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Vorabdruck aus Jan Bleckwedel: Systemische Therapie in Aktion

Bleckwedel: Systemische Therapie in Aktion Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008 (Mai)

250 S., broschiert

Preis: 24,90 €

ISBN-10: 3525491379
ISBN-13: 978-3525491379

Verlagsinformation: "Der Psychologe Jan Bleckwedel zeigt praxisnah, wie Therapeuten und Klienten zu aktiv gestaltenden Akteuren werden, und stellt dafür ein breites Repertoire systemischer Aktionstools und psychodramatischer Techniken zur Verfügung. Fallbeispiele verdeutlichen, wie therapeutische Prozesse mit Familien und Paaren kreativ gestaltet werden können. Ein methodenübergreifendes Navigationssystem gibt Orientierung. Übersichten, Listen und Graphiken machen das Buch zu einem Nachschlagewerk, das zur Aktion und Reflexion ermutigt. Im theoretischen Teil wird die intensive Wirkung von Aktionsmethoden im Rahmen von Konzepten und Begrifflichkeiten erklärt, die in der neueren Säuglingsforschung, der Emotionsforschung und der Neurobiologie eine wichtige Rolle spielen. Das komplexe Zusammenspiel von Emotion, Interaktion, Konstellation, Feld und Umgebung wird anschaulich und verständlich beschrieben. Der Einsatz von Aktionsmethoden wird damit in den umfassenderen Kontext eines multimodalen, mehrdimensionalen und entwicklungsorientierten Ansatzes eingeordnet. Die Ideen und Konzepte, die in diesem Buch vorgestellt werden, haben sich in vielen Jahren der Praxis und Lehre auf dem Hintergrund verschiedener Traditionen der Familientherapie und der systemischen Therapie entwickelt und sind für alle Richtungen der Therapie offen."

Inhalt

Einführung: Zwischen Wissenschaft und Kunst, Handwerk und Magie

Teil I Pragmatisch Denken – Systemisch Handeln

1. Wie Klienten zu Akteuren werden
2. Respekt und Entdeckungsfreude
3. Kinder und Jugendliche als Ressource
4. Fehlerfreundlichkeit und Experimentierfreude
5. Begrenzung und Austausch in Familien
6. Verschiedene Wahrheiten – Bezugspunkte therapeutischen Erkennens
7. Vom Widerstand zur pragmatischen Grundregel
8. Navigation und Prozessgestaltung

Teil II Grundlagen des Inszenierens

1. Zentrale Psychodramatische Techniken in der therapeutischen Arbeit mit Familien und Paaren
2. Der Prozess des Inszenierens – Rollen und Aufgaben
3. Prozesssteuerung
4. Interaktive Präsenz
5. Vom szenischen Verstehen zum szenischen Gestalten

Teil III Systemische Aktionstools

Teil IV System und Begegnung

1. Auf dem Weg zu einem mehrdimensionalen Ansatz: Emotion, Interaktion, Konstellation, Feld und Umgebung
2. Mit allen Sinnen: Konsequenzen neurobiologischer Forschung für die Praxis der Psychotherapie
3. Spielräume des Lebendigen

Am Ende und am Anfang: Brief an Lilli

Anmerkungen (nach Kapiteln geordnet)

Literaturliste

Wie Klienten zu Akteuren werden

"The medium is the message"

Marshal McLuhan

Klienten als Gestalter der therapeutischen Situation

Die wichtigste Aufgabe von Therapie besteht darin, Klienten in eine aktiv gestaltende Position zu sich selbst und zu ihrer Umgebung zu bringen. Das beginnt idealerweise mit der therapeutischen Situation. Die Arbeit mit Aktionsmethoden bietet den Vorteil, dass Orte frei gewählt und unterschiedlich eingerichtet werden können (Szenenaufbau II.1. S. 161). Da es keine vorgegebenen Ordnungen von Möbeln und Menschen im Raum gibt, können Klienten und Therapeuten alle möglichen Positionen im Raum einnehmen und die Situation kreativ gestalten. Die Metaphorik des Raumes, Aktionen im Raum und die wechselnden Konstellationen im Raum - all dies kann gezielt genutzt und gestaltet werden. Die Therapeutin fragt nicht nur, sie macht Vorschläge, etwas zu tun, zum Beispiel: "Angenommen, der verstorbene Großvater Paul könnte hier bei uns sein, wo wäre er dann? Können Sie (1) das bitte mit einem Stuhl zeigen? - Wer möchte sich mal auf den Stuhl setzen und die Rolle des Großvaters einnehmen?". Ein solches Vorgehen wird gern als erlebnisorientiert beschrieben. Der tiefere Sinn solcher Interventionen liegt aber darin, Klienten in eine Position zu bringen, in der sie sich selbst, ihre Lebenswelt und die therapeutische Situation aktiv gestalten können.

Wie werden Klienten zu Akteuren und kommen in eine aktiv gestaltende Position? Diese Frage verweist zunächst zurück auf die Person des Therapeuten, der Therapeutin.

Spontanes Handeln und kulturelles Zögern

Ein lebendiges Modell ist allemal die überzeugendste Botschaft. Die einfachste Form, Klienten in Bewegung zu bringen, besteht daher darin, sich als Therapeut selbst zu bewegen. Stehen Sie einfach auf, wenn Sie den Impuls dazu haben, und laden Sie Ihre Klienten ein, ebenfalls so zu handeln, wenn ihnen danach ist. Das ist offensichtlich einfacher gesagt als getan. In Ausbildungssituationen mit Rollenspielfamilien lässt sich leicht experimentieren, aber in der alltäglichen Arbeit mit echten Paaren und Familien scheinen starke Kräfte der Beharrung ( I.7. S. 111) zu wirken: Da "klebt man am Stuhl", "kommt nicht in die Hufe", "steht wie der Ochs vorm Berg" oder "wird von einer geheimen Macht niedergehalten". Solche oder ähnliche Metaphern werden von Kollegen genannt, wenn man nach den typischen Lähmungserscheinungen fragt. Wenn solche Metaphern in Szene gesetzt ( III. S. 244) und szenisch exploriert werden, kommt in Seminaren oder Supervisionen regelmäßig Freude auf.

