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Vorabdruck aus Thomas Erlach: Worte verändern die Welt. Die Macht der Sprache in der ökonomisierten sozialen Arbeit

Erlach: Worte verändern die Welt Paranus-Verlag, Neumünster 2009 (Oktober)

200 S., Sondereinband

Preis: 19,80 €

ISBN-10: 3940636045
ISBN-13: 978-3940636041


Verlagsinformation:
Seit einigen Jahren finden in den Sozialbereichen nahezu aller europäischen Länder große Umbrüche statt. Von Politik, Kostenträgern und Verwaltung wird soziale Arbeit massiv nach Effizienzkriterien umstrukturiert. Die Betroffenen – sowohl sozial Tätige als ihre Klientinnen und Klienten – werden in diesen Prozess kaum einbezogen und vor vollendete Tatsachen gestellt. Die Geldgeber verlangen immer mehr Leistung und Dokumentation in den Einrichtungen, der Druck nimmt zu, gleichzeitig sinkt das Lohnniveau. Dabei wird die Ökonomisierung als einfache Verwaltungsumstellung präsentiert, wobei die Verwendung wohlklingender neuer Begriffe, wie Kunde, Qualitätsmanagement oder Empowerment – mal subtil, mal mit Druck – eingefordert wird. Dieses Buch untersucht nun erstmalig differenziert, wie Worte die Welt der ökonomisierten sozialen Arbeit verändern, das heißt, wie die Professionellen im Sozialbereich durch diese neuen Sprachregelungen manipuliert werden, und welche Veränderungen sich in ihrem beruflichen Handeln feststellen lassen. Es beschreibt den fortschreitenden Prozess der Ökonomisierung des Sozialen, wie er von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erlebt wird. Und es analysiert unter Einbeziehung verschiedener soziologischer Theorien, welche Folgen die Verwendung neuer Begriffe in der Sprache sozialer Arbeit auf das konkrete Verhalten der Professionellen hat und damit auf die soziale Arbeit, wie sie bei den betroffenen Menschen ankommt.

Inhalt:

1. Einleitung
Das Thema und ich

2. Der Prozess der Ökonomisierung
Geschichtliche Hintergründe
Ökonomische Trends im zwanzigsten Jahrhundert
Friedrich August von Hayek (1899-1992)
Gunnar Myrdal (1898-1987)
Hayek und Myrdal im Vergleich
New Public Management
Veränderungen durch den Beitritt zur Europäischen Union
Die europaweite Ökonomisierung der Sozialbereiche
Konsens ohne Zustimmung
Paradigmenwechsel
Die Tyrannei des Gelingens oder die Betroffenheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
Die Linzer Initiative

3. Der Forschungsprozess und die verwendeten Methoden
Interviewleitfaden

4. Die Einführung neuer Begriffe und Begriffsbedeutungen in den Sozialbereich
Zentrale Fragen
Kundinnen / Kunde
Effizienz
Non-Profit
Kostenwahrheit
Leistungsmengenerfassung
Qualitätssicherung
Empowerment
Leitung

5. Veränderungen im Sozialbereich
Allgemeine Ebene
Veränderungen der sozialen Arbeit
Die zunehmende Bedeutung von Zahlen
Veränderungen auf der Ebene der Klientinnen und Klienten

6. Die Sprache im Sozialbereich und das Denken und Verhalten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
Die Thesen von Benjamin Lee Whorf
Die Bedeutung von Whorfs Thesen für die Verständigung in der sozialen Arbeit
Schlussfolgerungen

7. Sprache und ihre Bedeutung aus der Sicht des Konstruktivismus
Radikaler Konstruktivismus
Vorurteile und selbsterfüllende Prophezeiungen
Paul Watzlawick und die Ordnungen der Wirklichkeit
Erving Goffmann und das Prinzip der Rahmen
Konstruktivismus und die Wirklichkeit sozialer Arbeit

8. Widerstand und Handlungsstrategien in Verbindung mit dem Reframing-Modell
Widerstand gegen den diktierten Wandel
Handlungsstrategien gegen den diktierten Wandel

9. Resümee
Was können wir tun?
Die Arbeit an diesem Buch und ich

Über Autor:

Thomas Erlachm diplômé (Diplômé des Hautes Etudes des Practiques Sociales, vergleichbar mit dem deutschen Magistertitel), geboren 1964 in Steyr. Lebt in Eferding, in der Nähe von Linz. Behindertenbetreuer. Yogalehrer. Studium der Praxeologie an der Université Strasbourg. Gründer und Betreiber des "Institut für qualitative Sozialforschung" mit Sitzin Eferding. Mitinitiator der Linzer Initative, einem Netzwerk kritischer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Sozialbereich, ähnlich der Soltauer Initiative in Deutschland. Seit nunmehr 24 Jahren im Sozialbereich tätig. Tätigkeitsschwerpunkte waren die Arbeit mit geistig behinderten Menschen, Jugendarbeit und die Arbeit mit Haftentlassenen. Seit zehn Jahren in der psychiatrischen Nachsorge bei EXIT–sozial, Verein für psychosoziale Dienste, in einer Freizeiteinrichtung in Eferding tätig.

Kapitel 5: Konstruktivismus und die Wirklichkeit sozialer Arbeit (S. 154-167)

Die Grundthese des Konstruktivismus besagt, dass die Welt so ist, wie sie die Menschen gestalten. Diese Gestaltung geschieht mit Unterstützung der Sprache. Während Whorf davon spricht, dass durch die Begriffe eine bestimmte Linie vorgegeben wird, an der sich die Gedanken aufreihen, sprechen Ernst von Glasersfeld und Heinz von Foerster davon, dass durch die Verwendung gewisser Begriffe ein bestimmtes Bild der Welt entsteht. Die Wirklichkeit passt sich dem aus der Erfahrung entstandenen Wissen an. Diesen Standpunkt teilen auch die Profis.

 „Also ich meine, dass so, wie die Arbeit mit der Sprache beschrieben wird, so  wird sie dann auch. Ich glaube, dass die Wirklichkeit dem nachfolgt. Das glau be ich schon, weil, die Leute, die dort arbeiten, sonst permanent eine  Simultanübersetzung leisten müssten. Und das geht nicht. Das hältst du keine  acht Stunden am Tag durch.“ (Interview D, S. 8)

Dabei gibt es dem Prozess zugehörige Begriffe, die in diesem  Zusammenhang eine bestimmte Funktion erfüllen. Da – wie schon  im Kapitel Paradigmenwechsel beschrieben – zurzeit eine Umwertung der sozialen Arbeit stattfindet, sind momentan Begriffe passend, die diesen Prozess der Ökonomisierung unterstützen.
Die Begriffe Kundin und Kunde, Effizienz, Kostenwahrheit, Leistungsmengenerfassung, Qualitätssicherung und Empowerment  sind einige von vielen Schlüsseln, mit denen das Schloss der sozialen Arbeit geöffnet werden soll. Es werden zurzeit diese Schlüssel  von den Geldgebern verwendet und zum Teil bereits von den Profis. Die Begriffe Kundin und Kunde, Effizienz, Non-Profit, Kosten wahrheit und Leistungsmengenerfassung sind betriebswirtschaftliche Schlüssel, die aber nicht zwingend verwendet werden müssen. Der Kundinnen- und Kundenbegriff ändert die mit denjenigen  Menschen verknüpften Sinnzuschreibungen, die soziale Einrichtungen aufsuchen. Aus den betroffenen Menschen, die Unterstützung in ausweglosen psychischen und sozialen Situationen suchen,  werden in unseren Köpfen selbstbestimmte, autonome und finanziell potente Kundinnen und Kunden. So kritisiert zum Beispiel der  deutsche Soziologieprofessor Stefan Selke (geboren 1950), dass „die Tafeln“ (die Einrichtungen, die Lebensmittelspenden zum Beispiel von Großmärkten und Hotels an Menschen verteilen, die auf  Unterstützung angewiesen sind) dazu übergegangen sind, um das  Wort „Bedürftige“ zu vermeiden, von Kundinnen und Kunden zu  sprechen. Während Kundinnen und Kunden in einem Supermarkt  einkaufen können, wann und was sie wollen, stehen bei den Tafeln  an den Ausgabetagen nur Waren zur Verfügung, die vorher gespendet wurden. Außerdem führt der Kundinnen- und Kundenbegriff  in diesem Zusammenhang zu einer gefährlichen Verharmlosung, da es dadurch zu einer Normalisierung von Armut kommt. Hier  wirkt der Kundinnen- und Kundenbegriff im Sinne einer selbster füllenden Prophezeiung armutsverfestigend. (Selke 2008)
Der Effizienzbegriff hat ebenfalls Folgen für die Wirklichkeit sozialer Arbeit. Durch seine Verwendung wird das Bild sozialer Arbeit  insoweit verändert, dass, anstatt wie bisher prozessorientiert zu  arbeiten, nun ergebnisorientiert gearbeitet werden muss.

