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Neuvorstellung zur Übersicht
20.01.2012
Henri Julius, Barbara Gasteiger-Klicpera & Rüdiger Kißgen (Hrsg.): Bindung im Kindesalter. Diagnostik und Interventionen
Julius et al.: Bindung im Kindesalter Hogrefe Verlag, Göttingen 2009

336 S., kart.

Preis: 29,95 €

ISBN-10: 3801716139
ISBN-13: 978-3801716134
Hogrefe-Verlag





Kai Brüggemann, Bonn:

Das Buch ist in die drei Teile Grundlagen, Diagnostik und Interventionen gegliedert:

Julius stellt im ersten Teil des Buches Grundlagen der Bindungstheorie dar. Anhand einer Studie an zwei Schulen für Erziehungshilfe berichtet er über Prävalenzen von familiärer Gewalt und belegt, wie nachteilhaft sich die erlittenen Beziehungstraumata auf die Bindungsmuster der Kinder auswirken. Gasteiger-Klicpera gibt ein genaues Bild über die zerstörende Wirkung von erlebter Gewalt in familiären Beziehungen auf die weitere Beziehungsgestaltung des Opfers und bezieht dabei vor allem prospektive Längsschnittstudien ein. Schleiffer beschreibt Parallelen in der Entwicklung von aggressiv-verhaltensauffälligen Kindern einerseits sowie Kindern mit Lernstörungen andererseits, die er bindungstheoretisch erklärt: Diese Kinder werden gleichermaßen von ihren Bindungspersonen nicht ausreichend klar emotional adressiert und somit nicht in ihrer Selbstkompetenz gestärkt. Vor diesem Hintergrund deutet er aggressives Durchsetzen ebenso als Problemlöseversuch (Suche nach eindeutiger Reaktion des Gegenübers) wie auch einen Mangel an Explorationsfähigkeit bei lernbehinderten Schülern (Schutz vor Überforderung). Daher plädiert der Autor dafür, dass bindungstheoretisches Wissen eine größere Bedeutung für die Aus- und Weiterbildung der Akteure im Kinder- und Jugendhilfebereich spielen sollte. Kißgen diskutiert Kontinuität und Diskontinuität von Bindung anhand von Längsschnittstudien. Demnach haben Bindungserfahrungen im 2. und 3. Lebensjahr einen entscheidenden Einfluss auf die weitere Entwicklung etwa der sozialen Kompetenz. Insbesondere spielen familiäres Stresserleben und die Qualität der Paarbeziehung eine entscheidende Rolle dafür, inwiefern Eltern sich in dieser Phase feinfühlig um ihre Kinder kümmern können.

Im zweiten Buchteil „Diagnostik“ stellt Kißgen die Entwicklung der Fremden Situation anhand der Kodierung der Bindungsmuster sowie typischer Reaktionen von Kindern auf die Trennung und Wiedervereinigung vor. Als weiteres Verfahren stellen Bretherton und Kißgen die Attachment Story Completion Task (ASCT) vor, die es ermöglicht, Bindungsrepräsentationen im Symbolspiel bei 3-8jährigen Kindern zu erfassen. Dabei erzählt der Interviewer einen Geschichtenanfang, das Kind soll dann mit den Familienfiguren spielen, wie es weitergeht. Das Erwachsenen-Bindungs-Projektiv (AAP), das zunehmend bereits im Jugendalter eingesetzt wird, wird von George, West und Kißgen vorgestellt. Dabei wird die Klassifikation der Bindungsrepräsentationen anhand von Transkriptbeispielen beschrieben. In den Beiträgen von Julius sowie Klaus und Karin Grossmann geht es um den Seperation Anxiety Test (SAT). Bei diesem Verfahren werden Bilder gezeigt, in denen ein Kind für kürzere oder längere Zeit von seiner Bindungsperson getrennt ist. Die Kinder werden nach Gefühlen und Handlungsmöglichkeiten in einer solchen Situation gefragt. Julius geht dabei ausführlich auf die Sprachmuster von Kindern mit desorganisierten Bindungsstrategien ein. Eindrücklich zeigt er, wie Äußerungen von Kindern auf abgetrennte Erlebnisinhalte, die dem bewussten Erinnern nicht zugänglich sind, hinweisen. Grossmann und Grossmann heben die Rolle von Eltern-Kind-Dialogen hervor; sie fanden bei sicher gebundenen Kindern unter anderem eine größere Personenorientierung bei negativen Gefühlen und einer partnerbezogenere Suche nach Lösungen im Vergleich zu unsicher gebundenen Kindern.