Ich erinnere mich an einen Kollegen, der von einer Paartherapie berichtete, in der er regelmäßig von lähmender Müdigkeit geplagt wurde. In der szenischen Rekonstruktion legt er sich zum Schlafen auf den Boden seiner Praxis (Konkretisierung und Verstärkung der Müdigkeit) und provoziert damit - während die zuschauenden Kollegen sich vor Lachen ausschütten - das empörte Erstaunen des sich streitenden (Rollenspiel-)Paares. (Die in der Müdigkeit gebundene Aggression des Therapeuten wirkte in Aktion umgewandelt als Unterbrecher des Streit-Beobachter-Musters.) Der Therapeut wird plötzlich ganz wach und es ergibt sich ein interessantes und erfrischendes Gespräch über Zuhören und verlorene Leidenschaft in der Beziehung des Paares. Eine andere Kollegin wechselt auf der Bühne in die Rolle des "Riesen, der mich zurückhält" (der Lehranalytiker aus vergangenen Zeiten). In dieser Rolle entwickelt sie ungeahnte Energien, die sie nach dem Zurückwechseln in ihre eigene Rolle nutzen kann, um als Therapeutin in Bewegung zu kommen und den Klienten ein Spielangebot zu machen.

Die szenische Exploration und Dynamisierung typischer Blockaden macht aber nicht nur persönliche Hindernisse und technische Unsicherheiten deutlich, die die Anwendung von Aktionsmethoden erschweren. Vielmehr zeigt sich in den auftauchenden Hemmungen ein allgemeines kulturelles Zögern, das körperlich empfunden wird und aktives Handeln behindert. Es gibt kulturelle Gebote, die zum Stillhalten auffordern - in der Familie, in der Schule, im öffentlichen Leben. Dieses Zögern muss man verstehen und aufheben, wenn man mit Aktionsmethoden arbeiten und spontanes Handeln ermöglichen will.

Menschen suchen normalerweise den Schutz von Intimität, wenn sie sich über Gefühle und wichtige zwischenmenschliche Themen austauschen: die Anonymität eines Tisches im Café, einen Spaziergang im Wald oder das Bett. Natürlich gibt es auch die Kehrseite, den Wunsch nach Veröffentlichung von Intimem - auf Familienfeiern, wenn Paare zusammensitzen, in Talkshows - und dennoch ist es ungewöhnlich genug, sich im Beisein professioneller Helfer über Intimes auszutauschen. In dieser Situation gewährt das klassische und im Erwartungshorizont liegende Gesprächssetting als gewohnter Rahmen Halt und Schutz. Der Einsatz von Handlungsmethoden durchbricht solche Erwartungen und erscheint zunächst ungewöhnlich.

Der Vorschlag, etwas zu zeigen oder in eine Rolle zu wechseln, führt in unbekanntes Gelände, in dem die Umgangsregeln nicht bekannt sind. Schon ein offener Stuhlkreis ohne Tisch als schützende Barriere wirkt für manche Klienten verunsichernd. Stellen Sie sich für einen Moment vor, Sie gehen mit Ihrer Familie in Therapie oder zur Beratung. Wechseln Sie kurz in die Rolle aller Familienmitglieder und nehmen Sie aufmerksam alle Widerstände und €ngste wahr, die auftreten können. Im Rollenwechsel mit Klienten wird schnell deutlich, wie wichtig es ist, als Therapeut für einen respektvollen Rahmen zu sorgen und eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich Klienten eingeladen, ermuntert und sicher begleitet fühlen.

Der Therapeut, die Therapeutin als Botschaft

Therapeuten müssen als Person und in ihrer Rolle als Therapeut überzeugen. Sie stehen dabei vor der komplexen Aufgabe, immer wieder zwischen Person und professioneller Rolle klar zu unterscheiden, und zwar während sie in die Welt ihrer Klienten eintauchen, sich emotional verwickeln lassen und wieder auf Distanz gehen, um den Überblick zu behalten. Ohne klare Differenzierung zwischen Person und professioneller Rolle verlieren Therapeuten nicht nur ihr wahres Selbst, sondern schädigen auch ihre Klienten. In diesem Rahmen sollten Therapeuten authentisch sein und als Persönlichkeit überzeugen, und das können sie nur, wenn sie sich mit den Methoden, die sie anwenden, identifizieren. Aber auch hier - in der Anwendung von Methoden - ist eine Distanzierung immer wieder notwendig. Ohne Identifikation mit den angewandten Methoden wirkt man nicht authentisch und überzeugend, aber ohne eine angemessene Distanz zur Methodik erlebt man Widerstände ( I.7. S. 107) gegen eine Technik leicht als Angriff auf die eigene Person (mit fatalen Folgen für die Beziehung und das Arbeitsbündnis).

Die Arbeit mit Aktionsmethoden erfordert also eine gewisse Leidenschaft und gleichzeitig die Gelassenheit, andere Methoden anzuwenden, wenn das besser passt (Pragmatische Grundregel I.7. S. 113). In diesem Rahmen wirken Aktionsmethoden überzeugend, wenn der Therapeut oder die Therapeutin als lebendiges Modell handelt und auf diese Weise zur Botschaft wird.

Die Freude zu schauen und die Freude sich zu zeigen

Die Arbeit mit Aktionsmethoden erfordert Freude an Bewegung und Aktion. Szenisches Arbeiten beginnt aber - entgegen einem weit verbreiteten Irrtum - mit der Einnahme der Beobachterposition und dem Üben einer frei schweifenden szenischen Aufmerksamkeit ( II.2. S. 201). Die Kunst des Zeigens beginnt mit der Kunst des Zuschauens.

