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Vorabdruck aus Michael Bohne (Hrsg.) "Klopfen mit PEP - Prozessorientierte Energetische Psychologie in Therapie und Coaching"

Bohne: Klopfen mit PEP Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2010 (März)

mit Geleitworten von Peter Fürstenau und Klaus D. Hüllemann
300 Seiten, Kartoniert
€ 29,95

  • ISBN-10: 3896707302
  • ISBN-13: 978-3896707307

  • Verlagsinformation:
     Die Prozessorientierte Energetische Psychologie (PEP) ist eine zeitgemäße Weiterentwicklung bekannter Klopftechniken wie TFT, EFT, EDxTM, die bisherige Einschränkungen überwinden will. Ihre Tools werden "untechnisch" in Psychotherapie und Coaching integriert und beschleunigen deutlich den diagnostischen wie den therapeutischen Prozess. Michael Bohne beschreibt die Grundlagen der Prozessorientierten Energetischen Psychologie und ihre psychodynamisch-systemisch-hypnotherapeutische Einbindung. 16 erfahrene Anwender demonstrieren im Anschluss, wie sich PEP in verschiedenen Kontexten einsetzen lässt, sei es bei Ängsten, Traumata, psychosomatischen Störungen oder im Coaching. Mit Beiträgen von: Markus Bauer, Luigi Berini, Roseline Brinkman, Christine Carels, Georg Dünzl, Kurt Fischer, Roswitha M. Gschwandtner, Michael Haller, Margarita Klein, Diane Koehler, Uta Kronshage, Astrid Polanz-Burgstaller, Karin Schwenk, Maria Steiner Fahrni, Claudia Wilhelm-Gößling, Dirk Wehrsig.


    Über den Herausgeber:

    Michael Bohne, Dr. med., ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Neben der fachärztlichen Weiterbildung in tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie und Verhaltenstherapie ist er fortgebildet in Systemischer Therapie, Hypnotherapie, EMDR, Struktur- und Familienaufstellung und Energetischer Psychologie. Er ist einer der renommiertesten Ausbilder in Energetischer Psychologie in Deutschland und gefragter Referent auf psychotherapeutischen Tagungen und Kongressen. Als Auftritts-Coach trainiert er Fernseh- und Radiomoderatoren von ARD und ZDF, Orchestermusiker vieler deutscher Opern- und Sinfonieorchester sowie solistisch arbeitende, international auftretende Opernsänger. Ferner arbeitet er als externer Coach und Management-Trainer für verschiedene Unternehmen, u. a. die VW Coaching Gesellschaft, die NORD/LB und den NDR. Daneben ist er Coach und Berater für die Club of Rome-Schulen Deutschland. Vielfältige Vortrags- und Workshoptätigkeit zum Thema Lampenfieber und Bestleistungsoptimierung, u. a. im Rahmen von Lehraufträgen und Gastdozenturen an verschiedenen Musikhochschulen. Zahlreiche Veröffentlichungen zu den Themen Energetische Psychologie und Auftrittsoptimierung.


    Kapitel 4: Wirkhypothesen


    Was man über die Wirkung munkelt – Wirkhypothesen


    Da bislang immer noch keine wissenschaftlichen Wirkstudien vorliegen, die genau untersuchen, auf welche Weise die Energetische Psychologie und PEP wirksam sind, können und sollen hier ein paar Wirkhypothesen formuliert werden, die im Bereich der akademisch sozialisierten Psychotherapeuten aktuell diskutiert werden (1). Auch wenn man sich dessen bewusst ist, dass es sich dabei nur um Annahmen handelt und die neurobiologischen Hypothesen auch ein wenig holzschnittartig daherkommen, haben sie dennoch eine gewisse Plausibilität. Insgesamt entsprechen die meisten der bereits vorliegenden Studien zur Energetischen Psychologie darüber hinaus noch nicht den aktuellen hohen wissenschaftlichen Anforderungen und Standards im Bereich der Psychotherapieforschung und sollen hier auch aus diesen Gründen keine größere Erwähnung finden, wenngleich sich die meisten der Ergebnisse mit den klinischen Beobachtungen decken, die viele Anwender machen. Näheres hierzu siehe auch unter Feinstein (2006).

