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Neuvorstellung zur Übersicht
14.03.2011
Jürg Liechti: Magersucht in Therapie. Gestaltung therapeutischer Beziehungssysteme
Liechti: Magersucht Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2008

246 S., broschiert

Preis: 24,95 €

ISBN-10: 3896706276
ISBN-13: 978-3896706270
Carl-Auer-Verlag





Dennis Bohlken, Bad Zwischenahn:

Wer auf der Suche nach einem systemischen und ressourcenorientierten Lehr-, Fach- bzw. Lernbuch zur Thematik der Anorexia nervosa ist, dem wird mit dem vorliegenden Buch von Jürg Liechti geholfen, das 2008 im Carl-Auer Verlag erschienen ist. Vielfältige theoretische Ausführungen und Überlegungen werden durch insgesamt 27 ausführliche Fallbeispiele in praxisnah veranschaulicht. Auf den ersten Seiten präsentiert Liechti auf kompakte Weise die Struktur seiner Vorgehensweise und räumt mit einigen Ideologien und Vorurteilen hinsichtlich der Magersucht auf, so etwa mit der nicht aufrechtzuerhaltenden Annahme eines Zusammenhangs zwischen sexuellem Missbrauch in der Vorgeschichte und der Entwicklung einer Anorexia nervosa: Missbrauchserfahrungen kommen bei der Anorexia nervosa nicht häufiger vor als bei anderen Störungen. An einem sehr dramatischen Fallbeispiel wird veranschaulicht, dass die unreflektierte Verbalisierung solcher Unterstellungen durch die TherapeutIn zu massiven Krisen im familiären Kontext kommen kann (bis hin zum Suizid).
Das zweite Kapitel beschäftigt sich intensiv mit dem Störungsbild und dem störungsspezifischen Wissensstand. Epidemiologische Fakten zu Inzidenzraten (Anzahl neuer Fälle pro Jahr), Erstmanifestation, Häufigkeitsgipfel, Komorbidität, Prognosen, Mortalität und Prävalenzmessungen werden kurz skizziert. Am Beispiel „Larissa“ wird ein sog. „Crossover“ (Überspringen von einer Anorexia nervosa in eine Bulimia nervosa) exemplarisch dargestellt.
Anhand eines ausführlichen Verlaufs (Fall Nadina P.) beschreibt der Autor dann im 3. Kapitel exemplarisch den 4-phasigen-Verlauf eines Therapieprozesses am ZSB (Zentrum für Systemische Therapie) in Bern. Jede Phase beinhaltet Zielformulierung, Handlungsmodule und die Merkmale der Zielerreichung. In der ersten Phase kommt dem Zuweisungskontext eine besondere Bedeutung zu. In die Zielformulierung gehen z.B. die Abklärung, Diagnose, Differentialdiagnose und die Therapieindikation ein. Die Handlungsmodule umfassen „diagnostische Interventionen“. In der zweiten Phase wird das Problemsystem exploriert und in ein therapeutisches System transformiert. Inhaltlich geht es um die therapeutische Compliance und den Rapport, die erforderlich sind, um kooperative Beziehungen gestalten zu können. Symptomverbesserungen werden in der dritten Phase angestrebt, hier werden störungsspezifische Interventionen eingesetzt, um allmählich die Normalisierung des Essverhaltens und des Körpergewichtes zu erreichen. In der vierten und letzten Phase geht es um das Selbstmanagement und die Autonomiestabilisierung des Patienten, wobei allgemeine psychotherapeutische Interventionen als Handlungsmodule eingesetzt werden.
Das vierte Kapitel ist ein Überblick zu Erscheinungsbild und Diagnostik von Anorexia nervosa. Dabei werden sowohl die typischen Merkmale des Störungsbildes vorgestellt (wie z.B. Gewichtsphobien, kleptomane Episoden, psychosexuelle Unreife, Krankheitsverleugnung, Hyperaktivität, Verzerrung des Körperschemas, vermindertes Selbstwertgefühl, diverse somatische Probleme) als auch die Erfahrungen von Angehörigen skizziert. Auch auf die wichtige Rolle von Lehrpersonen wird hier hingewiesen.
Das fünfte Kapitel beschäftigt sich ausführlich mit den Erklärungsmodellen zur Magersucht. Dabei geht Liechti ausführlicher auf das „Suchtmodell“, das „Depressionsmodell“ und das „Angst- bzw.- Angstvermeidungsmodell“ ein, nennt darüber hinaus aber auch weitere Ansätze aus Soziologie, Psychologie und Psychiatrie. Interessant ist auch der evidenzbasierte Ansatz der Familientherapie bei AN-Patientinnen unter 18 Jahren, die noch in ihren Familien leben. Er wird als „Maudsley-Ansatz“ (Maudsley Approach) bezeichnet, da er am Maudsley Hospital in London entwickelt wurde, und integriert verschiedene familientherapeutische Konzepte auf ressourcenorientierte Weise. Der Erfolg wird dabei wesentlich vom Engagement der Eltern in der Therapie bestimmt, folglich wird darauf hingearbeitet, sie zu befähigen, die Kontrolle über das Essverhalten ihrer Tochter zu erlangen.
Im sechsten Kapitel konzentriert sich der Autor auf die kritische Frage der Beziehungsgestaltung mit den PatientInnen ein, vor allem auf die „Therapiemotivation als therapeutische Herausforderung“.
Im siebten und letzten Kapitel des Buches, das Liechtis Frau Monique Liechti-Darbellay gemeinsam mit ihm verfasst hat, werden die zuvor beschriebenen Elemente des therapeutischen Ansatzes anhand einer sehr ausführlichen Falldarstellung eindrucksvoll synthetisiert. Auf 34 Seiten wird der Fall von Laura M. entfaltet, bei dem im Zeitraum von Februar 1998 bis zum Dezember 1999 mehr als 16 Sitzungen stattfanden. Hervorzuheben ist dabei das praktische psychotherapeutische und beraterische Methodenrepertoire Liechtis. Beinahe wie in einer Live-Therapie erfährt der Leser etwas über seine professionelle Haltung, die nicht nur äußerst ressourcenorientiert und vor allem allen Beteiligten gegenüber sehr wertschätzend, sondern auch ausgesprochen konstruktiv und bei allem Ernst der Lage humorvoll ist. Spannend sind auch die zahlreichen Kommentare der Therapeuten zwischen den einzelnen Sitzungen, ihre Reflexionen und Kritiken bzgl. der eingesetzten Interventionen.
Zwar gibt es bereits zahlreiche Bücher zur vorliegenden Thematik, aber die wenigsten sind systemisch orientiert. Liechti füllt hier eine Lücke auf eindrucksvolle Weise. Angesichts der Fülle an Informationen, die er mit seinem überragenden fachlichen Wissen zur Verfügung stellt, überrascht, dass es ihm die Herausforderung gelungen ist, dies alles auf 232 Seiten unterzubringen. Es ist ausgesprochen lesbar geschrieben, auch Laien können von der Lektüre profitieren. Fachleute werden sich sicher von den vorliegenden, zahlreichen Interventionen inspirieren lassen können.