Zuschauen

Setzen Sie sich in ein CafŽ, auf einen öffentlichen Platz oder in die Bahnhofshalle und schauen Sie einfach zu. Man kann beim Beobachten mit verschiedenen Perspektiven experimentieren und allein dadurch Vielfalt erzeugen. Wechseln Sie bewusst in verschiedene Rollen (Detektiv, einsame Frau, Putzmann, eine Verliebte) und nehmen Sie wahr, wie sich die Sichtweise verändert und damit das, was Sie sehen und erleben. Üben Sie vor allem, genau zu beobachten, was passiert, und nicht irgendetwas in das Geschehen hineinzuinterpretieren, was Sie aufgrund psychologischer Erklärungsschemata, die Ihnen am Herzen liegen, glauben zu sehen. Vielleicht wechseln Sie in die Rolle eines Choreographen. Welche Gesten und Konstellationen tauchen in diesem Theater ohne Worte auf? Wie bewegen sich die Leute, gibt es wiederkehrende Muster, Konstellationen, Rhythmen, Ereignisse? Versuchen Sie zu beschreiben, was Sie sehen, ohne etwas zu erklären oder zu bewerten. Sie werden sehen, das ist gar nicht so einfach. Aber allmählich werden Sie Spaß daran finden, weil immer mehr Details und Facetten der Interaktionen auftauchen, die bisher hinter einem Schleier von psychologischen Interpretationen verborgen waren.

Sich zeigen

Wer mit Aktionsmethoden arbeiten will, muss auch lernen, sich von anderen beobachten zu lassen. Man muss Freude daran entwickeln, sich in angemessener Form selbst zu zeigen. Stellen Sie sich vor, der Raum wird geteilt in einen Zuschauerraum und eine Bühne. Betreten Sie nun in der Vorstellung die leere Bühne, stehen Sie nur einfach da für ein paar Minuten und lassen sich von einer Gruppe von Menschen beobachten. Und beobachten Sie die Zuschauer aus dieser Perspektive. Diese einfache Übung hat in der Praxis eine starke Wirkung. Sie werden erleben, dass Sie durch ein Wechselbad von Gefühlen gehen und sich mit allen möglichen aufsteigenden Empfindungen auseinander setzen müssen. Genau so geht es Ihren Klienten, wenn sie Ihre Praxis betreten; und Aktionsmethoden intensivieren diesen Effekt.

Aktionsmethoden beginnen mit der Teilung des Raumes in Zuschauerraum und Bühne ( II.1. S. 158), und als Therapeut müssen Sie lernen, sich in beiden Teilen des Raumes souverän und sicher zu bewegen. Das kann man nicht aus Büchern lernen. Experimentieren Sie damit, wie es ist, sich vor anderen zu zeigen und Ideen spontan in Handlung umzusetzen. Probieren Sie, kleine Aktionen in Ihren therapeutischen Alltag einzustreuen (einen Stuhl verrücken, eine Geste spielerisch aufgreifen, einen Ball werfen) und selbst in Bewegung zu kommen. Das Ziel systematischen Trainings besteht darin, Aktionsmethoden wie selbstverständlich anzuwenden. Ihr Einsatz verläuft dann eher unterbewusst, während man sich auf den therapeutischen Prozess konzentriert - wie das Schalten beim Autofahren. Mit der Zeit beginnt man, intuitiv szenisch zu handeln, gewinnt Vertrauen in die Methode und wird auf diese Weise zum ansteckenden Modell.

Sinnproduktion und Vertrauen in die Methode

Aber wie gewinnen Klienten Vertrauen in Aktionsmethoden? Zunächst muss man dafür sorgen, vom System aufgenommen zu sein und als Autorität anerkannt zu werden (was Virginia Satir "in and up" nennt). Ohne gegenseitigen Respekt ( I.8. S. 127) kann man leicht mit Vorschlägen scheitern. Ein tragendes Arbeitsbündnis macht die Annahme von Vorschlägen wahrscheinlicher. Auf dieser Basis führt man wie ein guter Gastgeber mit Humor durchs Programm ( II.2. S. 183). Es reicht aber nach meiner Erfahrung nicht aus, Klienten einfach in Bewegung zu bringen und ihre Spiellaune zu fördern. Spielfreude ist gut, aber längerfristig müssen Methoden einen Sinn ergeben, der über den Prozess hinausweist und sich im Alltag der Klienten manifestiert. Therapeuten sollten mit ihrer Spontaneität anstecken, aber die eigentliche Aufgabe besteht darin, Spielräume bereitzustellen, in denen Klienten in Aktion Sinn erfinden können. Die Therapeuten betreten die Bühne, um den Raum als begehbar und bespielbar einzuführen und dorthin einzuladen. Viel entscheidender ist jedoch der Schritt an den Rand der Bühne, eine Geste, die den Raum freigibt. Nun füllen die Klienten mit ihren Darstellungen selbst den Raum.

Aber auch die Bereitstellung eines Spielraums reicht nicht aus. Schließlich kommen viele Klienten gerade deshalb, weil sie einen übergreifenden Sinn aus den Augen verloren haben und in ihrem Leben keine Spielräume mehr erkennen. Kein Feuerwerk an Methoden kann auf Dauer den Sinn ersetzen, den das Spiel irgendwann im wirklichen Leben haben muss (das ist auf den Bühnen des Theaters nicht anders als in der Therapie). Daher muss der Therapeut, wenn das Geschehen sich entfaltet, eine nachdenkliche Position einnehmen. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen auf einem Hügel und überblicken von dort entspannt das Treiben. Jetzt geht es darum zu verstehen, was vor sich geht und wie die Geschichte weitergehen könnte. Selbstverständlich können Sie als Therapeut Klienten ebenfalls in eine solche Position versetzen. "Die Küchenszene hat Ihr Problem plastisch beleuchtet. Lassen Sie uns da einen Schnitt machen. Können Sie mir einen Ort nennen, an dem Sie entspannt nachdenken können? Dann richten wir diesen Ort hier ein und überlegen gemeinsam, wie eine Lösung aussehen könnte".

Klienten sind aber auch auf die Einfälle von Therapeuten angewiesen. Wirksame Therapeuten entwickeln wie gute Drehbuchautoren und Dramaturgen ( II.2. S. 180) ein Gespür für die Entwicklungsdynamik einer Geschichte, sie erkennen die Möglichkeiten, die in einer Konstellation liegen, und lassen sich dann von den Figuren und dem Geschehen leiten. In der zurückgenommenen, überschauenden Position erkennt man Schlüsselstellen, Umkehrpunkte, Risiken und Chancen. Therapeutische Interventionen müssen der inneren Logik der beteiligten Personen folgen, an die Systemdynamik anschließen und diese Dynamik nutzen. Dann werden Aktionsvorschläge wie selbstverständlich angenommen und das szenische Arbeiten geht leicht von der Hand. Damit man diesen Zustand erreicht, muss das Spiel über sich selbst hinausweisen und spürbar in den Alltag ausstrahlen.

