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Neuvorstellung zur Übersicht
26.03.2014
Vamik D. Volkan: Das Versagen der Diplomatie. Zur Psychoanalyse nationaler, ethnischer und religiöser Konflikte
Volkan: Versagen der Demokratie Psychosozial-Verlag, Gießen 1999

279, brosch.

Preis: 24,90 €

ISBN-13: 978-3-9321-3349-7
Psychosozial-Verlag





Ronald Milewski, Bochum:

Der russische Präsident Wladimir Putin bezeichnet im April 2005 den „Zusammenbruch der Sowjetunion“ als „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“. Im Moment halten die Folgen der dieser Einschätzung zu Grunde liegenden Ereignisse die Welt im Konflikt um die Krim in Atem: Altkanzler Gerhard Schröder nennt die Vorgänge dort einen „Verstoß gegen das Völkerrecht“ und verweist in einem Atemzug auf den eigenen Verstoß gegen das Völkerecht im Jugoslawien-Konflikt im Jahre 1999. Genau in diesem Jahr ist Varmik Volkans Buch zum „Versagen der Diplomatie“ erschienen. Vom Eindruck war seine damalige Analyse „nie so wertvoll wie heute“.

Der Autor dieser Analyse, Vamik Volkan, ist als Sohn türkischer Eltern 1932 in Zypern geboren. Er studiert Medizin in Ankara und wandert 1957 in die USA aus. Dort lässt er sich zum Psychiater und Psychoanalytiker ausbilden, ist bis 2001 Professor für Psychiatrie an der University of Virginia School of Medicine, Gründungsmitglied und Präsident der International Society of Political Psychology (ISPP) und 1987 Gründer des „Center for the Study of Mind and Human Interaction“ (CSMHI). Bei diesem handelt es sich um ein interdisziplinäres Zentrum, das sich zur Aufgabe gemacht hat, ethnische, nationale und Großgruppen-Konflikte wissenschaftlich zu untersuchen und ihre Bearbeitung praktisch zu erproben. Im CSMHI arbeiten Psychoanalytiker, Psychiater, Psychologen, Ex-Diplomaten, Historiker und Politologen zusammen. Volkan leitet das CSMHI bis 2002.

Seinen ersten Versuch, „psychoanalytische Beobachtungen bei Großgruppen anzuwenden“, datiert Volkan, der stets auch individualpsychologisch im klassischen klinischen Setting gearbeitet hat, 1999 auf die späten 1970‘ger Jahre. Er nennt als Rahmen dieses Versuchs seine Tätigkeit in einem Forschungsprojekt auf Zypern. In der Folgezeit nimmt Volkan an drei praktischen Projekten der sogenannten inoffiziellen Diplomatie teil: Von 1979 bis 1986 unter der Schirmherrschaft der American Psychiatric Association an einem arabisch-israelischen Dialog, von 1988 bis 1990 an den zypriotsch-türkischen und zypriotisch-griechischen Dialogen, angeregt durch das kanadische Insstitute for International Peace and Security, und von 1993 bis 1995 im Rahmen einer Zusammenarbeit de CSMHI und dem Carter Center an Dialogen zwischen Esten, Russen und in Estland lebenden Russen. Außer in Zypern, in denen er als Beobachter zugegen ist, leitet Volkan jeweils die Projekte. Insofern ist seine 1999 vorgelegte Analyse von Großgruppenkonflikten mit samt der Darstellung ihrer Bearbeitung zutiefst von praktischer Erfahrung geprägt.

Als Ziele seiner Darstellung zum „Versagen der Diplomatie“ bezeichnet Volkan: Die Systematisierung seiner Erkenntnisse über die Psychologie von Großgruppen, ihre Konflikte und Rituale, das Aufzeigen der Komponenten, aus denen eine Großgruppenidentität entsteht, den Versuch, die individuelle und Großgruppenideologie zu verbinden als beides auch voneinander zu trennen sowie die Präsentation neuer Ideen, die eine Verbindung zwischen Psychoanalyse und Politik, Diplomatie und Geschichte herstellen. Letzteres Ziel, verbunden mit dem Willen zur Zusammenarbeit mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen und Praktikern aus dem politischen und diplomatischen Raum, sieht Volkan als einen Anspruch, der dem Anliegen von Alexander Mitscherlich, „Psychoanalytiker müssten bei dieser Art von Forschung zur Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Nachbardisziplinen bereit sein“ (22), folgt.

In Konsequenz dieses Anspruchs und seiner praktischen Umsetzung distanziert sich Volkan in seinem Vorgehen von Versuchen, eine Gruppe aus der Perspektive eines Individuums zu sehen, betont die Unterscheidung der Dynamiken von Klein- und Großgruppen, die aus individualpsychologisch geprägter psychoanalytischer Theorienbildung nur allzu oft unscharf sei, und hebt die besondere Qualität der Großgruppenidentität und deren direkte Korrelation zu den Beziehungen zwischen Staaten, Nationen, Ethnien und Religionsgemeinschaften hervor.