    Während die Behandlung belastender Emotionen mittels Klopfen der Akupunkturpunkte vermutlich direkt auf die emotionsverarbeitenden Bereiche des Gehirns, das limbische System, hier vor allem die Amygdalae und vermutlich auf den anterioren cingulären Cortex (ACC), zu wirken scheint, zielt die Behandlung der dysfunktionalen Beziehungsmuster und Glaubenssätze durch Selbstakzeptanzaffirmationen eher auf sprachassoziierte, bewusstseinsfähige und motivational also kortikale (vor allem wohl dorsolaterale präfrontale und orbitofrontale) Strukturen, da diese Behandlung ja eine höhere kortikale Leistung verlangt als das einfache Klopfen, während man an das Problem denkt. Es sei daran erinnert, dass der orbitofrontale Cortex mit der Regulation emotionaler Prozesse und Persönlichkeitseigenschaften in Verbindung gebracht wird. Am ehesten scheint die Selbstakzeptanzaffirmation auf die depressiv-inhibitorischen Funktionen des orbitofrontalen Cortex zu wirken, die emotional-affektiv mit den klinischen Befunden depressive Grundstimmung, geringes Selbstwertgefühl, Selbstablehnung und Gefühllosigkeit einhergehen.

    Je nach Thema und Prozessverlauf der Behandlung sollte mal auf der einen Seite und mal auf der anderen Seite der bifokalen Brille interveniert werden.

    Oberstes Therapieziel ist es nach Grawe (2004, S. 376), den Patienten von seinem Leiden zu befreien. Das heißt vor allem, seine psychischen Störungen und sein subjektives Wohlbefinden zu bessern. Dies, so zeigt die Praxis seit nunmehr einem guten Dutzend Jahren, funktioniert mit der Energetischen Psychologie und noch mehr mittels der PEP erstaunlich gut. Wie dies genau geschieht, ist letzten Endes überhaupt noch nicht geklärt, lässt sich zurzeit jedoch am ehesten durch folgende Hypothesen (!) beschreiben.


    Neurobiologische Wirkhypothese


    Die schnelle Aktivierung unterschiedlicher neuronaler Zentren (durch Summen, Zählen, Klopfen von Akupunkturpunkten, Aussprechen von Sätzen, Augenrollen etc.) zeitgleich zur Aktivierung des dysfunktionalen, belastenden Gefühls könnte über eine Verstörung der Erlebnisverarbeitung und Reorganisation neuronaler Netzwerke alte Kognitions-Emotions-Verhaltens-Muster verstören und neue neuronale Netzwerke aktivieren. Grundlage für diese Wirkhypothese ist die Neuroplastizität, also die Fähigkeit des Gehirns zum Umlernen. Dyskonnektierte neuronale Areale werden dieser Hypothese zufolge wieder miteinander verbunden, und funktionell gehemmte Areale werden durch die unterschiedlichen sensorischen Stimulationen wieder aktiviert. Der präfrontale Cortex wird als oberstes Kontrollzentrum für eine situationsangemessene Handlungssteuerung angesehen und ist darüber hinaus gleichzeitig intensiv an der Regulation emotionaler Prozesse beteiligt. Er empfängt die verarbeiteten sensorischen Signale, verbindet sie mit Gedächtnisinhalten und mit aus dem limbischen System stammenden emotionalen Bewertungen. Somit könnte ihm bei der Wirkung der Klopftechniken eine zentrale Rolle zukommen.