Beispiel

Irgendwie war es dem Therapeuten gelungen, ein depressiv zerstrittenes Paar zu einer Rauferei anzustiften, und im Gerangel ging die verbal verklemmte Spannung merklich in eine körperlich getönte erotische Spannung über. (Die Sekretärin beobachtete später verwundert, wie das Paar nach der Therapiestunde umschlungen von dannen zog.) Dem Therapeuten ging es deutlich besser als bei den Treffen zuvor. Die nächste Stunde eröffnete die Frau mit den Worten: "Die Rauferei neulich war ziemlich komisch, hat aber Spaß gemacht und uns für eine Weile auf ganz andere Gedanken gebracht". Die Musterunterbrechung - vom ätzenden Streit zur lustvollen Rauferei - lieferte diverse Ansatzpunkte. Der Therapeut schlug den Klienten vor, die jeweiligen Familienhintergründe in Bezug auf Kampfsituationen zu explorieren. Der Mann inszeniert eine typische sonntägliche Mittagessensszene im elterlichen Pastorenhaushalt. Laute Worte, Streit oder gar körperliche Gewalt sind in dieser Kultur verpönt: "Wenn ausgeteilt wird, dann eher verdeckt und subtil". Die Frau dagegen zeigt eine typische Situation heftiger und direkter Auseinandersetzung zwischen den Eltern: "Wir Geschwister haben uns häufiger geprügelt." Es wird deutlich, dass beide auf sehr unterschiedliche Art und Weise gelernt haben zu streiten.

Therapeut: "Die Regeln der Streitkulturen, aus denen Sie kommen, scheinen ziemlich unterschiedlich zu sein. Vielleicht macht das einen Teil der gegenseitigen Anziehung aus, die Sie miteinander verbindet!? Andererseits kommen Sie in Ihren Streits immer wieder an Punkte, an denen es einrastet und nicht weitergeht. Dann fehlt jedem ein geeignetes Gegenüber für die Auseinandersetzungen, die für die Weiterentwicklung in einer Partnerschaft so wichtig sind. Das ist etwa so, als träte ein Boxer gegen einen Redner zum Wettstreit an; beide werden um einen befriedigenden, fairen Kampf betrogen, sind frustriert und schlagen mit ihren jeweiligen Waffen umso mehr um sich. Da beide die fremde Kampfart nicht beherrschen und auch nicht wissen, wie sie sich vor den Attacken des Anderen schützen können, kommt es zu heftigen Verletzungen, ohne dass die Auseinandersetzung irgendwelche produktiven Ergebnisse hätte oder mal zum erschöpfenden Ende käme." Diese Interpretation konnten beide Partner gut annehmen. Die Geschichte ihrer Kränkungen ergab in diesem Kontext einen neuen Sinn - jenseits individueller Schuldzuweisung - und eröffnete neue Lösungswege. Mit Hilfe des Therapeuten trainierten beide Partner sich gegenseitig in den verschiedenen Auseinandersetzungsformen und bald konnten Themen besprochen werden, die für die Paarepigenese bedeutungsvoll waren - ein Prozess, der vorher durch das Kränkungsmuster blockiert worden war.

Manchmal reicht eine Verlebendigung durch Aktion aus, um Lösungsprozesse anzuregen. Daher sollte man dem Prozess Zeit geben und aufmerksam beobachten, wie weit die angestoßenen Selbstorganisationsprozesse tragen und ob ein System von sich aus Sinn produziert. Oft kehren Systeme jedoch nach einer kurzen Irritation in die Ausgangslage zurück. Erst wenn Aktionsmethoden nachhaltig Sinn erzeugen, entwickelt sich das Vertrauen in die Methode.

Prozessnahe Auftragsklärung

Die Frage nach dem Sinn des therapeutischen Geschehens kann man nutzen, um Aufträge und Ziele im Prozess zeitnah zu überprüfen und flexibel auszuhandeln. Das Verhandeln über Ziele und Wege zum Ziel wird damit zu einem wichtigen Element, das den therapeutischen Prozess voranbringt. Deutlich wird das am Umgang mit Aktionsvorschlägen.

Beispiel

Ein Paar wollte unbedingt den Streit vom Vortag im Rollenspiel nachspielen. Vertraut mit Aktionsmethoden waren beide eigentlich schon im Spiel und kaum zurückzuhalten. Die Therapeuten riskierten aber den Unmut der Klienten (nicht ins Spiel zu kommen) und blieben hartnäckig dabei, die Frage nach dem Sinn dieser Übung zu stellen. Nach einigem Hin und Her fand das Paar als gemeinsames Symbol für den Sinn der Inszenierung einen Blumenstrauß. Einer der Therapeuten besorgte einen echten Blumenstrauß aus dem Sekretariat, um die Wichtigkeit des Symbols zu unterstreichen. Das Paar zeigte sich von dieser Geste berührt und wechselte in eine gänzlich andere Stimmung (einen anderen emotionalen Modus). Den Rest der Zeit war das Paar damit beschäftigt, dem Blumenstrauß einen Ort zwischen sich zu geben (Wo sind wir? Wo der Blumenstrauß? Was fehlt? Stimmt es so? Was bedeutet diese Konstellation für mich? Für uns? usw.). In der nächsten Stunde bauten die Therapeuten die Szenerie wieder auf und führten das Thema Geben und Nehmen ein, was sich als spannendes und weiterführendes Thema herausstellte.

Therapeuten können immer fragen "Wozu machen wir das jetzt?" oder "Ich bin mir nicht sicher, ob ich ausreichend verstehe, wozu dies jetzt gut sein soll."

