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Neuvorstellung zur Übersicht
01.11.2010
Jürg Liechti: Dann komm ich halt, sag aber nichts. Motivierung Jugendlicher in Therapie und Beratung
Liechti: Dann komme ich halt, sag aber nichts Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2010 (2. Aufl.)

252 S., kartoniert

Preis: 24,95 €

ISBN-10: 3896706748
ISBN-13: 978-3896706744
Carl-Auer-Verlag





Gisela Schulte, Herne:

Konsequent systemisch oder wie lässt sich die Ohnmacht des Umfelds bei seelischen Störungen Jugendlicher überwinden?
In der Einleitung erzählt der Autor von einem Gespräch mit einer Jugendpsychiaterin, diese habe auf die Frage nach dem Motivationsproblem geantwortet, dass sei ein Dauerthema, worüber nicht gesprochen werde. Motivation ist neben dem »Modell des konsultativen Einbezugs Jugendlicher« in die therapeutische Zusammenarbeit wesentlicher Schwerpunkt dieses Buches. Der Autor spricht davon, dass Motivation eine von außen beeinflussbare und entwicklungsfähige Größe ist und bietet (systemische Lösungen) an, wie es gelingen kann, »anzudocken«. Er vertritt die These: »Menschen sind immer motiviert«, bietet die Theorie so an, dass sie ergänzend und notwendig für die praktischen Beispiele ist.
Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit wird meist dann möglich, wenn die in der Regel um ihre jugendlichen Kinder sehr besorgten Eltern einen Perspektivenwechsel vollziehen können. Der Autor nimmt deren Sorge ernst und zeigt anhand der Fallbeispiele, wie die Beteiligung der Jugendlichen veränderbar ist, wenn die Eltern es schaffen, ihre Sichtweise der Störung »neu gerahmt« betrachten zu können. Respekt und Würde sowohl den Jugendlichen als auch ihren Eltern gegenüber vermitteln sich beim Leser und zeichnet dieses Buch, finde ich, aus. Auch ein Gespür für die Ambivalenz der Jugendlichen zu entwickeln, ist Jürg Liechti nicht nur in diesem Zusammenhang ein Anliegen. Zu Beginn der Zusammenarbeit gewinnt er die Jugendlichen oft durch die Bitte, ihren Eltern dabei zu helfen, sie zu verstehen.
Die Fallbeispiele belegen, wie nah er an der direkten Beratungsarbeit ist. Auch das Scheitern der therapeutischen Zusammenarbeit ist auf verschiedene Art Thema. Es ist ihm wichtig, sich dem Ernst der Lage und einem realistischem Umgang (auch im konkreten Gespräch mit den Jugendlichen) damit auseinanderzusetzen. Die Jugendlichen erhalten durch den gesetzten Rahmen klare und durchschaubare Entscheidungshilfen.
Möglichkeiten in »verfahrenen« Situationen wie die »Anmeldung des elterlichen Notstands« oder das »ritualisierte Klagen« werden nicht so ausführlich wie das Modell des konsultativen Einbezugs Jugendlicher in die Therapie beschrieben, zeigen aber genauso die Transparenz seines systemischen Vorgehens. Auch fast erwachsene Kinder verhalten sich in der Regel loyal zu ihren Eltern, geben es jedoch selten zu.
Er stellt auf eine (selbst)kritische Art dar, wie der »motivierte« Klient sein sollte, und verweist damit den Leser/-in zurück in die Realität. Herr Liechti ergänzt dies durch eigene Erfahrungen, um, so scheint es mir, Mut für die beschriebene Arbeit zu machen. Die Verweise auf die verwendete Literatur bezieht er gleichberechtigt und ergänzend in seine Ausführungen ein. Ich habe immer wieder zurückgeblättert, die Fallbeispiele mit der vorhergehenden theoretischen Darstellung abgeglichen, die Literaturhinweise aufgerufen und hätte diese gern parallel lesen wollen. Der Hinweis auf die vom Autor verwendetet Literatur ist mir deshalb so wichtig, weil es fast so scheint, als ob das Buch nur aus der Zusammenarbeit vieler Menschen, wie ein Puzzle zusammengefügt, entstehen konnte. Eine unausgesprochene Anregung, auch in der Praxis sehr viel häufiger gemeinsam zu arbeiten und zu diskutieren?
Herr Liechti stellt die Aufgabe, diesen belasteten Jugendlichen eine hilfreiche Unterstützung anzubieten, als eine hohe Kunst dar, und wer damit in der Praxis zu tun hat, weiß dies. Er vermittelt eine Haltung, die Klienten in ihrer Verantwortung um die eigenen Themen und Fragen stets ernst zu nehmen, und tut dies mit einen angenehm lesbaren Klang, der sich durch das ganze Buch zieht, ohne zu beschönigen.
Das Buch vermittelt, wie ernst es ihm mit seinem Anliegen ist, die Jugendlichen zu erreichen und sich mit der Aussage: »die sind unmotiviert« auf keinen Fall zufriedenzugeben.