„(…) Es geht um das Ergebnis, das herauskommt, und nicht um den Weg, den  man mit jemandem geht.“ (Interview D, S. 7)


Die Verwendung des Effizienzbegriffes führt zu anderen Sinnzusammenhängen, zu einem neuen Bild von sozialer Arbeit. Die  bestehenden Vorschriften zur Art der Dokumentation verstärken  diesen Effekt, da die Arbeit nun als effiziente soziale Arbeit  beschrieben werden muss. So sind die Profis gezwungen, ihre  Arbeit so zu beschreiben, wie sie sie nicht sehen. Gemäß den Aussagen des Konstruktivismus wird die Wirklichkeit aber dem  beschriebenen Bild nachfolgen, sich ihm anpassen, wie auch die  Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schon erkannt haben.

„Und wenn man den einen Teil nicht ändern kann, nämlich was man aufzeichnen muss, weil das Vorgaben sind, wird nach und nach der andere Teil, auf den  man Einfluss hat, sich dem anpassen.“ (Interview D, S. 7f.)

Da die Profis gezwungen sind, ihre Aufzeichnungen anders als bisher mit starker Betonung physikalisch messbarer Größen wie die  verwendete Zeit oder die Anzahl der Klientinnen und Klienten zu  führen, und die Aufzeichnungen nicht mehr davon handeln, wie  sich die betroffenen Menschen fühlen und wie sich die Betreuungsbeziehung gestaltet, wird sich das Denken im Laufe der Zeit  auf diese neue Wirklichkeit einstellen und andere, in der Vergangenheit wichtige Aspekte verdrängen. Die Wirklichkeit sozialer  Arbeit folgt dem durch die Vorgaben festgelegten Muster nach. 
Der Begriff Qualitätssicherung wird deshalb zum betriebswirtschaftlichen Schlüssel, weil im Zuge des Paradigmenwechsels sich  auch das Verständnis von Qualität verändert hat. Während die  Qualität sozialer Arbeit bisher eine inhaltliche Qualität der Betreuungsbeziehung war, ist mittlerweile Qualität etwas, was sich quantitativ messen lassen soll. Das heißt, eine hohe Qualität der ökonomisierten sozialen Arbeit besteht in hohen Auslastungszahlen  und nicht mehr in der Verbesserung der Befindlichkeit der betroffenen Menschen.
Der Begriff Empowerment ist von seiner ursprünglichen Bedeutung  her in einer ökonomisierten sozialen Arbeit deplatziert. Es liegt im  Wesen der Ökonomisierung, dass sozialstaatliche Unterstützung  heruntergefahren wird. Selbstbestimmte Klientinnen und Klienten,  die bessere Angebote einfordern, passen nicht in dieses Bild. Durch  den Kunstgriff, so zu tun, als wäre der Empowerment-Anspruch  schon eingelöst, wird dieser Begriff im Sinne der Betriebswirtschaft  passend. Demnach sind ja alle Klientinnen und Klienten schon  selbstbestimmt und es bedarf alleine deswegen schon keiner Unterstützungsangebote im bisherigen Ausmaß. Als selbstbestimmte  Menschen sind die betroffenen Menschen ja auch für ihr Scheitern  selbst verantwortlich.
Der Begriff der Leitung ist hier nicht eindeutig zuzuordnen. Die  Einsetzung einer Leitungsebene in einen basisdemokratisch organisierten Betrieb, wie schon beschrieben, ist an sich problematisch.  Trotzdem fällt hier auf, dass der Begriff Leitung ein betriebswirtschaftlicher Schlüssel ist, weil die Leitungen die Konzepte der Ökonomisierung umsetzen, während die Belegschaften diese Konzepte  ablehnen.
Nach den Aussagen von Paul Watzlawick haben solche Änderungen der Sinnzuschreibungen Auswirkungen auf das Verhalten der  Profis. Er spricht davon, dass Änderungen in den Sinnzuschreibungen zu Änderungen von menschlichem Verhalten führen. Wie  beschrieben, sind bei den betroffenen Menschen noch kaum Veränderungen angekommen. Das heißt, dass die Klientinnen und Klienten noch nicht als Kundinnen und Kunden angesprochen werden. In der internen Kommunikation der Organisationen wird von  den Leitungen der Kundinnen- und Kundenbegriff verwendet, was  gut zum Schwerpunkt der Leitungstätigkeit passt, die neuen Effizienzkriterien umzusetzen. Es ist außerdem festzustellen, dass die  „jungen“ Kolleginnen und Kollegen, die erst vor kurzem ihre Ausbildung abgeschlossen haben, nicht im selben Ausmaß wie die  langjährigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von der Sinnlosigkeit des Kundinnen- und Kundenbegriffes überzeugt sind.
Die „jungen“ Kolleginnen und Kollegen sind, anders als die  langjährigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, bereits mit der Idee  einer sozialen Arbeit sozialisiert worden, die sich Effizienzkriterien  unterordnet. Zum Beispiel unterstützt die Fachhochschule für  Gesundheit und Soziales in Linz die Ökonomisierungspolitik des  Landes Oberösterreich und hat bisher kritische Ansätze in der Lehre nicht gefördert. So wurde den Studentinnen und Studenten, die  sich an einer Demonstration der Profis aus dem Sozialbereich am  27.11.2007 in Linz gegen jährlich knappere Finanzierungen und  für die menschenwürdige Arbeitsbedingungen im Sozialbereich  beteiligten, die Zeit der Demonstration als unentschuldigte Fehlstunden eingetragen.
Im Zusammenhang mit dem Effizienzbegriff kann gesagt werden,  dass, wie aus dem Datenmaterial hervorgeht, Änderungen im Verhalten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch in den Teamdiskussionen erkennbar sind.

