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Neuvorstellung zur Übersicht
19.12.2010
Nicole Riess: Familienmythen, Familiengeheimnisse, Familiengesetze. Eltern in ihren Lebenszusammenhängen und ihrer Geschichte verstehen. Ein exemplarisches Beispiel
Riess Familienmythen Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2007

414 S., kartoniert

Preis: 31,95 €

ISBN-10: 3896703714
ISBN-13: 978-3896703712
Carl-Auer-Verlag





Georg Singe, Vechta:

Eine autobiografische Forschungsarbeit über die eigene Familiendynamik zu schreiben ist eine gewagte Sache. Auf der einen Seite gilt es, die nötige Distanz zu halten, die eine wissenschaftliche Forschung benötigt. Andererseits können die Chancen der Nähe zu den beteiligten Personen eine große Bereicherung sein, die Authentizität der erhobenen Daten in ihrer emotionalen Dichte empirisch zu erfassen. Nicole Riess gelingt dieser Spagat in ungewöhnlicher Weise, in dem sie Gefühle und das Mitfühlen immer wieder als motivierende Basis ihrer eigenen Forscherinnenrolle durchscheinen lässt. So kann die Widmung am Anfang des Buches „…Für all die anderen Kinder dieser Welt, denen man sagte, es sei Liebe, die aber etwas anderes fühlten und spürten. Für einen selbstbewussteren und lebendigeren Ausdruck aller Gefühle und das Mitfühlen, auch und vor allem zunächst mit sich selbst“ als Leitmotiv verstanden werden, der sich Riess verpflichtet weiß.
Die Autorin macht sich auf den mühsamen und steinigen Weg, aus vielen Puzzlesteinen eine Rekonstruktion der Geschichte ihrer Herkunftsfamilie zu erstellen. Es gilt Geheimnisse und Mythen aufzudecken, die Mechanismen der Verdrängung und Übertragungen auf heutige Lebenssituationen zu erfassen und sich den Konflikten und Widersprüchen zu stellen. Ziel der Arbeit ist es, das Schweigen über die Tabus der Vergangenheit zu brechen, um so die Leichtigkeit des Seins über eine erinnernde Versöhnungsarbeit wieder zu erlangen.
In Anlehnung an die Konzepte der analytischen und systemischen Familientherapie, die im Theorieteil der Arbeit (S. 14–40) in gut verständlicher Weise dargestellt werden, besteht die Arbeit in ihrem empirischen Kern aus der Dokumentation mehrerer mit den Eltern geführter Gespräche (S. 59–240). Die Aussagen des Vaters und der Mutter werden mittels qualitativer Methoden zu verdichteten Inhalten zusammengefasst und mit Erkenntnissen der psychologischer und familientherapeutischer Forschung korreliert. In einem eigenen Kapitel werden die Gesamtergebnisse zusammengestellt (S. 384–399) und in einem letzten Kapitel diskutiert. Auch dabei wird deutlich, wie einmalig die empirische Vorgehensweise dieser Arbeit ist. Die Erkenntnisse beziehen sich auf „einzigartige Einzelfälle“ (S. 401), die in ihrer Dichte und Intensität nur durch die verwandtschaftliche Nähe der Forscherin zum Gegenstandsbereich ihres Tuns ermöglicht wurden.
Die inhaltlichen Dimensionen der Geschichte der Familie selbst sind so spannend, dass sie dem Leser an dieser Stelle nicht vorweggenommen werden sollen. Die leserfreundliche Darstellung der verdichteten Gespräche ist durch einen zusammenfassenden Lebenslauf, eine Auflistung aller in den Gesprächen vorkommenden Personen und detaillierte Genogramme gut strukturiert. Das motiviert und ermöglicht es dem Leser auch einmal die Kontinuität des Gedankengangs zu verlassen und zu dem ein oder anderen Thema das Buch selektiv zu lesen.
Das persönliche Gespräch als psychologische Forschungsmethode wird von Reiss auf dem Hintergrund der Ansatzes von Carl Rogers und Ruth Cohn reflektiert und in der Konzeption von Inghard Langer (2000) angewendet. Die Arbeit ist eine im Studiengang Psychologie der Universität Hamburg 2005 eingereichte Diplomarbeit und die Ergebnisse zeigen, dass es der heutigen Familienforschung gut täte, sich auf viel mehr dieser qualitativ dichten Analysen familiärer Geschichten in der von vielen Brüchen geprägten postmodernen Zeitepoche beziehen zu können.

