowie Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie und -psychotherapie. Lehrtherapeutin (SG) und Lehrende Supervisorin (SG) am Niedersächsischen Institut für Systemische Therapie und Beratung Hannover e. V.; Vorsitzende der Systemischen Gesellschaft (SG) Deutscher Verband für Systemische Forschung, Therapie, Supervision und Beratung e. V.
Bis 2007 Vorstandsmitglied des Ethnomedizinischen Zentrums Hannover e. V. Arbeitsschwerpunkte: Entwicklung und Etablierung interkultureller (systemischer) Behandlungskonzepte in der stationären wie ambulanten Psychiatrie. Systemische interkulturelle Familientherapie mit Dolmetschern. Entwicklung systemischer Behandlungskonzepte in der stationären Akutpsychiatrie (SYMPA). Etablierung systemischer, ambulanter Therapiekonzepte für schwertraumatisierte Menschen, auch aus anderen Kulturen.
Teil I: Grundlagen

1. Kultur

Kultur ist in!

Kultur, Multikulturalität, Kulturkonflikte … sind Begriffe, die die öffentliche Diskussion bestimmen. Wir alle sehen uns als kultivierte Menschen. Deutschland hat auch die Begriffsvielfalt zur Kultur um die Einmaligkeit des Kulturbeutels erweitert – dies ein Utensil, welches andere Völker eher mit Toilette oder Hygiene in Verbindung bringen. Bachs Kunst der Fuge, Goethes Faust, die Architektur der Dome und Burgen am Rhein gelten als Glanzpunkte unserer Kultur. Die politischen Kontroversen um eine Leitkultur zeigen höchst unterschiedliche gesellschaftliche Bewertungen der kulturellen Dimensionen unseres Zusammenlebens. Diese Spotlights zeigen, dass die Begrifflichkeit im Zusammenhang mit Kultur variabel und vielfältig ist und damit schwer zu fassen. Schon zur Wende zum vergangenen Jahrhundert, als der Kolonialismus in höchster Blüte stand, gab es ethnologischen Übersichtsarbeiten zufolge mehr als 100 Definitionen von Kultur. Wie wir aus den systemischen Ansätzen, die im nachfolgenden Kapitel dargestellt werden, lernen, lehrt uns diese Vielfalt von Ideen mehr über die Autoren und ihr Weltbild als über Kultur selber.
Aber ohne eine Begrifflichkeit im Bereich Kultur scheinen wir auch nicht auszukommen. Denn wenn wir von Kultur und Kulturellem sprechen, sollten wir uns selber klar darüber sein, was wir damit meinen. Theorien und Konzepte sind kein Selbstzweck. Brauchbare Theorien sollten Komplexität reduzieren; sie sollen anregen, sie sollen Praxis rekonstruierbar machen, Reflexionsangebote liefern und Kommunikationsmöglichkeiten eröffnen. Um all diesem gerecht zu werden, möchten wir als Systemiker ein Kulturkonzept vorstellen, welches wir von der amerikanischen Familientherapeutin Celia Falicov übernommen haben:

„Kultur ist ein für uns alle geltender Hintergrund von etablierten und über Generationen überlieferten Sichtweisen, Werten, Ansichten und Haltungen, welche einerseits unser ganzes Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen, die wir andererseits aber in individueller wie auch kollektiver Weise übernehmen, modifizieren und weiterentwickeln, und zwar in Abhängigkeit von unserer Teilhabe an unterschiedlichen Kontexten.“

