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Neuvorstellung zur Übersicht
23.01.2013
Dorothea Buck: Ermutigungen. Ausgewählte Schriften
Buck Ermutigungen Neumünster 2012, Paranus

240 S., broschiert

Preis: 19,95 €

ISBN-10: 3940636215
ISBN-13: 978-3940636218
Paranus-Verlag





Andreas Manteufel, Bonn:

1990 erschien das Taschenbuch „Auf der Spur des Morgensterns“. Die Autorin, die sich damals noch Sophie Zerchin (Setzen Sie die Buchstaben von Vor- und Nachname einmal neu zusammen!) nannte, beschrieb darin ihre eigene Lebens- und Krankengeschichte, die aber eigentlich die Geschichte einer Heilung ist. Nach dem fünften und letzten „schizophrenen Schub“ im Jahre 1959 betrat sie psychiatrische Kliniken nur noch als Besucherin oder als Referentin. In dieser Rolle konnte ich sie, es muss um 1993/1994 gewesen sein, in unserem Bonner Landeskrankenhaus (heute LVR-Klinik Bonn) ihre Geschichte erzählen hören. Ich selbst war noch ein Neuling als Psychiatriemitarbeiter. Im Gedächtnis bleibt mir vor allem ihr eindringliches Plädoyer dafür, mit den Patienten zu sprechen und mit ihnen nach dem Sinn ihrer so genannten psychotischen Symptome zu fragen. Ich erinnere mich aber auch an die zwiespältige Haltung, mit der ihre Ausführungen bei Kollegen und Vorgesetzten aufgenommen wurden: Respekt und Kopfnicken bei den einen, ungläubiges Staunen bei den anderen, aber auch wehrhaftes Kopfschütteln bei meiner damaligen Chefin: „So ist die Psychiatrie doch längst nicht mehr“, rückte sie die Beschreibungen einer „sprachlosen Psychiatrie“ zurecht.

Dorothea Buck begann in dieser Zeit Psychiatriegeschichte zu schreiben. Auf ihr Engagement (natürlich sind da auch andere zu nennen) gehen die trialogischen Psychose-Seminare und die Gründung des Bundesverbandes Psychiatrieerfahrener zurück. Schon weit vor 1990 schrieb sich Frau Buck ihre Erfahrungen literarisch „von der Seele“, wie der vorliegende Sammelband dokumentiert. Und bis heute ist die mittlerweile 95jährige eine respektierte Gastrednerin und Mahnerin.

In den hier ausgewählten Schriften wiederholen sich viele Formulierungen fast bis hin zum Mantra, etwa der in fast allen Texten beschworene „Aufbruch des normalerweise Unbewussten ins Bewusstsein“. Religiosität und die Freudsche und Jungsche Psychoanalyse sind wichtige Grundpfeiler des Psychoseverständnisses von Dorothea Buck. Sie erzählt, wie sie mit Hilfe eigener Analysen und im Austausch mit Mitpatientinnen in den verschiedenen Kliniken die „sonst nicht gespürten Sinnzusammenhänge“ in den sogenannten psychotischen Symptomen erkennen und in ihr Leben integrieren konnte. Die Lektüre der „Spur des Morgensterns“ ist neben der hier zu rezensierenden Textsammlung noch immer eine unbedingt zu empfehlende Mischung aus Autobiographie und Psychiatriegeschichte. Es ist die Geschichte einer sprachlosen und in ihren „Behandlungsmethoden“ brachialen Psychiatrie der 30er und 40er Jahre, der Morde und Zwangssterilisationen an Kranken im Dritten Reich und der keineswegs fortschrittlichen Nachkriegspsychiatrie. Sedierende Psychopharmaka, so die Bucksche Bewertung, hätten auch ihr die Fähigkeit, über Sinnzusammenhänge nach zu denken und zu sprechen, erschwert - hätte sie die ihr verordneten Tabletten denn auch wirklich heruntergeschluckt… Auch die ängstigenden Aspekte des Wahns kommen zu Wort. Verschiedene Texte widmen sich dem Trialog, dem Thema Euthanasie und Zwangssterilisation, der „Selbsthilfe“ und dem religiösen Erleben in der Psychose. Anne Fischer-Buck, die Mitherausgeberin dieses Buches, beschließt den Band mit ihren persönlichen Gedanken zum Thema „Sinnfindung für Angehörige“.