„Und man wird auch immer weniger dabei finden, das auch auszusprechen. Zu  sagen, aber die Leistung passt diesen Monat nicht. Was ist das dann? Was  haben wir dann getan? Haben wir schlecht gearbeitet? Haben wir zu wenig  gearbeitet? Sind wir faul gewesen? Sind wir auf der faulen Haut gelegen? (…)  Wo das in den Teamsitzungen einen großen Teil der Zeit einnimmt. (…) Bei dir  hat aber die Leistung nicht gepasst. Da geht es nicht mehr darum zu sagen, wen  hast du denn von deinen Klienten abschließen können? Was ist gut gelaufen?  Was ist schlecht gelaufen? Warum ist jemand beim zweiten Mal weggeblieben? Dinge, die ja inhaltlich wichtig sind und auch ein großes Potenzial an qualitativer Rückmeldung geben. Das kommt dann nicht mehr vor. Es kommt dann die Statistik vor, die Leistung vom Volumen her. Die Güte, die Qualität der Leistung ist dritt- und viertrangig.“ (Interview D, S. 7)

Das Verhalten der Profis hat sich also bereits insoweit verändert,  dass anstelle einer qualitativ inhaltlichen Diskussion über die  Arbeit mit den Klientinnen und Klienten eine Diskussion über zu  erfüllende Leistungsvorgaben getreten ist.
Gemäß den Aussagen von Paul Watzlawick handelt es sich bei der  Umwertung in Zusammenhang mit dem Non-Profit-Begriff um  eine Entwertung. Wertmaßstäbe und Sinnzuschreibungen werden  anders, wenn ich anstatt vom Sozialbereich vom Non-Profit-Bereich spreche. Solche Änderungen in den Sinnzuschreibungen  bewirken nach Watzlawick auch eine Änderung im menschlichen  Verhalten. Wenn jemand eine Arbeit verrichten muss, die nichts  wert ist, dann wird man sie schnell hinter sich bringen, um sich  wieder erfreulicheren Tätigkeiten zuwenden zu können. Außerdem  ist die Bereitschaft, für minderwertige Dienste Geld auszugeben,  wesentlich geringer als die Bereitschaft, sich hochwertige Dienste  zu gönnen, auch wenn damit ein höherer Mitteleinsatz verbunden  ist.
Die Begriffe der Kostenwahrheit und der Leistungsmengenerfassung, der ökonomisch veränderte Qualitätssicherungsbegriff und  der gut „verkäufliche” Empowermentbegriff führen, wie schon der  Kundinnen- und Kundenund der Effizienzbegriff, zu einer Umwertung sozialer Arbeit, da durch sie ein neues Bild gezeichnet  werden kann, das sich auf physikalisch messbare Größen  beschränkt. Das hat denselben einschränkenden Effekt, wie wenn  aus den farbigen Bildern der Welt alle Farben außer zum Beispiel  Blau entfernt werden. Die Welt kann dadurch nur mehr in Nuancen von Blau dargestellt werden, wobei auch das Blau als Farbe  nicht mehr wahrgenommen werden kann, weil diese Beschreibung  nur durch den Kontrast zu anderen Farben möglich ist.
Die Umwertung der sozialen Arbeit im Sinne von Paul Watzlawick  wird von den Profis als Entwertung empfunden. Diese Entwertung  ergibt sich unter anderem daraus, dass die Inhalte und die Instrumente sozialer Arbeit vom Geldgeber gewollt oder ungewollt verwechselt werden. Die Inhalte der sozialen Arbeit betreffen, wie  schon beschrieben, die Betreuungsbeziehung und ihre Ausgestaltung. Die Instrumente der sozialen Arbeit sind neben dem Vier-Augen-Gespräch Gruppengespräche und verschiedene alltagspraktische Handlungen, wie Einkaufen oder Karten spielen.