Dieses Konzept teilt mit vielen anderen die Einschätzung, dass alles, was Menschen tun – alleine oder gemeinsam mit anderen – in einem kulturellen Ausdruck geschieht. Am deutlichsten wird das bei den Aktivitäten, die wir als Menschen tun (müssen!), um unsere biologische Existenz am Laufen zu halten; es handelt sich dabei um Bereiche wie Essen, Sauberkeit, Geburt, Sex, Sterben etc. Alle damit verbundenen Aktivitäten werden nach einem kulturell vorgegebenen Muster mit mehr oder weniger geringen Varianzbreiten vollzogen und sind in einen sozialen Rahmen eingebunden, in dem auch die anderen Menschen derselben Kultur sich mehrheitlich berechenbar verhalten. Ein Verhalten außerhalb von Kultur ist demnach gar nicht vorstellbar und findet auch nicht statt. Ein Bruch mit den kulturellen Vorgaben wird als Störung und Irritation erlebt.
Betrachten wir von den oben genannten Dimensionen des Lebens die des Essens. Darüber lässt sich leichter reden als über Sex oder Sterben – für die aber Gleiches gilt. Beim vergleichenden Blick auf die Küchen unserer beiden Großmütter oder die unserer Mütter und die unserer Partner fallen mehr oder weniger deutliche Unterschiede auf. Essen kann sich kulturell unterscheiden, je nachdem:
  • was als essbar gilt – Schweinefleisch, Froschschenkel, Innereien?
  • was zu welcher Zeit gegessen wird – Wurst, saurer Hering oder Kuchen zum Frühstück, freitags Fisch oder Fasten zur Fastenzeit?
  • wie das Essen zubereitet wird – gekocht, gebraten, gegrillt, koscher oder halal?
  • wie regelmäßig die Speisefolgen wiederkehren – samstags immer Eintopf, nur im Sommer Salat?
  • wer das Essen zubereitet – Frauen immer und Männer nur bestimmte Speisen zu bestimmten Zeiten?
  • wer mit wem gemeinsam isst – morgens holt sich jeder sein Essen, wann er will, kleine Kinder essen im Voraus, Frauen essen zusammen?
  • wer was isst – Männer, Kinder oder Gäste die besten Stücke?
  • in welche Riten das Essen eingebunden wird – gebetet wird nur bei warmem Essen, Weihnachten wird das gute Geschirr hervorgeholt, beim Essen wird nicht gesprochen oder getrunken?
Kulturen weisen schon in diesen einfachen Abläufen ebenso Unterschiede wie auch Ähnlichkeiten auf. Erst recht gilt dies für komplexere soziale Abläufe, wie beispielsweise für Erziehung, Beratung oder Therapie. Das oben genannte Konzept von Kultur halten wir für besonders geeignet, da es über andere Kulturdefinitionen hinaus zwei – aus systemischer Perspektive besonders wichtige – Aspekte einbezieht:
Kultur ist dynamisch
Kultur ist kontextabhängig.

