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Vorabdruck aus Michael Buchholz, Franziska Lamott u. Kathrin Mörtl: Tat-Sachen. Narrative von Straftätern

Buchholz et al.: Tat-Sachen Psychosozial-Verlag, Gießen 2008 (September)

525 S., broschiert

Preis: 59,90 €

ISBN-10: 3898068811
ISBN-13: 978-3898068819

Verlagsinformation: Sexualstraftaten erwecken im Beobachter Angst und Unverständnis zugleich. Genauso erschreckend ist der Mangel an hochwertigen Auseinandersetzungen mit dem Thema. Noch nie sind therapeutische Prozesse mit Sexualstraftätern so genau analysiert worden wie in diesem Buch. Die Autoren gehen das Thema mit modernsten sozialwissenschaftlichen und psychologischen Methoden an. Die videografierten Gruppentherapiesitzungen wurden transkribiert und nach einer neuartigen Kombination von Konversations- und Metaphernanalyse vor dem Hintergrund eines psychoanalytischen Grundverständnisses ausgewertet. Daraus entstanden überraschende Einsichten in bewegende Geschichten, interessante Gesprächsformate und Redezüge sowie Sprachbilder zur Abwehr und Selbstreflexion. Die Leser erhalten Einblicke in Biografiemuster, Täuschungsstrategien und Aufdeckungshilfen, Zweifel und Rechtfertigungen, die Mühen der Einsicht und die mühsame Arbeit am Sinn.