    Hirnforscher haben herausgefunden, dass Hirnareale, wie etwa die Amygdalae, die mit negativen Empfindungen, wie z. B. Trauer, Angst und Wut, in Zusammenhang stehen, offensichtlich auch durch Liebesgefühle zum Schweigen gebracht werden (Bartels u. Zeki 2007). Dies könnte gegebenenfalls auch erklären, warum die Aussagen zur Selbstannahme und Selbstliebe während einer Klopfsequenz häufig direkt so positive und Stress reduzierende Auswirkungen haben.


    Embodimentfokussierte und neurohumorale Wirkhypothese


    Man kann vermuten, dass durch das Klopfen die Endorphinsekretion und gegebenenfalls die Sekretion von Serotonin im limbischen System zu einer Veränderung des emotionalen Erlebens führen. 70 % der Akupunkturpunkte weisen eine erhöhte Konzentration von kleinen Hautnerven, neuromuskulären Verbindungsstellen, verschiedenen Mechanorezeptoren, freien Nervenendigungen und eine erhöhte Dichte an neurovaskulären Strukturen auf. Über lange Myelinfasern werden bei der Reizung solcher Hautareale der somatosensorische präfontale und parietale Cortex sowie die Amygdalae (Mandelkerne) und der Hippokampus in besonders hohem Maße aktiviert (siehe Wilhelm-Gößling 2006, S. 69–78). Die positive Erfahrung der Selbstwirksamkeit durch Klopfen dürfte das dopaminerge Belohnungssystem ansprechen, was erklären würde, warum selbst einmaliges Sich-selbstBeklopfen zu anhaltenden emotionalen Veränderungen führen kann. Möglicherweise kommt auch der Sekretion des Neurotransmitters Oxytocin eine größere Bedeutung zu. Oxytocin wirkt ja bekanntlich Stressreaktionen entgegen und wird durch sensorische Stimulationen, wie z. B. durch Berührung der Haut, freigesetzt.


    Wirkhypothese der reziproken Hemmung


    Durch günstige Auswirkungen auf das vegetative Nervensystem soll sich durch die Kombination von Klopfen, Augenbewegungen, Überkreuzübungen und tiefen Atemzügen eine Entspannung einstellen, die den zuvor aktivierten Stress reduziert. Aus der Psychotherapieforschung ist bekannt, dass man Entspannung und Stress nicht gleichzeitig erleben kann (reziproke Hemmung). Die Entspannung hat die besseren Karten und siegt über den Stress.


    Positive Kontroll- und Selbstwerterfahrung sowie Selbstwirksamkeitserfahrung


    Die Vermittlung von positiven Kontrollerfahrungen und selbstwerterhöhenden Erfahrungen ist nach Grawe (2004, S. 372–485) wesentlich für eine wirksame Psychotherapie, da sie eine inkongruenzreduzierende Wirkung hat. In der Energetischen Psychologie und der PEP wird davon ausgegangen, dass die Klienten sich mittels Selbstbeklopfung von emotionalen Belastungen selbst befreien können. Dies kann man auch als eine Kompetenzzuschreibung verstehen. Basch (1992) beschreibt, dass allein die Zuschreibung von Kompetenz dazu führt, dass sich Kompetenzen des Klienten tatsächlich erhöhen.

    »Viele Patienten haben ein angeschlagenes Selbstwertgefühl. Sie schämen sich dafür, dass sie anders sind als andere, dass sie dieses Problem haben und nicht allein damit fertigwerden. Psychisch krank zu sein wird von den meisten Betroffenen als persönliches Versagen erlebt. Sie fühlen sich dadurch minderwertig. Auch in der Therapie müssen sie sich notgedrungen von ihrer problematischen Seite zeigen. Das sind alles dem Selbstwert abträgliche Erfahrungen« (Grawe 2004, S. 383).