„Warum sollen in der psychosozialen Szene so hochqualifizierte Leute arbeiten,  wenn es eh nur um Hausbesuche, Alltagshilfe und Betreuung zu Hause oder  was immer geht? Dazu wirst du degradiert. (…) Das kann ich machen, indem  ich das mit dem Kundinnenbegriff sprachlich begleite.“ (Interview A, S. 11)

Im Zuge der Ökonomisierung verwechselt der Geldgeber Inhalte  und Instrumente sozialer Arbeit und macht zum Beispiel das  Instrument „Gespräch“ zum Inhalt. Was in diesem Gespräch  eigentlich inhaltlich geschieht, bleibt unberücksichtigt. Damit in  Zusammenhang steht auch die Wahrnehmung einer Entleerung der  sozialen Arbeit. Es gehen die bisherigen Inhalte verloren. Die bisherige Form der inhaltlichen Beschreibung eignet sich nicht, um  den Produktionsprozess im Sinne der Effizienzsteigerung aufzusplittern. Außerdem bleibt völlig unberücksichtigt, dass die Emotionen der Profis wesentlicher Teil der Beziehungsarbeit sind. Es  geht also nicht um Einkaufen oder Karten spielen, sondern um die  Emotionen, die in der Betreuungsbeziehung übertragen und  gegenübertragen werden. Die Reflexion dieser Emotionen ist ein  Teil der sozialen Arbeit, der in der neuen Form der Beschreibung  nicht mehr vorkommt.

„Irgendwie wird die Arbeit entleert. Um wesentliche Aspekte, die nicht so  beschreibbar sind, wird die Arbeit entleert. Aspekte, die halt nicht so leicht  begreifbar zu machen sind. Die verschwinden dann ganz. (…) Ein Großteil der  Arbeit besteht darin, dass man einen Draht findet zu Leuten. Dass man sich  alles Mögliche überlegt, dem einen Punkt zu geben, wo er sich festhalten kann.   Er oder sie, mit dem man zu tun hat. Und sich alles Mögliche ausdenkt, wie  man den aus seiner Verzweiflung oder seiner Stagnation herausführen kann.  Aber wie will man so ein Bemühen jetzt in Tätigkeiten aufspalten? Da kommen  dann entweder banale Sachen raus, wie dass man sagt, man motiviert ihn halt,  dass er ab und zu aus dem Haus geht. (…) Wie kann man so etwas in Begriffe  fassen? (…) Man ist ja viel mehr involviert, als es durch diese technischen, diese  kalten Begriffe abzubilden ist. Aber wie will man denn so was jetzt messen? (…)  Aber letztlich geht es um solche Sachen.“ (Interview E, S. 3)

Watzlawick spricht auch von einer großen Verantwortung sich  selbst und den anderen gegenüber in Bezug auf die Veränderungen  von Sinnzuschreibungen. Das gezielte Hervorrufen von Einstellungen und Annahmen zum Beispiel durch Werbung oder Propaganda bezeichnet er als Missbrauch erfundener Wirklichkeiten. Er  spricht der Sprache in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle  zu und bezeichnet diesen Prozess der Manipulation auch als  Sprachmagie.
Die bisher beleuchteten zentralen Begriffe der Kostenwahrheit und  der Leistungsmengenerfassung, der ökonomisch veränderte Qualitätssicherungsbegriff und der scheinbar eingelöste Empowermentbegriff werden ebenso wie der Kundinnen- und Kundenbegriff und der Effizienzbegriff vom Geldgeber und von den  Leitungen dazu verwendet, bei den Profis bestimmte Einstellungen  und Annahmen zu erzeugen.