Zu allen genanten Verfahren werden jeweils empirische Befunde und Praxisbeispiele in ausgewogenem Verhältnis zusammengetragen. Diesen Verfahren ist gemeinsam, dass nicht primär der Inhalt des Dargestellten ausgewertet wird, sondern eine entscheidende Rolle spielt, wie Kinder Bindungsgefühle und -strategien sprachlich ausdrücken. Im Unterschied dazu stellen Trudewind und Steckel einen Fragebogen zur Bindungsqualität 8-14 jähriger vor, in welchem nicht die spontan-sprachlichen Äußerungen, sondern die Auswahl aus vorgegebenen Antwortmöglichkeiten erfasst wird. Damit soll ein effizienteres Erfassen der Bindungsrepräsentation auch in der klinischen Praxis möglich werden.

In Teil III „Interventionen“ beschreibt Kißgen das STEEP-Programm – ein bindungs-orientiertes Video-Interaktions-Training, welches aus den Erkenntnissen der Minnesota-Längsschnittstudie an Hochrisikofamilien entstand. Es wird derzeit in Deutschland in verschiedenen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, u.a. in Mutter-Kind-Einrichtungen, eingesetzt und in einer Multicenterstudie evaluiert. Suess und Scheuerer-Englisch betrachten das Verhältnis von Kindeswohl und Elternwohl aus Sicht der Erziehungsberatung. Die Autoren geben anschauliche Beispiele dafür, wie sich bei Eltern eigene Bindungserfahrungen in entsprechenden Fürsorgemustern wiederfinden. Sie erläutern, wie auf diese Muster im Beratungsgespräch so eingegangen werden kann, dass die Eltern ihre Erziehungskompetenzen wieder mehr wahrnehmen und die Sicht des Kindes vermehrt in den Blick bekommen können. Schließlich behandeln die Autoren die besonderen Bedingungen in der Arbeit mit Pflegefamilien.

Die abschließenden Kapitel von Strohband, Julius und Unzner beziehen sich auf bindungsorientiertes Handeln in Kitas, Förderschulen und in Heimen. Dabei betonen sie, dass schwierige Situationen mit den Kindern oftmals ungünstige Bindungserfahrungen widerspiegeln. Aus diesem Grund ist es den Fachkräften geboten, darauf eine adäquate Antwort im Sinne alternativer Beziehungsangebote für die Kinder zu finden. Strohband beleuchtet in ihrem Beitrag „Bindungsgeleitetes Vorgehen in Kindertageseinrichtungen“, welche Rolle die sekundären Bindungsbeziehungen der Kinder zu Erzieherinnen spielen. Sie stellt zwei Ansätze vor, in denen die Gestaltung der Eingewöhnung auf das jeweilige Bindungsmuster des Kindes abgestimmt wird. Die Autorin beschreibt ein bindungsorientiertes Fortbildungscurriculum für Erzieherinnen, das auch deren eigene Bindungsgeschichte anspricht und den Umgang mit schwierigen Situationen mit Kindern und Eltern in Form einer Fallsupervision einbezieht. Julius schlägt unterschiedliche Möglichkeiten vor, Verhaltensauffälligkeiten von Schülern in der schulischen Erziehungshilfe zu beantworten. Anschaulich wird geschildert, wie sich Bindungserfahrungen der Schüler auf der Verhaltensebene in der Lehrer-Schüler-Beziehung wiederholen und wie wichtig es daher ist, diese nicht komplementär zu beantworten, etwa lediglich zu sanktionieren, sondern dem Schüler eine neue Beziehungserfahrung zu ermöglichen. Auch dieser Beitrag widmet sich ausführlich Kindern mit einem desorganisierten Bindungsmuster. Unzner schließlich erläutert die Risiken für die Entwicklung von Heimkindern. Neuere Studien belegen, dass mehr als die Hälfte dieser Kinder keine organisierten Bindungen zu den Erziehern aufbaut. Unzner zeigt auf, wie bei der Aufnahme ins Heim Bindungsbedürfnisse der Kinder zu berücksichtigen sind. Für die weitere Betreuung der Kinder im Heim und die Arbeit mit den Herkunftseltern werden wertvolle Hinweise anhand von Fallvignetten herausgearbeitet.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die einführenden Kapitel im Abschnitt „Grundlagen“ es einer großen Leserschaft ermöglichen, sich mit der Bindungstheorie vertraut zu machen. Für Praktikerinnen und Praktiker aus den Bereichen der frühen Kindheit bis hin zum Jugendalter stellen die Längsschnittbefunde sowie die Darstellungen zu desorganisierten Bindungsmodellen eine wichtige Orientierung dar. Das inzwischen breiter gewordene Spektrum an Verfahren zur Bindungsdiagnostik wird im Abschnitt „Diagnostik“ differenziert dargestellt. Insbesondere die Beiträge im Abschnitt „Interventionen“ vermitteln ein reichhaltiges klinisches und pädagogisches Anwendungswissen in den jeweiligen Praxisfeldern der Jugendhilfe und der Förderpädagogik. Somit kommen die Autorinnen und Autoren dem Ziel des Buches, „die praktische Bedeutung von Bowlbys Bindungstheorie aufzuzeigen“, in sehr gelungener Weise nach.

