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Neuvorstellung zur Übersicht
24.05.2011
Bernhard Pörksen (Hrsg.): Schlüsselwerke des Konstruktivismus
Pörksen: Schlüsselwerke des Konstruktivismus VS-Verlag, Wiesbaden 2011

588 S. Mit 6 Abb. u. 2 Tab., gebunden

Preis: 59,95 €

ISBN-10: 9783531171487
ISBN-13: 978-3531171487
VS-Verlag





Joachim Hinsch, Wien:

Als Jugendlicher las ich mit besonderer Freude die letzte Seite im „Spiegel“: Dort gab es in den 60er Jahren und auch später noch Buchbesprechungen von sehr bekannten Leuten über Neuerscheinungen in ihrem eigenen Wissensgebiet. Dabei war immer schwer zu unterscheiden, was interessanter war: das Besprochene oder der Ansatz desjenigen, der das Buch besprach. Oft schrieben die Kritiker auch mehr über ihr eigenes Verständnis als über den Autor. Pörksen hat mit seinem Buch genau diesen Ansatz gewählt. Wir erleben die Auseinandersersetzung der Autoren in ihren Beiträgen mit jeweils einem Buch aus dem Reich des Konstruktivismus: Begeisterung, Kritik, Würdigung, Huldigung, Reflexion, mit sehr detailreicher Kenntnis über die beschriebene Person. „Wenn das Erkannte strikt an den jeweiligen Erkennenden und die ihm eigene Erkenntnisweise gekoppelt wird, wenn der Beobachter, das Beobachtete und die Operation des Beobachtens nur in zirkulärer Einheit vorstellbar sind, dann unterminiert eine solche Sicht die Sehnsucht nach Gewissheit, relativiert jeden Erkenntnisanspruch entscheidend und weist auf ein weiteres Leitmotiv des Konstruktivismus hin: den Abschied von absoluten Wahrheitsvorstellungen und einem emphatisch verstandenen Objektivitätswandel.“(Pörksen, S. 23) Aber „auch der Konstruktivismus ist nur eine Konstruktion (unter vielen möglichen).“ (Pörksen, S. 23)

Vorweg: Dieses Buch ist ein Crash-Kurs in Sachen Konstruktivismus und sollte sinnvoller Weise – zumindest von Lesern, die im theoretischen Verständnis nicht gut geschult sind - nicht in einem Rutsch gelesen werden: „Viel zu viele Töne“ soll Kaiser Josef II über eine von Mozarts Opern gesagt haben. Aber die Artikel, die zum eigenen Interesse passen, zu lesen und eventuell das besprochene Buch dazu zu nehmen, ist ein wundervolles Leseerlebnis.

An diesem Buch schrieben hoch spezialisierte Leute wie (in alphabetischer Reihenfolge) A. Barsch, Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft, R. Egloff, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Collegium Helveticum, P. Fuchs, Professor für Allgemeine Soziologie und Soziologie der Behinderung, M. Geier, Professor für Sprachwissenschaft und Literaturwissenschaft, E. v. Glasersfeld (dem das Buch auch gewidmet ist), Prof. of Cognitive Psychology, F. Hoegl, Art Director einer Medienagentur, T. Hug, Professor für Erziehungswissenschaften und weitere zweiundzwanzig namhafte Wissenschaftler, die ich nicht alle aufzählen will, weil das Aufzählen zu langweilig wäre, aus Philosophie, Soziologie, Sozialpsychologie, Linguistik, Kommunikationswissenschaften, Medienforschung, Zeitgeschichte, sozialwissenschaftlicher Dokumentation, Pragmatismus- und Konstruktivismusstudien, Kommunikations- und Medientheorie, Neuerer Englischer Literatur, Kommunikationstheorie, Kommunikationsforschung und Medienkultur, Führung und Organisation, Neurästhetik, Biosemiotik, Persönlichkeitspsychologie, Psychologische Diagnostik. Allein diese Aufzählung kann hoffentlich vermitteln, in wie vielen Sphären der Konstruktivismus aufgenommen wurde. Es ist, wie Pörksen in seinem Vorwort schreibt, ein Experiment der Diskurserkundung.