    Was Grawe hier beschreibt, kann man, tiefenpsychologisch gesehen, auch als narzisstische Kränkung beschreiben. Bedenkt man dieses Zitat von Grawe, wird vielleicht noch einmal mehr plausibel, warum in der Energetischen Psychologie und der PEP immer wieder die Selbstakzeptanzaffirmationen genutzt werden. Selbst bezüglich des Vorhandenseins des Problems wird ja formuliert: »Auch wenn ich dieses Problem habe, liebe und akzeptiere ich mich so, wie ich bin.« Durch die vor Zeugen laut formulierte Selbstakzeptanz stärkt der Klient sein Selbstwertgefühl. Durch das Sich-selbst-Beklopfen und die Verbesserung der Selbstbeziehung macht er die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Dies sind mögliche Wirkfaktoren.


    Befriedigung verschiedener Grundbedürfnisse


    Die Klopftechniken an sich gewährleisten die Befriedigung verschiedener Grundbedürfnisse, was wiederum eine positive Kontrollerfahrung und somit eine Reduktion von Inkongruenz darstellt. Da die Klienten sich selbst beklopfen und sie hierdurch eine Selbstwirksamkeitserfahrung machen, sind die Grundbedürfnisse nach Autonomie, Einfluss, Selbstwirksamkeit und Kompetenz gleichermaßen befriedigt. Der prozessorientierte Rapport erfüllt überdies das Bedürfnis nach Bindung bzw. zwischenmenschlicher Nähe und freundlichen sozialen Kontakten, und die klare Abfolge verschiedener Interventionsstrategien erfüllt das Bedürfnis nach Orientierung. Das Ausmaß an bedürfnisbefriedigenden Erfahrungen bestimmt nach Grawe (2004, S. 379–423) maßgeblich die Wirksamkeit einer Psychotherapie. Somit könnte dieser Punkt einen wesentlichen Beitrag an der Wirksamkeit der Energetischen Psychologie und der PEP haben.


    Das Meridiansystem, die klassische energetische Wirkhypothese


    Aus der Sicht der Energetischen Psychologie und der meisten Klopftechniken liegt bei emotionalen Problemen eine Blockade in einem Meridian vor, die dazu führt, dass der freie Fluss der Energie in diesem Meridian gestört ist. Dies wird als einziger Grund für dysfunktionale Emotionen gesehen. Das Klopfen beeinflusst demnach über die Stimulation der Akupunkturpunkte den Energiefluss im Meridiansystem, wobei sich Energieblockaden oder energetische Dysbalancen lösen bzw. ausbalancieren. Eine Erklärung bezügliche der psychischen Umkehrung stammt von Callahan (siehe Gallo 2002a, S. 126), der der Überzeugung ist, dass die elektrischen oder elektromagnetischen Pole innerhalb der Meridiane tatsächlich umgekehrt seien und dass dies die betreffende Person an der Umsetzung ihrer erklärten Absichten hindere.

    Energetisch muss eigentlich nicht unbedingt esoterisch heißen, wenngleich das sicherlich häufig so vergesellschaftet ist. Physiker sind seit einigen Jahren dabei, verschiedenste bioenergetische Felder zu entdecken (vgl. Oshman 2006). Diese finden sich z. B. im und um den menschlichen Körper, da ja jeder Stromfluss ein biomagnetisches Feld um sich herum erzeugt, somit natürlich auch der Stromfluss innerhalb unseres Nervensystems. Dieses elektromagnetische Feld kann man mittels eines sogenannten SQUID-Magnetometers messen. Ob es sich dabei um die gleiche Energie handelt, wie sie in der TCM beschrieben wird, ist nicht geklärt. Es scheint jedoch mehr und mehr möglich, die jahrtausendealten Beschreibungen von Energien, wie z. B. Qi, auch in der Sprache der modernen Physik zu dokumentieren und zu beschreiben.

    Bei der energetischen Wirkhypothese geht es also um eine Aufhebung einer vermuteten Unterbrechung oder Dysbalance des Energieflusses innerhalb eines oder mehrerer Meridiane bzw. – im Falle einer sogenannten massiven psychischen Umkehrung – der gesamten Körperpolarität.