Eine weitere Rezension von Annemarie Rettenwander für socialnet.de





Verlagsinformation:

Nicht erst seit den umstrittenen Nacktaufnahmen eines magersüchtigen Models durch den italienischen Benetton-Fotografen Toscani rückt Magersucht immer mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Fachliteratur setzt sich seit Jahren mit dem Thema auseinander und sucht nach Wegen aus dem oft tödlichen Kreislauf. Der angesehene Schweizer Arzt und Psychiater Jürg Liechti beschäftigt sich seit über zwanzig Jahren im Berner „Zentrum für systemische Therapie und Beratung“ mit Magersüchtigen. Mit diesem Buch, das er als eine Art „Kochbuch“ verstanden wissen möchte, gibt er einen aktuellen Überblick über Theorie, klinische und ambulante Therapien bei Anorexia nervosa. Die Kernthese lautet, dass die Therapie von Magersucht idealerweise systemische, Verhaltens- und Familientherapie kombiniert. Besonderes Augenmerk wird auf die ressourcenorientierte Kontaktaufnahme mit der Patientin und auf die Gestaltung der Beziehungen aller Beteiligten innerhalb der Therapie gelegt. Anhand vieler Praxisbeispiele werden die Erklärungs- und Veränderungsmodelle sehr detailliert und nachvollziehbar dargestellt. Zahlreiche Dialoge, Fallsituationen und Anwendungsbeispiele veranschaulichen die Therapieprozesse und geben Therapeuten „Rezepte“ für die Behandlung in die Hand.