Die Freude, sich zu zeigen, und die Angst vor Beschämung

Die Freude, sich zu zeigen, ist ein ebenso elementares menschliches Bedürfnis wie das Bedürfnis nach Geborgenheit. Menschen möchten geschützt, aber auch gesehen, erkannt werden. Wir erkennen uns im Anderen und der zustimmende Glanz in den Augen der Anderen beflügelt uns. Das gilt selbstverständlich auch für die therapeutische Situation. Die Kehrseite zeigt sich in der Angst, beschämt zu werden. Freude und Scham intensivieren sich mit der Anzahl der Zuschauer und beide Gefühle werden in der Arbeit mit Aktionsmethoden besonders deutlich erlebt (vgl. Tabelle).

Die Freude


Die Scham

sich kompetent, erfolgreich, mutig zu zeigen, gewürdigt zu werden, einen Sieg davon

zu tragen, ermutigt zu werden

sich inkompetent, versagend, entmutigt zu zeigen, entwürdigt zu werden, eine Niederlage zu erleiden, gedemütigt zu werden

wenn Selbstbild, Idealbild und Performance übereinstimmen

wenn sich Diskrepanzen zwischen Selbstbild, Idealbild und Wirklichkeit zeigen

die man spürt, wenn man eine Situation aktiv gestaltet und kontrollieren kann

die man spürt, wenn plötzlich Anteile sichtbar werden, die unbewusst/unterbewusst sind oder unkontrollierbar erscheinen (Tics)

die man erlebt, wenn man sich frei und unabhängig zeigt

die man erlebt, wenn sich tatsächliche oder fantasierte Abhängigkeiten zeigen

die man empfindet, wenn man sich geschützt fühlt und Grenzen eingehalten werden

wenn man sich entlarvt (bloßgestellt) fühlt und Intimitätsgrenzen verletzt werden

die man empfindet, wenn man anderen beim erfolgreichen Handeln zuschaut (Sieg, Erhoben werden, Würdigung, Ermutigung)

die man empfindet, wenn man andere, die sich in peinlichen Situationen befinden, beobachtet (Niederlage, Erniedrigung, Entwürdigung, Demütigung)

die man erlebt, wenn man selbst und andere, jenseits von Unterschieden, Respekt erfahren

die erlebt werden kann, wenn sich Status- und Milieuunterschiede zeigen

Die man erleben kann , wenn man gelobt wird

Die man erleben kann , wenn man gelobt wird

die man erlebt, wenn erkenntlich wird, dass man etwas getan hat, was man tun sollte

die man erlebt, wenn man beschuldigt wird, etwas getan zu haben, was man nicht tun sollte

die man erlebt, wenn man selbst oder andere belohnt werden

die man erlebt, wenn man selbst oder andere bestraft werden

die man erlebt, wenn man eine gute Figur macht

Die man erlebt, wenn man keine gute Figur macht

die man erlebt, wenn man in Applaus badet

die man erlebt, wenn man ausgebuht wird




Scham und Schuld sind nicht umsonst zentrale Themen der Psychotherapie (Wurmser, 1990, Seidler, 2001, Stierlin, 2001, Bleckwedel et al., 1991, Möller, 2002). Beschäämungsszenarien können Vernichtungsimpulse auslösen, besonders dann, wenn Einzelne oder Gruppen gedemütigt werden. Andererseits ist die Entwicklung von Respekt und Verantwortung eng mit der Entwicklung der Schamempfindung verbunden. Die Schamempfindung bildet entwicklungspsychologisch die Basis für Schuldgefühle, und ohne Scham und Schuld (Stierlin, 2001) gäbe es weder Moral noch Verantwortung. Nur wer Scham empfindet, kann sich schuldig fühlen, und nur wer sich schuldig fühlt, wird der Gemeinschaft in Form sozialer Verantwortung etwas von dem, was er bekommen hat, zurückgeben.

Wenn die kleinen Kinder der Inuit sich der gefährlichen Eiskante zu weit nähern, läuft die ganze Gruppe zusammen, um die Kleinen aus sicherem Abstand (Erwachsene würden im dünnen Eis einbrechen) kollektiv zu verlachen. Die Inuit setzen die Häme gezielt und sehr wirkungsvoll als fern wirkendes pädagogisches Mittel ein, um die Kinder vor dem Ertrinken im eiskalten Wasser zu schützen. Das Beispiel zeigt, wie intensiv und nachhaltig Beschämung wirken kann. Der Schamaffekt berührt den Kern der Persönlichkeit und setzt starke Impulse in Gang: "Wer sich schämt, möchte am liebsten im Boden versinken oder den Zuschauenden die Augen auskratzen", sagt Nietzsche.

Die Gefahr der Beschämung - auch der subtilen Beschämung, wenn nur gesprochen wird - ist in therapeutischen Situationen immer gegeben. Und doch ist es so, dass die meisten Menschen sich auf einer Bühne ungeschützter fühlen als im Medium der Sprache. Nicht umsonst steigt auf dem Weg zum Rednerpult der Adrenalinspiegel. In dieser Situation öffnet sich ein zutiefst menschlicher Zwiespalt: Die Angst vor Beschämung kann dabei ebenso groß sein wie der Wunsch nach Applaus. Das macht den von Michael Balint beschriebenen Thrill, die Angstlust, aus, die im Lampenfieber besonders spürbar wird.

Aktionsmethoden können sowohl Freude als auch Beschämung intensivieren. Der Einsatz von Aktionsmethoden sollte daher besonders sorgfältig gerahmt werden, um vor Beschämung zu schützen. Andererseits fühlen sich Kinder im Spiel oft besser aufgehoben und auch Jugendliche und Erwachsene, die einer elaborierten Sprechweise eher fremd gegenüberstehen (Beschämung durch Status- und Milieuunterschiede) fühlen sich mit handlungsorientierten Methoden oft wohler ( I.3. S. 58). Aktionsmethoden eigenen sich hervorragend zur grenzenwahrenden Steuerung von therapeutischen Prozessen und können auf vielfältige Weise dazu beitragen, Freude zu erzeugen und Schädigungen durch Therapie zu vermeiden.