„Wenn ich annehme, und das nehme ich an, dass die Ökonomisierung im  Sozialbereich eine Tatsache ist, dann ist der mündige Konsument eine Vor gaukelung. Der mündige Konsument wird nicht gewünscht. Gewünscht wird  der willige Konsument. Das ist auch bei den Sozialangeboten so. Die sollen wil lig, freiwillig, compliant konsumiert werden. Und nicht hinterfragt werden.  Empowerment birgt auch die Gefahr, dass jemand sagt, das, was ihr uns anbie tet, passt uns nicht. Das wollen wir anders haben. Aber das ist eine nicht  erwünschte Reaktion. (…) Ich behaupte, sie werden als Feigenblätter benützt  und auch, weil sie für die gut klingenden Reden von Politikern verwendet wer den.“ (Interview F, S. 2)

Es wird auch großer Druck ausgeübt, diese Begriffe zu benutzen.  Mit der nunmehrigen Kenntnis der manipulativen Kraft der Sprache wird in diesem Zusammenhang, ganz im Sinne von Paul Watzlawick, klar: der ausgeübte Druck und das konsequente Beharren  auf die Verwendung der genannten Begriffe legen den Schluss nahe,  dass es sich hier um den Missbrauch Erfundener Wirklichkeiten  durch den Geldgeber und die Leitungen handelt. Nach der Wahrnehmung der Profis werden die Begriffe inhaltlich ausgehöhlt.

„Sie werden ausgehöhlt. Beziehungsweise, ihre Erfüllung mit Leben wird gar  nicht zugelassen. Aber man redet immer so darüber, als wäre es so. Es ist eigent lich eine Vorgaukelung einer falschen Wirklichkeit. (…) Ja, von denen, die  mächtig sind, weil sie ihre Macht nicht teilen wollen. Wie das konkret bei dem  Empowerment ist. Das heißt ja auch mit, dass die Machthaber ihre Macht teilen müssen. Und das tut erfahrungsgemäß niemand, der an der Macht ist. Es  war schwer genug hinzukommen. Jetzt soll ich sie auch noch teilen?“  (Interview F, S. 2) 

Die Begriffe werden demnach vom Geldgeber verwendet, um eine falsche Wirklichkeit vorzugaukeln. Echtes Empowerment im ursprünglichen Sinne des Wortes will der Geldgeber auf keinen Fall, weil das bedeuten würde, dass die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung ihre Macht mit den Klientinnen und Klienten teilen müssten, was aber nicht vorgesehen ist.
Jens Förster führt diese Idee der Sprachmagie weiter aus und beschreibt die Wirkung von vorgefassten Meinungen. So wie bei Paul  Watzlawick von Veränderungen der Sinnzuschreibungen gesprochen wird, die eine Veränderung menschlichen Verhaltens bewirken, so spricht Jens Förster von veränderten Erwartungen, die zu  einer Anpassung des Verhaltens führen. Er nennt diesen Effekt  auch selbsterfüllende Prophezeiung. Dieser Begriff beschreibt einen  Prozess, der menschliches Handeln bewusst oder unbewusst so  steuert, dass verinnerlichte Erwartungen in Erfüllung gehen.
Die analysierten zentralen Begriffe, ausgenommen der der Leitung,  verändern die Erwartungen der Profis an soziale Arbeit und an die  Klientinnen und Klienten. Die Erwartungen an soziale Arbeit werden im Sinne der Sprachmagie insoweit angepasst, als nicht mehr  wie bisher erwartet wird, dass soziale Arbeit die Befindlichkeit der  Betroffenen langfristig verbessert, sondern dass irgendein messbarer Erfolg, und sei er noch so klein, am Ende einer limitierten  Anzahl von Leistungsstunden liegt. Wenn die neu entwickelte  Erwartung an soziale Arbeit sich erfüllt, dann sind auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zufrieden. Dadurch wird das Bild  der ökonomisierten sozialen Arbeit nachhaltig gefestigt.
Die Erwartungen an die Klientinnen und Klienten sind ebenfalls  im Wandel begriffen. Es wird erwartet, dass selbstbestimmte und  autonome Menschen, eben Kundinnen und Kunden sind, die genau  wissen, was sie brauchen. In diesem Sinne sind die betroffenen  Menschen auch selber dafür verantwortlich, wenn soziale Arbeit  eben nicht zu einem erfolgreichen Ergebnis führt. Sie sind eben selber daran schuld. Sie wollen es eben nicht anders. Durch diese neue  selbsterfüllende Prophezeiung werden gerade die Menschen von  sozialer Arbeit ausgeschlossen, die diese am dringendsten brauchen.