Inhalt:

Vorwort von Prof. Dr. Hansjörg Znoj
Vorwort von Prof. Dr. Siegfried Mrochen
Worte des Dankens

Einführung
Einleitung
L´excés d´instistance apelle un excés de résistance
Prägende Erfahrungen
Vorurteile und Ideologien
Das Sandwich und der Stock des Blinden
Eine stille Revolution
Blick über den Gartenzaun

Faszination, Irritation und einige Fakten
Krankheit der Superlative?
Einflussreicher Schlankheitskult
Auf dem Laufsteg
Besorgniserregende Verhältnisse
Essstörungen haben (noch) keine Lobby
Epidemiologie
Merkmale und Risikofaktoren
Verlauf, Prognose und „Crossover“

Exemplarische Therapieprozesse
Ein exemplarischer Verlauf: Nadina P.
Phase 1 – Zuweisungskontext, 1. Sitzung
Phase 2 – 2. Bis ca. 7. Sitzung
Phase 3 – ca. 8. Bis 21. Sitzung
Phase 4 (ab 22. Sitzung)
Phasenmodelle
Remolarisierung
Remediation
Rehabilitation
Entwicklung von Beziehungssystemen
Der anorektische Teufelskreis

Erscheinungsbild und Diagnostik
Erscheinungsbild der An
Erfahrungen der Eltern
Wichtige Rolle von Lehrpersonen
Typische Merkmale der AN
Einordnung in die Gruppe der Essstörungen
Differentialdiagnose und Ko-Morbidität

Erklärungsmodelle
Eine Vielfalt von Modellen und Ansätzen
Kausale und funktionale Modelle
Das Suchtmodell
Das Depressionsmodell
Das Angst- bzw. Angstvermeidungsmodell
Psychodynamische Modelle
Familientherapeutische Modelle
Der Maudsley-Anstz (Maudsley Approach)
Entwicklungs- und bindungsbasierte Modelle
Körper- und entspannungstherapeutische Modelle
Weitere Modelle

Veränderungsmodelle
Ein Hexagon der Therapie
Lebenserhaltene Maßnahmen
Therapiemotivation als therapeutische Herausforderung
Beziehungsgestaltende Modelle
Der Einbezug der Familie
Hilfen für die Symptombewältigung
Erarbeiten der Grundprobleme
Ko-Morbidität und Rückfallprophylaxe
Kurze Bemerkung zur Pharmakotherapie
„Endlich normal essen – aber wie?“ Esstraining für Frauen mit einer Essstörung. Beschreibung einer systemisch orientierten Gruppentherapie bei Anorexie und Bulimie
Von Corinna Hermann und Sandra Schärer
Beschreibung des Esstrainings
Selbstbeobachtung und Evaluation

Magersucht in Therapie – Laura M.
Von Monique Liechti-Darbellay und Jürg Liechti
Februar 1998 bis Dezember 1999
Erste Schritte in der Therapie – Eröffnung und Reframing
Zweite Sitzung, Eltern allein – Die Sandwichposition der Mutter. Triangulation der Tochter. Paarkonflikt
Vierte Sitzung, Einzelsitzung mit Laura – Wie sie ihre Anorexie erklärt und versteht. Triangulation
Sechste Sitzung, Eltern, Viktor, Laura – Lobbying für das Leid der Patienten
Elfte Sitzung, Eltern und Laura – Notfallsitzung, sechs Wochen nach dem gescheiterten Versuch von Laura, sich mit Viktor in derselben WG einzuleben.
„Das Spital zu Hause“. Die Mutter nimmt erstmals klar Stellung. Aufbau einer gegenseitigen Verbindlichkeit Eltern/Tochter
Zwölfte Sitzung, eine Woche später, Eltern und Tochter – Der Vater nimmt klar Stellung
Der weitere Verlauf
Kurz vor Klinikaustritt: Eltern und Tochter – Die elterliche Allianz wird auf die Probe gestellt.
Laura möchte frühzeitig nach Hause. BMI von 16,8
Zwei Wochen später, Mutter und Tochter
Letzte Sitzung: Knapp zwei Jahre nach Therapiebeginn, Eltern und Laura – Bilanz

Literatur
Über den Autor


Vorwort von Prof. Dr. Hansjörg Znoj :