Therapie als zu schützender Lösungsraum

Die Grundidee von Therapie besteht darin, einen sicheren Ort zu gestalten, an dem Klienten und Therapeuten sich ausreichend geschützt fühlen, um kreativ an Konflikten und Lösungen zu arbeiten. Es muss dabei auch Raum geben für schwierige Gefühle, Krisen, Probleme oder Konflikte, allerdings ohne den Ort als Lösungsraum zu gefährden. In der Arbeit mit Familien und Paaren passiert es relativ häufig, dass Therapeuten sich plötzlich live in Szenen wiederfinden, in denen entwertende oder destruktive Muster aktiviert werden. Es wäre auch weltfremd anzunehmen, die therapeutische Situation könnte vom ganz normalen Wüten der Welt freigehalten werden. Das Paar- oder Familiendrama braucht seinen Platz, um dargestellt, um belebt zu werden. Therapie hat auch eine Containing-Funktion. Aber wenn sich in der therapeutischen Situation ausschließlich wiederholt oder widerspiegelt, was sonst auch als nervtötend, kränkend oder problematisch erlebt wird, dann wird der therapeutische Raum als Lösungsraum beschädigt. Das muss gestoppt werden. Eine der großen Stärken von Aktionsmethoden liegt in den Möglichkeiten, Situationen gezielt zu unterbrechen und kreativ umzuwandeln.

Beispiel

Die Therapeuten arbeiten mit einer Familie (Eltern, 2 Kinder) in deren Wohnung (aufsuchende Familientherapie). Dabei kommt es immer wieder zu gegenseitigen Beschimpfungen und dramatischen Gefühlsausbrüchen. Mutter: "Wir streiten uns wie die Kesselflicker, so ist das eben." Vater: "Ja, das is'n bisschen direkter hier bei uns." - Therapeut: "Direkt ist gut, aber verletzend ist nicht so gut, das hat Folgen". Auf Vorschlag wird in der Wohnung eine Kesselflickerecke eingerichtet und eine Ecke als Beratungsraum. Während der Treffen wird nun zwischen beiden Räumen hin und her gependelt. In der Kesselflickerecke darf es derbe zur Sache gehen, im Beratungsraum gelten andere Regeln. Alle, die wollen, können die Kesselflickerecke verlassen und sich in den Beratungsraum als Schutzraum zurückziehen. Die Therapeuten begleiten und unterstützen die Transfers. Allmählich etablieren sich neue Umgangsformen. Die Familie berichtet, wie auch im Alltag Kesselflickerecke und Beratungsraum genutzt werden, um Unterschiede zu machen und neue Kommunikationsstile und Umgangsformen auszuprobieren.

Therapie muss dem Leiden oder der Störung einen Platz einräumen und gleichzeitig Lösungen entwickeln - oder zumindest Hoffnung vermitteln. Wenn das nicht geschieht, verlassen Klienten den therapeutischen Raum mit dem Gefühl, umsonst da gewesen zu sein. Im ungünstigen Fall verlassen Klienten den Ort der Therapie mit dem Gefühl, nicht gehört, nicht verstanden, nicht ausreichend geschützt, zusätzlich gekränkt, überfahren, vorgeführt, gebraucht oder gar missbraucht worden zu sein. Da sowohl dem therapeutischen Ort als auch seinen Hütern, den Therapeuten, enormes Vorschussvertrauen entgegengebracht wird, können Beschädigungen in Therapien, mehr noch als im normalen Leben, zu einer erheblichen Verletzung des Grundvertrauens führen und gravierende Folgen haben. Leider wird das Risiko von Schädigungen durch therapeutische Prozesse immer wieder unterschätzt oder bagatellisiert (2). Im Paar- oder Familiensetting erhöht sich die Gefahr der Schädigung vor allem dann, wenn Therapeuten über kein geeignetes Instrumentarium verfügen, destruktive Prozesse zu erkennen, zu stoppen und umzuwandeln.

Achtsamkeit und Selbstreflexion

Um Beschädigungen durch einen nicht angemessenen Einsatz von Aktionsmethoden weitgehend zu vermeiden, kommt es meiner Erfahrung nach besonders darauf an, genau darauf zu achten, ob man sich als Beobachter während einer szenischen Bearbeitung wohl fühlt oder nicht. Wenn man achtsam ist (Interaktive Präsenz II.4. S. 194), kann man Zustände des Unbehagens (oder negative Resonanzen) bei sich selbst und anderen früh erkennen und die Situation verändern. Wie richtet man die Situation so ein, dass man gern zuschaut? Die Frage klingt im ersten Moment banal und verweist doch auf ein wichtiges Kriterium. Ich habe in vielen Situationen die Erfahrung gemacht, dass ich mich am besten auf meine Intuition verlasse und mich kontinuierlich frage: Wie kann ich als Therapeut diese Situation so gestalten, dass ich mich dabei wohl fühle? Das hat nichts mit Spaßtherapie zu tun. Freude in der Arbeit empfinde ich, wenn die Beteiligten gern kommen und aktiv dabei sind. Dann kann das therapeutisch Notwendige - vom Lachen bis zum schmerzlichen Weinen, von der spontanen spielerischen Aktivität bis zum Schweigen - geschehen. Wenn dieses Gefühl gestört wird, sollte man versuchen, die Situation anders zu gestalten: "Peter, du siehst nicht gerade so aus, als wenn du gern da wärst, was müssten wir hier tun, damit dir das hier was bringt? - Keine Ahnung, blöde Frage - Therapeut (zu den Eltern): Haben Sie eine Idee? - Nein, das ist hier genau wie zu Hause (etwas betretenes Schweigen). Vater zögernd: Früher sind wir immer zusammen in den Werkraum gegangen ... - Peter: Das ist doch bescheuert - Therapeut: "Ich frage mich grade, was 14-jährige Söhne mit ihren Müttern und Vätern überhaupt so machen können, außer dass es 'bescheuert' ist und nervt."