Zur Versinnbildlichung der Großgruppenidentität wählt Volkan das Bild einer dem Individuum übergestülpten Zeltplane, sozusagen eines zweiten, weiten Anzuges. Sitzt der erste, die persönliche Kernidentität, dem Individuum noch eng und passgenau und gibt dem Individuum das Gefühl von einem dauernden inneren Gleichsein, so ist die zweite Lage, die eigene Großgruppenidentität, ein lose sitzender, weiter Überzug, „der es dem einzelnen ermöglicht, unter demselben Großgruppenzelt ein fortwährendes Gefühl des Gleichseins mit anderen zu teilen. Während es die Zeltstütze - der Führer – ist, die das Zelt aufrechterhält, schützt die Zeltplane (die Großgruppenidentität) die Gruppe“ (49).

Laut Volkan wird von psychoanalytischen Konzepten verlangt, die verschiedenen Komponenten dieser Plane zu beschreiben. Er legt dazu ein Modell, bestehend aus „sieben Fäden, aus denen, wenn sie zusammengewoben werden, die Zeltplane geschaffen und die Großgruppenidentität gebildet“ wird, dar. Dieses zunächst einigermaßen „blutleer“ erscheinende Modell erfährt, angewandt auf die Schilderung der Formierung des serbischen Nationalbewusstseins um die Meinungsführerschaft von Slobodan Milosevic zum Ende der 1980‘ger Jahre eine eindrückliche Versinnbildlichung. Hilfreich für den Nachvollzug einer anderen von Volkan getroffenen konzeptionellen Unterscheidung, nämlich die zwischen „reparativer“ charismatischer Führerschaft und ihrem „destruktiven“ Pendant, ist die Gegenüberstellung von Kemal Atatürk und Slobodan Milosevic.

Volkan gelingt neben dieser Transferleistung seiner Modellbildungen auf zahlreiche historische Beispiele zudem eine lesenswerte Darstellung gelungener – inoffizieller – Diplomatie, die dem Anspruch der Kooperation unterschiedlicher Berufsgruppen auf der Mittlerseite, des Einbezugs relevanter Beteiligter seitens der Konfliktparteien und der Berücksichtigung tiefenpsychologischer Prozesse gerecht wird. Hierzu dient insbesondere die detaillierte Darstellung der Dialoge und Prozesse zur „Förderung eines gutnachbarlichen Verhaltens und einer gutnachbarlichen Koexistenz“ in Estland nach der Unabhängigkeitserklärung der estnischen Nation.

Mit der von Volkan zur Verfügung gestellten psychoanalytischen „Linse“ lassen sich der von Putin beklagte „Zusammenbruch der Sowjetunion“, die darauffolgenden Prozesse bis hin zu den aktuellen Ereignissen aus einer vertieften Perspektive lesen. Dazu bieten sich u. a. sein Modell des „gewählten Traumas“, sein Konzept der Großgruppentrauer und das traumatisierter Gesellschaften an. Gleichermaßen hilfreich ist seine Darlegung des Zusammenhang zwischen der „inneren Welt des Führers“ und der Großgruppenidentität. Hinsichtlich einer Analyse des Verhaltens der Diplomatie nützlich ist die Unterscheidung zwischen Vigilanz, Hypervigilanz und defensiver Vermeidung sowie die Überprüfung der Bereitschaft und Fähigkeit, auf politischer bzw. diplomatischer Ebene unbewusst motivierte Widerstände und Abwehrmechanismen ins Kalkül zu ziehen.

Aus den zahlreichen, von Volkan angeführten historischen Beispiele vergleichbarer Ereignisse, der Darstellung sich anschließender Formierungen sowie der exemplarischer Diskussion konstruktiver Wendungen ergeben sich andererseits Anregungen zu einem Umgang mit Konfliktsituationen. So liefert Volkan mit dem „Baum-Modell“ des CMHI, wie es in Estland angewendet wurde, ein tiefenpsychologisch fundiertes systemisches Modell zur gemeinschaftlichen Bearbeitung konfliktbesetzter Veränderungen auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen. Er diskutiert darüber hinaus die im Prozessablauf auftauchenden und aus seiner Sicht weitgehend unbewusst motivierten Stolpersteine sowie Möglichkeiten zu deren Überwindung.

Sein Buch ist gut lesbar, seine Modellbildung ist stets der praktischen Umsetzbarkeit verpflichtet. Um es auf den Punkt zu bringen: Volkan schreibt, wie Caroline Neubauer einst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung anmerkte, „nicht wie ein Theoretiker oder Dogmatiker, sondern wie Buddha als Lebenspraktiker“.





Hier gibt es eine weitere Rezension, die Caroline Neubaur am 28.3.2000 in der FAZ veröffentlicht hat.