Was braucht man, um ein Gehirn zu verstehen? Ein Gehirn. Diese berühmte Frage von Heinz Foerster wird in diesem Buch angewandt. Die scharfe Trennung von Subjekt (Autor des Beitrags) und Objekt der Betrachtung verschwindet. Das ist gelebter Konstruktivismus.

Die Autoren beschäftigen sich jeweils mit einem aus ihren Augen und ihrem Fachbereich wichtigen Schlüsselwerk des Konstruktivismus. Dabei kommen in der systemisch-therapeutischen Literatur viel, wenig oder gar nicht zitierte Autoren vor: Immanuel Kant, John Dewey, Ludwig Fleck, George Kelly, Jean Piaget, Benjamin Lee Whorf, Gregory Bateson, Peter L. Berger und Thomas Luckmann, Wilhelm Kanlah und Paul Lorenzen, George Spencer-Brown, Paul Watzlawick, Karin Knorr-Cetina, Humberto Maturana und Francisco Varela, Evan Thompsen, Terry Winograd und Fernando Flores, Niklas Luhmann, Heinz von Foerster, Gerhard Roth, Siegfried Schmidt, Ernst von Glasersfeld, Kersten Reich, Kenneth Gergen und Josef Mitterer.

Im letzten Abschnitt wird noch über die Anwendung der Konstruktivismen, wie man nach dem Lesen dieses Buches sagen muss, in der Medienwissenschaft (Armin Scholl), Pädagogik (Theo Hug), Systemischen Therapie (Tom Levold), Sozialen Arbeit (Heiko Kleve), Organisationsberatung (Rudolf Wimmer) und Literaturwissenschaft (Achim Barsch) geschildert.

Den Abschluss bildet ein Artikel, der die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Kybernetik zweiter Ordnung und Konstruktivismus herausarbeitet (Albert Müller und Karl H. Müller).

Diese Buchbesprechung beinhaltet einen Kreislauf: Ein Praktiker – systemischer Therapeut, der Theorie als Grundlage seines Arbeitens braucht - erzählt über den Beitrag von Philosophen, Biologen, Soziologen, ... , die über Philosophen, Biologen, Mediziner, Kybernetiker ... und deren Beitrag zum Konstruktivismus schreiben. Die willkürliche und unsystematische Auswahl meiner Eindrücke werden wohl nicht dem wissenschaftlichen Anspruch dieses Buches gerecht, sondern beziehen sich auf das, was mich als Praktiker überwältigte:

Die Einleitung von Pörksen allein ist schon das ganze Buch wert, weil sie einen knappen und klaren Überblick über die wichtigsten Unterschiede im Konstruktivismus, seiner Namensgebung und seiner Verbreitung liefert. Wir Praktiker verwischen gern, sind in unserem Tun bei allem Versuch der Genauigkeit doch wohl eher großzügig mit dem Bezug zum theoretischen Hintergrund, auf dem wir glauben zu handeln. Das Lesen macht diese „Großzügigkeit“ unseres (vielleicht nur meines) Denkens deutlich und reflektierbar. Luhmann kann es sich leisten, Begriffe aus der Biologie einfach zu adaptieren, es ist aber – auch für die Praxis – wichtig, die Unterschiede zu kennen: „Auch die Biologie und die Hirnforschung sind keineswegs jene Paradedisziplinen, die die konstruktivistischen Annahmen wahr machen; sie plausibilisieren sie, sie illustrieren sie, sie haben den Status von Hinweisen, nicht von Beweisen in einem wahrheitsemphatischen Sinn.“ (Pörksen S. 23)

Gleich zu Anfang definiert Pörksen seinen Zugang zum Konstruktivismus: „Die Operation des Beobachtens lässt sich – im Anschluss an die Unterscheidungslogik von George Spencer-Brown ... – formal als die Einführung und Weiterverarbeitung von Unterscheidungen und Bezeichnungen bestimmen. Der Konstruktivismus erscheint somit als Theorie des Unterscheidens“ (S.21) (1). Diese Definition begleitet das ganze Buch, die Autoren helfen, den Leser für Unterscheidungen zu sensibilisieren, neue Unterscheidungen zu treffen. Pörksen zitiert Heinz von Foerster: „Draw a distinction and a universe comes into being.“(S.22) Dabei erzeugt, so Pörksen -Varela zitierend - die Anfangsunterscheidung in Korrelation mit anderen Unterscheidungen und Bezeichnungen Wirklichkeiten, die man in einem externen Raum vermutet, die aber durch den Beobachter erzeugt werden, also: Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt. In der Fülle der hier dargestellten Unterscheidungen mache ich so eine Art workshop hopping, suche aus den vielen Artikeln ein paar Kostproben, die mir als Rosinen für PsychotherapeutInnen erscheinen, heraus, zeige mich also in meinem Universum, möchte aber auch gern Appetit oder gar Lust auf dieses Buch anregen:

„Kants metaphysische Wende ist zugleich antikopernikanisch. Sie ist eine Wiedergutmachung der Kränkung, die mit der kopernikanischen Dezentrierung der menschlichen Stellung im Weltall verbunden war. ... Denn es ist der Mensch selbst, der sein Wissen von der Welt kreativ erschafft.“ So Geier in der Reflexion der Kritik der reinen Vernunft (S. 40). Für Kant gelte: „nur in der Erfahrung ist Wahrheit“, das sei aber nur möglich, wenn es eine Wirklichkeit gibt, die mit den materiellen Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrungen zusammen passt.

Kertscher aus John Deweys (Die Suche nach Gewissheit) Konzept: „Handeln ist grundsätzlich ungewiss. Es vollzieht sich in einzigartigen, unwiederholbaren Situationen und ist hinsichtlich seiner Konsequenzen offen, riskant, weil stets der Gefahr des Scheiterns ausgesetzt.“ (S.48)

Oder ... „machen deutlich, warum die experimentelle Methode geeignet ist, die Prämissen der Zuschauertheorie zu erschüttern. Denn Erkenntnis erscheint im Experimentieren nicht mehr als teilnahmslose Beobachtung einer gegebenen Wirklichkeit, sondern als eingreifendes Handeln, das die Erkenntnisgegenstände wie auch die erkennenden Subjekte nie unverändert lässt. Realität wird dementsprechend in einem offenen Prozess permanent hervorgebracht.“ (S.51)

Egloff über Ludwig Flecks Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache: „Fleck legt Gewicht auf die Beobachtung als Resultat von Lernvorgängen und damit auf die Gebildetheit und Selektivität des Sehens sowie auf dessen „soziales Gepräge.“ Schüler sähen Neues nur, wenn der Lehrer sie darauf aufmerksam mache, und auch ein Erwachsener wisse zunächst nicht, was er sehen solle, wenn er erstmalig „vor einem futuristischen Bild, fremdartiger Landschaft, oder auch zum ersten Male vor dem Mikroskop“ stehe. „Er sucht nach Ähnlichkeiten, mit Bekanntem, übersieht also das Neue, Unvergleichliche, Spezifische. Auch er muss erst sehen lernen.“ Mit der Eingliederung in soziale Gruppen findet das Erkenntnissubjekt zu gruppenspezifischen Sicht- und Denkweisen bezüglich Erkenntnisobjekten, die für die jeweilige Gruppe von Interesse sind und damit eine spezifische Realitätswahrnehmung präformieren.“ (S.64) Egloff weist darauf hin, dass die Gestaltpsychologie, die von der Gesamtwahrnehmung – also der Gestalt – ausgeht, ihm dabei wichtige Erklärungshilfen liefert.

Dem Artikel über Jean Piaget (Einführung in die genetische Epistemologie) setzt Glasersfeld ein Zitat von Piaget voran: „Verstehen heißt erfinden.“ Dementsprechend setzt er ihn auch in eine Reihe mit den Konstruktivisten. Die „Richtung, die er als seine eigene bezeichnet, ist die konstruktivistische, die – so Piaget - „den Anfang der Sprache vorhergehenden Strukturen der sensomotorischen Intelligenz zuschreibt und weder äußerer noch innerer Präformationen bedarf.“

Als Grundlage seiner Forschungen diente ihm der Begriff der Anpassung. Die sei aber keine Angleichung an die Umwelt, sondern der Kenntnis von Möglichkeiten des Durchkommens. „Damit bricht Piaget ein für allemal mit der abendländischen Tradition, dass Wissen nur durch Übereinstimmung mit einer ontischen Realität legitimiert werden könne.“ (S.95) Diese Anpassung werde durch Assimilieren („empfangene Sinnessignale zu einer bereits bekannten Struktur zusammensetzen“ S.95) und Akkommodation („Änderung eines Begriffs oder einer Handlungsweise als Reaktion auf einen Misserfolg“ S.95) erreicht. Wenn die erwarteten Folgen auf eine Handlung ausbleiben, „kann die Enttäuschung zu einer Akkommodation der Erkenntnisschablone führen, oder zu einer Änderung der Handlungsweise.“ (S.97)