Emotionale Achtsamkeit als Kompass für die Gestaltung der therapeutischen Situation setzt voraus, dass man in Kontakt mit sich bleibt und offen ist für die Themen, die Familien und Paare bewusst und unbewusst einbringen. Das setzt ein Interesse, sich selbst zu erforschen, voraus. Vielleicht haben die ersten Generationen von Therapeuten die Passion zur Selbsterfahrung übertrieben, aber diese Passion lässt sich nicht durch eine Passion für Techniken ersetzen. Denn die Grenzen für nachhaltige Veränderungsprozesse in Therapien liegen zu einem guten Teil im Unbewussten der Therapeuten. Ein unbearbeiteter Konflikt oder ein blinder Fleck birgt immer die Gefahr, Klienten bewusst oder unbewusst für eigene Zwecke zu gebrauchen und damit die therapeutische Situation zu missbrauchen.

Beispiel

Ein Psychotherapeut litt unter einem unbearbeiteten Autoritätskonflikt. Unerfüllte Sehnsucht nach Führung und Rebellion gegen jede Führung blockierten sich gegenseitig und behinderten eine selbstbestimmte Entwicklung. Der Grundkonflikt zeigte sich trotz verschiedenster Bearbeitungen immer wieder in der Beziehung zum eigenen Vater. Der Therapeut stellte in einer Großgruppe seine Familie nach Hellinger-Art auf und erlebte in diesem Akt eine "tiefe Befreiung" (Verneigung vor den Eltern). In der Einzeltherapie mit einem Patienten, der von seinem Vater sexuell misshandelt worden war, ging es nicht recht weiter, und darauf bot der Therapeut diesem Patienten an, an einem Wochenende seine Familie unter seiner Regie aufzustellen. Obwohl der Patient in der Inszenierung starke Widerstände zeigte, setzte der Therapeut seine ganze Autorität ein - getreu nach Hellinger - und stellte die Familie in der üblichen, vorgegebenen Ordnung auf, brachte den Patienten zur üblichen Verneigung und ließ ihn die üblichen Sätze sprechen. Nach dem Wochenende dekompensierte der Patient in einer psychotischen Episode und musste in eine Klinik eingewiesen werden. Der Therapeut war erschrocken und brachte diesen Fall in die Supervision ein, mit der Frage: "Wie konnte ich einen solchen autoritären Zwang ausüben, ich kenne mich selbst nicht wieder?" In der Bearbeitung stellte sich heraus, dass der Therapeut bei der Aufstellung seiner Familie zwar ein intensives Gefühl von Befreiung erlebt hatte, in der realen Beziehung zum Vater eine versöhnliche Geste jedoch weiterhin sehnlich vermisste. "Ich wollte, dass der Patient sich neigt wie ich selbst und der Vater in der Inszenierung eine versöhnliche Geste zeigt. Etwas, was ich von meinem eigenen Vater nie erfahren habe: Autorität und Zugewandtheit." Der Kollege konnte in der Supervision erkennen, dass er den Patienten in der therapeutischen Situation stellvertretend zu etwas verführt hatte, was er selbst gern erleben wollte. Wie viele Angehörige der zweiten Generation nach dem Faschismus hatte der Therapeut eine Fremdheit gegenüber seinem Vater entwickelt und vermisste gleichzeitig schmerzlich das Gefühl, den eigenen Vater lieben und als Autorität anerkennen zu können. Die "Befreiung" aus dieser Ambivalenz zum Vater war allerdings in der Hellinger-Prozedur erkauft worden durch die Unterwerfung unter eine autoritäre und absolutistische Führung, und das hatte er weitergegeben. Der Therapeut hatte den Patienten seine eigene Lösung spielen lassen und ihm dadurch den Raum verwehrt, selbstbestimmt seinen eigenen Weg zu finden. Der Therapeut fuhr mit dieser Einsicht in die Klinik und entschuldigte sich bei dem Patienten für seine autoritäre Manipulation. Daraufhin verbesserte sich der Zustand seines Patienten erheblich.

Gespür für Intimität und Zuschauerfreude

Wenn die eigenen Empfindungen und Gefühle, die als Resonanz in einer Situation auftauchen, beachtet, reflektiert und bearbeitet werden, entwickelt sich die Sensibilität im Umgang mit Intimitätsgrenzen. Intimitätsgrenzen können von Kulturen oder Familien sehr unterschiedlich gesetzt und empfunden werden. Für die Familientherapie ist ein angemessener Umgang mit diesen Grenzen allerdings zentral ( I.4. S. 74 u. I.5. S. 91). Offensichtlich verfügen wir über ein feines Gespür für Intimität, ein Gefühl, das sozial, kulturell und rollenspezifisch geformt wird. Dieses Gespür schützt uns vor den destruktiven Kräften, die freigesetzt werden können, wenn Intimitätsgrenzen überschritten oder verletzt werden. Das Gespür für Intimität (3) begrenzt - wenn es ausgebildet ist und nicht durch ungezügelten Voyeurismus und Exhibitionismus außer Kraft gesetzt wird - die therapeutische Neugier, den methodischen Ehrgeiz oder gar den Hang, Klienten in öffentlichen Schauveranstaltungen für eigene Zwecke zu gebrauchen.

Neben dem Gespür für Intimität gibt es ein zweites emotionales Kriterium für die Beurteilung der Angemessenheit von Aktionsmethoden. Ich meine die entspannte Zuschauerfreude, die sich einstellt, wenn wir Zeuge von Wachstum, Integration, Lösungsprozessen und Entwicklung werden. Wenn der Rahmen stimmt, wenn Klienten Vertrauen gewinnen und sich Aktionen wie selbstverständlich ergeben und entwickeln, entsteht eine entspannte, spielerische Atmosphäre. Als Therapeut spürt man deutlich eben jene Zuschauerfreude, die es ganz leicht macht, die Aufmerksamkeit und die Gedanken frei schweifen zu lassen und Lösungsfantasien zu entwickeln ( II.2.S. 187).Wenn sich dagegen ein ungutes Gefühl einstellt, kann man die Situation verändern, stoppen oder direkt fragen "Mir ist gerade nicht klar, ob die Situation so in Ordnung ist. Können wir so weitermachen oder sollten wir etwas verändern? Wie können wir die Situation hier so gestalten, dass Sie sich gut aufgehoben fühlen und wir vorankommen?"

