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Neuvorstellung zur Übersicht
23.02.2014
Jürgen Hargens: Suter oder das Chamäleon-Prinzip
Hargens: Suter Verlag trafoberlin, Berlin 2013

Roman, 291 S.

Preis: 15,80 €

ISBN: ISBN 978-3-86465-033-8
Verlag trafo Berlin





Holger Wetjen, Paris: Ich werde gesund, wenn das Verbot, krank zu sein, aufgehoben ist. Sind Romane die besseren Beratungsbücher?

Wir wären so gerne Helden – aber wenn sich die Möglichkeit bietet, dann sind uns die Vorlieben und Gewohnheiten des Alltags wichtiger: der Cappuccino, die Filzpantoffeln, die Lieblings-CD. Gleichzeitig haben wir die Fähigkeit, im Alltag Helden-Ähnliches zu leisten, und das beginnt mit einer positiven Sprache, die eine Welt voller Möglichkeiten eröffnet. Wir sind ambivalent, sagt Jürgen Hargens in seinem neuen Roman, nie ganz Held, aber auch nie ganz Outlaw, kleine Chamäleone im Grunde, die ihre Farbe der Umwelt, dem Zeitgeist und den Moden anpassen.

Bernfried Suter ist Psychotherapeut im Ruhestand. Ex-Kollege Hermann Meier führt die Gemeinschaftspraxis weiter. Suter ist seit fünfzehn Jahren Witwer, hat Angst vorm Alter, Angst vor dem nähergerückten Tod und versucht, diesem Lebensabschnitt verzweifelt einen Sinn zu verleihen. Er hat immer gern Krimis gelesen, wollte immer selbst der Detektiv sein, verschob es aber immer wieder bürgerlich auf den Sankt-Nimmerleinstag. Im Ruhestand will er es endlich versuchen, immerhin hat er in vierzig Jahren Berufserfahrung die Fähigkeit erworben, sich in andere einzufühlen.

In der Stadt wird Suter Zeuge eines Autounfalls: Lasse, der älteste Sohn seiner Ex-Kundin Lisa Brendau, ist angefahren worden. Lisa Brendau war zweimal in Suters Praxis, und morgen, sagt sie, soll Suter noch einmal ihr Berater sein – Ruhestand hin oder her.

Hanseatisches begegnet uns dann in Brendaus Villa: Lisa Brendau klagt Suter ihr Leid über ihre verschenkte Jugend, ihr autoritärer Vater habe sie über-behütet, nie habe sie mit ihren älteren Schwestern in die Disco gehen dürfen. Sie hat ihm immer gehorcht, so ist Bravsein ihre zweite Natur geworden: Sie hat in eine adelige Kaufmannsfamilie eingeheiratet, in der Kindheit ihres Mannes habe es eine Auseinandersetzung zwischen ihm und seinem Bruder gegeben, bei der der Bruder ums Leben gekommen sei, und über verschlungene Wege hängt dieser Tod mit dem Unfall vom Vortag zusammen.

Vor ein paar Wochen hatte ich ein Telefongespräch mit Jürgen Hargens über Beratungsbücher und Romane, das ich hier – mit den stilistischen Regeln der Besprechung brechend – anführe: Wenn ein Autor zusätzlich zu seinen Beratungsbüchern noch Romane schreibt, fragte ich, muss er da nicht Angst haben, dass das Publikum sagt: «Wenn der Romane erfindet, dann sind am Ende auch die Fallbeispiele in seinen Beratungsbüchern nur erfunden.» – «Nein», sagte Hargens, «es ist umgekehrt: die Leute sagen: ‚Mensch, genau das, was du in deinem Roman schreibst, ist mir letztens passiert.‘ Und dann redet man darüber, wie man dies Problem gelöst hat, ob genauso wie die Romanfigur, oder anders. » Könnte man also Romane als Beratungsbücher verwenden ? Könnten sie vielleicht sogar die «besseren» Beratungsbücher sein ?