Auszug aus dem einleitenden Kapitel "Text und Kontext", S. 39-64



Unser Forschungsfeld


Wir – die Sektion Forensische Psychotherapie der Universität Ulm – erhielten vor einiger Zeit die Möglichkeit, gruppentherapeutische Sitzungen mit inhaftierten Sexualstraftätern auszuwerten. Die Gruppensitzungen von jeweils anderthalb Stunden Dauer waren videografiert, es nahmen 16 Männer daran teil, die wegen sexuellen Missbrauchs an Knaben und Mädchen, wegen Exhibitionismus und Inzest zu Freiheitsstrafen verurteilt worden waren. Die Sitzungen wurden von zwei gruppentherapeutisch erfahrenen Psychologen der sozialtherapeutischen Abteilung innerhalb einer Justizvollzugsanstalt geleitet. Die Teilnehmer hatten der Videoaufzeichnung zu Forschungszwecken zugestimmt.
Ein solches Material stellt eine Herausforderung dar. Das gilt in mehrfacher Hinsicht. Zum einen darf man hoffen und erwarten, etwas Einblick in die Art und Weise der Verarbeitung solcher Taten zu erhalten, aber auch, wie mit Straftätern überhaupt therapeutisch gearbeitet werden kann. Die Lücke der noch wenig thematisierten Prozessforschung könnte etwas gefüllt werden. Die Herausforderung erstreckt sich dann auch auf die Frage, ob aus einer Beschäftigung mit solchem videografierten Material Hinweise auf den Stand der Tatverarbeitung gewonnen werden können, die bei der Entlassungsprognose berücksichtigt werden können.
Zunächst jedoch sind die Herausforderungen ganz anderer Art. 90 anderthalbstündige Gruppen-Sitzungen zu transkribieren ist eine gewaltige Aufgabe. Die Transkription ist jedoch für einen forschungsorientierten Ansatz unverzichtbar. Es war deshalb eine Entscheidung zu treffen, welche Bänder ausgewählt werden sollen. Mehrere Bänder haben wir zeitaufwendig gemeinsam angesehen, Notizen dabei gemacht, erste Eindrücke ausgetauscht, wobei sich allmählich eine Idee zur Strukturierung einstellte.
Dabei kam uns eine besondere Strukturierung der Sitzungen zu Hilfe, die – wie sich herausstellte – von den Therapeuten vorgegeben worden war. Die Sitzungen begannen regelmäßig mit einer Aufforderung an die Gruppenmitglieder mitzuteilen, wie es jedem Einzelnen zu Beginn der Sitzung gehe, wie er sich fühle und ob er zur letzten Sitzung noch etwas zu sagen habe. Sodann war die Reihe an je einem der Straftäter, seinen Lebenslauf und die Entwicklung bis zur Tat darzustellen. Dem folgte, manchmal durchaus in Form von Unterbrechungen der erzählten Darstellung, eine Nachfrage- und Kommentierungsphase durch die Gruppenmitglieder. Daran schloss sich regelmäßig, eingeleitet von der Feststellung des Gruppenleiters, die Zeit sei um, eine »Blitzlichtrunde« an. Hier konnte und sollte jedes Gruppenmitglied eine abschließende Bemerkung zu eigenen Gefühlen und Erlebnissen während der Sitzung machen. Wir haben deshalb diejenigen 21 Bänder für die Transkription ausgewählt, auf denen die Teilnehmer ihr Leben und ihre Taten berichteten (einige beanspruchten mehrere Sitzungen). Von jedem Gruppenteilnehmer haben wir somit ein vollständiges, während der komplett transkribierten Gruppensitzung formuliertes Tat-Narrativ zur Verfügung.
Eine solche, in gewisser Weise ritualisiert wirkende Vorgehensweise erschien uns beim ersten Anhören der Bänder befremdlich, da wir psychoanalytisch orientierte Gruppentherapien mit einem viel höheren Maß an Unstrukturiertheit, an Offenheit des therapeutischen Vorgehens, »im Ohr« hatten. Erst nach und nach erschloss sich ein guter Sinn dieser therapeutischen Strategie. Die Männer tun sich außerordentlich schwer damit, über ihre Gefühle zu sprechen, schon das Erzählen von einfachen Sachverhalten ist von Umständlichkeiten, vielen Unterbrechungen und Satzreparaturen gekennzeichnet – als müssten sie beständig andere gedanklich noch mitlaufende Themen gleichzeitig bewältigen und mit Anstrengung den ordnenden Faden einer Darstellungsplanung und -organisation beibehalten. Eine gewisse »übende« und zu jedem Sitzungsbeginn wie -ende wiederholte Mitteilungsphase von Befindlichkeiten und Gefühlen bietet ihnen Entlastung von solchen Schwierigkeiten. Zugleich aber ist jedes Mal zu entscheiden, ob das Einhalten des ordnenden »roten Fadens« der Erzählabsicht auch der Selektion des zu Berichtenden dient, ob gerade durch Einhaltung und Befolgung der therapeutischen Vorgabe eine chamäleonartige Abwehr errichtet werden kann, die zu erkennen und durchaus auch zu entschlüsseln eine zentrale Aufgabe bei der Befassung mit den Transkripten wurde. Allmählich lernten wir aus solchen methodischen Schwierigkeiten, aufmerksam zu werden für die besondere Art dieser Menschen, sich beinah nahtlos in psychosoziale Umwelten einzufügen. Die fugenlose Anpassung an die therapeutischen Auf- und Vorgaben von Befindlichkeitsmitteilungen zu Sitzungsbeginn und für die besondere, energiereiche, weil abwehrbedingte Aufhebung der Person-Umwelt-Differenz, die hier zu beobachten ist.
Die meisten Menschen reservieren sich in öffentlichen Selbstdarstellungen einen Intimraum, einen Ort geheimster Gedanken und sie andere nicht vordringen lassen, der manchmal sogar ihnen selbst verschlossen bleibt. Zuhörer und Gesprächspartner merken und respektieren dies; es ist sogar eine ungeschriebene Regel des alltäglichen sozialen Umgangs, dass in Mehrpersonengruppierungen der Versuch eines Teilnehmers, in den Intimraum eines anderen vorzudringen, unter nahezu allen Umständen von den übrigen Teilnehmern blockiert wird. Ein ungeschriebenes »man tut das nicht« wahrt die Zugangsbeachtung. Gruppentherapie zu machen, bedeutet unter diesem Blickwinkel, solche ungeschriebenen Gesprächsregeln behutsam aufzuheben und dafür die Einwilligung der Teilnehmer zu erlangen.
Ist man in der Beobachtung der Gesprächsmerkmale etwas geübt, beginnt man sich zu fragen, woran die übrigen Teilnehmer etwa merken könnten, dass hier jemand wachsam vor der Tür seines Intimraumes steht. Die alltägliche Erfahrung belehrt einen dann, dass es wirkungsvolle, aber sehr kleinformatige Merkmale sind, die bewusst kaum, dafür aber unbewusst beachtet werden. Jemand zögert beim Weitersprechen, wechselt das Thema, füllt seine Rede auffallend mit leeren Füllwörtern wie »vielleicht« oder stockt mit zahllosen »hms«. Ein anderer bringt seine Sätze nicht zu Ende, startet neu, fügt andere Themen oder schräge Metaphern (1) ein und hinterlässt den Eindruck, um einen »heißen Brei« herumzureden, während ein Nächster sachlich nüchtern erzählt, aber seine eigene affektive Mitbeteiligung am Geschehen und Geschehenen schwer zu ermitteln ist, während wieder andere affektiv überinvolviert sprechen – aber ein Zuhörer sich schließlich fragt, was denn eigentlich gesagt wurde. Alle diese gesprächsweise erfolgenden, eben »konversationellen« Darstellungsmittel regulieren die Unterhaltung mindestens in dem Sinne unbewusst, als keiner der Beteiligten auch nur zu sagen wüsste, dass er solche Mittel überhaupt nutzt. Gewiss aber könnte niemand vollständig feststellen, welche Wirkungen für die Gesprächs-, Affekt- und Selbstgefühlsregulierung diese Mittel haben, obwohl er sie nutzt. In diesem Sinn sind alle unsere Gespräche von einer Vielzahl unbewusster Prozesse und Mittel gesteuert.
Freud (1912) wie auch der Soziologe Georg Simmel (1960) haben zu Beginn des 20. Jahrhunderts ähnliche Beobachtungen formuliert. In dem berühmten Fall »Dora« meint Freud: »Wessen Lippen schweigen, der schwätzt mit den Fingerspitzen. Aus allen Poren dringt ihm der Verrat.« Eine dramatische Formulierung, aber dennoch zutreffend. Die Beherrschung der »sozialen Muskulatur« ist ungemein schwierig, selbst wenn die Maske erstarrt, ist das ja eine Mitteilung. Freud geht noch weiter und meint sogar: »daß jeder Mensch in seiner unbewußten Geistestätigkeit einen Apparat besitzt, der ihm gestattet, die Reaktionen anderer Menschen zu deuten, das heißt, die Entstellungen wieder rückgängig zu machen, welche der andere an dem Ausdruck seiner Gefühlsregungen vorgenommen hat« (Freud 1912, S. 191). Und ein paar Jahre früher schrieb er: »Man kann in der Tat ganz allgemein behaupten, daß jedermann fortwährend psychische Analyse an seinem Nebenmenschen betreibt und diese infolgedessen besser kennenlernt als jeder einzelne sich selbst« (Freud 1904, S. 26). Entstellungen und Verstellungen auf ihren wahren und wirklichen Gehalt – oder was man dafür hält – hin lesen und gegebenenfalls zurückübersetzen zu können, ist in Freuds Sicht ein wichtiger Teil des sozialen Überlebens. Man möchte ihm darin zustimmen und braucht nur anzufügen, wie unsicher die Gewissheiten sind, die man dabei erwirbt – und kann dennoch nicht darauf verzichten. Georg Simmel beschrieb es in seiner »Soziologie« von 1908 beinah gleichlautend: »Aber in feineren und weniger eindeutigen Formen, in fragmentarischen Ansätzen und Unausgesprochenheiten ruht der ganze Verkehr der Menschen darauf, daß jeder vom anderen etwas mehr weiß, als dieser ihm willentlich offenbart, und vielfach solches, dessen Erkanntwerden durch den andren, wenn jener es wüßte, ihm unerwünscht wäre« (Simmel 1960, S. 267).
Gerade die Kleindetails eines Gesprächs, die Verzögerung eines Grußes, die Nichtbeantwortung einer Frage, der zugeworfene Blick, ein rascher Themenwechsel, das Ausbleiben einer erwarteten Reaktion – alle diese Momente bestimmen das soziale Leben erheblich mehr, als man lange glaubte. Die Säuglingsforscher haben uns gezeigt, was man alles sehen kann, wenn man nur genau genug hinschaut, und sie haben sich dabei eine Präzision der Beobachtung angeeignet, die mit jener der mikroanalytischen Gesprächsforschung längst schon begonnen hatte (2). Man muss freilich nicht dem verbreiteten Glauben anhängen, das »Eigentliche« eines Gesprächs sei das Nonverbale, während man das Sprechen vernachlässigen könne – nein, diese Aufspaltung ist ganz unbegründet (3). Vielmehr kann man sagen, dass sich die körperbezogene expressive Kinetik von Gestik und Mimik gleichsam in die Sprache hinein verlängert. Die menschliche Entwicklung zeichnet sich sogar dadurch aus, dass die Bewegungen des Körpers allmählich reduziert werden, die Bewegung durch Sprache freilich zunimmt – und entsprechend fühlen wir uns von Worten bewegt oder verletzt, lassen uns von Worten in tiefste Traurigkeit stürzen oder in Zustände der Erhebung bringen, prallen mit Worten an der »Hartleibigkeit« anderer ab oder stellen zufrieden fest, mit anderen »in Kontakt« gekommen zu sein. Kurz, wir müssen, um die entsprechenden Erlebnisse beschreiben zu können, Metaphern benutzen, die charakteristischerweise Körpererfahrungen artikulieren – und die deren mentale, emotionale und kognitive Verarbeitungen sind.
Weil uns solche Verarbeitungen im sozialen Austausch der Gruppenteilnehmer interessierten, haben wir uns bei unseren Untersuchungen im Wesentlichen auf die Transkripte beschränkt; bei Unklarheiten haben wir uns die Videoaufzeichnung erneut angesehen.
Unbewusste Prozesse der Konversation erschließen sich freilich einer mikroanalytischen Betrachtungsweise, wie sie im Gefolge der von Erving Goffman (1961, 1964, 1967 und 1969) angestoßenen und dann von Harvey Sacks (1971, 1978) (4) kunstvoll weiter entwickelten
zugänglich werden können. Alle diese Techniken haben gemeinsam, dass eine Differenz zwischen öffentlicher Rolle und personalem Selbst erkennbar wird. Und diese Differenz fordert implizit, respektiert zu werden. Das Selbst kann, solange das geschieht, die eigene Teilhabe am Gespräch wie von außen steuern, es nimmt mit den Worten von Plessner (1982) eine »exzentrische Position« ein: Es steuert und es beobachtet das Gesprächsgeschehen, es nimmt teil und situiert sich doch zugleich außerhalb. Deshalb kann es der Konversation aus eigenen Zusammenhängen neue Themen zuspielen oder Sprachspiele gestalten oder die Konversation auf eine andere Weise bereichern, die Einhaltung von Regeln überwachen oder sich bei deren zu arger Verletzung zurückziehen. Nie ist das Selbst innerhalb der Konversation, sondern immer respektierter Zaungast. Von hier aus gewährt es der Konversation seine reichen Möglichkeiten als eine Ressource oder entzieht sie ihr. Immer aber wird es zugleich von der Konversation affiziert. Das eine Gespräch ergreift, das andere langweilt. Aber das Selbst zeigt sich eben darin, dass und ob es zu solchen Ergriffenheiten oder zur Langeweile selbst wiederum Position beziehen kann. Es kann dem Impuls zur gedanklichen Abschweifung nachgeben oder sich zu erhöhter Aufmerksamkeit aufrappeln, es kann den anderen irritieren oder ihn zu anderem auffordern. Wie auch immer – der andere wird die Differenz zwischen Person und Konversation beachten, nicht etwa nur Sachthemen verhandeln oder berichten, ohne sich der Aufmerksamkeit des anderen vergewissert zu haben, und er wird bei nachlassender Aufmerksamkeit seinerseits, noch während des eigenen Weitersprechens, zu überlegen beginnen, wie er das Interesse wiedergewinnen kann.
Will man die Gruppensitzungen mit solchen methodischen Mitteln analysieren, ist es erforderlich, sich ein paar Gedanken darüber zu machen, in welchen Kontexten solche Gespräche stattfinden. Solche Kontexte umgeben einerseits das Gespräch, andererseits sind sie im Gespräch präsentiert. Dies zeigt sich etwa daran, dass die Strafgefangenen mit Eintritt in die sozialtherapeutische Abteilung nun als »Patienten« behandelt werden. Ob jemand »Gefangener« ist oder »Patient«, ist eine folgenreiche konversationelle Markierung von Rolle und Person, die zugleich eine mächtige Metapher ist. Wir interessieren uns zunächst für den Übertritt in diese neue, institutionell vorformulierte Rolle.