Das vorliegende Buch füllt meines Erachtens eine wichtige Lücke in der Literatur zu Essstörungen, insbesondere zu Anorexia nervosa. Der Autor Jürg Liechti versteht es, den Lesern in die Problematik einzuführen und ohne moralischen Zeigefinger die Dynamik dieser oft zum Tode führenden Störung aufzuzeigen. Das Buch wendet sich sowohl an den Praktiker, der sich wichtige therapeutische Hinweise holen kann, als auch an den theoretisch interessierten Leser, der mit diesem Werk einen integrativen Zugang erhält und die individuelle Entwicklung zur Störung, aber auch das Verständnis der Anorexie selbst in ausgezeichneter Weise nachvollziehen kann. Schulenübergreifend zieht der Autor den Leser in den Bann dieser Störung und zeigt zugleich auf, wie ein zu eng gefasster Zugang leicht zu falschen Schlüssen führen kann.
In der Einführung erhält der Leser einen faszinierenden Einblick in die oft als Modekrankheit qualifizierte Störung. Mit Ernst, aber nicht ohne Humor erfährt man auch etwas über die Motivation des Autors, der sich nicht zuletzt wegen einer dramatischen Begegnung während der Studienzeit ein wissenschaftliches Leben lang mit dieser Störung auseinandergesetzt hat. Die Geschichte der Studentin, die sich zwecks Erhöhung ihres Gewichtes mit Hammer und Beißzange wiegen ließ, stellte für den Autor eine prägende Begegnung dar und illustriert gleichzeitig die Paradoxie der Störung, der sich sowohl Behandelnde und Angehörige wie auch die Betroffenen selbst ausgesetzt sehen. Besonders hervorzuheben ist, dass Jürg Liechti den Beziehungsaspekt der Magersucht als Angelpunkt therapeutischen Handelns betrachtet. Damit schlägt er eine Brücke weg von der Perspektive, die die Störung einseitig als „Phobie vor der Gewichtszunahme“ betrachtet, hin zu einem multifaktoriellen Bild der Störung, welche immer auch kontextuell verstanden und betrachtet werden muss. Der Fokus auf das Beziehungsgeflecht – eine Essstörung findet im Kontext von besorgten Familienmitgliedern statt – führt aber keineswegs zu einer einseitigen Schuldzuweisung. Mit viel Einfühlungsvermögen wird geschildert, wie die Verweigerung des lebenserhaltenden Essens eine ungeheure Dynamik initiiert. Das Essen, respektive die Verweigerung des Essens, irritiert, bestürzt und führt dazu, das alle beteiligten Personen verzweifelte Maßnahmen treffen, das störende Verhalten zu beeinflussen. Für die betroffenen Eltern oder Angehörigen kann das bedeuten, dass sich allmählich die Störung auf das gesamte Interaktionsverhalten ausdehnt. Tabuisierungen, Wegsehen oder Regeln, die das Essverhalten mit Zwangsmaßnahmen zu beeinflussen suchen, führen aber letztlich dazu, dass das problematische Verhalten aufrechterhalten bleibt, weil es unter Umständen für die Betroffenen der einzige Weg ist, sich Autonomie zu bewahren. Um daran etwas zu ändern, muss der therapeutische Kontext so gestaltet werden, dass eine Patientin die sinnliche korrektive Erfahrung machen kann, dass, wie Liechti es ausdrückt, „das Gewicht nicht explodiert, wenn sie isst, und dass das schlechte Gewissen, das dabei aufkommt, ein Hirngespinst ist. Die Gestaltung therapeutischer Beziehungssysteme soll einen noch nie da gewesenen Kontext kreieren, der ihr diese Erfahrung ermöglicht.“