Dorothea Bucks Geschichte ist natürlich auch die Geschichte eines erstaunlichen Wandels im Lebenslauf, in dem die Erkrankung verstanden, integriert und damit „nicht mehr notwendig“ geworden ist. Psychiater, Psychologen oder andere „Profis“ kommen als Verantwortliche für diese glückliche Wendung der Geschichte nicht vor. Ihre Gesundung musste Frau Buck ohne ihr Zutun erreichen.

Das lässt mich meine eigene Rolle im System Psychiatrie bedenken. Was ist aus der sprachlosen Psychiatrie geworden und was tragen wir Psychologen und Ärzte denn zur Heilung unserer Psychosepatienten bei? Natürlich haben wir längst erkannt, wie wichtig die Gespräche sind, die wir unseren Patienten anbieten – und sie verlangen ja auch danach. Dass wir „für sie“ die Ursachen ihres Leidens erkennen und ihnen dank unserer psychologischen Analysen die Augen für eine gesündere Lebensführung öffnen, glaube ich nicht. Eher gehe ich davon aus, dass Patienten in einem professionell und feinfühlig gestalteten Gespräch sich selbst besser organisieren lernen und sich wieder aufrichten, im besten Fall auch etwas verändern können. Was wir also vor allem beitragen, sind recht „einfache“ Tugenden wie Zeit, ein offenes Ohr, wertfreies Interesse und manchmal auch die Gabe, sich selbst zurück zu nehmen und „die Klappe zu halten“. Eine ältere, traumatisierte Patientin erzählte mir zum Beispiel ausführlich von den lange zurückliegenden gewalttätigen Ereignissen, ohne dass ich außer ein paar Lückefüllern zu Wort gekommen wäre. Es war wohl das erste Mal, dass sie das wagte und ihr Abschlusskommentar an mich war: „Gut, dass wir darüber gesprochen haben“ (beschrieben in meinem Buch „Nerven bewahren“ im Paranus-Verlag 2012).

Aber: Die jüngsten Entwicklungen in der Psychiatrie, wie überhaupt in Medizin und Psychotherapie, machen es immer schwieriger, die erforderliche Zeit für die Patienten auf zu bringen. Immer mehr wird das regelmäßige Gespräch zum „Luxusartikel“ in einer stationären Behandlung. Es wird kürzer, während wir zu immer mehr und vorgestanzter Dokumentation gezwungen sind. Die „Prüfkriterien“ für eine stationäre Behandlung werden strenger, und für die eh schon gekürzten Zeiten der stationären Behandlung müssen immer aufwändigerere Begründungen gefunden werden. Unter ganz anderen institutionellen Voraussetzungen als sie von Frau Buck beschrieben werden, ist auch heute wieder das ruhige, konzentrierte Gespräch mit den Patienten alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Das schlimmste wäre nun, wenn wir uns an diese Situation anpassen und am Ende selber daran glauben, dass es ausreicht, stationäre Psychiatriepatienten durch einen Schnellkurs in Psychoedukation zu jagen, während sich ihr Gehirn an den Segen und den Fluch („Nebenwirkungen“) von Psychopharmaka gewöhnen darf.

Die Bücher, und speziell das hier besprochene, von Dorothea Buck sind also in ihrer kritischen Ausrichtung ganz aktuell. Ihre Sprache ist klar und eindringlich, sie ist mahnend, aber nicht pathetisch oder polemisierend. Ihr Ziel ist es, eine Psychiatrie im Dialog und unter Mitbestimmung derer, die von psychischer Erkrankung betroffen sind, auf zu stellen. Ihrem Mut und ihrer Beharrlichkeit, mit der sie immer wieder ihre eigenen Erfahrungen weitergibt, gebührt mein Respekt.





Zur website der Autorin





Verlagsinformation:

Was Dorothea Buck durch ihren bahnbrechenden Lebensbericht „Auf der Spur des Morgensterns. Psychose als Selbstfindung“ und ihr langjähriges Engagement für die Interessen von psychoseerfahrenen Menschen in Deutschland und Europa in Bewegung gesetzt hat, ist einzigartig in der Psychiatriegeschichte der letzten Jahrzehnte. Es gibt wohl wenige Menschen, die wegen ihrer kämpferischen Gradlinigkeit so anerkannt und verehrt werden wie die beständige Mahnerin, die sich auch heute noch im hohen Alter als Jahrhundert-Zeugin immer wieder kritisch und ermutigend zu Wort meldet. So gibt es tatsächlich keinen besseren Buchtitel für ihre jetzt erscheinenden ausgewählten Aufsätze, Vorträge und Briefe aus den letzten vierzig Jahren als den, wofür Dorothea Buck mit ihrem Lebenswerk steht: Ermutigungen. In ihrem Nachwort bekräftigt Anne Fischer-Buck als jüngere Schwester eine solche Zuversicht und zeigt, welche gesellschaftliche Unterstützung auch die Angehörigen brauchen.