Motivdarstellungen im institutionellen Kontext

Der Übergang vom Strafvollzug zur Sozialtherapie kennzeichnet für die Gruppenteilnehmer nicht nur eine Bewegung zwischen verschiedenen symbolischen Räumen, sondern bringt auch eine Reihe von manifesten Veränderungen mit sich, in denen die Bewerber von einem Zustand und Status in einen anderen hinübertreten. Um in die Sozialtherapeutische Abteilung des Justizvollzugs aufgenommen zu werden, müssen sich die Gefangenen selbst bewerben. Ihre Bewerbung wird von verschiedenen juristischen und psychologischen Instanzen geprüft. Es gibt ein Risiko, abgelehnt zu werden. Die Gruppenteilnehmer wissen um dieses Risiko und sie können sich in reflexiver Einstellung denken, dass ihre Motivation zur Therapieteilnahme geprüft wird. Motivation, wie auch immer sie in psychologischer Hinsicht aussehen mag, gerät hier in einen konversationellen Rahmen: sie muss so dargestellt werden, dass dem Bemühen Erfolg beschieden werden kann. Zu wenig Glaubhaftigkeit der motivationalen Darstellung lässt das Vorhaben ebenso scheitern wie ein Zuviel. Die erzwungene Beimischung solcher notwendigerweise strategischen Überlegungen zur Darstellung der eigenen Motivation schafft besondere Schwierigkeiten, die ein Gefangener bewältigen muss, will er in den therapeutischen Raum eintreten. Um über diese Initiationsschwelle zu treten, wird von den Gruppenteilnehmern erwartet, ihre Geschichte zu erzählen. Das
Tat-Narrativ hat somit eine wichtige Bedeutung, die auch bei unserer Analyse berücksichtigt werden muss. Es ist zentral im Schnittpunkt einer »vertikalen« Linie der persönlichen Geschichte und Entwicklung, und »horizontal« im aktuellen Kontext des Strafvollzuges und der Gruppe.
Die Analyse der Motive von Vergewaltigern hat einige beachtliche Befunde erbracht. Dabei machte man sich, einer grundlegenden Anregung von Gerth und Mills (1973) folgend, die einfache und alltägliche Beobachtung zu eigen, dass Motive Erklärungsversuche sind, werden. Fragt man ein Kind, warum es seine Hausaufgaben nicht gemacht oder warum es den Max lieber habe als den Moritz, wird man eine Motiverklärung zu hören bekommen, die durch die »Warum«-Frage evoziert ist. Aber es wird offen bleiben müssen, ob das dann Vorgebrachte tatsächlich wahres und wirkliches Motiv war oder nur (Aus-)Rede, die den Fragenden zufriedenstellen und von weiteren Fragen abbringen soll. Motivdarstellungen müssen deshalb von Motiven unterschieden werden. Mills (1940) hatte vorgeschlagen, »Motivvokabulare« für verschiedene Personenkategorien zusammenzustellen. Beneke (1982) hatte Interviews mit normalen Männern (Postbeamten, Professoren, Angestellten) über deren Verhältnis zu Sexualität und Frauen geführt und dabei festgestellt, dass sie die gleichen Motivvokabulare verwenden wie Vergewaltiger. Für sie ist Sexualität ein Druck, der abgeführt werden muss, Frauen haben die Initiative und »sie mögen es«, auch wenn sie Nein sagen. Vergewaltiger wie normale Männer hören auf das deutlich in Sprache Mitgeteilte offenbar nicht, weil sie meinen, das Vokabular von den »wahren und wirklichen Motiven« unterscheiden zu können. Scully und Marolla (1984) haben 114 inhaftierte »convicted rapists« interviewt und sie in zwei Gruppen, »admitters« und »deniers« aufteilen können. Die 47 ihre Tat offen Zugebenden konnten anerkennen, dass ihre Tat als Vergewaltigung« kategorisiert werden müsse; 35 der Verleugner bestritten jede Beziehung zum Opfer und 32 von ihnen konnten die Kategorisierung der Tat als »Vergewaltigung« nicht gelten lassen. Sie rechtfertigten die Vergewaltigung, indem sie die Frauen als die eigentlichen Verführerinnen darstellten oder damit, dass diese »Ja« meinen, wenn sie »Nein« sagen, und weiter damit, dass Frauen »es mögen«. Unter den angeführten Entschuldigungen rangierte Alkohol an erster Stelle. Die Annahme eigener »emotional problems« eröffnet nun eine raffinierte konversationelle Strategie: Von den Verleugnern wurden sie verleugnet, denn: »nur Vergewaltiger haben Probleme und da ich keine emotionalen Probleme habe, bin ich auch kein Vergewaltiger«. »Admitter« konnten von »emotional problems« auf eine andere Weise entlastend Gebrauch machen: »Eigentlich« seien sie keine Vergewaltiger, nur damals, als sie »emotional problems« hatten, wäre ein Ausnahmezustand verantwortlich zu machen. Der Schritt, sich als gestört zu sehen, die Rolle eines »Patienten« anzunehmen, ist somit von einer hohen Ambivalenz gekennzeichnet und bietet viele Möglichkeiten der Verkennung und Selbstverkennung. Es ist auch ein folgenreicher Schritt, der den Preis von verdrehter Logik manchmal zahlt; denn wie kann es sein, dass einer sich zwar als Vergewaltiger outet, zugleich aber meint, »eigentlich« keiner zu sein? Die Kunstfertigkeit in der konversationellen Darstellung solcher Verdrehungen kann, wie unser Material zeigt, bei Weitem noch überboten werden und betrifft auch noch andere Bereiche als nur die Tat-Sachen selbst.
Man sieht deutlich, dass es sich lohnen kann, den Motiv-Darstellungen große Aufmerksamkeit zu zollen, insbesondere den verdrehten Logiken, wie sie in einer solchen Untersuchung erkennbar werden. Das Interessante ist die beeindruckende Einheitlichkeit dieser Darstellungslogiken. Das lässt auf Mentalitätsstrukturen (5) schließen, die nicht nur Einzelnen zur Verfügung stehen. Ihre Wurzeln werden nicht nur biografisch zu suchen sein. Mentalitäten sind Versuche, einem für die Beteiligten selbst undurchsichtigen Geschehen insofern Ordnung zu geben, dass ihr eigener Diskurs noch von anderen, die sie als normal ansehen, verstanden werden kann. Sich oder anderen einzugestehen, dass das eigene Verhalten nicht begründbar wäre, muss um jeden Preis – auch um den verdrehter Logik – vermieden werden, weil man sich sonst nicht nur »ganz unten« wiederfände, sondern vor allem ausgeschlossen. Motivdarstellungen sind deshalb weniger individuell-biografische Reflexionen, sondern kollektive Mentalitäten, die als Normalisierungsstrategien aktualisiert werden können. Der Psychoanalytiker Georges Devereux (1970) hatte für diese rhetorische Kunst, Abweichendes mit Normalem zu kombinieren, den paradoxen Begriff einer devianten Form des Konformismus geprägt und seinerseits am Beispiel des Amokläufers gezeigt, dass bei der Erklärung solchen Verhaltens individuell-biografische Motivierungen versagen müssen. Der Amokläufer hat gerade eine ihm nicht sagbare Not und er greift auf ein soziales Angebot zur Darstellung solcher Not zurück, ähnlich wie der Arbeitslose, der depressiv reagiert. Er »wählt« seine Störung, gewinnt damit – wie es auch Balint sah – Ordnung und kann darüber hinaus sicher sein, dass diese Reaktion von anderen »verstanden« wird. Er weicht in irgendeiner Weise ab und sichert sich so dennoch Zugehörigkeit. In unserer Gruppe wird uns dieser deviante Konformismus in Situationen begegnen, in denen es in existenzieller Weise um ein Abwägen von Gruppenzugehörigkeit und der Wahrheit einer individuellen Geschichte geht. Wir werden das bereits bei den Eröffnungsstatements neuer Gruppenmitglieder analysieren (im Kapitel »Der therapeutische Kontext in der Darstellung«, Abschnitt »Initiation als psychosoziale Abwehr«).