Die Philosophie hinter diesem therapeutischen Ansatz stellt keine radikale Neuorientierung in der Behandlung dar. Sie orientiert sich aber an naturwissenschaftlichen Prinzipien wie Selbstorganisation oder auch den Erkenntnissen der Neurowissenschaften und leitet daraus wichtige therapeutische Handlungsheuristiken ab, wie etwa die Aussage, dass sich neue Netzwerkmodule erst durch lang anhaltendes Üben einstellen und Einsicht in ein problematisches Verhalten keineswegs ausreicht, um dauerhafte Veränderungen zu erzielen. Jürg Liechti wendet sich denn auch explizit gegen die durch ökonomische Überlegungen zusätzlich alimentierte Forderung nach immer kürzeren Therapien. Er macht deutlich, dass auch nach 20 Jahren in einer Krisensituation alte Verhaltensmuster wieder aktiviert werden können und insofern eine Anorexie auch immer ein „lebenslanges“ Risiko bedeutet.
Die Aufteilung des psychotherapeutischen Handelns in vier Phasen lässt viel individuellen Spielraum, sie zeigt aber auch auf, dass in der Behandlung von Essstörungen der umfassenden Diagnostik, welche auch die Familienmitglieder oder weitere Teile des Bezugssystems mit einschließt, als Voraussetzung für die Therapieplanung eine entscheidende Rolle zukommt. In der zweiten Phase kommt es zur Exploration des Problemsystems (sprich: der beteiligten Personen) und zur Transformation in ein therapeutisches System. Diese therapeutische Beziehungsgestaltung ist eine notwendige Bedingung für die störungsorientierte Symptomverbesserung und damit der Gewichtszunahme. Die erwähnte Transformation ist die Grundlage des therapeutischen Handelns und schafft die Voraussetzung dafür, dass selbstorganisierte Prozesse sich entsprechend der neuen Parameter neu organisieren können. In der vierten Phase können störungsübergreifende Themen wie das Autonomiebestreben oder die soziale Integration klärugsorientiert angegangen werden und tragen damit zur Stabilisierung des Erreichten bei. Diese Phasen sind sicher nicht als strikt zu betrachten, sondern dienen wie das ganze vorliegende Buch der Orientierung und der therapeutischen Heuristik.
Was das Buch besonders wertvoll macht für alle, die sich mit dieser Störung auseinandersetzen (müssen), sind die vielfältigen, gut dokumentierten und kommentierten Fallbeispiele, welche die theoretischen Ausführungen sofort wieder konkretisieren und beleben. Diese Beispiele machen das Buch auch für Laien lesenswert. Lehrreich ist es für Studierende und Fachleute, die immer wieder überraschende Wendungen erfahren, aber auch Mythen entlarvt sehen wie den angeblich sexuellen Missbrauch oder die mangelnde (mütterliche) Liebe als verursachende Faktoren einer Essstörung. Obwohl sich der Autor an empirischer Forschung orientiert, ist der Text keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern eine erfrischende Quelle lebendigen Wissens.
Der therapeutische Ansatz von Jürg Liechti ist ressourcenorientiert. Es geht darum, aus Vorhandenem das Möglichste zu schöpfen, die Problemsicht in eine Sichtweise der Entwicklung und Heilung zu verändern. Das vorliegende Buch stellt für alle Interessierten eine überaus große Ressource dar, von der man viel lernen kann und die gleichzeitig zur Hoffnung Anlass gibt, dass den Betroffenen in Zukunft wirksamer geholfen werden kann.