Jürgen Hargens hat in seiner Beratungspraxis einen doppelten Grundsatz für das Beratungsgespräch entwickelt: es soll das Problem des Kunden erstens entschuldigen, zweitens dafür Lösungsperspektiven eröffnen. – Genau diesem doppelten Grundsatz folgen auch Hargens’ Romane:

Erstens entschuldigen sie: Ich bin als Romanleser mit meinen Alltagsproblemen nicht allein, weil die Romanfiguren genau dieselben Probleme haben. Ich bin ängstlich, zögerlich, unentschieden, depressiv, duckmäuserisch und gebrochen, und Jürgen Hargens’ Figuren sind genau das: Bernfried Suter könnte ja seinen Ruhestand dafür nutzen, seinen langjährige Beratungserfahrung in einem sorgfältig ausgearbeiteten Beratungsbuch für andere nutzbar zu machen. – Aber was macht er ? Er schläft morgens eine Stunde länger, gönnt sich jeden Morgen ein königliches Frühstück und verschleudert den Vormittag im Schlafrock vor der Stereoanlage. Im Kaufhaus sind seine ersten Detektiv-Versuche erfolglos: genau die Person, die er als Dieb verdächtigt, entlarvt sich im Gespräch als angestellter Kaufhausdetektiv. Im Stadtpark verliebt sich Suter in Lisa Brendau, gleich darauf steht er aber am Grab seiner verstorbenen Frau und bittet sie um Entschuldigung für seinen vierten Frühling.

Hargens’ Romanfiguren haben eine negative Identität. Und wenn ich als Leser meine eigenen Unarten bei ihnen wiederfinde, dann sprechen die Romanfiguren zu mir und sagen: «Wir sind genauso. Du bist entschuldigt.» Im bürgerlichen Leben muss ich immer gesund sein, tolerant, selbstlos, korrekt und sozial. Wenn ich Hargens’ Romane lese, darf ich mich aber mit den negativen Figuren identifizieren und – für den Augenblick des Romanlesens – das Gegenteil des bürgerlichen Ideals darstellen, also: krank sein, intolerant, selbstherrlich, verkehrt und überhaupt: asozial, wo es nur geht. Alle sozialen Konventionen sind im Augenblick des Romanlesens aufgehoben, und das hat eine paradoxe Wirkung: ich werde gesund, weil das Verbot, krank zu sein, aufgehoben ist.

Hargens’Romane eröffnen also zweitens Perspektiven: Weil in der Kunst alle sozialen Normen aufgehoben sind, bin ich frei. Von daher rückt der Roman in die Nähe des Traums, wo man ja auch tun und lassen kann, was man will. Und das funktioniert über das Aussprechen von Zauberformeln, durch die ich meinen Willen stärke und auslebe:

Suter ist zwar zuerst unentschlossen, was er im Pensionsalter als Witwer anfangen soll, aber er weiß als Wittgensteinianer und Psychotherapeut: meine Sprache ist meine Welt, neue Beschreibungen erzeugen eine neue Wirklichkeit, und die ist wirk-lich im wahrsten Sinne des Wortes: sie wirkt. Suters erste Detektiv-Versuche im Kaufhaus schlagen zwar fehl, aber er reflektiert anschließend in seinem Stammlokal darüber und stärkt seinen Willen, Detektiv zu werden, indem er seinen Willen laut ausspricht: «Ich werde jetzt Detektiv.» Das wirkt wie ein Zauberspruch, und siehe da: als Suter sein Lokal verlässt, hat er mit Lasses Autounfall seinen ersten Kriminalfall.