(Mit freundlicher Genehmigung aus Kontext 1/2010)




Eine weitere Rezension von Aspasia Zontanou für socialnet.de




Verlagsinformation:

Steigende Anforderungen in Schule und Alltag überfordern Kinder und Jugendliche immer mehr. Die Zahl der psychischen Störungen unter Heranwachsenden wächst im gleichen Tempo wie das Angebot an Therapien für diese Altersgruppe. Was den meisten Konzepten jedoch fehlt, ist der Blick für die Motivation der Jugendlichen, aktiv an der Beratung teilzunehmen. Wie es gelingt, die Therapiemotivation zu fördern, ist die zentrale Fragestellung dieses Buches. Der Schweizer Psychiater und Psychotherapeut Jürg Liechti verknüpft hier verschiedene theoretische Konzepte zur Therapiemotivation mit Methoden der systemischen Therapie zu einer systemischen Motivierungspraxis. Sie zielt unter anderem darauf ab, durch das Einbinden von Bezugspersonen aus dem Familienkreis die Bereitschaft der Jugendlichen zur Therapie zu stärken. Der Beratende selbst lernt seinen Anteil am Motivationsprozess kennen und die Signale der Jugendlichen zu empfangen und zu entschlüsseln. Zahlreiche Sitzungsprotokolle und Fallgeschichten erleichtern die Lektüre und geben Anregungen für die ambulante psychiatrische und psychotherapeutische Praxis.


Inhalt: 1. Einleitung
Weil ich keine Hilfe brauche
Eva S. - ein Hilferuf
Die Pubertät ist nicht an allem schuld
Wozu dient dieses Buch?
Drei klinische Einstiegskonstellationen
2. Ein stilles Leiden
Extreme verbinden - Der Ersttermin
Kooperation im therapeutischen Arbeitskontext
Eine empirische Abfolge von Das Problemsystem
Zur Diagnostik
Probleme entwickeln sich.
Der Ablösungskonflikt
Systemische Gesichtspunkte
Phasen
3. Ein heikles Thema
Therapiemotivation im Jugendalter - ein heikles Thema
Psychologische Reaktanz
Idealszenario und Wirklichkeit
Hilflosigkeit fordert heraus Beispiel 1: Javier A.
Kontext, Kontext, Kontext
Optionen erweitern
Relativität der Perspektiven Beispiel 2: Fatlinda Z
Variante 1:
Variante 2:
Motivation ist mehr als die halbe Miete

4. Jugendliche und Eltern
Wenn die Eltern schwierig werden
Jugendliche sind »etwas anders«
Von Pickeln und Timing
Familie als »therapeutische Einrichtung«.
Was macht Familie aus?

5. Der systemische Therapieprozess und der konsultative Einbezug Jugendlicher
Therapiemotivation - Entwicklung im Kontext
Elterliche Hilflosigkeit
Konsultativer Einbezug Jugendlicher
1. Schritt: Die Klage (Perspektive) der Eltern akzeptieren
Beispiel 3: Leonardo U.
2. Schritt: Neurahmung der elterlichen Perspektive
Beispiel 4: Yannik V. - »Gemeinsam im Boot der Ratlosigkeit«
3. Schritt: Die Klage (Perspektive) des Jugendlichen akzeptieren .
4. Schritt: Neurahmung der jugendlichen Perspektive
5. Schritt: Klärungsprozesse in Gang setzen
6. Schritt: Autonomieprozesse begleiten
Beispiel 5: Alex D. - Beispiel für einen »Ausstoßungsmodus« der erschwerten Ablösung

6. Aspekte der Therapiemotivation
Therapiemotivation: Die »pièce de résistance«
Leidensdruck und »ideales Selbst«
Wahre Familiendiagnostiker
Beispiel 6: Elisabeth B. - Störung des Sozialverhaltens
Lobbying für das erfahrene Leid
Menschen sind immer motiviert . Motivation hat zwei Seiten
Personelle Faktoren
Beispiel 7: Andrin B
Beispiel 8: Priska T.
Beziehungskontextuelle Faktoren Determinanten der Therapiemotivation
Beispiel 9: Leander F
Bekannte Konzepte der Veränderungsmotivation
Motivationale Gesprächsführung
Motivation und Selbstmanagement.
Motivation und kognitive Vorbereitung.
Motivierende Gesprächsführung
Motivation und Selbstbestimmung

7. Hilfebeziehung und therapeutisches Handwerk
Mobilisierung von Selbstheilungssystemen
Systemisches Modell.
Therapeutische Haltungen.
Die allparteiliche Haltung.
Die neutrale Haltung
Die Therapiebeziehung steht im Zentrum
Vier Helfermodelle
Das moralische Modell
Das Aufklärungsmodell
Das medizinische (Defekt-)Modell
Das kompensatorische Modell
Systemkompetenz
Systemische Problembeschreibungen.
Strukturelle Äquivalenz
Beispiel 10: »Den Karren aus dem Dreck ziehen«
Signifikanz
Beispiel 11: Johann V.
Vernetztheit
Beispiel 12: Maja M. und »das alte Haus von Rocky Docky«
Patientin als Expertin
Positive Erfahrung.
Attributionsgewohnheiten
Beispiel 13: Saskia P
Mehrung von Optionen
Praktische Lösungen
Sieben Fragetypen
Ordealtechnik
Beispiel 14: Vera U
Ritualisiertes Klagen
Anmeldung eines elterlichen Notstandes
Beispiel 15: Roland B.