Später werden wir sehen, dass eine psychoanalytische Einstellung, die an sozialwissenschaftlichen Methoden der Mikroanalyse geschult ist, noch weit mehr und andere Motivdarstellungen für die Tat beobachten kann. Und es sei gleich davor gewarnt, Motivdarstellungen als etwas Oberflächliches gegenüber wahren und wirklichen Motiven abtun zu wollen. Eine Tragik der von uns Untersuchten könnte man so formulieren, dass sie dem Zwang ihrer Darstellungen immer wieder folgen müssen, allein schon deshalb, um diese Darstellungen zu rechtfertigen und als gültig zu erweisen. Man nehme nur als Beispiel einen der Täter aus der genannten Untersuchung von Scully und Marolla (1984), der von sich sagt, er sei eigentlich kein Vergewaltiger und habe die Tat nur »wegen emotionaler Probleme« begangen. Wenn er diese Theorie und dieses Selbstbild als »wahr« vor sich selbst aufrechterhalten möchte, muss er geradezu dazu kommen, alle emotionalen Probleme als »gefährlich« einzustufen, deren Verleugnung zu verstärken und eine Auseinandersetzung mit ihnen um jeden Preis zu vermeiden. Zugleich wird er anerkennen, emotionale Probleme »gehabt zu haben« – in einer fernen Vergangenheit. Die einmal gewählte »Lösung« hat eine Tendenz zur eigenen Verstärkung, sie repetiert den immer gleichen Gedankenlauf, wird von anderen bestätigt, die ihrerseits solche Identitätswahrungen vornehmen – und so verstricken sich die Beteiligten in einer Endlosschleife gegenseitiger Bestätigungen von Pseudolösungen, die psychoanalytisch als Wiederholungszwang beschrieben wird. Darin verhalten sich Straftäter freilich kaum anders als andere Menschen, die einen Fehler wiederholen, um ihn nicht einsehen zu müssen; wie Phobiker, die den Kreis gefährlicher Objekte oder Zonen ausdehnen und ihren eigenen Aktionsradius einschränken, um sich nicht einzugestehen, dass ihre Angst auch bewältigbar wäre, sie selbst vielleicht nur bei einer wichtigen Gelegenheit »feige« gewesen sind; ebenso wie adipöse Menschen, die sich und ihren Behandlern bestätigen, dass sie an einer »Sucht« leiden, also weiter zu viel essen müssen. Die Selbsteinbindung in solche repetitiven Logiken, ihre verpflichtende Darstellung für die Aufrechterhaltung der Selbstkohärenz und ihre bestätigende Ratifizierung durch relevante andere verengt die Möglichkeiten so, dass nur noch übrig zu bleiben scheint, den einmal begangenen Lebensirrtum, die Lebenslüge, den Fehler zu wiederholen.
Wenn man so formuliert, kann man schon sehen, dass wir das Problem der Straftäter als eine im Kern vermiedene Auseinandersetzung mit moralischen und Schuldfragen ansehen, wozu ihnen die Therapie zu verhelfen hat. Die Unterscheidung zwischen Motiven und Motivdarstellung ist elementar. Wir wiederholen es: man schätze Motivdarstellungen nicht gering und ignoriere sie schon gar nicht wegen der Idee, an die »eigentlichen und wahren« Motive herankommen zu wollen! Nicht nur Motive, sondern auch ihre Darstellung sind Prozesse von immenser selbstbindender Kraft, die einer eigenen Logik folgen. Wir meinen sogar – siehe den Abschnitt über den Forschungsstand –, dass man sich gut fragen könnte, ob eine Geringschätzung von Motivdarstellungen mitverantwortlich für eine gewisse Forschungsstagnation trotz hohem öffentlichen Interesse sein könnte. Erst wenn in einem mühsamen therapeutischen Prozess Motivdarstellungen abgearbeitet sind und aufgegeben werden können, ergibt sich eine Chance – nicht immer jedoch deren Realisierung – zu einem Vernehmen der Motive.
Die Darstellung von Motiven spielt aber nicht nur mit Bezug auf die Tat, sondern auch beim Wunsch, an Behandlungsmöglichkeiten teilzunehmen, eine beachtliche Rolle. Motivdarstellungen verwickeln sich gleichsam mit der Institution. Sozialtherapie im Strafvollzug ist wie keine andere intramurale therapeutische Maßnahme mit einem strukturellen Dilemma verbunden, das sich schon gleich zu Beginn zeigt – als Konflikt über zu Erreichendes in Abhängigkeit von den jeweiligen Adressaten. Die Gefangenen sollen gebessert und bestraft, die Öffentlichkeit will geschützt, beruhigt und in ihrem Rechtsgefühl bestärkt werden, potenzielle Straftäter sollen abgeschreckt, inhaftierte Straftäter bei Entlassung von weiteren Straftaten abgehalten werden und schließlich sollen die Anstalten bei ihren disziplinierenden und isolierenden Praktiken ruhig und sicher bleiben (Gratz/Stangl 1997).
Strafvollzug ebenso wie Sozialtherapeutische Abteilung haben ein in sich widersprüchliches, mehrfaches Mandat zu erfüllen, dessen Zieldivergenzen von den Beteiligten balanciert werden müssen, damit die Institution in diesen schwierigen Unvereinbarkeiten einigermaßen reibungslos funktionieren kann (Lamott 2001a). Man könnte sogar sagen, dass die ordnende Funktion der Institution in ihrem Vollzug genau in dieser Balanceleistung besteht. Die berufsspezifische Aufspaltung der Aufgaben in allgemeinen Vollzugsdienst (Sicherheit und Ordnung) und in Mitarbeiter betreuender Fachdienste (Resozialisierung, Psychotherapie) ist dabei von großer Bedeutung (6). Diese Aufteilung ist einerseits Lösung des beschriebenen Balancierungsproblems, andererseits bringt sie das Problem, z.B. die Balance von Behandeln und Strafen, in einer gewissen Weise überhaupt erst hervor.
Das gilt durchaus für die damit aktualisierten affektiven Wertigkeiten, wie sie vielfach beschrieben worden sind. In einer Institution, deren historisch gewachsenes, quasi-militärisches Organisationsprinzip (Goffman 1973) eher konventionell-konservative, teils auch »Macho«-Männlichkeitswerte hervorbringt, die Stärke mit hartem Durchgreifen innerhalb einer männlichen Hierarchie und Unbeugsamkeit gleichzusetzen (7), bedeutet die Teilnahme an einer therapeutischen Gruppe mit der Bereitschaft, Verletzbarkeit zu zeigen, das Eingeständnis von Schwäche und bringt das Risiko, als Versager und Feigling zu gelten. Das eine Wertesystem impliziert eine Hierarchie von Männern, die in einer Art Befehlskette miteinander verbunden sind; der Unterste ist zugleich der Schwächste und steht hier dem »schwachen Geschlecht« nahe (Lamott 2005); wir werden sehen, dass sich das noch weit differenzierter gliedern lässt. Im anderen Wertesystem einer therapeutischen Gruppe gelten jedoch nicht Härte, sondern Weichheit, nicht Durchsetzung, sondern Empathie, nicht vertikale Hierarchie, sondern horizontale Solidarität auch mit schwierigen als die höherwertigen Orientierungen.
Beide Rahmungen bringen höchst divergierende Bedeutungen hervor. Sich nach traditionellem Verständnis »männlich« zu verhalten, erhält einmal eine triumphierende Rahmung der Überlegenheit – über andere Männer. Das gleiche Verhalten aber gilt im therapeutischen Kontext als »Problem«. Zu weinen gilt im therapeutischen Kontext eher als Fortschritt in der Exploration verborgener und verschlossener Gefühle, im Inhaftierungskontext jedoch als Weichlichkeit, wenn nicht sogar als weibisch und als Symptom von Schwäche. Dieses Problem divergierender institutioneller Rahmungen gilt für wohl jeden Schritt des Tuns und Lassens der Insassen, und sie müssen sich ihrerseits darauf einstellen lernen und es bei ihren Handlungsplanungen antizipieren.
Unter welchem Gruppendruck sich Einzelne in einer Institution ausgesetzt fühlen, die Härte als überlegene Eigenschaft legitimiert, ist nicht schwer zu erahnen. Angst im Strafvollzug aber muss tabuisiert werden, denn das Gefängnis ist der Ort gesellschaftlicher Angstabwehr (Mentzos 1976), dem die Aufgabe zukommt, öffentliche Ängste zu binden und zu neutralisieren, um gesellschaftlich stabilisierend zu wirken. Diese strukturellen Rahmenbedingungen des Strafvollzugs bestimmen auch das in die Institution eingebundene sozialtherapeutische Setting, dessen wichtigste Aufgabe zunächst die Bereitstellung eines geschützten Raums ist.
Damit steht auch ein Therapeut vor der paradoxen Situation, in einer von Misstrauen, ausgeprägten Hierarchisierungen, Kontrolle und Vorsicht geprägten Organisation einen Ort zu schaffen, an dem ein von Vertrauen, Sympathie und Gewährung getragenes Arbeitsbündnis mit dem Gefangenen entstehen soll. Größer können Gegensätze kaum vorgestellt werden. Ein therapeutisches Setting, so denkt man es sich meist, sollte idealiter eine haltende, empathische, fördernde, den Gefangenen anerkennende Umwelt zur Verfügung stellen, in dem ein verständnisbereites Team Sicherheit vermittelt und ihn anregt, innere wie äußere Konflikte konstruktiv zu lösen, nicht zuletzt, um »korrigierende emotionale Erfahrungen« (Aichhorn 1972) zu ermöglichen.
Therapeutische Prozesse und persönliche Veränderungen sind dabei an sich entfaltende Beziehungen gebunden, die ihrerseits Gegenstand eines vertieften Nachdenkens werden sollen. Deshalb ist der Kontext, in dem diese sich entfalten können, von großer Bedeutung. Dass Therapie in einen institutionellen Rahmen eingebettet ist, der ihr auch Grenzen setzt, ist grundsätzlich nicht von vorneherein von Nachteil, da dieser Halt geben und den Gefangenen wie den Therapeuten in krisenhaften Situationen schützen kann. Um aber die konflikthafte Dynamik des therapeutischen Prozesses im Justizvollzug bewältigen zu können, stehen die Therapeuten vor der gewaltigen Aufgabe, strukturelle Vorgaben des Strafvollzugs innerhalb ihrer therapeutischen Arbeit immer wieder zu balancieren. Für die Methodik unserer Untersuchung bedeutet dies auch, sorgfältig zwischen interpersonalen und institutionalisierten (Abwehr-)Prozessen (Mentzos 1976) einerseits und den Beiträgen der Gefangenenindividualitäten andererseits unterscheiden
zu lernen.