Anderes Beispiel: Suter besucht auf dem Stadtfriedhof die Grabstätte der Brendaus, um vielleicht etwas über den frühen Tod von Lisa Brendaus Schwager zu erfahren: er trifft dort ausgerechnet Peer Brendau, der an der Grabstätte wie ein Totem übe die Familiengeheimnisse wacht. – Aber mit sprachlicher Suggestion bewirkt Suter schließlich, dass Peer Brendau das Feld räumt. Sprache hat die Kraft, Welten zu erzeugen, wie schon in der Genesis der Satz: «Es werde Licht» das Licht erzeugt. Nach Kurt Ludewig konstituiert sich ein Problem durch die Beschreibungen des Betreffenden und signifikanter anderer. Gleiches gilt für die Lösung: der Betreffende muss die Lösung durch eine lösungsorientierte Sprache konstituieren. Wie durch einen Zauberspruch tritt er in eine Welt, in der das Problem nicht mehr besteht. Umso häufiger findet er danach Menschen, in deren Beschreibungen er positiv und stark ist, deren positive Beschreibungen wirken wieder positiv zurück auf sein Selbstwertgefühl und Auftreten und auf die Art, wie und zu wem dieser «positivierte» Mensch neue Beziehungen aufbaut und pflegt. Auch darauf, wie er Anfeindungen in Zukunft abprallen lässt und Konflikte austrägt. Dabei spielt immer eine Rolle, dass man soziale Konventionen, Regeln und Normen in ihre Schranken weist: ich darf unkorrekt, eigensinnig, ungesellig und sogar krank sein. Damit weitet sich mein Handlungsspielraum aus, was ich tue, ist eine Möglichkeit unter vielen. Diese Möglichkeiten schließen sich gegenseitig nicht aus, und darum kann ich eine davon wählen und eine Zeitlang damit spielen,wie man im einem Brettspiel zum Beispiel die grüne Spielfigur wählt und damit eine Zeitlang spielt, und es einen nicht davon abhält, beim nächsten Spiel die rote zu nehmen.

Diesem positiven, ausgeweiteten Handlungsspielraum, mit vielen komplementären Möglichkeiten, erschließen Romane. Kognitiv und psychologisch funktionieren sie wie Beratungsbücher, und könnten in einzelnen Fällen sogar weiter wirken – aber das kann jeder für sich mit Hargens’ Buch selbst ausprobieren.


Heinz Graumann, Schleswig:

Was tut eigentlich ein Psychotherapeut, der in den Ruhestand gegangen ist? Jürgen Hargens, Psychotherapeut und Autor zahlreicher psychologischer Fachbücher, Erzählungen und Romane, erzählt die Geschichte von Bernfried Suter, Psychotherapeut in Rente, der sich einen ausgefallenen Wunsch erfüllen möchte: Er will sich als Ermittler versuchen, heldenhaft und unauffällig. Dabei hofft er, von seinen Erfahrungen und Kenntnissen als Psychotherapeut zu profitieren.

Kurze Zusammenfassung

Die Geschichte spielt im äußersten Norden Deutschlands, in einer Stadt an der Ostsee. Suter, der „Psycho in Rente“, lebt allein. Seine Frau ist schon vor Jahren verstorben, und seine Kinder führen inzwischen weit entfernt ihr eigenes Leben.

Als Suter in eine Menschenmenge gerät, die sich um einen Unfall gebildet hat, beginnt die Geschichte des ersten Falles des selbsternannten Ermittlers. Zwischen Passanten, Blaulicht, Notarztwagen und Polizisten entdeckt er Frau Brendau, eine ehemalige Klientin aus der Gemeinschaftspraxis, die vor zwei bis drei Jahren einmal bei ihm gewesen war. Es stellt sich heraus, dass bei dem Unfall Lasse, der Sohn der Familie Brendau, verletzt wird und Peer Brendau, Lasses Vater, nicht unschuldig daran ist. Der Zwischenfall scheint im Zusammenhang mit der unglücklichen Familiengeschichte der Brendaus zu steht.

Peer Brendau ist Chef eines bedeutenden lokalen Unternehmens, das sich seit mehreren Generationen in Familienbesitz befindet. Vom einfachen Holzhandel hat sich das Geschäft unter harter Hand zu einem der führenden Schiffsausrüster an der Ostseeküste entwickelt. Stück für Stück lernt Suter die wohlhabende Familie Brendau kennen. Die Eltern haben sich mit den Jahren auseinandergelebt. Das Verhältnis des Vaters zu seinem Sohn Lasse ist besonders belastet. Wie die Spannungen in der Familie mit lange zurückliegenden Ereignissen der Familiengeschichte zusammen hängen, soll Suter aufklären. Denn Frau Brendau verspricht sich davon eine Entlastung ihres Mannes, der im Zusammenhang mit dem ungeklärten Todes seines Bruders an Schuldgefühlen leidet.