    Ein weiterer Erklärungsansatz liegt in den piezoelektrischen Effekten im Knochen. Man klopft ja immer auf Akupunkturpunkte, unter denen sich Knochengewebe befindet. Somit wird der Knochen durch das Klopfen stimuliert. Bereits in den 60er Jahren wurde das Phänomen entdeckt, dass Knochen piezoelektrische Eigenschaften haben (Garten 2004, S. 43). Sie können mechanische Energie (z. B. auch durch Beklopfen) in elektrische Energie umwandeln. Dies ist Teil des Reparatur- und Regulationssystems des Körpers, welches Veränderungen der Struktur von Knochen bewirkt und die Heilung der Frakturen unterstützt. Es ist natürlich ebenso vorstellbar, dass die durch Klopfen freigesetzte elektrische Energie direkt auf das Energiesystem des Menschen, die Meridiane (so es sie denn gibt) einwirkt.

    Wenngleich die energetische Wirkhypothese die ursprüngliche der Energetischen Psychologie ist, spricht vieles in der konkreten Anwendungsbeobachtung dagegen, dass sie die Erklärung für die Wirksamkeit der Klopftechniken ist.

    Auch aus wissenschaftstheoretischer Sicht spricht vieles dafür, die energetische Wirkhypothese nicht über Gebühr zu strapazieren. Eschenröder (2006, S. 114) beschreibt, dass auch der in den Klopftechniken sehr erfahrene Arzt Joaquin Andrade für das Prinzip der Sparsamkeit plädiert und man nicht Hypothesen bemühen sollte, die in sich selbst noch nicht bestätigt sind:

    »Das Prinzip der Sparsamkeit wurde von dem Philosophen Wilhelm von Ockham (um 1285–1349) formuliert. Es besagt, dass man unter den verschiedenen möglichen Erklärungen für ein Phänomen die einfachste Erklärung, die die wenigsten zusätzlichen Annahmen erfordert, wählen sollte. In der englischsprachigen Literatur wird dieses Prinzip auch als Occams razor (Ockhams Rasiermesser) bezeichnet.«

    Da die Ergebnisse zur Akupunkturforschung sehr zwiespältig sind (s. u.) und die Erklärungen zur Energiemedizin zurzeit noch nicht Common Sense sind, wäre es wenig hilfreich, eine Technik (das Klopfen), von der man noch nicht genau weiß, wie sie wirkt, mit Wirkmechanismen zu erklären, von denen man nicht genau weiß, ob sie tatsächlich zutreffen. So hat die weltweit größte Untersuchung zur Akupunktur, die GERAC-Studien (German Acupuncture Trials) gezeigt, dass Akupunktur bei Knie- und Rückenschmerzen signifikant wirksamer ist als die an aktuellen Leitlinien orientierte Standardtherapie der Schulmedizin. Allerdings stellte sich auch heraus, dass die richtigen Akupunkturpunkte (Verumpunkte) genauso wirksam waren wie die Scheinakupunkturpunkte (Shamakupunktur), also irgendwelche Körperpunkte (Endres et al. 2007). Selbst Gustav Dobos (Schnabel 2008), Chefarzt an den Kliniken Essen-Mitte und Inhaber des einzigen deutschen Lehrstuhls für Naturheilkunde mit dem Schwerpunkt Chinesische Medizin, gibt zu bedenken, dass die große Akupunkturuntersuchung, die GERAC-Studien (Acupuncture Randomizes Trials), die Vermutung, es gebe sogenannte Energieleitbahnen (Meridiane) im Körper, in denen sich durch das Nadeln spezieller Punkte der Fluss der Lebensenergie (Qi) gezielt anregen lasse, nicht bestätigt hat; und:

    »Aus Sicht der westlichen, evidenzbasierten Medizin muss man daher nach anderen Wirkmechanismen Ausschau halten, wenn man der Akupunktur zu wissenschaftlicher Anerkennung verhelfen will.« Schließlich: »Energiebahnen nach der traditionellen Vorstellung gibt es wahrscheinlich nicht.«