Passagen: Vom Strafgefangenen zum Patienten

Der Strafvollzug muss eher an der Organisation eines reibungslosen Alltags interessiert sein, während die Sozialtherapeutische Abteilung seelische Hintergründe und jene interpersonale Dynamik, die zur Straftat des Einzelnen geführt haben, explorieren möchte. Doch kann sie das nie in irgendeiner »Reinheit«, weil eben neben dem therapeutischen Auftrag auch weiterhin ordnungspolitische Gesichtspunkte innerhalb der Sozialtherapie ihre Rolle spielen. Das wird schon »ab ovo« sichtbar, wenn sich Gefangene um Aufnahme in das sozialtherapeutische Behandlungsprogramm bewerben. Denn bei der Darstellung ihrer Motivation weiß jeder der Beteiligten, dass neben dem Wunsch nach Verstehen der eigenen Devianz, dem Wunsch nach zukünftiger Verhaltensänderung oder der komplexen Klärung schwierigster kognitiv-affektiver Dispositionen durchaus auch handfeste pragmatische Gründe eine Rolle spielen, wie z.B. nach Verbesserung oder Erleichterung der Haftbedingungen, ein hierarchisches Motiv nach zu erwartendem höherem Ansehen außerhalb des Strafvollzugs (Distinktionsgewinn gegenüber normalen Strafgefangenen) und nicht zuletzt die Hoffnung auf frühere Entlassung durch positive Beurteilung. Bei jenen Sexualstraftätern, die überwiegend wegen Pädosexualität, Exhibitionismus und Voyeurismus verurteilt sind, könnte außerdem der Wunsch eine Rolle spielen, endlich eine untere und verachtete Position innerhalb der Gefangenenhierarchie des Normalvollzugs verlassen zu können. Die Rolle des Patienten der sozialtherapeutischen Abteilung verspricht Entlastung durch die Reorganisation hierarchischer Strukturen. Man ist unter Seinesgleichen, die Karten werden neu gemischt.
Doch für diese positiven Erwartungen muss ein Preis entrichtet werden. Der Strafgefangene muss einen folgenreichen Rollenwechsel zum Patienten auf sich nehmen.
Wie wird ein Gefangener zum Patienten? Auf welche Folgen kann oder muss er sich einstellen? Mit welchen unterschiedlichen Vorstellungen und Erwartungen des sozialtherapeutischen Subsystems wird er konfrontiert und welche Initiationsriten regeln diesen Übergang?
Wenn wir diese Fragen hier auflisten, dann wollen wir zeigen, dass dies Fragen sind, die die Gruppenteilnehmer selbst haben, auch wenn sie selbst sie so direkt nicht stellen. Mit dem Eintritt in die Sozialtherapeutische Abteilung verlässt der Gefangene seinen bisherigen Status und begibt sich in eine neue, ihm fremde Welt mit eigenen Regeln, die einen gewissen Bruch mit sozialen Normen und Hierarchisierungen des Strafvollzugs implizieren und Krisen mit sich bringen können. Die Initiation zum Patienten folgt spezifischen Regeln, die der Herstellung von Sicherheit angesichts unsicherer Situationen ebenso wie der Angstabwehr dienen. So dient die Aufforderung, über sich, seine Biografie und Tat zu sprechen, einerseits der Öffnung und andererseits der institutionellen Abwehr von Angst. Der ritualisierte Ablauf der Gruppentherapie am Anfang und am Ende einer Sitzung balanciert die beschriebenen strukturellen Ambivalenzen. Solche Ritualisierungen haben wiederum positive wie negative Aspekte. Sie können einschränkend wirken, wenn die Angstabwehr jeden Spielraum minimiert, sie haben aber auch eine Freiheit ermöglichende Funktion, indem sie einen Raum zur Verfügung stellen, in dem die Angst zugelassen oder gebunden werden und die Überwindung als Sprungbrett in die neue Phase fungieren kann.
Jeder in die Sozialtherapie aufgenommene Gefangene durchläuft eine dreimonatige Probezeit, in der seine Fähigkeit und Bereitschaft am gruppentherapeutischen Prozess teilzunehmen, geprüft wird. Von jedem neuen Gruppenteilnehmer wird ausdrücklich erwartet, seine Lebens- und Deliktgeschichte beim Eintritt in der Gruppe zu erzählen. Medium der Initiation zum Patienten ist somit Sprache. Darin liegt ein eigener Zwang; der Gefangene muss zur Sprache kommen und agierendes Verhalten durch die Bereitschaft zur Symbolisierung ersetzen. Das fällt den meisten außerordentlich schwer. Zugleich ist das Erzählen der Lebens- und Tatgeschichte in der Gruppe wesentlicher Bestandteil des institutionell verankerten Initiationsritus; die Bereitschaft, das eigene Narrativ zur Dis-Position zu stellen zwingt auch dazu, die eigene Position zu reflektieren und gegebenenfalls aufzugeben. Sie ist Voraussetzung für die endgültige Aufnahme in die Sozialtherapie. Das genau wird von den Sprechern dargestellt, wie wir hier aus der ersten Sitzung zeigen:

(Peter P.: Z 217-232) (8)
Sepp P.: Na ja, das Mädchen schon, nur deine Lebensgeschichte
Peter P.: Die bleibt außen vor bis nach dem / /. Dazu bin ich im Moment noch nicht bereit. Denn wie gesagt, ich will erst wissen, ob ich hier bleiben kann bevor ich in diesem Kreis über mein Leben spreche. (Lauter Straßenlärm) –
Therapeut K.: Eine Information dazu / / / im Moment. Ja / / dass Sie / / hier bleiben können wird sein, dass Sie ihre Eintrittskarte / und dazu gehört dass Sie auch einmal ausführlich über sich selber was berichten. – –
Peter P.: Ist das jetzt eine Drohung, Erpressung oder
Therapeut K.: Nein nein / / wie gesagt es ist extra / die Situation dazu. Ja / / Sie die Entscheidung wann Sie es tun. Ich wollte Sie nur darüber informieren / Sie äh einfach die Dinge klar erkennen.
Peter P.: Hat das äh: dann frag ich doch Mal / hat das Jeder in den drei Probemonaten gemacht, sein Leben ausführlich erzählt?
Frank B.: Ich hab’s so gut gemacht wie ich konnte. –
Frank B.: / Ich auch. – –
Sepp P.: Ich hab’s / / / die Therapeuten / / gehabt
Frank B.: Bitte (jemand lacht, ein anderer räuspert sich)