Verlagsinformation:

Das neue Buch Vamik D. Volkans schlägt die fehlende Brücke zwischen psychoanalytischen Konzepten und der traditionellen Vorstellungswelt von Diplomaten, Historikern, Politologen und Sozialwissenschaftlern. Diese Brücke schafft einen neuen Zugang zum brisanten Thema ethnischer, religiöser und kultureller Unterschiede, die mit der Identität von Großgruppen eng verknüpft sind. Der bekannte Psychoanalytiker Volkan nutzt sein klinisches Wissen und seine Erfahrung aus 25-jähriger Arbeit mit Großgruppen in konfliktgeschüttelten und traumatisierten Gesellschaften, um eine pragmatisch orientierte Studie der Dynamik von Großgruppen vorzulegen. Er stellt neue theoretische Konzepte und ihre praktische Anwendung vor. Sie ermöglichen uns ein besseres Verständnis für die Interaktion von Großgruppen im Frieden wie in Krisenzeiten.


Inhalt:

Psychoanalytiker und Diplomaten – Seite an Seite
1. Kognitive Psychologie
2. Eine Brücke zwischen kognitiver Psychologie und Psychoanalyse
3. Center for the Study of Mind and Human Interaction (CSMHI)
4. Der Ausbruch ethnischer Konflikte

Beschreibungen der Großgruppenidentitätskonzepte

Die individuelle Identität
1. Beschreibung der individuellen Identität
2. Die Entwicklung der individuellen Identität

Einführung zur Großgruppenidentität
Die sieben Fäden

Die ersten zwei Fäden der Großgruppenidentität
1. Der erste Faden: Geteilte Reservoire für „gute” Externalisierungen
2. Der zweite Faden: Geteilte Identifikationen
3. Zusammenfassung

Großgruppenidentität, für die der „Andere” sorgt: Der dritte Faden
1. Biologische und psychologische Grundlagen für die „Uns”- und „Ihnen”- Dichotomie
2. Der dritte Faden: Geteilte „böse” Reservoire

Gewählte Ruhmesblätter und gewählte Traumata: Der vierte und der fünfte Faden
1. Der vierte Faden: Gewählte Ruhmesblätter
2. Der fünfte Faden: Gewählte Traumata
3. Generationsübergreifende Weitergaben
4. Zusammenfassung

Die Schlacht von Kosovo: Ein Beispiel des fünften Fadens
1. Die Reaktivierung des serbischen gewählten Traumas
2. Säuberungsversuche und Greueltaten
3. Zusammenfassung

Die innere Welt eines Führers, die die Großgruppenidentität beeinflußt: Der sechste Faden
Führer mit einer narzißtischen Persönlichkeitsorganisation

Atatürk: Eine Veranschaulichung des sechsten Fadens
1. Atatürks persönliche Geschichte
2. Atatürks innere Welt
3. Die Schaffung eines sechsten Fadens für das türkische Zelt

Symbolbildungen: Der siebte Faden
1. Übergangsobjekte und -phänomene
2. Ein Vergleich zwischen Übergangsobjekten und passenden Reservoiren der externalisierten Bilder 3. Symbolisierung auf einer höheren Ebene
4. Blut

Großgruppen-Ideologien und politische Verfahrensweisen und Richtlinien
1. Ideologie, die mit dem sechsten Faden verknüpft ist
2. Ideologie, die mit anderen Fäden verbunden ist

Großgruppenrituale
1. Gruppenreaktionen auf Jahrestage
2. Zwei unabänderliche Prinzipien
3. Rituale in Zusammenhang mit dem Narzißmus der kleinen Unterschiede
4. Grenzrituale
5. Die Bedeutung von Ritualisierungen
6. Maligne Ritualisierungen und Kriege

Trauern, Politik und Diplomatie
1. Individuelle Trauer
2. Komplikationen beim Trauerprozeß eines Individuums
3. Die Trauer von Individuen in Situationen, wo Großgruppen mit dem Feind interagieren
4. Großgruppentrauer

Traumatisierte Gesellschaften: Das Nachkriegs-Kuwait
1. Kuwait: Anfängliche Beobachtungen
2. Diagnose
3. Traumatisierte Gesellschaften und Entscheidungsfindungen

Offizielle Diplomatie: Die Perspektive eines Psychoanalytikers
1. Beschreibung
2. Moralität und offizielle Diplomatie
3. Emotionen
4. Regression
5. Übertragungsverzerrungen

Inoffizielle Diplomatie”
Beschreibungen der inoffiziellen Diplomatie

Das Baum-Modell: Psychopolitische Dialoge und Förderung eines gutnachbarlichen Verhaltens und einer gutnachbarlichen Koexistenz
1. Diagnose
2. Auf psychoanalytischen Erkenntnissen beruhende psychopolitische Dialoge
3. Aufbau von Institutionen
4. Beispiele von Baumzweigen aus Estland
5. Abschließende Bemerkungen


Über den Autor:

Vamik D. Volkan ist Professor emer. für Psychiatrie, Begründer des »Center for the Study of Mind and Human Interaction« an der University Virginia und Senior Erik Erikson Scholar am Austen Riggs Center in Stockbridge, Massachusetts. Er hält Vorträge auf der ganzen Welt; seine zahlreichen Bücher wurden bereits in mehr als zwölf Sprachen übersetzt.



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