Dynamik von Kultur

Ethnologen haben diese Dynamik von Kultur in drei verschiedenen Dimensionen beschrieben: einer generativen, einer interaktiven und einer konstitutiven Dimension von Kultur.
Die generative Dimension von Kultur umfasst all das, was mit dem Wahrnehmen und Erlernen von Handeln in den verschiedenen Lebensaltern zu tun hat – also das, was in der Sozialisation geschieht. Dazu gehören alles bewusste und unbewusste Wissen darüber, wie man was macht, z. B. die Bereiche Sprachen, Berufe oder spezielle Fertigkeiten ebenso wie das Lernen von Lernen (Bateson 1973). Ganz praktische Bereiche betreffen beispielsweise das Wissen darüber und das Lernen dessen, wie man Essen zubereitet und zu sich nimmt. Im Bereich von Beratung und Therapie können dies Haltungen einer mehr oder weniger ausgeprägten paternalistischen Fürsorge oder eher die einer Förderung von Selbsthilfe oder Autonomie sein. Das jeweils vorgegebene praktische Handeln wird von Pierre Bourdieu auch als Habitus bezeichnet. Wir alle werden in diese Dimension von Kultur hineinsozialisiert. Die Abläufe erleben wir als selbstverständlich; Abweichungen als unpassend bis unangenehm.
Die Leitidee hierzu ist: Wie wird etwas gemacht?
Als junger Arzt habe ich (T. H.) in Ghana gearbeitet. Ich habe drei Wochen gebraucht, um es zuzulassen, dass andere Männer in der Öffentlichkeit nach meiner Hand greifen durften, ohne sie reflexhaft zurückzuziehen. In meiner Kultur bin ich dahin gehend sozialisiert worden, dass erwachsene Männer das nicht machen. In großen Teilen Afrikas werden Männer so sozialisiert, dass diese Geste Freundschaft und Respekt ausdrückt.
Die interaktive Dimension von Kultur betrifft die Veränderung der generierten habituellen Muster im sozialen Erleben. Hier bilden konkrete Erfahrungen das Bindeglied zwischen der individuell-subjektiven und der sozialen Welt. Auf welche Weise Individuen habituelle Muster reproduzieren oder modifizieren, hängt ebenso von ihrer Erfahrung wie dem Grad ihrer Bewusstheit ab. Auch wenn große Bereiche des Handelns und Interagierens nicht bewusst erlebt werden, verfügt der Einzelne über die Fähigkeit, sich zumindest einen Teil des eigenen Verhaltens und der Interaktion zu vergegenwärtigen und so eigenes Handeln zu reflektieren und kritisch zu überprüfen. Kontexte verändern sich. Neue Menschen mit anderen kulturellen Mustern treten in unser Leben. Wir erleben im Kontakt mit ihnen manche kulturellen Haltungen als passend und pflegen sie weiter. Andere erleben wir als nicht mehr passend. Wieder andere können aus Gründen einer sich verändernden Umwelt nicht mehr gelebt werden. In Relation zu diesen persönlichen Erfahrungen stimmen wir unser eigenes Verhalten ab und modifizieren unser Verhalten.
Die Leitidee ist: Unter welchen Bedingungen wird etwas anders gemacht als bisher?

Die Mehrzahl arabischer Mädchen in Deutschland wissen sehr wohl zu unterscheiden, welchen Männern sie die Hand zur Begrüßung geben sollten und welchen nicht. Bei älteren Herren aus der Herkunftskultur eher nicht, bei Männern aus der Mehrheitskultur eher schon.

Die konstitutive Dimension von Kultur betrifft den Wandel habitueller kultureller Muster im Laufe der Zeit. Jeder Einzelne formt durch sein Handeln zeitgenössische Vorstellungen zu der Art, wie man etwas macht, mit. Für einen derartigen Kulturwandel in vielen gesellschaftlichen Beziehungen ließen sich zahlreiche Beispiele aus den unterschiedlichen Bereichen des Lebens finden: die Gestaltung von Paarbeziehungen und der Umgang mit Hierarchien oder die Bedeutung von Disziplin und Anpassung auf der einen und der von Individualität und Kreativität auf der anderen Seite. Kulturwandel ergibt sich dann, wenn neue Muster im Laufe der Zeit von immer mehr Menschen reproduziert werden.

Vor zwei Generationen noch wurde das Zusammenleben unverheirateter Paare in westeuropäischen Gesellschaften als kulturell unpassend mit dem Begriff der wilden Ehe abqualifiziert. Heute gilt diese Art des Paarlebens bei den 20- bis 30-Jährigen als Standard.


Im Grunde genommen, sind generative, interaktive und konstitutive Dimensionen von Kultur allen sozialen Alltagsprozessen immanent. Dennoch scheint uns eine inhaltliche Unterscheidung der drei Elemente sinnvoll, da sie verdeutlicht, dass Kultur kein festumrissenes Gebilde ist, sondern ein komplexer, dynamischer Prozess, der in ständigem Wandel begriffen ist.
Demnach ist türkisch nicht gleich türkisch, katholisch ist ebenso wenig homogen wie islamisch, und Begriffe wie bayerisch, friesisch und schweizerisch einerseits oder Berater, Therapeut und Sozialpädagoge andererseits unterliegen einer ständigen Neudefinition – wie alle anderen Zuschreibungen oder Selbstbeschreibungen auch.