Peter P. beugt sich nicht ohne Widerspruch den Regeln der Initiation. In einem ersten Schritt verleiht er der Forderung zu erzählen eine bemerkenswerte Deutung: er kategorisiert sie als »Drohung« und »Erpressung«. Solche Kategorisierungsaktivitäten werden wir später ausführlich analysieren. Hier ist bemerkenswert, dass er damit zugleich unvermeidlich einen personalen Kommentar abgibt; er kommentiert eine Situation, wie er sie sieht, und definiert sie damit zugleich – als bedrohlich. In einem zweiten Schritt vergewissert er sich bei den anderen Gruppenteilnehmern, ob auch sie dieser Aufforderung zum Erzählen schon gefolgt sind. Handelt es sich also um eine für alle gültige Gruppenregel? Das Initiationsritual verlangt die Anerkennung dieser Regel. Denn erst durch das Erzählen der eigenen Lebensgeschichte wird der Gefangene des Justizvollzugs zum Patienten der Sozialtherapie. Dass das als Unterwerfung (unter die »Erpressung«) erlebt wird, hängt nicht nur damit zusammen, dass die Patientenrolle unvertraut ist, sondern tiefer noch: dass sehr wohl verstanden wird, dass mit der Akzeptanz der Patientenrolle unvermeidlich zugestanden wird, nicht »Herr im eigenen ause« (Freud) zu sein. Die Initiation des Gruppeneintritts evoziert die Konfrontation mit jenem Zustand der Un-Ordnung, den die Motivdarstellungen scheinbar »bewältigt« hatten. Und darauf wird mit einer provozierenden Abwehr reagiert, die aus dem Therapeuten den drohenden Erpresser macht; er ist jetzt der eigentliche Verbrecher.
Sich solche Un-Ordnung einzugestehen, ruft einen Protest hervor, der sich gegen das gesamte Procedere richtet, um das sich der Gruppenteilnehmer doch beworben hatte. Er will die eigene Selbstbehauptung betonen, deren Verlust er mit der Übernahme der Patientenrolle fürchtet. Unsere Analyse geht also so vor, dass wir zunächst die ambivalenten Strukturaufforderungen der Situation betrachtet haben und dann, wie jemand sich als Person »einbringt«, indem er die soziale Lage aus seiner exzentrischen Position kommentiert. Und mit diesem Kommentar zugleich in »Verhandlungen« eintritt mit jenen, die den Übergang schon hinter sich haben.
Mit der Metapher von der »Eintrittskarte« schlägt der Therapeut eine andere Deutung vor; Eintrittskarten braucht man für Kino- oder Theaterbesuche oder dergleichen. Aber hierhin geht man freiwillig, was Peter P. Sofort indirekt akzentuiert und damit den Therapeuten zwingt, das Machtvolle der Gruppenveranstaltung zu betonen: Peter P. müsse »die Dinge klar sehen«. Der Therapeut wird als Angehöriger des Justizapparates wahrgenommen, aber man könnte auch sagen: »definiert«. Denn er ist ebenso indirekt als »Verbrecher«, als ein drohender Erpresser nämlich, tituliert worden. Will man beide so widersprüchlichen Definitionen zusammenbringen, bleibt wohl kaum eine andere Wahl, als dass Peter P. in dieser Anfangsinteraktion zu verstehen gibt, dass er das Gefängnis selbst als Quelle allen Übels ansieht. Auf subtile Weise konstruiert er eine konzeptuelle Metapher: Die Gefängnismitarbeiter sind die Verbrecher, welche sich als indirekte Deutung des Geschehens durchsetzt. In einer psychoanalytischen Sicht würde man von einer Projektion des bösen Anteils auf den Therapeuten sprechen und die Rollenumkehr notieren. Wie jede solche Umkehrung macht sie sich immer einen Aspekt des Realen zueigen; es besteht ja in der Tat für die Gruppenteilnehmer ein Zwang. Der therapeutische Prozess wird sich im Wesentlichen dennoch darum drehen, solche Projektion zurücknehmen und das »Böse« der eigenen Tat anerkennen zu können.
In diesem Prozess spielen neben der noch ungewissen Einwilligung des Novizen die bereits initiierten Gruppenteilnehmer eine wichtige Rolle. Sie haben das Procedere schon durchlaufen. Sie versichern dem Novizen gleichsam die Ungefährlichkeit der Überquerung der Passage. Sie sind schon einsozialisiert ins therapeutische Sprachspiel, unterstützen den Therapeuten, indem sie den Neuankömmling konfrontieren, sein Verhalten spiegeln, interpretieren, also hier gleichsam co-therapeutische Aufgaben übernehmen. Damit beteiligen sie sich nicht nur an der Initiation, sondern positionieren sich selbst auch als bereits entwickelte Patienten. Doch nicht selten tragen sie aus Solidarität mit dem neuaufgenommenen Gruppenteilnehmer oder aus Selbstschutz zur interpersonalen Abwehr bei, indem sie die Erzählung des Novizen authentifizieren oder diskreditieren, Exkulpationshilfen liefern oder Hintertürchen für narrative Fluchtwege eröffnen. Das wollen wir in dieser Studie im Detail untersuchen.
Gelingt schließlich Darstellung und Reflexion von Biografie und Tat und deren Widerspiegelung im Erzählprozess, so können sich – das ist die therapeutische Hoffnung – ein neues Selbstverständnis und eine veränderte Identität entwickeln. Dazu müssen erhebliche Klippen überwunden werden, mit denen sich unsere Studie hier beschäftigt. Sie hat zum Ziel, solche Klippen so deutlich wie möglich herauszuarbeiten, um sie für andere therapeutisch Arbeitende prägnant erkennbar zu machen und bei der Einschätzung von Entlassungschancen vertretbare Hilfen über den Stand der Tat-Verarbeitung zu geben.
Das ist freilich nicht leicht. Denn zugleich ist der repressive Kontext einer Gruppentherapie im Strafvollzug unverkennbar, beinah in jeder Äußerung spürbar. Der Kontext ist nicht nur außerhalb, sondern in der Sitzung selbst präsentiert, wie das Beispiel sinnfällig macht. Kaum äußern sich die Männer etwa zur Therapie oder zum Therapeuten, kaum äußern sie sich direkt kommentierend zueinander. Fast immer sind solche Kommentierungen indirekt und versteckt in Anspielungen. Über sexuelle Taten zu sprechen und zugleich jede Möglichkeit sexueller Aktivität versagt zu bekommen, schafft darüber hinaus einen aktuellen Konflikt. Die kollektive Regulierung von sexueller Stimulierung durch Erzählung und Anhören bei gleichzeitiger Notwendigkeit von deren Dämpfung ist eine, wie sich zeigen wird, ständig still mitlaufende Interaktionsaufgabe, auch wenn über manifest ganz andere Themen gesprochen wird. Der Kontext ist aber nicht nur repressiv, sondern zugleich therapeutisch, was bestimmte Ambivalenzen mit sich bringt. Z.B. bedeutet ein therapeutischer Kontext, dass eine »Tat« nicht unbedingt als freie Willensentscheidung dargestellt wird, sondern eher als eine »seelische Störung«, für die ein anderes verantwortliches Agens, z.B. »die Kindheit«, gefunden werden muss. Dem kontrastiert natürlich, dass die Männer selbst für ihre Taten als voll verantwortlich von Gerichten angesehen wurden. Deshalb sitzen sie ein, deshalb wurden sie verurteilt. Durch alle Sitzungen, ja beinah durch jede einzelne Äußerung zieht sich diese Ambivalenz: handelt es sich um eine »seelische Störung«, für die Behandlung und Verständnis eingefordert werden könnte, oder handelt es sich um eine Tat, für die Verantwortungsübernahme und Reue erwartet werden kann? Mit dieser Ambivalenz, so wird sich zeigen, »spielen« die Gruppenteilnehmer auf eine höchst kunstvolle Weise. Sie sind oft gesprächsweise unbeholfen wirkende Dümpel, plötzlich aber rhetorische Meister von eigenartiger und erstaunlicher Brillianz, manchmal adoptieren sie therapeutischen Jargon, weil und solange sie noch keine eigenen angemessenen Worte zur Verfügung haben.
Ständig präsent ist die Aufgabe, das eigene Leben im Verlauf darzustellen, was in sich eine Reihe von Schwierigkeiten birgt. Einen Lebenslauf zu entwerfen, ist für die meisten Menschen schon bei einer Bewerbung schwierig. Komplexer noch werden die Verhältnisse, wenn ein Lebenslauf bei einem Psychotherapeuten im Erstinterview präsentiert werden soll; hier determiniert die kontextuelle Erwartung, dass sich aus dieser Darstellung selbst eine Erklärung für die behandlungsbedürftige Störung ableiten lässt. Und eine weitere Komplexitätssteigerung erfährt dieses Problem, wenn Gruppenteilnehmer aufgefordert sind, solche biografischen Darstellungen vorzunehmen mit dem Ziel, schwere Fehleinstellungen gegenüber anderen Menschen zu überwinden. Die sequenzielle Logik, dass man erst etwas zugeben und affektiv eingestehen muss, bevor man sich davon distanzieren oder es gar bereuen und überwinden kann, hat eine mächtige organisierende Kraft.
Man kann sich an vergleichbaren Übergängen orientieren, wie sie im Konzept der Rites des passage (van Gennep 2005) als Brüche und Krisen im sozialen Prozess gekennzeichnet wurden. Übergangssituationen markieren meist zugleich räumliche, soziale und zeitliche Veränderungen. Rites de passage bestehen im Wesentlichen aus drei Phasen: einer Trennungsphase (vom alten Zustand und Status), einer Schwellen- bzw. Umwandlungsphase und einer Angliederungsphase.
Die mittlere der drei Phasen, in der die Umwandlung stattfindet, ist die wichtigste; sie gilt als Angelpunkt der Transformation. Die Eigenschaften des Schwellenzustands nennt Turner (siehe v. Gennep, 2005) »Liminality«. Liminalität kennzeichnet einen Zustand, in dem sich die Individuen aus einer herrschenden Sozialordnung gelöst haben und in einen neuen Status wechseln. Die liminale Phase ist für den Prozess der Erneuerung von entscheidender Bedeutung. Der soziale Übergang macht einen seelischen Umbau erforderlich und zugleich sichtbar. Die Novizen erleben in dieser Phase häufig Krisen der Identität: Sie sind weder das eine noch das andere, weder das Alte noch das Neue. Sie sind alle gleich, Passagieren und Reisenden vergleichbar. Trennungsriten, die die Trennung von einer alten Welt gewährleisten sollen, werden während der Schwellenphase vollzogen. Sie werden als Schwellen- bzw. Umwandlungsriten (v. Gennep 2005) und jene, die an die neue Welt angliedern, als Angliederungsriten bezeichnet. Übergangsriten vom Strafgefangenen zum Patienten oder Initiationsrituale regeln den Status- und Positionswechsel, d.h. sie sichern die Schwellenphase, in der Unstrukturiertheit und Ambiguität vorherrschen, ab. Die Aufforderung der Therapeuten, sich zu Beginn der Sitzung über die eigene Befindlichkeit mitzuteilen, ist in diesem Sinn ein genauer Übergangsritus: Sie markiert den Eintritt in die therapeutische Welt ebenso wie am Ende der Sitzung das »Blitzlicht« die Rückkehr in den Alltag der sozialtherapeutischen Station markiert.
Der Zustand der »Liminality« wird von negativen wie von positiven Affekten begleitet. Negative Aspekte werden durch Angst vor Auflösung dramatisiert, Grenzgänger haben noch keinen Status, keine Insignien, die sie von ihrer Gruppe unterscheiden könnten. Sie haben noch keinen Namen, alte Bindungen sind aufgelöst. Als Personen sind sie reduziert und nivelliert in dem präzisen Sinne, dass sie wissen können, anderen »noch nicht bekannt« zu sein und eben darin anderen gleich. Doch das genau verbindet sie untereinander als »Communitas«, als Gefühl der Gleichheit und Solidarität. Dies sind Aspekte, aus denen positive Möglichkeiten erwachsen können. Es entstehen gerade dort persönliche Spielräume, wo der soziale Status noch im Werden, noch nicht definiert ist. In der Liminalität ist die soziale Klassifikation noch nicht »eingerastet «, und das bietet Chancen, sich als Person zu präsentieren – und Risiken zugleich. »Liminality« charakterisiert den Bereich solcher Möglichkeiten. Grenzgänger sind »betwixt and between«, wie Turner (siehe v. Gennep 2005) formulierte. Aufgrund dieses Zustandes, ihrer vorübergehenden Isolation, ihrer Marginalität, ihrer sozialen Distanz können sie eine neue Bewusstseinshaltung entwickeln, die aufmerksam-kritisch Gefährdungen beobachtet und zugleich auch innovativ werden kann.