(mit freundlicher Genehmigung aus Kontext 4/2007)





Verlagsinformation:

Dies ist eine ungewöhnliche wissenschaftliche Arbeit. Es ist die Dokumentation einer Spurensuche, eines Versuchs, in der eigenen Familie ein ehernes Familiengesetz außer Kraft zu setzen. Nicole Riess setzt sich über das ungeschriebene Gesetz „Darüber wird bei uns nicht geredet“ hinweg, versucht es zu verwandeln bzw. aufzulösen und die daraus resultierenden Widerstände zu überwinden. Die Autorin beginnt, Verantwortung für das über Generationen diktierte Schweigen, das Nicht-Benennen-Dürfen und das Nicht-Betrauern von Todesfällen und Verlusterfahrungen zu übernehmen. Mit dem Ziel, sich ans „Umschreiben“ zu machen, damit Veränderung und Lösung möglich wird, damit aus Schwere und Gebundenheit Leichtigkeit und frei gewählte Verbundenheit werden können. Entsprechend dem Satz von Simon Wiesenthal: „Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung“.


Geleitwort von Inghard Langer:

Psychotherapie und psychologische Forschung sind einander sehr nah. Psychotherapie ist existentielles Forschen nach persönlichen Wahrheiten, nach Begebenheiten, Ereignissen und Einflüssen, die eine Person von einem ihr gemäßen Sein und Werden abweichen ließen bzw. lassen, und die ihr Belastung, Schmerz, Leid und Entbehrung bedeuten. Mut und Einsatz gehören zu dieser Suche, kompetente Anleitung und zunehmend verinnerlichende Bejahung von Realität: "Ja, so ist es gewesen!", "Ja, so ist es!", "Ja, das ist der feste Boden von dem aus ich meinen mir gemäßen weiteren Lebensweg gestalte". "Wenn es für mich auch schwer zu ertragen war: ich nehme es an so wie es war. Vielleicht kann ich eine Stärke daraus werden lassen" - "Realität ist Autorität", nennt Ruth Cohn eine solche Lebensausrichtung und Grundhaltung.
Forschungsarbeiten in der Psychologie unterliegen derzeit Entwicklungen der Wandlung. Sie gehen näher an das Lebensgeschehen von Personen heran. Verallgemeinernde Außenkonturen von Lebensäußerungen und daraus ableitbare Gesetzlichkeiten sind in ihrem Nutzen vielfach ausgeschöpft oder konnten im täglichen Leben kaum Bedeutung erlangen. Ausgehend von existenzphilosophischen und psychotherapeutischen Betrachtungen bahnte sich eine inspirierende und äußerst fruchtbare, ergänzende, ja vielleicht auch alternative Wertausrichtung und Vorgehensweise ihren Weg: "Das Persönlichste ist das Allgemeinste", schreibt Carl Rogers, Begründer der Klientenzentrierten Psychotherapie, auf Seite 41 seiner "Entwicklung der Persönlichkeit". Das heißt für eine forschende Person nunmehr: Intensiv vertraut werden mit dem zu erforschenden Geschehen, Bedingungen schaffen, bei denen Personen, die sich mitteilen, zunehmend aufrichtig mit sich selbst umgehen und sich darin mitteilen können. Welch eine Herausforderung für eine in dieser Weise Wissen schaffende Person! Bedeutet es doch für eine forschende Person, eine ihr berichtende Person in den von ihr mitgeteilten Geschehnissen aufrichtig zu begleiten, den Kontakt zu ihr für sie wahrnehmbar und spürbar gegenwärtig zu halten, bei schmerzlichen wie auch freudigen Mitteilungen, sowie menschlich einfühlsam und aufrichtig den berichteten Ereignissen, Erlebnissen, Gefühlen und Gedanken zu folgen. Solch Anteil nehmendes Dabeisein und Mitgehen lässt sich kaum ohne Selbstklärung und persönliche Weiterentwicklung einer forschenden Person realisieren.