Inhalt:

Zur Einführung ... 8

Dorothea Buck zum 95. Geburtstag ... 11

„Ich habe mir meinen ganzen Zorn von der Seele getippt.“ Dorothea Bucks Tragödie der „Euthanasie“ Achim Tischer (2000) zum Theaterstück "Die Tragödie der Euthanasie“ (1969) ... 12

Schizophrene Erfahrungen (1988) ... 45

Antrag auf einen „Arbeitskreis für mehr Mitbestimmung Betroffener in der Psychiatrie“ an das Bundesgesundheitsministerium (1988) ... 48

Antwort des Ministeriums ... 80

Würdigungen von Prof. Luc Ciompi (1989) und Prof. Gerhard Langer (1991) ... 85/86

Selbst-Verständnis einer Psychose (1991) ... 88

Akribie und Akribi-e – Psychose als Selbstheilungsversuch (1992) ... 103

Angst und Psychose (1994) ... 112

„Eine Psychose ist wohl die einzige Lösung, wenn die Welt zu hart und unverständig ist.“ (1995) ... 119

Kreativität und Solidarität gegen Arbeitslosigkeit (1995) ... 127

Theologen als Leiter, Kirchen als Träger von Psychiatrien und Heimen – Was erwarten Psychiatrie-Erfahrene von der Theologie? (1996) ... 131

Soteria – Eine Alternative zum entmutigenden medizinischen Krankheitskonzept (1999) ... 144

SELBSTHILFE – großgeschrieben (2001) ... 149

Verstehen statt bekämpfen – Zum religiösen Erleben in der Psychose (2003) ... 160

Der trialogische Erfahrungsaustausch – Unsere Antwort auf die gesprächslose Psychiatrie, die zu den Ausrottungsmaßnahmen von 1933-45 (2004) ... 169

„Gemeinsam sind wir stark“ – Ein Interview mit Dorothea Buck (2005) ... 176

Auf der Spur des Eigensinns – der eigene Sinn von Psychosen Ein Gespräch mit Thomas Bock (2006) ... 187

Für die Opfer der „Euthanasie” und Zwangssterilisation im Nationalsozialismus (2008) ... 198

Psychosen verstehen (2009) ... 207

„Ich verstehe die Psychose als Aufbruch des eigenen Unbewussten ins Bewusstsein“ – Grußwort zum 40. Geburtstag der DGSP (2010) ... 209

Psychiatrie im Nationalsozialismus – Erinnerung und Verantwortung Auszüge aus der Rede von Prof. Frank Schneider (DGPPN) ... 212 Antwort an Prof. Frank Schneider (2011) ... 216

Brief an Peter Kanzler von der ApothekenUmschau (2011) ... 218

Sinnsuche und Selbstfindung als Angehörige Nachwort von Anne Fischer-Buck ... 222

Die Dorothea Buck Stiftung und weitere Informationen ... 236/237


Über die Autorin:

Die Bildhauerin Dorothea Buck, Jg. 1917, war – nach freier künstlerischer Tätigkeit – von 1969 bis 1982 Lehrerin für Kunst und Werken an der Fachschule für Sozialpädagogik I in Hamburg. Zwischen 1936 und 1959 erlebte sie fünf schizophrene Schübe. In ihrem ersten Schub wurde sie in den v.Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel zwangssterilisiert. Dorothea Buck war und ist maßgeblich in der Bewegung der Psychiatrie-Erfahrenen aktiv, die sich Ende der 1980er Jahre zu formieren begann. Sie ist die Ehrenvorsitzende des 1992 von ihr mitgegründeten Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener. Zusammen mit Thomas Bock gründete sie 1989 das erste Psychose-Seminar in Hamburg und warb auf vielen Lesereisen im In- und Ausland für die Idee des Trialogs zwischen Betroffenen, Angehörigen und in der Psychiatrie Tätigen. Seit 1997 ist sie Trägerin des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse, seit 2008 Trägerin des Großen Verdienstkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.



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