Kultur und Kontexte

Als Erklärung für die unterschiedlichen und dynamischen Ausdrucksformen von Kultur bietet die beschriebene Kulturdefinition die Teilhabe unterschiedlicher Individuen und Kollektive an verschiedenen Kontexten an. Diese Kontexte und Lebenszusammenhänge können zum Beispiel ein städtischer oder ländlicher Lebensraum, eine fruchtbare oder lebensabweisende Landschaft sein, eine stark normierende oder liberale Gesellschaft, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Status, Familienorganisation, Sprache, Religion, Erziehung und Ausbildung. Neben diesen eher harten Kontextbedingungen prägen auch weiche Fakten wie Bewertungen von Alter, Geschlecht, Hautfarbe, politischer Ausrichtung oder sexueller Orientierung kulturelle Entwicklungen, und nicht zuletzt eben auch Migration und Akkulturation. Hier gilt aus der beschriebenen systemischen Perspektive, dass es weniger die objektivierbaren Zustände sind, die das Leben der Menschen prägen, als vielmehr die Geschichten oder Narrative, die darüber zirkulieren und von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Der nachwachsenden Generation bestmöglichen Zugang zu Bildung zu vermitteln kann kommuniziert werden als hohes kulturelles Ideal, von dem die ganze Familie profitiert – wie in vielen asiatischen, jüdischen oder protestantischen Familien. Höhere Bildung kann ebenso als Risiko vermittelt werden, da der damit verbundene gesellschaftliche Aufstieg den Familienzusammenhalt untergraben kann – wie bei vielen ländlich geprägten Migrantenfamilien oder bei Roma-Familien.

Konsequenterweise folgt aus dieser Herangehensweise die Vorstellung, dass die Komplexität von Kultur nur verstanden werden kann, wenn die relevanten sozialen und ökonomischen Kontexte berücksichtigt und die dynamische Entwicklung kultureller Einheiten beachtet werden. Denn anders als homogene Gruppen, wie sie aus einer ethnologisch orientierten Perspektive üblicherweise beschrieben werden, sind Gruppen oder einzelne Menschen in Großstädten, die sich durch Teilhabe an multiplen Kontexten auszeichnen, viel unterschiedlicher, veränderlicher und unvorhersehbarer.

Eine kurdische Frau kann eine traditionelle Frauenrolle leben, die die strikte Unterordnung unter männliche Familienmitglieder erfordert und den Lebenssinn in den Kindern sieht; sie kann sich mit der kemalistischen Staatsidee der modernen Türkei identifizieren und sich für die wirtschaftliche oder wissenschaftliche Entwicklung dieses Landes einsetzen; sie kann mit beiden Lebenskonzepten gebrochen haben und ein „typisch westliches“, an persönlicher Autonomie ausgerichtetes Lebenskonzept haben. Dies kann mit heftigen Konflikten mit der Herkunftsfamilie oder in einem abgestimmten Dialog mit ihr verwirklicht werden. Alle diese Formen sind denkbar, aber auch Mischformen oder auch ganz andere Konzepte.