Engagierte Studentinnen und Studenten am Fachbereich Psychologie der Universität Hamburg haben in den zurückliegenden drei Jahrzehnten im Rahmen ihrer Diplom- bzw. Doktorarbeiten in einfühlsamer Weise mehrere tausend Gespräche zu persönlichen Lebensentwicklungen geführt, zu einer Fülle an existentiell bedeutsamen Lebensthemen.
In einem solchen Forschungszusammenhang steht die hier vorliegende Erarbeitung von Nicole Riess. Sie hat den äußerst mutigen Schritt unternommen, den Lebensweg ihrer Eltern zu rekonstruieren, in präzisen Grundzügen, wie es die Wegbereiterin der Familienrekonstruktion, Virginia Satir, vorgeschlagen hat. Dabei versuchte Frau Riess - so gut es ihr im Kontext familiärer Abhängigkeits- und Konfliktgeschichte persönlich möglich war - die wissenschaftlichen Maßstäbe bewährter qualitativ-empirischer Forschung anzulegen und diese mit ausgewählten Konzepten systemischer Theorie / Forschung zu verknüpfen. In Einzelgesprächen mit ihrer Mutter und ihrem Vater sowie in gemeinsamen Dreiergesprächen über familiäre Herkunft, Kindheit, den Beginn der Partnerschaft der Eltern und deren weitere gemeinsame Zeit rekonstruiert Frau Riess selektiv authentisch (Ruth Cohn) zwei persönliche deutsche Schicksale, ihre Beziehungs- und Familienentwicklungen vor und im Gefolge des mörderischen zweiten Weltkrieges sowie dessen weitere Ausstrahlung auf den Werdeweg der beiden Personen, auf ihr sich Finden als Partner und auf die weiterwirkenden Spuren im Berufs- und Familienleben der beiden mit ihren acht Kindern.
Frau Riess hat die Lebenswege ihrer Eltern sorgfaltig dokumentiert und in gut lesbaren sowie äußerst lesenswerten Verdichtungsprotokollen zusammengestellt. Parallel dazu setzt sie die Mitteilungen ihrer Eltern deren durch ihre Geschichte geprägten Seins- und Kommunikationsmuster mit entsprechenden Modellen und Forschungsergebnissen in der Fachliteratur in Verbindung - eine subtile, einfühlsame und kompetente Begleitung der subjektiven Lebenserfahrungen.
Auf diese Weise ist ein herausragender psychologischer Beitrag zur Zeit- und Familiengeschichte deutscher Vorkriegskinder entstanden, mit den systemisch betrachteten Mustern ihrer familiären Herkünfte, ihrer weiteren Lebenswege mit Prägungen aus Erfahrungen ihrer vom ersten Weltkrieg und Wirtschaftsnöten geplagten Herkunftsfamilien, aus Nationalsozialismus-, Kriegs- und Nachkriegserfahrungen sowie darauf aufgebauten und davon durchtränkten eigenen Lebensweisen im Selbstkonzept, in Partnerschaft, Kindererziehung und Familienleben, beeindruckend gefolgt von Irrwegen sowie Lösungs- und Befreiungsversuchen in der nachfolgenden Generation, hier vor allem seitens der Autorin selbst.
