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Neuvorstellung zur Übersicht
27.05.2014
Anne-Ev Ustorf: Wir Kinder der Kriegskinder: Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkriegs
Ustorf: Wir Kinder der Kriegskinder Herder Verlag, Freiburg 2013 (5. Aufl.)

192 S., kart.

Preis: 8,99 €
ISBN 978-3-451-06212-4

Herder Verlag





Peter Stimpfle, Eichstätt:

Als mich in der Behandlung eines ausgebrannten Managers angesichts seiner Verbissenheit, mit einem schon aussichtslos gewordenen Projekt unerbittlich und ohne Rücksicht auf Körper und Seele fortzufahren, ein merkwürdiges „Stalingrad-Gefühl“ beschlich, empfand ich dies im ersten Moment als etwas befremdlich. Natürlich ist der Vergleich zu Krieg und Diktatur gewiss überzogen, allerdings könnte es durchaus weiterführend sein, gewisse Haltungen auch vor einem historischen Hintergrund zu sehen. In der Regel neigen Psychotherapeuten eher dazu, Verhaltensweisen in erster Linie vor dem jeweiligen familiären oder biografischen Hintergrund zu sehen.

Auf Empfehlung meines Supervisors stieß ich auf Ustorfs „Kinder der Kriegskinder“. Die Autorin, 1974 geboren, studierte Geschichte und ist als freie Journalistin regelmäßig für Magazine wie „Psychologie Heute“, Brigitte, Emotion, die „Süddeutsche Zeitung“ oder den Spiegel tätig.

Das Buch handelt von der transgenerationalen Weitergabe von Kriegstraumata wie Flucht, Vertreibung, Internierung, Erfahrungen im Konzentrationslager, Bombardierung, Verfolgung, Heimatverlust, Entwurzelung und Gewalterfahrungen. Anhand von Interviews mit Betroffenen der dritten Generation („Kinder“ von Eltern, die in den Jahren von Nationalsozialismus und Krieg geboren wurden) stellt sie anschaulich dar, wie verdrängte Gefühle (Angst, Schuld, Hilflosigkeit, Wut, Hass, Verzweiflung, Trauer, Entwurzelung, Heimatlosigkeit, Minderwertigkeitgefühle, …), die von dieser Generation unterdrückt wurden, unterschwellig in die nächste Generation weiter „wandern“ und dort zum Ausdruck kommen, nicht selten in Form elterlicher Delegationen („sorge für mich, denn ich hatte es damals schlecht“).

Geradezu unheimlich in diesem Zusammenhang ist, dass eine Reihe von nationalsozialistischen Erziehungsratgebern, die für die Kindererziehung Praktiken empfahlen wie: Kinder schreien zu lassen (kräftigt angeblich die Lungen), keine Gefühle zu zeigen, starre Fütterungszeiten und Essensrituale einzuhalten usw., bis weit in die 70iger Jahre völlig unkritisch verlegt (und verkauft!) wurden und entsprechend Einfluss nehmen konnten. Die Autorin zeigt auf, wie viele Menschen mit einer solchen traumatischen Geschichte versuchten, ihren Selbstwert durch Leistung, Ehrgeiz oder beruflichen Erfolg zu stabilisieren und Sicherheit durch Besitz (das berühmte eigene Häuschen im Grünen, für das alles geopfert wird) oder berufliche Sicherheit vor Selbstverwirklichung stellten.

Die Thesen von Alexander und Margarete Mitscherlich über der Deutschen „Unfähigkeit zu trauern“ werden hier eindrucksvoll illustriert. Zwar wird das Thema der Vergangenheitsbewältigung im ersten deutschen Nachkriegsfilm „Die Mörder sind unter uns“ (von Wolfgang Staudte mit Hildegard Knef in der Hauptrolle) schon und noch recht offen behandelt, allerdings folgt daraufhin die bekannte Geschichtsklitterung verbunden mit einer Flucht in die seichte Unterhaltung (wie etwa in den Sissi-Filmen). Selbst der Bayerische Rundfunk war 1946 in seiner ersten Hörfunkserie „Es dreht sich um Karl Valentin“ noch so mutig, diesen den schrecklichen Krieg und die Zerstörung seines geliebten alten Münchens beklagen zu lassen, das Publikum jedoch protestierte und der Sender stellte die Sendung ein! Valentin verlor den Zugang zu seiner einzigen Einnahmequelle und starb 1948 an den Folgen von Unterernährung und einer Lungenentzündung.

Die Interviews illustrieren sehr lebensnah die einzelnen Schicksale: hier etwa jene Kollegin, die als einzige in ihrer Altersklasse das Egerländer Dirndl anzieht und sich verpflichtet sieht, diese Tradition fortzusetzen, jedoch selbst keine Heimat im Hier und Jetzt finden kann. Da ist jener Mann, dessen Vater „hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder“ als Erziehungsnorm erlebt hat, der sich selbst aber erlaubt, schwach zu sein, wodurch es unweigerlich zu familiären Konflikten kommt. Jene Mutter, die an ihrem Sohn immer etwas findet, was an ihm falsch ist. Gefühlschaos, Haltungen wie „Flüchtlinge stehen hinten an“, die Ausgrenzung von Flüchtlingen im Westen, das „nie ankommen“ in der „neuen“ Heimat, das Pflegen der Traditionen der verlorenen Heimat und schließlich das Umgehen mit dem Verlust von Heimat durch Aufrechterhaltung von (mittlerweile irreal gewordenen) Ansprüchen an Rückgabe werden in den Kontext traumatischer Kriegs- und Nachkriegserfahrungen gestellt.

Die Autorin bringt dankenswerterweise auch das Thema des Vergewaltigungen Millionen deutscher Frauen durch alliierte Soldaten sowie die vorausgehende massenhafte sexuelle Gewalt deutscher Soldaten in den besetzten Gebieten zur Sprache. Hier kann sie aufzeigen, wie Schweigen von Opfern und Tätern über leid- und schamvolle Erfahrungen zu einer fatalen Wirkung führen können: das Schweigen kann zum Nährboden für neuerliche Missbrauchshandlungen in Familien werden, da notwendige Aufklärung und Abgrenzung aufgrund der Tabuisierung bzw. Verharmlosung unterbleibt. Aus meiner Sicht kann dieses Buch einen wichtigen Beitrag leisten, um die oft zu enge Fokussierung auf Familie oder Biografie sinnvoll zu erweitern.





Das Inhaltsverzeichnis, die Einleitung und einen Ausschnitt aus Kapitel 3 gibt es als Leseprobe (PDF).

Und hier geht es zur website der Autorin.






Verlagsinformation:

Ihre Eltern waren Kinder im Zweiten Weltkrieg. Bombenhagel, Zerstörung und Flucht haben viele erlebt. Das wirkt nach - auch auf die eigenen Kinder, die heute zwischen 30 und 50-jährigen: Da ist das Gefühl, sich nicht verwurzeln zu können, die eingeimpfte Sparsamkeit oder das übergroße Sicherheitsbedürfnis der Eltern - Familiengeschichte wirkt lange weiter. Der Bericht über das Lebensgefühl einer ganzen Generation, die im langen Schatten des Krieges aufwuchs.


Über die Autorin:

Anne-Ev Ustorf, geboren 1974, studierte Geschichte und ist seit mehreren Jahren als freie Journalistin mit Schwerpunkt Psychologie und Partnerschaft tätig. Sie schreibt regelmäßig für Magazine wie Psychologie Heute, Brigitte, Brigitte Woman, Emotion, SZ und den Spiegel.



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