Um diese speziellen Ausprägungen einzelner kultureller Muster verstehen zu können, ist es demnach erforderlich, sich hinsichtlich der Kontexte kundig zu machen, in denen Menschen gelebt haben und leben. Die bedeutsamsten sind:
Die individuellen Kontexte, die prägend für Einzelne und ihre Lebensgeschichte waren und sind: Es macht einen Unterschied, ob jemand behütet aufgewachsen ist oder Traumen ausgesetzt war, ob Wohlstand geherrscht hat oder Mangel, ob ein Kind eingebettet in eine Großfamilie und Gemeinschaft war oder isoliert, ob Bildung hoch oder niedrig bewertet wurde, ob jemand örtlich verwurzelt oder migriert ist.
Die familiären Kontexte, die prägend für die Einbettung in eine Gemeinschaft sind und waren: Es macht einen Unterschied, ob jemand als Frau oder Mann aufgewachsen ist, ob Individualität gefördert wurde oder Eingliederung in eine Gemeinschaft, ob die Familie öffentlich Wertschätzung erfahren hat oder Ablehnung, ob Zuversicht auf eine gute Zukunft oder Sorge über sozialen Absturz das Familienklima bestimmte.
Die gesellschaftlichen, historischen und politischen Kontexte, die prägend sind für die Zugehörigkeit zu einer ethnisch-kulturellen Gemeinschaft. Es macht einen Unterschied, ob die eigene Gemeinschaft geachtet oder diskriminiert wird, ob sie auf eine glorreiche Geschichte zurückschaut oder auf Niederlagen oder Verbrechen, ob sie sich als Gleiche unter Gleichen erlebt oder als etwas Besonderes.
Alle diese Kontexte sind nicht fix. Sie machen sich einerseits an beobachtbaren Geschehnissen fest. Andererseits unterliegen sie Einschätzungen, die von den unterschiedlichen Mitgliedern einer ethnisch-kulturellen Gruppe ganz verschieden gesehen werden können. Traumatische Ereignisse können als Niederlage gesehen werden oder Anlass zu Stolz sein, eine schwere Situation gemeinsam gemeistert zu haben. Ein Beispiel im deutschen Kulturraum wäre die Einschätzung des Kriegsendes als Zusammenbruch oder als Befreiung.

Kultur und Sprache

Obgleich ein großer Teil dieser generativen, interaktiven und konstitutiven Prozesse von Kultur mittels Sprache stattfindet, ist Sprache nicht gleichbedeutend mit Kultur. Unterschiedliche Kulturen können sich derselben Sprache bedienen, oder in Gesellschaften mit ähnlicher kultureller Ausrichtung können verschiedene Sprachen gesprochen werden. Auch ist es möglich, eine neue Sprache nahezu perfekt zu erlernen.

In der Schweiz gibt es unterschiedliche Sprachgruppen, die aber alle für sich in Anspruch nehmen, eher Teil der Schweizer Kultur zu sein als einer anderen.
In den USA (und anderen Einwanderernationen) gibt es Minoritätengruppen, die die kulturelle Zugehörigkeit zu ihren Heimatländern pflegen, ohne deren Sprache noch zu beherrschen, und gleichzeitig sich der Kultur ihrer neuen Heimat zugehörig fühlen).
In Deutschland gibt es eine große Zahl von türkischstämmigen jungen Menschen, die hier aufgewachsen sind und die deutsche Sprache wesentlich besser beherrschen als die türkische, die sich selber als Türken sehen und auch von ihrer Umgebung so gesehen werden.
Ein großer Teil der Angehörigen der russlanddeutschen Minorität in Deutschland wurde in der Sowjetunion als Deutsche angesehen und wird jetzt hier als Russen bezeichnet. Beides hängt dann von der Sprachbeherrschung ab.