    Doch woher stammt dann eigentlich die Idee von den präzise verlaufenden Energiebahnen? Woher stammen all die Lehrtafeln, die heute in den Sprechzimmern der Akupunkteure und der Psychotherapeuten der Energetischen Psychologie hängen? Glaubt man der Wissenschaftsredaktion der ZEIT, dann sind es Kunstprodukte aus den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts:

    »Damals, kurz nach der Gründung der Volksrepublik China, gab Mao die Parole von der chinesischen Medizin als einer ›Schatzkammer‹ aus, deren Schätze mithilfe der modernen Wissenschaft zu heben seinen. Eine von der Regierung eingesetzte Kommission mühte sich daher, die – zum Teil höchst disparaten – Lehren zusammenzutragen und in Einklang sowohl mit marxistischem Gedankengut als auch mit modernem wissenschaftlichem Denken zu bringen. Damals wurden zum Beispiel die Akupunkturpunkte und Energiebahnen festgelegt, und die Unschärfe in den alten Lehrschriften wurde durch wissenschaftlich klingende Exaktheit ersetzt. Aus strategisch-politischen Gründen wurde so das Konstrukt der TCM geschaffen, das dann von unterschiedlichen Schulen weltweit aufgegriffen wurde – aber mit den Ursprüngen zum Teil wenig zu tun hatte. Von einer ›Verhandlungslösung‹, die ›am grünen Tisch entstand‹, spricht in diesem Zusammenhang der Sinologe und Medizinhistoriker Paul Unschuld. Der Direktor des 2006 gegründeten Stiftungsinstituts für Chinesische Lebenswissenschaften an der Berliner Charité hält die westliche Euphorie für die TCM für naiv« (Schnabel 2008, S. 44).

    Die Akupunkturpunkte wurden in den alten chinesischen Schriften gar nicht so exakt beschrieben, wie wir dies heute kennen. Teilweise lagen die beschriebenen Punkte in den verschiedenen Abbildungen an zehn Zentimeter weit auseinander liegenden Orten. Von einer Punktspezifität im heutigen Sinne kann also nicht die Rede sein. Somit sprechen manche Akupunkteure lieber von reaktiven Arealen (ebd.), die es zu finden und zu nadeln gilt.

    Akupunktur hilft also, man weiß aber immer noch nicht genau, warum. Dass es bei der Körperstimulation vermutlich nicht wirklich um die Akupunkturpunkte geht, zeigt eben auch die bereits erwähnte Untersuchung von Waite und Holder (2003). Die Teilnehmer klopften in der Experimentalgruppe EFT-Punkte, in den Kontrollgruppen irgendwelche Punkte auf dem Arm oder aber EFT-Punkte auf einer Puppe und in der dritten Gruppe gar keine Punkte. Die stärksten Veränderungen zeigten die Teilnehmer, die irgendwelche Punkte klopften sowie diejenigen, die die Akupunkturpunkte auf einer Puppe klopften.

    Hier sei an die Untersuchungsergebnisse von Martin Grunwald erinnert, der Beobachtungen beschreibt, nach denen das einfache Sich-selbst-Berühren von unter Stress stehenden Probanden zu einer Stressreduktion geführt hat. Oder es sei an die Erklärungen von Gerald Hüther erinnert, der eine Verstörung von miteinander assoziierenden neuronalen Netzwerken als einen wesentlichen Wirkfaktor für emotionale Veränderungen proklamiert. Alles Wirkhypothesen, die, wissenschaftlich gesehen, nachvollziehbarer und bestätigter sind als die Erklärungsmodelle der TCM und der fernöstlichen Akupunkturlehre.