Müllers Bericht über die Wirkung von Geist und Natur von Gregory Bateson macht deutlich, wie sehr die systemische und konstruktivistische Theorie auf den Gedanken dieses Mannes beruht. Da Bateson den Begriff Konstruktivismus nie verwendete, arbeitet Müller seine Nähe zum Konstruktivismus vor allem mit Zitaten von Heinz von Foerster heraus.

Peter L. Berger und Thomas Luckmanns „Gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ war für uns damals psychoanalytisch ausgerichtete StudentInnen ein komplett neues Herangehen. Loenhoff stellt deren Überlegungen zu Wirklichkeit und Wissen an den Anfang seiner Betrachtung: „wie es vor sich geht, dass gesellschaftlich entwickeltes, vermitteltes und bewahrtes Wissen für den Mann auf der Straße zu außer Frage stehender „Wirklichkeit“ gerinnt:“ (Berger/Luckmann S. 144)

„Im Gegensatz zur Welt des Traums oder der Phantasie ist die Alltagswelt die intersubjektiv geteilte, primär sinnkonstitutive Welt. ... Sie ist einfach da – als selbstverständliche, zwingende Faktizität.“ (S.145) Durch die gesellschaftlich Konstruktion der Wirklichkeit gewinnt der Mensch, ein Mängelwesen, dessen Instinktarmut und organische Unspezialisiertheit ihm im Gegensatz zum Tier keine artspezifische Umwelt sichert, Halt in einer von ihm selbst erschaffenen kulturellen Welt. „Der Mensch ist in der Lage, eine Welt zu erzeugen, die er dann als etwas ganz anderes als sein eigenes Produkt erlebt, ...“ (S.149) „Mit der primären Sozialisation wächst der Mensch nie in einer von vielen Welten auf, sondern in der Welt schlechthin, denn die dieser Welt eigenen Situationsdefinitionen, deren Bezweifelung Luxus ist, sind notwendig alternativlos.“ (S. 151) So wächst die Wahrscheinlichkeit des Konfliktes zwischen verschiedenen Wirklichkeitsbestimmungen innerhalb einer Gesellschaft proportional mit dem Grad ihrer internen Differenzierung.“ (S.153)

Von dem Artikel von Fuchs und Hoegl über George Spencer-Browns Laws of Form will ich ein einziges Zitat herauspicken, das über diesem ganzen Buch stehen könnte: „Unterscheiden wird stattdessen zu einem Extremhindernis für ontologisch eingestelltes Erkennen. In dem Moment, in dem diese Operation selbst unterschieden wird, ist jede Möglichkeit getilgt, davon absehen zu können, dass unterschieden wurde und dass die je genutzte Unterscheidung mit darüber unterscheidet, was als Unterschiedenes imponiert.“ (S.204)

„Ob ein Hund mich beißt oder nicht, er tut etwas, was nur mit ihm selbst zu tun hat.“

Dieses Zitat von Maturana könnte man an den Anfang des Aufsatzes von Köck über Maturanas Biologie der Kognition stellen. Hier die Leckerbissen aus diesem Aufsatz herauszuklauben, ist schwierig; viel zu viele Ideen und grundsätzliche Einstellungen sind uns längst geläufig: geschlossene Systeme, die nicht durch die Außenwelt festgelegt werden, dass zirkulär geschlossene Systeme kein Innen und Außen kennen, die Veränderung des Verständnisses von Kognition durch Maturana: „Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt“ (S.215). Kognition ist gleichbedeutend mit dem Operieren eines jeden lebenden Systems in seiner Umwelt.

Das Schöne hier – wie auch bei allen anderen Artikeln dieses Buches – ist, diese Ideen in einem geschichtlichen Entstehenszusammenhang, die Bedeutung in der jeweiligen wissenschaftlichen Diskussion, im Kontext spezifischer Institutionen, politischer Systeme, Ideen zu verstehen.