Erst 60 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges - das sind zwei Generationen - treten in der psychologischen Fachliteratur persönliche und detaillierte Betrachtungen über Einflüsse unverarbeiteten Grauens auf die Lebenswege vor und im Krieg geborener Personen in den Vordergrund. Endlich! Sind es doch vor allem nichtsprachlich übertragene, tief in Lebensgrundgefühle eingefärbte und hochwirksame Einflussfaktoren an Realität und damit maßgebliche Autorität im Sinne von Ruth Cohn. Nun endlich finden sie Sprache und Mitteilung und gelangen damit auf Wege der Verarbeitung und Bewältigung. Dies stellt eine große Erweiterung systemischer Betrachtungen dar: Der geschichtliche und kultur-historische Bezugsrahmen wird als systemisches Einflussgefüge zunehmend mitbetrachtet, authentisch mitgeteilt und in seinen Bedeutungen für das individuelle Lebensgefühl und die darauf aufbauende Lebens- und Beziehungsgestaltung von Personen mitbeachtet. Geschichte ist in der Realität vor allem "Gelebte Geschichte". Bereits im Kleinen, bei wenigen Personen, kann "Gelebte Geschichte" tief berühren. Ihre Beachtung und Würdigung ist der Zugang zu den ihr innewohnenden Erkenntnis- und Entwicklungsmöglichkeiten.
Frau Riess hat mit der Studie ihrer "Eltern in ihrem Lebenszusammenhang" einen für sie selbst äußerst wertvollen Erkenntnisprozess vollzogen und dokumentiert, nahe an dem ihr überhaupt möglichen "Persönlichsten". Dieses kommt dem "Allgemeinsten" im Sinne von Carl Rogers vor allem dann sehr nahe, wenn wir als Leserinnen und Leser die authentischen Mitteilungen aus ihrer persönlichen Geschichte auf uns wirken lassen, sie mit unseren eigenen Erfahrungen verbinden und - davon inspiriert - Personen aufsuchen, bei und mit denen wir aufgewachsen sind, mit ihnen Kontakt, Beziehung und Vertrauen aufbauen bzw. vertiefen und sie bitten, uns ihre gelebte Geschichte zu erzählen. Auf eine psychologisch-systemische Einordnung - wie im vorliegenden Buch - kommt es dabei zunächst nicht an. Sie kann sich in späterem Lesen, Lernen oder mit psychotherapeutischer Unterstützung noch ergeben. Wichtiger ist es, den Personen wohlmeinend und interessiert zuzuhören und mit ihnen ausgiebig über die Ereignisse und ihre Erlebensweisen zu sprechen und diese für uns nachvollziehbar näher kennenzulernen. Denn ihre Erfahrungen sind in uns, leben in uns versteckt weiter, sind im Sinne von Ruth Cohns Satz "Autorität" und können - wenn wir sie nicht kennenlernen und für uns bearbeiten - auf unserem Lebensweg wirken und leider auch ihr Unwesen treiben, all dies - wie es in der Bibel steht - wohl "bis ins dritte und vierte Glied".
Setzen wir also ebenso wie Nicole Riess unseren Detektiv-Hut auf, wie Virginia Satir ein solches Vorgehen bildlich beschrieben hat, und gehen auch wir auf Spurensuche, nach unerkannt mitgeschleppten Lasten von Personen vor uns. Auf diesen Spuren werden sich auch bislang von uns noch nicht genutzte Chancen, Kompetenzen und Stärken auffinden lassen, ebenfalls seitens der Personen, die vor uns waren und die es uns ermöglicht haben, heute zu leben, zu sein und weiter zu werden. Dies kann uns in die Lage versetzen, den Staffelstab des Lebens unbelasteter und lebensfreundlicher an die nächsten Generationen weiterzugeben. Hamburg im Dezember 2006 Inghard Langer

Über die Autorin:

Nicole Riess, Dipl.-Psych., wurde 1957 als ältestes von acht Kindern in eine Familie geboren, in der sich fast alles „ums Geschäft“ drehte. Nach Ausbildungen zur Malergesellin und zur Fremdsprachensekretärin machte sie auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur. Anschließend studierte sie Psychologie in Frankfurt/Main und Hamburg.



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