(mit freundlicher Genehmigung aus Zeitschrift für Heilpädagogik 62[8], 2011, 317-318)





Eine Leseprobe aus Kapitel 1 von Henri Julius

Eine weitere Rezension von Peter Bünder für socialnet.de





Verlagsinformation:

Ziel des Buches ist es, die praktische Bedeutung von Bowlbys Bindungstheorie aufzuzeigen. Es erläutert die Grundzüge der Bindungstheorie, bietet einen fundierten Einblick in die verschiedenen diagnostischen Verfahren der Bindungstheorie sowie in die Praxis bindungsgeleiteter Interventionen bei verhaltensauffälligen Kindern. Im einleitenden Teil des Bandes gehen die Autoren auf den Zusammenhang zwischen Bindung und familiären Gewalt-, Verlust- und Vernachlässigungserfahrungen ein und erläutern die Konsequenzen unsicherer Bindungsqualität. Im zweiten Teil gibt der Band einen Überblick über die prominentesten diagnostischen Verfahren der Bindungstheorie. Der dritte Schwerpunkt des Buches liegt auf den Interventionen, die sich aus der Bindungstheorie für Risikokinder bzw. für Kinder mit bereits manifesten Verhaltensstörungen ableiten lassen. Fokus dieser Interventionen sind zum einen die Eltern der betroffenen Kinder und zum anderen professionelle Bezugspersonen, die mit diesen Kindern und Jugendlichen arbeiten, insbesondere Lehrer, Erzieher und Sozialpädagogen. Wie sich diese Beziehungen pädagogisch und therapeutisch nutzen lassen, z.B. in Kindertageseinrichtungen, in der schulischen Erziehungshilfe oder im Heim wird ausführlich dargestellt.


Inhalt:

Julius, Henri, Barbara Gasteiger-Klicpera & Rüdiger Kißgen: Vorwort. S. 7-8.

Julius, Henri, Barbara Gasteiger-Klicpera & Rüdiger Kißgen: Einführung. S. 11-12.

Julius, Henri: Bindung und familiäre Gewalt-, Verlust- und Vernachlässigungserfahrungen. S. 13-26.

Gasteiger-Klicpera, Barbara: Exkurs: Psychische Folgen familiärer Gewalt und Vernachlässigung. S. 27-37.

Schleiffer, Roland: Konsequenzen unsicherer Bindungsqualität: Verhaltensauffälligkeiten und Schulleistungsprobleme. S. 39-63.

Kißgen, Rüdiger: Kontinuität und Diskontinuität von Bindung. S. 65-83.

Julius, Henri, Barbara Gasteiger-Klicpera & Rüdiger Kißgen: Diagnostik - Einführung. S. 87-89.

Kißgen, Rüdiger: Diagnostik der Bindungsqualität in der frühen Kindheit - Die Fremden Situation. S. 91-105.

Bretherton, Inge & Rüdiger Kißgen: Diagnostik der Bindungsqualität im Kindergarten- und Vorschulalter - Die Attachment Story Completion Task (ASCT). S. 107-120.

Julius, Henri: Diagnostik der Bindungsqualität im Grundschulalter - Der Separation Anxiety Test (SAT). S. 121-137.

Grossmann, Klaus E. & Karin Grossmann: Die Erfassung psychischer Sicherheit und Unsicherheit in der mittleren Kindheit. Unterschiede in der „Konstruktiven Internalen Kohärenz“ als ein Merkmal sicherer und unsicherer Bindungsqualitäten. S. 139-174.

Trudewind, Clemens & Rita Steckel: Diagnostik der Bindungsqualität bei 8- bis 14-jährigen Kindern - Der Bochumer Bindungstest (BoBiTe). S. 175-198.

George, Carol, Malcolm West & Rüdiger Kißgen: Diagnostik der Bindungsqualität im Jugendalter - Das Adult Attachment Projective (AAP). S. 199-222.

Julius, Henri, Barbara Gasteiger-Klicpera & Rüdiger Kißgen: Interventionen - Einführung. S. 225-231.

Kißgen, Rüdiger: Interventionen auf bindungstheoretischer Basis in Hochrisikofamilien - Das STEEP™-Programm. S. 233-251.

Suess, Gerhard J. & Hermann Scheuerer-Englisch: Überlegungen zur Arbeit mit Eltern und Pflegeeltern aus bindungstheoretischer Sicht. S. 253-276.

Strohband, Karen: Bindungsgeleitetes Vorgehen in Kindertageseinrichtungen. S. 277-292.

Julius, Henri: Bindungsgeleitete Interventionen in der schulischen Erziehungshilfe. S. 293-315.

Unzner, Lothar: Bindungsgeleitete Interventionen im Heim. S. 317-329.


Über die Herausgeber:

Henri Julius ist Professor am Institut für Sonderpädagogische Entwicklungsförderung und Rehabilitation der Universität Rostock

Barbara Gasteiger-Klicpera ist Professorin am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft der Universität Graz

Rüdiger Kißgen ist Professor für allgemeine Heilpädagogik an der Universität Köln



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