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Neuvorstellung zur Übersicht
19.03.2013
Sabine Weiher: Der Körper als Letztfundierung. Gesundheit und Wohlbefinden systemtheoretisch beobachtet
Weiher: Körper als Letztfundierung Carl-Auer Verlag, Heidelberg 2012

164 S., kartoniert

Preis: 19,95 €

ISBN 978-3-89670-963-9
Carl Auer-Verlag





Martin Hafen, Luzern:

Der Verlust an Orientierungssicherheit ist ein Merkmal der heutigen Zeit. Die funktionale Differenzierung der Gesellschaft (Luhmann 1997) hat im europäischen Kulturraum zu einem Verlust der mittelalterlichen Weltgewissheiten geführt, die durch die Kirche mit Referenz auf Gott angeboten und durchgesetzt wurden. An ihre Stelle ist die Perspektivenvielfalt unterschiedlicher Funktionssysteme gerückt. Wirtschaft, Wissenschaft, Recht, Politik, Erziehung, Massenmedien, Kunst, Religion und andere Funktionssysteme beobachten die Welt anhand ganz spezifischer Leitunterscheidungen, und es gibt keine Instanz, die bestimmen könnte, welche dieser „Weltkonstruktionen“ die richtige oder zumindest wichtiger als andere sei. Ideologien, Fundamentalismen, Fanatismus, aber auch ein konstruktiver Glaube an eine höhere Macht mögen einzelnen Menschen Halt in dieser orientierungslosen Welt geben; aber letztlich ist auch dieser Halt immer mit der Ahnung verbunden, dass es andere Ansichten, Überzeugungen und auch Gottheiten gibt. Was bleibt, ist der Körper. Mit seiner „Superevidenz“ (Fuchs 2005) steht er als omnipräsenter Orientierungspunkt zur Verfügung, obwohl auch er — zumindest aus der Perspektive der soziologischen Systemtheorie — nicht als absolute Realität vorkommt, sondern (als Leib) hin-beobachtet wird.

Die Ausdifferenzierung des Gesundheitssystems in den letzten zweihundert Jahren dokumentiert die zunehmende gesellschaftliche Bedeutung des Körpers und die omnipräsente Sorge um seine Gesundheit. Im Kontext des Gesundheitssystems ist nicht nur eine immense Vielfalt von Diagnoseinstrumenten, Behandlungstechniken und Medikamenten entwickelt worden; es werden auch immer mehr systematisierte Bemühungen zur Verhinderung von Krankheiten unternommen. Man könnte sagen, dass sich das Gesundheitssystem nicht mehr nur an seiner Leitunterscheidung „gesund/krank“ orientiert, sondern auch zunehmend an einem sekundären Binärcode „Prävention/Behandlung“ (Hafen 2009). Hier setzt das Buch von Sabine Weiher an: Sie untersucht am Beispiel der immer populäreren Bewegungsformen Yoga, Pilates, Feldenkrais und Taiji „welche Vorstellungen über den Körper hier gewinnbringend ‚verkauft‘ werden“. Weiter untersucht sie, in Hinblick auf welche Gesundheitskonzepte diese Kommunikation erfolgt und auf welche Weise die genannten Bewegungsformen als Rezepte zur Erhaltung oder Wiederherstellung von körperlicher (und psychischer) Gesundheit konstruiert werden.

Wenn man eine körperbezogene Metapher bemühen will, so versucht die Autorin mit ihrem Buch einen Spagat: Auf der einen Seite lässt sie nach der prägnanten Einführung in die fokussierten Konzepte (Kap. 2) im empirischen Teil ihrer Arbeit (ab Kap. 5) Ausbildner und Ausbildnerinnen für Yoga, Pilates, Feldenkrais und Taiji ausführlich beschreiben, wie sich diese Bewegungsformen auf ihre persönliche Körperwahrnehmung, ihr Wohlbefinden und auf die körperliche Funktionsfähigkeit auswirken. Auf der andern Seite erarbeitet sie im Theorieteil (Kap. 3 und 4) des Buches ein umfassendes Instrumentarium an Unterscheidungen, mit denen sie die Aussagen der Praxisleute analysiert. Bei den theoretischen Grundlagen orientiert sich die Autorin schwerpunktmässig an der soziologischen Systemtheorie (Luhmann, Fuchs etc.); sie bezieht sich jedoch immer auch auf andere Autoren und stellt ihre Aussagen in Bezug zu den systemtheoretischen Analysen.