Kurz gefasst:

1. Nach den Aussagen des Konstruktivismus ist die Welt so, wie  sie die Menschen gestalten. Diese Gestaltung geschieht mit  Unterstützung der Sprache. Dabei gibt es in diesem Prozess  passende und auch unpassende Begriffe. Das heißt, dass Begriffe eine bestimmte Funktion erfüllen. Die Begriffe Kundin/Kunde, Effizienz, Kostenwahrheit, Leistungsmengenerfassung,  Qualitätssicherung und Empowerment sind einige von vielen  unpassenden Begriffen, die in die Sprache sozialer Arbeit von  den Geldgebern eingeführt werden. Diese Begriffe werden teil weise auch von den Profis verwendet.

2. Die analysierten Begriffe ändern die Sinnzuschreibungen. So  werden aus Klientinnen und Klienten, die Unterstützung  suchen, selbstständige, autonome und finanziell potente Kundinnen und Kunden. Der Effizienzbegriff führt dazu, dass,  anstatt wie bisher prozessorientiert, nun ergebnisorientiert  gearbeitet wird. Die Qualitätssicherung führt dazu, dass  anstatt der inhaltlichen Qualität der Betreuungsbeziehung die  Erreichung der geforderten Leistungsmengen gesichert wird.

3. Die neu eingeführten Vorschriften zur Art der Dokumentation  verstärken diesen Effekt, da die Arbeit nun als effiziente soziale Arbeit beschrieben werden muss. So sind die Profis gezwungen, ihre Arbeit so zu beschreiben, wie sie sie nicht sehen und  verstehen. Gemäß der Aussagen des Konstruktivismus wird die  Wirklichkeit aber dem beschriebenen Bild nachfolgen, sich ihm  anpassen, wie auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter  schon erkannt haben.
 
4. Der Begriff Empowerment kommt aus einem ursprünglich  anderen Bedeutungsrahmen. Es liegt im Wesen der Ökonomisierung, dass sozialstaatliche Unterstützung heruntergefahren  wird. „Empowerte“, selbstbestimmte Klientinnen und Klienten, die bessere Angebote einfordern, passen nicht in dieses  Bild. Durch den Kunstgriff, so zu tun, als wäre der Empowerment-Anspruch schon eingelöst, wird dieser Begriff im Sinne  der Betriebswirtschaft passend gemacht.

5. Nach den Aussagen von Paul Watzlawick haben solche Änderungen der Sinnzuschreibungen Auswirkungen auf das Verhalten der Menschen. Im Zusammenhang mit dem Effizienzbegriff  lassen sich Änderungen im Verhalten der Mitarbeiterinnen und  Mitarbeiter – vor allem in den Teamdiskussionen – beschreiben. Das Verhalten der Profis hat sich bereits insoweit verändert, dass anstelle einer qualitativ inhaltlichen Diskussion über  die Arbeit mit den betroffenen Menschen eine Diskussion über  zu erfüllende Leistungsvorgaben getreten ist.

6. Gemäß den Aussagen von Paul Watzlawick handelt es sich bei  der Umwertung im Zusammenhang mit dem Non-Profit-Begriff um eine Entwertung. Wertmaßstäbe und Sinnzuschreibungen werden anders, wenn man anstatt vom Sozialbereich  vom Non-Profit-Bereich spricht. Wenn jemand eine Arbeit verrichten muss, die nichts wert ist, dann wird er sie schnell hin ter sich bringen, um sich wieder erfreulicheren Tätigkeiten  zuwenden zu können. Außerdem ist die Bereitschaft, für minderwertige Dienste Geld auszugeben, wesentlich geringer.