Köck verdichtet die grandiose Leistung der kognitionsbiologischen Arbeiten Maturanas in einer kleinen Anzahl von Thesen und Konsequenzen: Die Unmöglichkeit der Entdeckung und objektiven Abbildung einer absoluten Realität, die strenge Beobachterabhängigkeit aller Erkenntnis, die linear-kausale Unbeeinflussbarkeit von strukturdeterminierten Systemen, die Auffassung der Sprache als Mittel der wechselseitigen Orientierung (S. 223).

Simon über Paul Watzlawicks Wie wirklich ist die Wirklichkeit: „ ... ohne Paul Watzlawick und seine populären und popularisierenden Werke hätte der Konstruktivismus aller Wahrscheinlichkeit nach keine solch große Aufmerksamkeit und keine so große Verbreitung gefunden.“ (S.237) Er hat eine Botschaft verbreitet, kann aber nicht als Schöpfer von etwas radikal Neuem betrachtet werden. Simon rückt diese Einschätzung aber gleich wieder zurecht, indem er ganz im Denken Watzlawicks formuliert: Aber „angesichts der Tatsache, dass Wirklichkeitskonstruktionen immer im Kontext von Kommunikation geschaffen werden und Ideen zwischen Menschen entstehen“ (S.238) muss man solche Geniemythen eigentlich infrage stellen.

Die Folgerungen eines Denkens, dass es „keine „natürliche“ Hierarchie der Weltbilder im Sinne der Unterscheidung wahr/falsch gibt“ (S.236) sind politisch weit reichend, denn so „wird die Wahl des Weltbildes zur persönlichen Entscheidung:“

Karl H. Müller schreibt über den Baum der Erkenntnis von Maturana und Varela. Diesen Artikel kann man sehr gut als Einführung und Lesehilfe in das Buch nehmen und so das Buch noch mehr genießen. Müller hebt einerseits das Verständnis und die Bedeutung von Liebe im Sinne der Autoren heraus, andererseits das Wissen/Nichtwissen: „Der Kern aller Schwierigkeiten, mit denen wir uns heute konfrontiert sehen, ist unser Verkennen des Erkennens, unser Nicht-Wissen um das Wissen.“ (Maturana/Varela S.259)

Für TherapeutInnen ist wiederum neben den auch hier zitierten Erkenntnissätzen noch wichtig, dass Maturana und Varela aufgrund eines Experiments darauf hinweisen können, dass davon auszugehen sei, dass Verhalten „entsprechend den internen Aktivitätsrelationen im Nervensystem“ (M./V. S.262) entsteht. „Das neuronale System ist in den Organismus ( ...) durch seine vielfältigen Verbindungen mit diversen Zellarten eingebettet. Indem es zwischen den sensorischen und motorischen Flächen ein Netz von neuronalen Zwischenverbindungen spannt, das sehr präzise Interaktionen erlaubt, bildet es das, was wir das Nervensystem nennen. (M.V. S.262) „Das Nervensystem empfängt keine Information, wie man häufig sagt (...). Die populäre Metapher vom Gehirn als Computer ist nicht nur missverständlich, sondern schlichtweg falsch.“(M.V. S.262)

Weber beginnt seine Besprechung von Francisco J. Varela, Evan Thompsons und Eleanor Roschs Der mittlere Weg der Erkenntnis, in dem Varela sich vom ursprünglichen Konzept der Autopoiesis distanziert, mit der inzwischen berühmten Metapher vom U-Boot-Fahrer:

„Für den Fahrer im Inneren des Unterseebootes gibt es nur die Anzeigen der Instrumente, ihre Übergänge und die Art, wie zwischen ihnen bestimmte Relationen hergestellt werden können (...). Die Dynamik der Zustände des Unterseebootes mit seinem Steuermann, der die Außenwelt nicht kennt., (...) beinhaltet weder „Strände“ noch „Riffe“ noch „Oberfläche“, sondern nur die Korrelation zwischen Anzeigen innerhalb bestimmter Grenzen. Was für das Unterseeboot in dieser Analogie gilt, ist auch für alle lebenden Systeme gültig.“ (V/T/R S. 300). Wir nehmen also nicht Dinge wahr, sondern allein die Bedingungen unserer eigenen Wahrnehmungsmöglichkeiten, „Beobachter sind also bei Maturana und Varela Gefangene eines mechanischen Apparates, aus dem kein Ausweg möglich ist – außer dem des Ertrinkens.“ (S.301f) „Einerseits scheint zwar mit der Autopoiesis ein Kriterium gefunden, das eine notwendige und hinreichende Bedingung für Lebendigkeit – und für die Konstruktion einer Wahrnehmungswelt – darstellt; andererseits schließt aber die hermetische Formulierung des Konstruktivismus gerade das aus, was aller Erfahrung von Lebendigkeit anhaftet, wie wir sie kennen: nämlich die Perspektive eines betroffenen Selbst.“ (S.302) Wir seien zwar, wie der Konstruktivismus sagt, durch unsere Kognition der Welt gegenübergestellt, und somit in einer Hinsicht von ihr getrennt, weil wir ihr Bild autonom konstruieren, aber über unsere Körper sind wir gleichwohl immer schon untrennbar mit der Welt verbunden, weil wir ihre Materie und deren Gesetzmäßigkeiten in uns tragen. Darum kann keine Konstruktion weit von dem, wie die Welt beschaffen ist, abweichen, weil sie sonst den konstruierenden Körper der Zerstörung preisgeben würde.

Weber versteht es hervorragend, gerade dieses Buch der Leserschaft nahe zu bringen und in dessen Thesen einen weiteren Entwicklungsschritt zu propagieren.

Pörksen über Heinz von Foersters Wissen und Gewissen, Köck über Gerhard Roths Das Gehirn und seine Wirklichkeit sind für TherapeutInnen sehr hilfreich und bieten einen spannenden Überblick über deren Arbeit. Auch die weiteren Artikel – sogar Köcks Artikel über Glasersfeld - bespreche ich nicht, obwohl sie spannend und hilfreich beim Verstehen der Autoren und ihrer Arbeit sind. Aber das Buch hat, wie schon gesagt, „viel zu viele Töne.“

Westmeyers Kommentierung von Kenneth Gergens Konstruierte Wirklichkeiten ist so dicht, dass eine weitere Kompression sinnlos erscheint.

Um hier nicht noch mehr Platz einzunehmen, möchte ich zum Abschluss nur noch auf Schmidt und seine Arbeit über Josef Mitterers Das Jenseits der Philosophie hinweisen.

Mitterer beweist quasi durch seinen Ansatz die ungeheure Bedeutung des „draw a distinction“, indem er eine völlig neue Unterscheidung einführt: „Statt nach den Unterschieden zwischen den verschiedenen philosophischen Positionen zu fragen, möchte ich die Frage nach den Gemeinsamkeiten stellen.“ (Mitterer S.426) „Die Gemeinsamkeiten aller philosophischen Diskurse bestehen in nicht hinterfragten Differenzannahmen, die Philosophen zu einem dualistischen Denken verführen, ohne dass sie es bemerken.“ (S.426) Dabei besteht die wichtigste Grundlage dualistischen Denkens in der Annahme, „dass es einen Unterschied gibt zwischen der Welt und unserem Wissen von der Welt, einen Unterschied zwischen den Objekten und dem, was wir über sie sagen und aussagen; einen Unterschied auch zwischen den Zeichen und den Gegenständen, die von ihnen bezeichnet werden, zwischen dem, worüber wir sprechen und der Sprache, mit der wir darüber sprechen. ... Der Versuch, die Beziehung zwischen den Gliedern dieser Dichotomien zu klären, führt dann zu den bekannten und bis heute ungelösten philosophischen Problemen: Objektivitätsproblem, Referenzproblem, Identitätsproblem, Außenweltproblem und vor allem aber zum Wahrheitsproblem.“ (Mitterer S. 426 f)

Allen Philosophien (auch dem Konstruktivismus) sei gemeinsam, „dass ihre Probleme nur darum für sie bestehen, weil sie ihre dualistischen Voraussetzungen, die keineswegs selbstverständlich sind, ohne Begründung nicht thematisieren. Mitterer schließt daraus, dass erkenntnistheoretische Probleme nichts anderes als Probleme einer Argumentationstechnik sind, die verschwinden, wenn man diese Technik durchschaut.“ (S. 427)

Und hier macht das Buch wiederum eine seiner vielen wunderbaren Schleifen, denn dieser Ansatz könnte auch quasi als Einleitung genau vor Webers Besprechung über Francisco Varelas, Evan Thompsons und Eleanor Roschs Der mittlere Weg der Erkenntnis stehen.