Weil der Spagat zwischen theoretischer Reflexion und der Darstellung individueller Wahrnehmung so gut gelingt, ist das Buch ein Gewinn sowohl für die theoretisch interessierte Leserschaft als auch für ein Publikum, das über Yoga, Pilates, Feldenkrais und Taiji mehr erfahren möchte als die Selbstbeschreibungen der Kursangebote. Auf der Praxisebene erarbeitet die Autorin nicht nur die Gemeinsamkeiten und Differenzen der fokussierten Bewegungsformen. Sie bezieht in ihre Untersuchungen auch die Beschreibungen von Personen aus dem Bereich des Leistungssports mit ein und vergleicht diese — quasi als Kontrollgruppe — mit den Konstruktionen der befragten Ausbildner und Ausbildnerinnen. Auf der Ebene der Theorie wiederum überzeugt die Nutzung der systemtheoretischen Grundlagen für die Analyse der Interviewergebnisse, etwa in den Kap. 6.2 und 6.7, in denen die Autorin die Körpervorstellungen der befragten Personen nach den Leitunterscheidungen der Funktionssysteme Kunst, Erziehung, Sport und Religion klassifiziert und interpretiert. Durchaus innovativ ist auch die Konzeption der Kommunikation über Körperwahrnehmung und körperwahrnehmungsorientierte Bewegungsformen als selbstorganisierendes System, das zur Selektionsverstärkung das Kommunikationsmedium des Versprechens (einer besseren Gesundheit von Körper und Psyche) nutzt (Kap. 7).

„Nichts ist praktischer als eine gute Theorie“ - das Bonmot von Kurt Lewin ist bei der Rezension des Buches von Sabine Weiher bestens platziert. Der Autorin gelingt eine präzise Analyse eines Themenfeldes, dem Wissenschaftlichkeit in der Regel abgesprochen wird. Ihre Beschreibung kontrastiert mit ihrer Nüchternheit die Emphase, die aus den Interview-Auszügen immer wieder herauszulesen ist. Gleichzeitig stellt sie diese individuellen Wahrnehmungen und die Kommunikation darüber nicht einfach in die Ecke des „Esoterischen“, sondern beobachtet sie als Lösung eines Problems — die Lösung des Problems, dass die herausragende Bedeutung des Körpers und seiner Gesundheit in der aktuellen Gesellschaft die Individuen laufend mit der Frage konfrontiert, wie sie die Gesundheit und Funktionalität des Körpers möglichst lange erhalten können. Das von Sabine Weiher beschriebene System der Kommunikation über Körperwahrnehmung könnte demnach einfach als Teil des Gesundheitssystems gesehen werden, das sich schon lange nicht mehr ausschliesslich mit der Wiederherstellung von Gesundheit beschäftigt, sondern unter Bezeichnungen wie Prävention, Gesundheitsförderung, Fitness oder Wellness mit Nachdruck bestrebt ist, bestehende Gesundheit durch die Verhinderung von Krankheiten möglichst umfassend zu erhalten.

Literatur:

Fuchs, Peter (2005): Die Form des Körpers, S.48-72 in: Schroer, M. (Hrsg.), Soziologie des Körpers, Frankfurt a. M. (Suhrkamp)
Hafen, Martin (2009): Mythologie der Gesundheit. Zur Integration von Salutogenese und Pathogenese. Heidelberg (Carl-Auer Verlag)
Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt a. M. (Suhrkamp)





Das Inhaltsverzeichnis als PDF

Die Einleitung als Leseprobe





Verlagsinformation:

Moderne Bewegungsformen wie Yoga, Taiji oder Pilates haben Hochkonjunktur. Vermutlich, weil sie den Ausübenden Gesundheit und Wohlbefinden in Aussicht stellen. Jedoch scheint nicht ausschließlich die körperliche Betätigung den versprochenen Gesundheitsbeitrag zu leisten, sondern im Besonderen die Verständigung über den Körper. Diese spezifische Kommunikation, als System beobachtet, unterzieht die Autorin einer funktionalen Analyse, bei der es nicht um eine empirische Beschreibung der Phänomenalität dieses Bewegungssegments geht, sondern um eine präzise Konstruktion des Problems, für das der Körperbearbeitungsbereich der Moderne die Lösung sein kann. Dieses Buch wirft einen tiefenscharfen Blick auf die Kommunikation über Gesundheit und Wohlbefinden. Es eröffnet neue Perspektiven für die sportwissenschaftliche und soziologische Forschung sowie für Beratende in den Bereichen der Medizin und Therapie.


Über die Autorin:

Sabine Weiher studierte an der Deutschen Sporthochschule Köln Sportwissenschaften und promovierte im Fach Soziologie an der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Aktuell forscht sie interdisziplinär zur Intentionalität des Körpers im Kunstsystem.



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