Prof. Dr. Hansjörg Znoj – Bern, November 2008


Vorwort von Prof. Dr. Siegfried Mrochen:

Jürg Liechti arbeitet seit vielen Jahren als systemischer Therapeut und als Ausbilder systemischer Therapeuten. Er gilt – nicht nur in seinem Berner Kontext – als erfahren, sorgfältig und reflektiert. Seine professionelle Umgebung schätzt ihn als beschlagenen und einfühlsamen Therapeuten und Therapielehrer. Ich schließe mich, motiviert durch unseren beruflichen Kontakt, dieser Einschätzung an und ergänze sie aus vollem Herzen durch die Eigenschaften achtsam und liebevoll.
Mit den vorliegenden soliden wissenschaftlichen Ausführungen hat Jürg Liechti sich vorgenommen, eine schwerwiegende und komplizierte Störung und ihre Behandlung zu beleuchten. Er bildet sein Handeln als systemisch denkender und handelnder Arzt und Familientherapeut in einer ergreifend authentischen und gleichzeitig sprachlich kreativen und theoretisch fundierten Weise ab und füllt mit seinen Erfahrungen und Einsichten zur systemischen Therapie der Magersucht eine seit Jahren bestehende Lücke im angesprochenen Krankheitsbild.
Versucht man seine Überzeugungen in diesem Buch zusammenzufassen, dann steht an erster Stelle die systemische Beziehungsgestaltung. Soll eine frühe Therapie der Magersucht erfolgreich beginnen und verlaufen, dann ist neben der Diagnose die respektvolle Neugestaltung und Nutzung der Beziehungen in der Familie eine absolut notwendige Voraussetzung. Dieser Prozess ist frei von jeder Schuldzuweisung; es geht Jürg Liechti um eine sorgfältig gestaltete Suche nach positiven Bindungsaspekten in den familiären Beziehungen. Hierfür liefert er plausible Beispiele seines Vorgehens.
Es bekennt sich zu einem dezidiert schulenübergreifenden Ansatz sowohl in seiner Arbeit als auch für die Zukunft der Psychotherapie. Plausibel und theoretisch fundiert verdeutlich der Autor diese Position in etlichen Passagen seines Buches. (Wir, die in Deutschland unter dem Diktat des so genannten Wissenschaftlichen Beirats und des Gemeinsamen Bundesausschusses eine Verarmung und – unter dem Vorwand nicht hinzureichend wissenschaftlich nachgewiesener Wirksamkeiten – eine willkürliche Verdrängung kreativer und solider psychotherapeutischer Methoden erleben, können nur mit Sympathie auf die Schweiz und nach Österreich schauen und am Ende ungeduldig auf europäische Lösungen hoffen.)
Großen Wert legt der Autor auf die Weitergabe der Erfahrungen, dass es bei den vorgestellten – und weiteren – psychosomatischen Störungen nicht darum gehen kann, in Diagnose und Behandlung alles über einen Kamm zu scheren. In dem von ihm vorgestellten Behandlungsgeschichten konzentriert er sich jeweils auf den Einzelfall, und es ist ihm wichtig, die Singularität und Individualität seiner Patienten und die Lebenslage ihrer Familien zu werten und zu beschreiben.
Eine ganz wesentliche und notwendige wiederholte Erkenntnis, die sich wie eine Goldader durch die Arbeit zieht, liegt darin, dass der Autor einen stabilen Rapport für die entscheidende Voraussetzung einer erfolgreichen therapeutischen Behandlung hält. Ohne Rapport, so Liechti sinngemäß, geschieht gar nichts. Die psychophysiologischen Prozesse werden auf Verteidigung bzw. auf Therapievermeidung „getrimmt“. Die von ihm vertretenen Konzepte basieren auf Kooperation, und ein guter Rapport ist sowohl sozial als auch neuropsychologisch die wichtigste Voraussetzung für die Etablierung von Kooperation. Vielleicht könnte man diese Positionen im Andenken an Klaus Grawe als eine reife systemische Variante der „Berner Schule“ bezeichnen. Etwas lax ausgedrückt: Ohne eine positiv aktivierte Beziehung (für die der Therapeut mit verantwortlich ist) und ohne Orientierung auf die Ressourcen des Klienten und seines Systems „läuft nichts“. Diese Erfahrung werden viele Therapeuten und Berater bestätigen können. Jürg Liechti macht diese simple Wahrheit durch seinen lebendigen und präzisen Text nachvollziehbar.
Eine methodische Verbindung zwischen dem Rapportgeschehen und der Ressourcenarbeit bietet Liechti in seiner Arbeit mit der Umdeutung an. Die gestörte Seele, der gequälte Körper, das zerrissene Selbstbild: sie sehnen sich nach Umdeutungen, nach Aufforderungen für Perspektivenwechsel und nach Anregungen für Suchprozesse.
Magersucht (mit oder ohne Bulimie) ist eine Sucht. Der Autor schließt sich neueren theoretischen Konzepten an und setzt diese in therapeutisches Handeln um, denen Akzeptanz und Versöhnung mit den Ursachen und Störungserfahrungen wichtiger sind als eine komplette Heilung. Ob es die geben kann, ist sowieso umstritten.
Das vorliegende Buch steht für einen Weg des tiefen Verständnisses und der liebevollen Begleitung Betroffener und ihrer Familien. Die lebendige und bildhafte Sprache ergänzt eine nachvollziehbare Systematik und unterstützt einen guten Überblick zum Stand der Kunst in der Behandlung von Menschen mit dem beschriebenen Störungsbild.

Prof. Dr. Siegried Mrochen – Siegen, November 2007


Über den Autor:

Jürg Liechti, Dr. med.; Studium der Humanmedizin, Experimentellen Medizin, Biologie, Psychiatrie, Psychotherapie und Systemtherapie. Seit 1985 freiberufliche Praxis in Bern. Lehrbeauftragter für systemische Therapie an den Universitäten Bern, Zürich, Basel. Supervisor in verschiedenen Kliniken. Gründungsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für systemische Therapie und Beratung (SGS). Aufbau und Geschäftsleitung des Zentrums für Systemische Therapie und Beratung (ZSB Bern) seit 1995. Veröffentlichungen u. a.: „Magersucht in Therapie“ (2008), „Dann komm ich halt, sag aber nichts“ (2. Aufl. 2010). Verheiratet, Vater von drei erwachsenen Kindern.



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