Sprache ist ein Element von Kultur und wird oftmals als zentrales Agens der Weiterentwicklung einer Kultur aufgefasst, für dessen Erhalt sich zu kämpfen lohnt. Daraus folgt aber nicht, dass Sprache mit Kultur identisch ist, genauso wenig wie Wörter nicht mit ihrer jeweiligen Bedeutung gleichgesetzt werden können. Bedeutung hängt davon ab, wer mit wem spricht, in welchem Kontext, und ebenso von den sozialen Prozessen, die in die Bedeutung einfließen. Wir verallgemeinern Bedeutung – wie zum Beispiel, wenn wir in einem Wörterbuch nachschlagen –, es handelt sich stets um eine Abstraktion, da die Bedeutung von Wörtern in verschiedenen Situationen für verschiedene Personen stark variieren kann. Aus einem einzelnen Wort können wir nicht exakt ableiten, was ein Individuum ausdrücken will, ohne die Bedeutung zu überprüfen. Psychologische und psychiatrische Professionelle müssen daher ihre Aufmerksamkeit auf Erfahrungen richten – den Ausgangspunkt für jede Erkenntnis über zwischenmenschliche Beziehungen und Kommunikation.
Der aktuell in der politischen Debatte verwendete Begriff „Migranten“ wird durchweg mit einem ethnischen und kulturellen Vorbehalt benutzt. Personen, die keine Migranten sind, werden mit einbezogen – wie die Kinder aus ethnisch oder kulturell als fremd erlebten Gruppen, selbst wenn sie hier geboren und nie migriert sind. Der noch korrekter benutzte Begriff „Menschen mit Migrationshintergrund“ wird dagegen nicht auf Nachfahren der deutschstämmigen Flüchtlinge aus Schlesien, Pommern oder Tschechien angewandt, wenn diese als kulturell oder sprachlich so wie wir erlebt werden, auch wenn ihr Leben durch höchst traumatische Migrationsprozesse geprägt war. Für die Nachfahren der Spätaussiedler aus Russland und Polen wird der Begriff jedoch schon eher verwendet, da viele von ihnen die deutsche Sprache nicht gut sprechen. Die Migranten aus den deutschsprachigen Minoritätengebieten in Rumänien, Siebenbürgen oder dem Banat genossen ja als einzige im Ostblockgebiet einen anerkannten Minoritätenschutz und sprechen die deutsche Sprache gut. Diese erleben wir dann schon wieder weniger als Migranten.

Ethnizität


Kulturelle Erfahrung von Menschen drückt sich zunehmend durch Ethnizität oder ethnische Identifikation aus. Ethnizität ist eine Unterscheidungskategorie, die auf Ähnlichkeiten und Unterschiede hinweist. Der bedeutendste und interessanteste Aspekt ethnischer Gruppen ist nicht so sehr die Frage, wie es zu ihrem Zusammenhalt kommt, sondern ihre Relation zu bzw. Abgrenzung von anderen Gruppen. Ethnizität drückt daher eine Relation aus zwischen den Angehörigen einer Ethnie und den Außenstehenden – eine sich je nach den allgemeinen gesellschaftlichen Tendenzen verändernde Relation. Ethnizität ist daher Ausdruck einer politischen Relation.
Ethnische Zugehörigkeit lässt sich ebenso als eine von außen herangetragene Kategorisierung oder Stigmatisierung definieren. Dies wird z. B. an Klassifizierungen im Zusammenhang mit Volkszählungen deutlich, wenn wie beispielsweise in Großbritannien nach der Ethnicity gefragt wird. Der Fragebogen enthält keine offene Formulierung wie z. B.: „Wie sehen Sie sich selbst?“, sondern es wird eine Liste von Kategorien wie „schwarz“, „asiatisch“ und „Sonstige“ vorgelegt, aus denen die Befragten auswählen sollen. Ähnliche Abgrenzungen werden in vielen Ländern von sozialen und gesundheitlichen Diensten benutzt, teils offiziell, teils informell. Dies zeigt, dass die Definition einer Gruppe nicht nur über Selbstdefinition erfolgt, sondern auch aus der Perspektive Außenstehender, die nicht dieser „Kategorie“ zugehören.
Ethnizität kann jedoch genauso aus der Perspektive der Angehörigen einer Gruppe selbst hervorgebracht werden, die nach eigener Auffassung eine gemeinsame Identität haben, die durch Kennzeichen wie Sprache, Religion, eine gemeinsame Tradition, gemeinsame Vorfahren oder generell eine (wie auch immer definierte) gemeinsame Kultur bestimmt ist. Wenn man eine der betreffenden Personen fragte, würde diese wohl ohne Zögern sagen: „Ich sehe mich als dies oder jenes.“

Sind Südtiroler Deutsche, Österreicher oder Italiener?
Sind Kurden Türken oder nicht?
Sind Bosnier eine Ethnie?
Sind Flamen Belgier, Niederländer oder eine eigene Ethnie?