Es ist ein großartiges Buch – auch und vor allem für Praktiker, die an einer vertiefenden Auseinandersetzung mit dem Konstruktivismus bzw. den Konstruktivismen interessiert sind.

„Die eine Wirklichkeit – verstanden als die Bezugsbasis so genannter objektiver Beschreibungen – verwandelt sich, wenn man diese Überlegungen akzeptiert, unvermeidlich in eine Vielzahl von Wirklichkeiten und bedingt ein besonderes Interesse an Differenz und der Pluralität von Wirklichkeitskonstruktionen.“(Pörksen S.23)

Die vielen Aufsätze, die unendlich vielen unterschiedlichen Ansätze – manchmal musste ich mich doch entgegen der Ankündigung, es sei ein leicht lesbares Buch, ganz schön quälen und viele Artikel zweimal lesen – verwandelten mich, führten mich tiefer in das „draw a distinction“, ließen mich in meinen Therapien wieder einmal auf mehr Möglichkeiten achten, halfen mir neue Unterscheidungen zu entdecken.

Anmerkungen:

(1) Die Seitenzahlen beziehen sich ausschließlich auf das von mir besprochene Buch, nicht auf die zitierten Werke. Wenn nicht ausdrücklich auf einen anderen Autor verwiesen wird, ist jeweils der Autor des Artikels zitiert.





Eine weitere umfangreiche Rezension von Willy Klawe für socialnet.de





Verlagsinformation:

Es ist die zentrale Annahme aller konstruktivistischen Ansätze, dass wir im Erkennen Befangene sind, dass der Zugriff auf eine absolute Wahrheit unmöglich ist, unmöglich sein muss. In diesem Buch werden – ausgehend von Vorläufern und zentralen Bezugstheorien der Philosophiegeschichte – die unterschiedlichen Theoriestränge des Konstruktivismus beschrieben, die aus den Naturwissenschaften, den Geistes- und den Sozialwissenschaften stammen. Das Spektrum reicht von den Klassikern der Philosophiegeschichte über die Sprachphilosophie und Wissenssoziologie bis hin zur Theorie der Autopoiesis und der modernen Hirnforschung. In kompakten, gut lesbaren Artikeln, verfasst von führenden Fachleuten aus dem In- und Ausland, werden die Schlüsselwerke des Konstruktivismus und die Möglichkeiten der forschungs- und praxisbezogenen Anwendung in unterschiedlichen Disziplinen und Arbeitsfeldern (u.a. Medien- und Literaturwissenschaft, Pädagogik, Psychologie, Organisationsberatung, Sozialarbeit) präsentiert.


Inhalt:

Pörksen, Bernhard: Schlüsselwerke des Konstruktivismus. Eine Einführung. S. 13-28.

Geier, Manfred: Eine Revolution der Denkart Manfred Geier über Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft. S. 31-45.

Kertscher, Jens: Experimenteller Empirismus. Jens Kertscher über John Deweys Die Suche nach Gewissheit. S. 46-59.

Egloff, Rainer: Evolution des Erkennens. Rainer Egloff über Ludwik Flecks Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. S. 60-77.

Westmeyer, Hans: Der Mensch als konstruierendes Wesen. Hans Westmeyer und Hannelore Weber über George Kellys The Psychology of Personal Constructs. S. 78-91.

Glasersfeld, Ernst von: Theorie der kognitiven Entwicklung. Ernst von Glasersfeld über das Werk Jean Piagets – Einführung in die Genetische Epistemologie. S. 92-107.

Moser, Sybille: Sprachgewohnheiten. Sibylle Moser über Benjamin Lee Whorfs Sprache, Denken, Wirklichkeit. S. 108-123.

Müller, Albert: Das Muster, das verbindet. Albert Müller über Gregory Batesons Geist und Natur. S. 124-139.

Loenhoff, Jens: Die Objektivität des Sozialen. Jens Loenhoff über Peter L. Bergers und Thomas Luckmanns Die gesellchaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. S. 143-159.