Über die Suche nach Aufklärung trifft Suter auch auf die alten Brendaus, die inzwischen zurückgezogen auf dem alten Landsitz der Familie an der Ostsee leben.

Überraschende, unerwartete Begegnungen auf dem Landsitz geben der Geschichte eine unerwartete Wendung.

Kulisse und Hintergrund

Jürgen Hargens beschreibt den Charme des Lebens in einer Kleinstadt im Norden, mit der Landschaft der Umgebung und den alten Landhäusern, dem Klima, mit viel Regen, Wind und klarer, frischer Luft.

Es geht auch um Themen des Älterwerdens: Alternative Wohnformen in einer Alten-WG und Bedrohung durch Demenz tauchen in der Geschichte auf, aber auch die im Alter nicht versiegende Lust auf Neues, neue Kontakte und unerwartete Begegnungen.

Hier und da erhält der Leser Einblick in die Arbeit und das Denken des Therapeuten und Beraters Jürgen Hargens. So gibt er erzählerisch überraschende Antworten auf die Fragen, was eigentlich vor oder nach einer Therapie-Sitzung geschieht, was in den Klienten und was im Therapeuten vor sich geht.

Und was ist das Chamäleon Prinzip des Therapeuten Suter?

Antwort: „… bei vollständiger Präsenz unsichtbar bleiben. Handeln, ohne dass die Leute das Gefühl haben, von mir beeinflusst zu werden….ruhig dasitzen, alles registrieren, ohne sofort zu reagieren. Wahrnehmen, abwarten, ruhig bleiben.“

„Wenn Du nicht weißt, was Du tun sollst, dann tue am besten gar nichts! Das richtet am wenigsten Schaden an.“

Fazit

Jürgen Hargens erzählt in „Suter“ eine spannende, facettenreiche Geschichte. Jedes Kapitel wirft Fragen auf und weckt Neugierde auf das nächste Kapitel, die nächsten Begegnungen. Ein Lese-Spaß nicht nur für „Psychos“.





Hier kommt man zur Verlagsseite mit einer Leseprobe






Verlagsinformation:

Der Psychotherapeut Bernfried Suter ist nun in Rente und stellt sich die Frage, welchen Sinn er seinem neuen Lebensabschnitt geben kann. Da trifft es sich, dass er – unter besonderen Umständen – wieder auf die Familie Brendau trifft … Lisa und Peer Brendau haben sich auseinandergelebt. Das Familientabu – ist Peers Bruder Dietrich in seiner Kindheit tödlich verunglückt oder bei einer Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Vater zu Tode gekommen – lastet schwer auf der Familie. Und nun wird auch Brendaus Sohn Lasse bei einer Auseinandersetzung mit seinem Vater Peer verletzt … Suter ist zufällig am Unfallort und trifft dort seine alten Klienten. Lisa Suter bittet ihn spontan um Hilfe. Suter, ausgestattet mit den Fähigkeiten eines Chamäleons (wie er sich etwas selbstgefällig schmeichelt), nimmt die Herausforderung an und versucht sich als Ermittler. Wird es ihm gelingen, Licht in das Familiengeheimnis zu bringen? Jürgen Hargens entfaltet ein breites, anrührendes und zugleich spannendes Panoptikum des Lebens – mit klarer Sprache und psychologisch ausgeleuchteten Menschen in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit. Ein Lesevergnügen, das anregt, zum Nachdenken einlädt und an keiner Stelle langatmig wird.


Über den Autor:

Jürgen Hargens, Nordlicht seit 1947. Seit 1979 in der Nähe von Flensburg zuhause. Vater dreier erwachsener Kinder, von denen er - nach eigener Aussage - viel gelernt hat. Vierzig Jahre innovative psychologische und psychotherapeutische Arbeit. Mitwirkung beim Aufbau der systemischen und lösungsorientierten Psychotherapie in der Bundesrepublik. 1983-1991 Herausgeber der Zeitschrift für systemische Therapie. Autor und Herausgeber von Fachbüchern und Unterstützungsbüchern.



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