So ist jedem Ethnizität zuzuschreiben, so verfügt jeder über einen kulturellen Hintergrund, aber nicht jeder vermag eine eigene Ethnizität zu identifizieren, wenn auch die meisten Menschen imstande sind, Angaben zu ihrer Identität zu machen. Es ist zwar ein Unterschied, ob Ethnizität auf Selbstdefinition basiert oder auf gesellschaftlicher Kategorisierung, aber beide Prozesse bedingen sich. Menschen mögen sich dagegen verwahren, von der Staatsbürokratie kategorisiert zu werden, auch wenn sie überzeugt sind, einer bestimmten ethnischen Gruppe anzugehören. Umgekehrt können Gruppen ihre Ethnizität betonen, da bestimmte Ressourcen nur ethnischen Minderheiten vorbehalten sind.
Professionelle in psychosozialen Servicediensten erleben zunehmend die selbstdefinitorische Dimension von Ethnizität und erkennen, dass Ethnizität sich mit dem sich verändernden politischen Kontext, in dem die Menschen leben, wandelt. Genauso wirkt sich ein veränderter Kontext auf die Erscheinungsformen von Kultur und Sprache aus, was nicht heißen soll, dass Kultur, Sprache und Ethnizität deckungsgleich sind oder ein und dasselbe Phänomen beschreiben. Wie bereits erwähnt, sind Sprache und Ethnizität verschiedene Aspekte von Kultur. Wer diese vermischt, verfällt leicht in Stereotypien und wird blind für die Komplexität des sozialen Lebens und individueller Erfahrung.

Hier gilt es zu fragen, welche Konsequenzen es beispielsweise hat, soziale Dienste getrennt nach Sprache oder Ethnizität zu organisieren. So wichtig eine gute sprachliche Verständigung auch sein mag, so sehr sollte darüber nicht vernachlässigt werden, klinische Kompetenzen dafür zu entwickeln und zu fördern, bewusste wie unbewusste generative und interaktive kulturelle Prozesse und Muster zu erkennen. Diese Kompetenzen haben zunächst einmal nichts damit zu tun, ob man eine bestimmte Sprache beherrscht. Darüber hinaus sollte die Sorge über ethnische Passung in sozialen Diensten nicht das Bedürfnis nach Selbstdefinition und die zentrale Rolle einer selbstbestimmten Identität in Therapie und Psychiatrie verkennen. Ethnisch passende Dienste haben weitreichende politische und soziale Konsequenzen. Beispiele dafür sind die einseitige Zuteilung von Mitteln, die dann anderen Diensten fehlen, oder eine Tendenz, manchmal auch nur der Verdacht, Ungleichheit zu fördern statt abzubauen. Leicht kann das dann langfristig zu einer Ghettoisierung von Fachwissen und Dienstleistungen führen, so dass Professionelle aus dominanten ethnischen Gruppen nicht darauf angewiesen sind, ihr Denken oder ihre Praxis zu ändern. Dies fördert wiederum Abgrenzungsbestrebungen und dient nicht der Integration.

Als Professionelle können wir nur durch Akzeptanz von Heterogenität und Bedeutungsvielfalt darauf hoffen, sowohl als Individuen wie auch als Repräsentanten einer Gesellschaft, einer Gruppe oder einer Kultur eine Beziehung zu Klienten herzustellen, deren Hintergrund sich von dem unseren unterscheidet. Dies ist nicht nur wichtig für Praktiker, die mit Patienten arbeiten, sondern auch für Manager und Verwaltungen, deren Aufgabe es ist, kultursensible Servicedienste zu organisieren.

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Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Carl-Auer-Verlages



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