7. Die Begriffe der Kostenwahrheit und der Leistungsmengenerfassung, der ökonomisch veränderte Qualitätssicherungsbegriff  und das nur scheinbar verwirklichte Empowerment führen, wie  schon der Kundinnenund Kundenbegriff und der Effizienzbegriff, zu einer Umwertung sozialer Arbeit, da durch sie ein neues Bild sozialer Arbeit gezeichnet werden kann, das sich auf  physikalisch messbare Größen beschränkt.

8. Die schon beschriebene Entwertung ergibt sich unter anderem  daraus, dass die Inhalte und die Instrumente sozialer Arbeit  vom Geldgeber gewollt oder ungewollt verwechselt werden.

9. Damit in Zusammenhang steht auch die Wahrnehmung einer  Entleerung der sozialen Arbeit. Die bisherigen Inhalte gehen  verloren. Die inhaltliche Beschreibung der Arbeit, die bisher  üblich war, eignet sich nicht, um soziale Arbeit im Sinne der  Effizienzsteigerung aufzusplittern. Außerdem bleibt völlig  unberücksichtigt, dass die Emotionen der Profis wesentlicher  Teil der Beziehungsarbeit sind.

10. Watzlawick spricht auch von einer großen Verantwortung sich  selbst und den anderen gegenüber in Bezug auf die Veränderungen von Sinnzuschreibungen. Das gezielte Hervorrufen von  Einstellungen und Annahmen, zum Beispiel durch Werbung  oder Propaganda, bezeichnet er als Missbrauch erfundener  Wirklichkeiten.

11. Mit der nunmehrigen Kenntnis der manipulativen Kraft der  Sprache wird im Sinne von Paul Watzlawick deutlich, dass es  sich bei dem ausgeübten Druck und dem konsequenten Beharren auf die Verwendung der genannten Begriffe um einen Missbrauch erfundener Wirklichkeiten durch die Geldgeber und die  Einrichtungsleitungen handelt.

12. Echtes Empowerment will der Geldgeber auf keinen Fall, weil  das bedeuten würde, dass die Verantwortlichen in Politik und  Verwaltung ihre Macht mit den Klientinnen und Klienten tei len müssten, was aber nicht vorgesehen ist.

13. Die analysierten Begriffe verändern die Erwartungen an die  soziale Arbeit und an die Menschen, um die es geht. Von sozialer Arbeit wird nun erwartet, dass innerhalb eines eingegrenzten Zeitraums ein bestimmter Erfolg erreicht werden muss. Von den Klientinnen und Klienten wird erwartet, dass sie  selbstbestimmt und autonom sich selbst vertreten und genau  wissen, was sie brauchen. Dadurch sind sie aber auch selber  schuld, wenn die soziale Arbeit zu keinem erfolgreichen Ergebnis führt. Sie sind sogar selber schuld, dass sie überhaupt in die  Situation gekommen sind, soziale Arbeit in Anspruch nehmen  zu müssen. Durch diese selbsterfüllende Prophezeiung werden  jene Menschen von sozialer Arbeit ausgeschlossen, die sie am  dringendsten brauchen.

14. Die analysierten zentralen Begriffe stehen mit einer Weiterentwicklung des primären Rahmens „Soziale Arbeit“ in Verbindung. Sie liefern allesamt neue Interpretationsfolien für den  menschlichen Geist. Diese Veränderung des Rahmens wurde  von außen, ohne Kommunikation mit den Betroffenen, durch geführt. Dadurch passt dieser Prozess in das beschriebene Bild  der „schädigenden“ Täuschung als Form der Modulation. Die  Täuschenden sind die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung, die Kostenträger sowie die Leitungen von Sozialorganisationen.

15. Der geschlossene Sinnbereich der sozialen Arbeit wird von den  Profis so als sinnvoll erlebt, wie er in der Vergangenheit war.  Die Geldgeber versetzen den Sozialbereich – und die betroffenen Profis – durch das Entziehen der finanziellen Grundlage in  einen Schockzustand. Durch diesen andauernden Schockzustand wird die Grenze des Sinnbereiches sozialer Arbeit  gesprengt. So wird ermöglicht, diesen Sinnbereich zu verändern. Wenn sich nach Abschluss des Veränderungsprozesses die  neue Wirklichkeit sozialer Arbeit gefestigt hat, wird eben diese  neue Wirklichkeit von den Profis nicht mehr bezweifelt.


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mit freundlicher Genehmigung des Paranus-Verlages



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