Passend ungewöhnlich intervenieren

Bei allem Gespür für die Situation steht man doch immer wieder unvermeidlich vor der Frage, für welches Vorgehen man sich in einem bestimmten Moment entscheiden soll. Die goldene Regel lautet: wenig ist mehr. Das gilt vor allem dann, wenn man aus einer Fülle von Interventionsideen das Passende auswählen kann. Keinesfalls sollten Aktionsmethoden als eitles Feuerwerk eingesetzt werden. In der Arbeit mit Familien und Paaren können schon kleine Aktionen, die gut durchdacht sind und mit dem richtigen Timing eingesetzt werden, weit reichende Wirkungen erzielen.

Bei der Auswahl kann man sich an einer Regel orientieren, die lautet: passend ungewöhnlich intervenieren. Interventionen sollten bestätigen (Gewohnheiten, Ideen, Gefühle) und gleichzeitig Irritation erzeugen und Suchprozesse auslösen. Therapeuten müssen Klienten da abholen, wo sie sich befinden, und ihre Landkarten und Gewohnheiten respektieren. Aber das reicht nicht aus. Es braucht auch Überraschung und eigene Initiative.

Kreative Kooperation ist keineswegs immer harmonisch, das kann man vom Leben und der Kunst lernen: Produktionen und Werke von außerordentlicher Harmonie und Ausgewogenheit entstehen oft in eher schwierigen Prozessen! "The making of", die kreative Kooperation, lebt von Spannung, Dissens, Zusammenstoß, Konflikt, Anstrengung, Disharmonie, Anstößigkeit, Krise, Risiko und etwas Verrücktheit. Warum? Weil sonst keine Abweichungen, keine Variationen produziert werden und weil ohne Variation alles zum Stillstand kommt (Fehlerfreundlichkeit I.4. S. 77). Etwas Herausforderung darf sein. Holen Sie kleine Tüten mit Gummibärchen aus dem Schrank und lassen alle Familienmitglieder ihre Familie (oder ein Genogramm) legen. Daran haben die Klienten im Traum nicht gedacht, und doch wird das Gespräch über diese Gummibärchenbilder vielleicht aufschlussreich sein.

Hypothetisieren in Aktion

Ich verstehe die Arbeit mit Aktionsmethoden als einen Teil der Hypothesenbildung. Der Prozess der Hypothesenbildung ( I.8. S. 134) ist ein prinzipiell unabgeschlossener Prozess. Das Hypothetisieren in Aktion erfüllt, genauso wie das Hypothetisieren mit Hilfe des zirkulären Fragens (Boscolo et al., 1988, Schwing u. Fryszer, 2006, S. 209-238), verschiedene Funktionen:

Hypothesen prüfen und entwickeln

Der Vorschlag zu einer Aktion ist mit einer Intention, aber auch mit einer Hypothese verbunden. Es ist also wichtig, genau darauf zu achten, wie ein Vorschlag von den verschiedenen Personen aufgenommen wird (freudig angenommen, zögerlich akzeptiert, abgewiesen, ignoriert, lustlos ausgeführt). Im Zweifelsfall kann ein Vorschlag immer zurückgenommen oder eine Aktion gestoppt werden. "Ich sehe, Sie sind nicht begeistert, lassen wir das lieber. Was passt denn besser?" Die Annahme oder Ablehnung eines Aktionsvorschlags kann, eine Hypothese eher stützen oder in Frage stellen. Zum Beispiel könnte die Ablehnung eines Vorschlags zeigen, dass ein tabuisiertes Thema berührt wird. Das Vorschlagen von Aktionen und das Verhandeln über Vorschläge (Grundregel I.7. S. 113) ist also immer auch ein Instrument zur Überprüfung und Entwicklung von Hypothesen. Deshalb ist auch die Ablehnung eines Vorschlags nicht problematisch, sondern interessant. Was sagt die Ablehnung oder die Annahme eines Aktionsvorschlags über die Hypothese?

Komplexität sinnvoll reduzieren und ordnen

Beispiel: Ein Paar ist in heftige verbale Streits verwickelt und der Therapeut hat den Eindruck, es geht um Nähe. "Ich schlage vor, Sie umarmen sich, ohne Worte, dann setzen Sie sich bitte hier nebeneinander auf die Stühle und schauen gemeinsam aus dem Fenster, ohne zu sprechen. Kommen Sie nun bitte wieder in den Gesprächskreis. Ist es das, was Ihnen fehlt?"

Suchprozesse auslösen

Beispiel Rollenfindung als Suchprozess: Ein zusätzlicher Stuhl wird aufgestellt "Ich möchte gern jemanden einladen, der Sie unterstützen könnte - Nehmen Sie doch bitte auf diesem Stuhl hier Platz - (Platzwechsel) - Guten Tag, wer sind Sie? - Nein, Sie sind jetzt nicht Herr Wiese, Sie sind diese Person, die den Herrn Wiese unterstützen könnte! - Also, wer sind Sie?"

Lösungen anregen

Beispiel: "Ich möchte Ihnen gern etwas zeigen". Die Therapeutin zeigt nun der Familie in einer Skulptur oder Aufstellung, wie sie die Familien sieht. In diesem Bild von der Familie sind natürlich Hypothesen der Therapeutin enthalten. Angenommen, das Bild der Therapeutin wird von allen Familienmitgliedern weitgehend akzeptiert, könnte es so weiter gehen: "Bitte bewegen Sie sich nun alle gleichzeitig - langsam, in kleinen Bewegungen, nicht zu schnell -, und zwar so, dass Sie sich in der Konstellation wohler fühlen."

Anmerkungen:

(1) In der illustrativen direkten Rede verwende ich vereinfachend das Sie, in dieser Form ist das Du (für Kinder) immer enthalten.

(2) Zum Thema potenzieller Kunstfehler: www.sgipt.org/gipt/kfehl.htm

(3) "… die Eigenschaften des Herzens bedürfen des Schutzes […] gegen das Licht der Öffentlichkeit, um sich entfalten oder auch nur bleiben zu können, was sie sind: die innersten verborgenen Antriebe, die sich zur öffentlichen Schaustellung nicht eignen" (Hannah Arendt, Über die Revolution, Piper, München, 1963, S.122).




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