Ziele dieser Studie

Diese Überlegungen lassen sich in Zielformulierungen ummünzen. Jeder Psychotherapeut oder Psychiater, der Menschen mit sexuellen Abweichungen untersucht, muss sie gleichsam zwangsläufig als »Patienten« auffassen. Er sucht nach Typus und Quelle einer Störung, trachtet einzuordnen und die Abweichung zu verstehen – aber in jedem Fall behandelt er seinen Gesprächspartner als Patienten. Das ist eine soziale Konstruktion – genauso wie die andere, ihn als Strafgefangenen zu sehen. Erst wenn die Umwandlung in einen Patienten gelungen und wechselseitig verbindlich ist, können therapeutische Operationen überhaupt greifen. Das Erzählen einer Lebensgeschichte auf der Suche nach Gründen macht erst Sinn nach einer solchen Umwandlung. Zugleich ist die Geschichte dann unvermeidlich kontaminiert, vor der Umwandlung würde eine andere Geschichte erzählt. Die behutsame Konfrontation mit Besonderheiten und Abwehrmanövern kann immer erst nach einer solchen Umwandlung förderlich werden, vorher würde sie nur als Angriff abgewehrt. Die Umwandlung also ist Voraussetzung für alles Weitere, bleibt jedoch immer revidierbar.
Therapeuten oder auch Gutachter suchen – nach einer Störung im Sinne einer Ursache, die zeitlich vor der Tat selbst liegt, auf die im Sinne einer Kausalhypothese zurückgegriffen werden könnte. Die Umwandlung ist in dem Sinne folgenreich, als sie das Beobachtungsfeld stark strukturiert und Vorgaben für die Beobachtung macht. Die lineare Struktur früher entgleiste Entwicklung – heutige Tat scheint vollkommen logisch, kann aber kaum noch zwischen Motiven und Motivdarstellungen unterscheiden (Wolff 1995). Die lineare Struktur kann dann auch nicht mehr damit rechnen, dass in Darstellungen die Zeit keineswegs nur vorwärts läuft, manches wird ja erst »nachträglich« (wie Freud wieder und wieder auffiel) erzählbar, bekommt rückwirkend eine Bedeutung oder wird ignoriert. Die Umwandlung vom Straftäter in einen Patienten kann aber, wie wir u.a. zeigen wollen, im Gespräch selbst als ständig mitlaufender Verweisungszusammenhang einsichtig gemacht werden, und das zeigt, dass die lineare Struktur keineswegs die einzige Wahrnehmungsrichtung ist. Die Beachtung aktualisierter Kontexte und Darstellungsregister zeigt die hohe Kompetenz dieser Menschen, die keineswegs nur von entgleisten Biografien bestimmt sind.
Würde man das ignorieren, dann wäre das Risiko groß, dass der therapeutische oder gutachterliche Blick aktualisierte Elemente einer Motivdarstellung nicht mehr erreichen oder sie allenfalls noch als »Schutzbehauptung« moralisieren kann, was dem Täter dann zugerechnet wird. Da Gutachter, wie Wolff (1995) überzeugend gezeigt hat, bis in die Textlichkeit der Abfassung ihrer Gutachten ihrerseits in ihre Referenzgruppen der das Gutachten lesenden Fachleute (andere Gutachter, Richter) eingebunden sind, müssen sie dann Biografien konstruieren, die reformulierte Erzählungen dessen sind, was sie von den Tätern gehört haben.
Wir meinen, dass hier eine detaillierte Analyse von Motivdarstellungen hilfreich werden kann, weil sie den Blick auf die gleichsam »technischen« Mittel einer Rhetorik lenkt, von denen Sprecher während einer Sitzung oder während eines Gesprächs Gebrauch machen. Dieser Blick geht in die Aktualität der Gesprächssituation selbst und sucht nach den Komponenten der Rhetorik eines Sprechers: Nicht nur, was sagt einer, sondern wie? Was schließt er dabei aus – und wie tut er das? Wie lenkt er Höreraufmerksamkeiten? Welche Effekte werden dabei erzielt? Indem so die lineare Struktur früher – heute geradezu methodisch weitgehend gemieden wird, wird danach gesucht, das Subjekt in seinem Sprechen, in seiner Darstellung zu Gehör zu bringen. Verworfen wird die Idee, hinter der Sprache sei Wahrheit oder Wirklichkeit zu finden. Sie wird ersetzt durch die Idee, mehr davon lasse sich im Sprechen selbst finden. Zu erproben, wieweit ein solcher Ansatz führt, ist eines der weitreichenden Ziele dieser Studie.
Die Erwartung, man könne aus Tatnarrativen und biografischen Darstellungen individuelle Erklärungen finden und daraus eine allgemeine Theorie des Sexualstraftäters destillieren, kann wahrscheinlich nicht befriedigt werden. Das wird für manche Leser eine Enttäuschung bieten. Aber wir wollen das biografische Kind nicht mit dem kommunikativen Bade ausschütten, im Gegenteil. Manche biografischen Schilderungen ergreifen selbst über den Abstand von Video und Text-Analyse, etwa wenn man erfährt, dass jemand schon im Alter von sieben Jahren den ersten Selbstmordversuch unternommen hat, so elend waren die Verhältnisse des Aufwachsens. Andere Schilderungen mobilisieren nicht geringe Empörung über den gleichen Abstand hinweg, etwa wenn dargestellt wird, dass es die jungen, noch präpubertären Mädchen gewesen sein sollen, die sich zum späteren Täter ins Bett gelegt und nach seinem Geschlechtsteil gegriffen hätten. Von solchen affektiven Regungen kann sich niemand freihalten, der sich mit diesem Material beschäftigt. Aber wir wollen uns nicht über solche Betroffenheiten auslassen, sondern sie immer wieder als Stimulus und Anlass nehmen, um zu eruieren, was es an den Geschichten und ihren Darstellungen selbst ist, was ergreift oder unberührt, was empört oder kalt lässt, worauf man anspringt oder was man überliest. Wir meinen, mit dieser methodischen – nicht moralischen! – Strenge am ehesten jenen Anforderungen an Objektivität und Neutralität gerecht zu werden, wie sie die sozialwissenschaftliche Diskussion über qualitative Forschungen der letzten Jahre (s.u.) ergeben hat. Danach ist die eine Gefahr die des »going native«, sich nämlich im Material zu verlieren und mit einem Übermaß an Befunden nach Hause zu kommen, die niemandem einleuchten, der nicht mit auf der Reise war. Die andere Gefahr ist, kaum etwas anderes mitzuteilen als eigene Erlebnisse und lyrische Betroffenheits-Empfindungen während der Reise des textlichen Analysierens; dabei geht die Verbindung zwischen Material und eigener Reaktion verloren. Das richtige Maß wird in der Mitte zwischen diesen Polen liegen, dort wo die eigene seelische, emotionale oder kognitive und durchaus auch moralische Reaktion als Antwort auf ein Material verstanden werden kann. Die Reaktion selbst muss dazu gar nicht in extenso mitgeteilt werden, weil jeder Leser das Material breit vorgelegt bekommt und unsere Analysen damit argumentationszugänglich werden. Man kann zu anderen Schlüssen kommen. Aber wir hoffen, dass unsere auch überzeugen. Es ist somit ein weiteres Ziel unserer Studie – zwischen diesen Polen uns bewegend – Aufmerksamkeiten für die Details von kommunikativen Verstrickungen und Verwirrungen, Ablenkungen und Erregungen, Verführungen und Geständnissen zu schaffen. Wir meinen, dass das für therapeutische Arbeit in diesen Institutionen von Gewinn sein wird und fügen an dieser Stelle an, dass wir keinerlei Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit erheben. Unsere Aussagen gelten für die hier analysierte Gruppe von Straftätern. Erst spätere Studien werden zeigen können, welche Verallgemeinerungsmöglichkeiten tatsächlich gegeben sind.
Die Frage nach dem strafrechtlichen Umgang mit solchen Taten bewegte uns bei der Auswertung immer wieder. Das manchmal in den Medien anzutreffende reißerisch-skandalisierende Bild vom Sexmonster ist gewiss falsch; in unserem Material ist es nicht aufzufinden. Das hier gebotene Bild der Sexualität ist eher kläglich und verzagt, hier wird nicht fröhlich und enthemmt Lust gesucht, sondern aus großer Verklemmtheit heraus gehandelt. Das wiederum rechtfertigt selbstverständlich nichts. Dennoch bleibt eine Menge über unbewusste Zusammenhänge zu entdecken. Ein weiteres Ziel dieser Studie ist es deshalb, materialreich ein halbwegs realistisches Bild von diesen Störungen zu bekommen. Wir wissen natürlich, dass es inhaftierte Täter von weit größerem Gewaltpotenzial gibt als jene, die uns hier begegneten. An der von uns untersuchten Gruppe lassen sich Hinweise finden, wie mit diesen Straftätern therapeutisch sinnvoll gearbeitet werden kann. Diese Hinweise dem Material zu entnehmen ist ein Ziel, auch wenn wir keine Systematik zustande bringen konnten.
Es gibt Täter, die aus ganz anderen Interessen als der Sexualität heraus gehandelt haben, etwa um Geld mit Kinderpornografie zu verdienen. Hier kann man kaum von unbewussten Motiven sprechen oder muss sie »daneben« suchen. Es gibt andere, die erniedrigen und sich rächen wollten – und es ist erstaunlich, wie ihnen selbst solche Motive vergleichsweise klar und deutlich sind. Hier hätte eine Theorie Probleme, die von der Unbewusstheit sexueller Motivierungen ausgehen würde. Andere Motivierungen sichtbar zu machen und für die empirische Klärung solcher Probleme Material zur Diskussion zu stellen, ist ein weiteres Ziel.
Es gibt schließlich jene, die aus einer lebenslangen Verschüchterung, die einen noch beim Lesen der Transkripte klamm macht, heraus gehandelt haben. Auch das gehört zum Bild dieser Menschen. Gemeinsam ist ihnen die Verleugnung des anderen. Verdrängt und verleugnet wird das moralische Problem der Schuld, von manchen in erheblichem Ausmaß. Das bedeutet aber nicht, dass den Männern das Schuldproblem nicht präsent wäre. Es ist sogar in einem Übermaß da, so sehr, dass es ständig nachverdrängt werden muss, ja dass sie ohne solche »Nachverdrängung« (Freud) kaum seelisch überleben könnten. Andere wiederum leiden erkennbar schwer unter dem, was sie anderen angetan haben. Bevor wir in die Details der von uns verwendeten sozialwissenschaftlichen Methoden »einsteigen«, wollen wir eine »Staffelung« von verschiedenen Erzählräumen vorschlagen, damit die Leser und Leserinnen eine leichtere Orientierung bewahren können. Indem wir diesen Teil hier einschalten, ohne vorab eine Methodendarstellung zu führen, wollen wir auch zeigen, dass uns durchaus die individuell-biografischen Motivierungen interessieren, aber auch, wie schwierig es ist, sie wahrzunehmen.