    Trotz fraglicher Notwendigkeit bzw. fraglicher wissenschaftlicher Sinnhaftigkeit, nun unbedingt die Akupunkturpunkte zu beklopfen, hat es dennoch Sinn, genau diese Punkte zu nutzen, da sie eben als Behandlungspunkte in der Medizin seit Jahrtausenden bekannt und somit als Teil eines Heilungsrituals eingeführt sind. Sicherlich dienen sie auch als Metapher für Heilung, was einen zusätzlichen hypnotherapeutischen Nebeneffekt haben dürfte. Vielleicht aber erlaubt die Akupunkturpunktmetapher einfach nur, dass man sich selbst berührt, ohne dies irgendwie abwegig zu finden: Akupunkturpunkte quasi als Scheinerklärung für die Selbstberührung. Jedenfalls haben sich die Akupunkturpunkte ja in der Praxis sowohl in der Akupunktur als auch in der Energetischen Psychologie als durchaus sehr wirksam erwiesen.

    Es ist jedoch durchaus vorstellbar, dass spätere Studien zeigen werden, dass andere Körperpunkte, andere Körperstimulationen bzw. andere Bewegungsmuster noch wirksamer sind als das Beklopfen der Akupunkturpunkte. Bis dahin empfiehlt es sich jedoch, auch weiterhin die den meisten Menschen bekannten Akupunkturpunkte zu nutzen.


    Anmerkungen:


    (1) Näheres hierzu siehe auch bei Wilhelm-Gößling (2006) und Feinstein (2006).



    Literatur:


    Bartels, A. u. S. Zeki (2007): Hals über Kopf. Was passiert, wenn man Verliebte zum Hirnscan in den Computertomografen schiebt? Gehirn & Geist 1: 12–13.

    Basch, M. F. (1992): Die Kunst der Psychotherapie. München (Pfeiffer).

    Endres, H. G., N. Victor, M. Haake, S. Witte, K. Streitberger u. M. Zenz (2007): Akupunktur bei chronischen Knie- und Rückenschmerzen. Deutsches Ärzteblatt 104 (3): A123–130.

    Eschenröder, C. T. (2006): Parallelen zwischen Energetischer Psychotherapie, Verhaltenstherapie und EMDR. In: M. Bohne C. T. Eschenröder u. C. Wilhelm-Gößling (Hrsg.): Energetische Psychotherapie – integrativ. Praxis, Hintergründe, Wirkhypothesen.Tübingen (DGVT).

    Feinstein, D. (2006): Ein Überblick über Forschungen zur Energetischen Psychologie. In: M. Bohne, C. T. Eschenröder u. C. Wilhelm-Gößling (Hrsg.): Energetische Psychotherapie – integrativ. Praxis, Hintergründe, Wirkhypothesen. Tübingen (DGVT).

    Gallo, F. P. (2002a): Handbuch der Energetischen Psychotherapie. Kirchzarten (VAK).

    Garten, H. (2004): Lehrbuch der Applied Kinesiology. Muskelfunktion, Dysfunktion, Therapie. München (Elsevier bei Urban & Fischer).

    Grawe, K. (2004): Neuropsychotherapie. Göttingen (Hogrefe).

    Oshman, J. L. (2006): Energiemedizin. Konzepte und ihre wissenschaftliche Basis. München (Urban & Fischer).

    Schnabel, U. (2008): Hauen ums Stechen. Akupunktur ist in Deutschland populärer als in China. Nun streiten westliche Forscher darüber, wann die Nadelei sinnvoll ist. Die Zeit 51, 43–44.

    Waite, W. L. a. M. D. Holder (2003): Assessment of the emotional freedom technique. An Alternative Treatment for Fear. Scientific Review of Mental Health Practice 2 (1): 20–26.

    Wilhelm-Gößling, C. (2006): Wirkhypothesen Energetischer Psychotherapie. In: M. Bohne, C. T. Eschenröder u. C. Wilhelm-Gößling (Hrsg.): Energetische Psychotherapie – integrativ. Praxis, Hintergründe, Wirkhypothesen. Tübingen (DGVT), S. 65–86.

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    Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Carl-Auer-Verlages



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