Wille, Matthias: Die Disziplinierung des Denkens. Matthias Wille über Wilhelm Kamlahs und Paul Lorenzens Logische Propädeutik. S. 160-174.

Fuchs, Peter & Franz Hoegl: Die Schrift der Form. Peter Fuchs und Franz Hoegl über George Spencer-Browns Laws of Form. S. 175-207.

Köck, Wolfram K.: Neurosophie. Wolfram Karl Köck über Humberto R. Maturanas Biologie der Kognition. S. 208-225.

Simon, Fritz B.: Von der Psychotherapie zur Erkenntnistheorie. Fritz B. Simon über Paul Watzlawicks Wie wirklich ist die Wirklichkeit? S. 226-238.

Müller, Karl H.: Beobachtungen im Labor. Karl H. Müller über Karin Knorr-Cetinas Die Fabrikation von Erkenntnis. S. 239-253.

Müller, Karl H.: Die Versuchung der Gewissheit. Karl H. Müller über Humberto R. Maturanas und Francisco J. Varelas Der Baum der Erkenntnis. S. 254-269.

Riegler, Alexander: Konstruierte Illusionen. Alexander Riegler über Terry Winograds und Fernando Flores’ Understanding Computers and Cognition. S. 270-286.

Reinfandt, Christoph: Das Wissen der Systeme. Christoph Reinfandt über Niklas Luhmanns Erkenntnis als Konstruktion. S. 287-299.

Weber, Andreas: Die wiedergefundene Welt. Andreas Weber über Francisco J. Varelas, Evan Thompsons und Eleanor Roschs Der mittlere Weg der Erkenntnis. S. 300-318.

Pörksen, Bernhard: Ethik der Erkenntnistheorie. Bernhard Pörksen über Heinz von Foersters Wissen und Gewissen. S. 319-340.

Köck, Wolfram K.: Die Natur des Geistes. Wolfram Karl Köck über Gerhard Roths Das Gehirn und seine Wirklichkeit. S. 341-361.

Meitz, Tino G.K. & Guido Zurstiege: Gehirn und Gesellschaft. Tino G. K. Meitz und Guido Zurstiege über Siegfried J. Schmidts Kognitive Autonomie und soziale Orientierung. S. 362-376.

Köck, Wolfram K.: Von der Wahrheit zur Viabilität Wolfram Karl Köck über Ernst von Glasersfelds Radikaler Konstruktivismus. S. 377-396.

Neubert, Stefan: Vom Subjekt zur Interaktion. Stefan Neubert über Kersten Reichs Die Ordnung der Blicke. S. 397-410.

Westmeyer, Hans: Communicamus ergo sum oder Am Anfang stehen die Beziehungen. Hans Westmeyer über Kenneth Gergens Konstruierte Wirklichkeiten. S. 411-424.

Schmidt, Siegfried J.: Der Abschied von der Wahrheit. Siegfried J. Schmidt über Josef Mitterers Das Jenseits der Philosophie. S. 425-439.

Scholl, Armin: Die Wirklichkeit der Medien. Armin Scholl über den Konstruktivismus in der Kommunikations- und Medienwissenschaft. S. 443-462.

Hug, Theo: Die Paradoxie der Erziehung. Theo Hug über den Konstruktivismus in der Pädagogik. S. 463-483.

Levold, Tom: Von der Behandlung zum Dialog. Tom Levold über den Konstruktivismus in der systemischen Therapie. S. 484-505.

Kleve, Heiko: Vom Erweitern der Möglichkeiten. Heiko Kleve über den Konstruktivismus in der Sozialen Arbeit. S. 506-519.

Wimmer, Rudolf: Die Steuerung des Unsteuerbaren. Rudolf Wimmer über den Konstruktivismus in der Organisationsberatung und im Management. S. 520-547.

Barsch, Achim: Lob und Abgesang. Achim Barsch über Konstruktivismus in der Literaturwissenschaft. S. 548-563.

Müller, Albert & Karl H. Müller: Systeme beobachten. Albert Müller und Karl H. Müller über Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Kybernetik zweiter Ordnung und Konstruktivismus. S. 564-582.


Über den Herausgeber:

Dr. Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Seine Bücher über Kybernetik und Konstruktivismus (u. a. mit Heinz von Foerster und Humberto Maturana) wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.



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