Anmerkungen:

(1) Die Analyse der Metaphern im therapeutischen Dialog hat lange schon Aufmerksamkeit gefunden. Dass man mit der Metaphernanalyse (s.u.) Transkripte einer vollständigen Therapie analysieren kann, hat Buchholz (1998) gezeigt. Dass damit auch ein größerer Textkorpus von 90 Interviews bewältigbar ist, haben Buchholz und v. Kleist an einer Studie über »Szenarien des Kontakts« (1997) dokumentiert. Buchholz und Gödde (2005) fassen die Bedeutung der Metaphernanalyse zusammen, dort auch reichhaltige weitere Literatur.
(2) Siehe dazu Topel et al. (2004). Die Arbeit fokussierte auf impliziten, prozeduralen Koregulierungsprozessen in Psychotherapien mit Kindern mit der Diagnose »Störungen des Sozialverhaltens«. Zur Objektivierung der Koregulierung von Patient und Therapeutin wurden sensumotorisch beobachtbare Zeichen der Selbstregulierung erforscht, die sich im Prozess balancierter Selbst- und interaktiver Regulierung veränderten.
(3) Vgl. dazu die zusammenfassenden Darstellungen bei Buchholz und v. Kleist (1997), Buchholz (2002), McNeill (2000), Wootton (1997), Gibbs (1994, 1995, 2006), Sobchak 2004, Croft und Cruse (2004). Es ist, als würden die modernen Forschungen zu »embodiment« die Freud’sche These, wonach das Ich ein »körperliches« sei, umfangreich bestätigen. Man darf aber auch an Spinoza erinnern: »Eine Idee, die das Dasein unseres Körpers ausschließt, kann es in unserem Geiste nicht geben, sondern steht mit ihm in Widerspruch« (Ethik, III. Abschnitt, 10. Lehrsatz).
(4) Die Arbeiten des durch einen Unfall früh ums Leben gekommenen Harvey Sacks sind von Gail Jefferson (1992) unter dem Titel »Lectures on Conversation« herausgegeben worden. Es ist zu bedauern, dass sich bislang so wenige Psychoanalytiker dafür interessieren, welche Fülle an reichen Beobachtungen über Gesprächsverhalten hier versammelt ist. Und diese Beobachtungen sind nahe an der Psychoanalyse; wie Freud beobachtet auch Sacks, dass sich jeder im Alltag als Psychoanalytiker seines Nebenmenschen betätigt – und betätigen muss, und er zieht beachtliche Folgerungen aus diesem Umstand (s. etwa S. 202). In Deutschland ist die Konversationsanalyse v.a. durch Bergmann (1980, 1981, 1985, 1987, 1991), Wolff (1983, 1991, 1994, 1995), Wolff und Meier (1995), Streeck (2004) bekannt gemacht worden, häufig an textlichen Beispielen aus dem psychiatrisch-psychotherapeutischen Feld. Erst in jüngerer Zeit (Ausnahme Streeck 1989) wendet sich auch die Psychotherapie-Prozessforschung der Konversationsanalyse zu (Forrester/Reason 2006; Maynard 2004; Peräkylä 2004, 2005; Peräkylä/Vehviläinen 2003; Vehviläinen 2003). Im vorzüglichen Buch von Lepper und Riding (2006) wird der Konversationsanalyse sehr viel Raum gewidmet.
(5) Das gilt in analoger Weise etwa auch für die Motivdarstellungen in Scheidungsverfahren (Hopper 1993): »My purpose is to offer empirical evidence that vocabularies of motive are indeed rhetorical constructs, and that they function to impose order upon sets of behaviors, circumstances, and events that would otherwise seem chaotic.« Hier findet man eine Antwort: Motivdarstellungen geben einem Geschehen Ordnung, das gerade nicht von strukturierten und mitteilungsfähigen Motiven bestimmt wird.
(6) Idealtypisch gesehen repräsentieren die Juristen und die Strafvollzugsbeamten das gesetzgebende, also primär das begrenzende und versagende Element, während die Sozialpädagogen und Psychologen eher die versorgende und gewährende, die therapeutische Seite verkörpern. Diese Aufspaltung beider Berufsgruppen wie auch zwischen Strafvollzug und Sozialtherapie erlaubt rolleninadäquate Aspekte an die jeweils andere Gruppe zu delegieren (Lamott 2001a).
(7) Die berühmten Experimente von Zimbardo in Stanford (Zimbardo/Gerrig 1996) haben schon früh im Anschluss an die Milgram-Experimente gezeigt, wie sich eine solche Hierarchie »spontan« einstellt, wenn man normale Studenten ein Gefängnisleben auch nur 14 Tage lang simulieren lässt. Schon nach einem Tag bildet sich eine Hierarchie zwischen »Wärtern« und »Gefangenen«, deren Gruppe intern weiter hierarchisch differenziert und dabei so sadistisch brutalisiert wird, dass das Experiment abgebrochen werden musste.
(8) Die Kodierung der Texte erfolgt mit einem Pseudonym des Gruppenteilnehmers, dessen Tatnarrativ im Mittelpunkt der zitierten Gruppenstunde stand. Wir entschieden uns, die Textsequenzen mit Pseudonymen darzustellen, um dem Leser die Nachvollziehbarkeit zu erleichtern. Von manchen Gruppenteilnehmern lagen zwei oder mehr Transkripte vor. Anhand der dem Pseudonym folgenden Zahl ist erkenntlich, um das wievielte Transkript es sich handelt. Nach dem Doppelpunkt folgt die Zeilennummer des jeweiligen Transkripts. Aus diesen Angaben kann der Leser erschließen, ob es sich um eine anfängliche oder eine spätere Sitzung handelt und ob er es mit dem Anfang der Sitzung, der Mitte oder dem Sitzungsende zu tun hat. Jedes Transkript hat einen Gesamt-Umfang von ca. 1200 bis 1400 Zeilen. Hier also handelt es sich um das erste Transkript in dem Peter P. von seiner Tat berichtet.

(Mit freundlicher Genehmigung des Psychosozial-Verlages)



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