8. Phasensensitive Modelle
Stufen der Veränderung
Beispiel 16: Janos R.
Stadium 1 - Fehlendes Problembewusstsein (»precontemplation«)
Stadium 2 - Nachdenklichkeit (»contemplation«)
Stadium 3 - Entscheidung/Vorbereitung (»preparation«).
Stadium 4 - Handeln (»action«)
Stadium 5 - Aufrechterhalten (»maintenance«).
Stadium 6 - Abschließen (»termination«)
Besucher, Klagende, Kunden
Besucher: Bereitschaft, in eine Sitzung zu kommen
Klagende: Die Bereitschaft, ein Problem zu beklagen
Kunde: Die Bereitschaft, ein Problem zu lösen

9. Zwei Beispiele für den Einstieg
Eine beunruhigende Zunahme
Erkenntnisrahmen
Systemischer Ansatz erster Ordnung.
Beispiel 17: Pia C.
Systemischer Ansatz zweiter Ordnung
Fall 1: Ein Hilferuf aus dem Äther - Zu viel des Guten.
Den Dialog in Gang halten.
Öffnendes Fragen
Fall 2: Siehst du, Vater hasst mich! - Patchworkfamilie
Ein Anruf der Mutter
Eine integrale Sicht
Grund der Zuweisung
Anamnese und diagnostische Einschätzung
Exploration des Problemsystems
Aus dem Erstinterview
Risiken der Patchwork- oder Stieffamilie
Dreiecksprozesse
Dyadisch, triadisch
»Spill-over«-Effekte (Überschwappen)
Elterliche Allianz im Patchwork.
Systemische Beziehungsgestaltung - Der Umgang mit Felix

10. Krisenintervention aus systemischer Sicht
Einbeziehung des Umfelds auch in der Krise
Was ist eine Krise?
Ein Notruf
Krisenintervention - eine systemische Perspektive
Einen weiterführenden Kontext herstellen
Abschätzen der Suizidalität
Aspekte einer Krisenbegleitung
Ein abschließendes Wort


1. Einleitung

»Während Soziologen Listen manifester,
›sichtbarer‹ Verpflichtungen zusammengestellt haben,
interessieren wir uns mehr für die unsichtbaren. Zwischen jedem Individuum
und seinem Beziehungssystem findet ein ständiger Austausch von Gebens- und
Nehmens-Erwartungen statt. Wir pendeln unablässig hin und her zwischen
diesen Positionen: teils erlegen wir selbst Verpflichtungen auf, teils
erfüllen wir sie.«
Boszormenyi-Nagy u. Spark (1981, S. 42)



Weil ich keine Hilfe brauche
Anlässlich eines Workshops fragte ich eine Jugendpsychiaterin: »Sind in deinem Spezialfach Motivationsprobleme bei Jugendlichen ein Thema?« Ihre Antwort kam postwendend und sie war kurz: »Ein Dauerthema, aber man spricht nicht darüber; man ist allein damit!«
Erwachsene suchen unter dem Eindruck von psychischer Beeinträchtigung und Hoffnung auf Besserung von sich aus eine Beratung oder Psychotherapie auf. Um Kinder für eine Kinderpsychotherapie zu gewinnen, braucht man die Unterstützung der Eltern. Aber wie ist es mit seelisch leidenden Jugendlichen? Die lassen sich nicht so schnell in die Karten blicken. Und gerade jene, die am meisten gefährdet sind, neigen am wenigsten dazu, Hilfe zu suchen (Fortune et al. 2008). Stattdessen streiten sie ab, dass etwas nicht stimmt, lehnen Hilfe ab, geben sich undurchsichtig, arrogant, unbeteiligt, cool oder gleichgültig - ungeachtet aller Risiken, die sie dadurch für sich und andere in Kauf nehmen.

Eva S. - ein Hilferuf
An einem leuchtenden Septembertag, kurz vor der ersten Nachmittagssitzung, rief die verzweifelte Frau S. an und bat um Hilfe für ihre 15-jährige Tochter Eva.
Die Mutter hielt es einfach nicht mehr aus, einerseits zu wissen, dass Eva sich an beiden Unterschenkeln Schnittwunden zufügte, und andererseits mit niemandem darüber reden zu können. Als sie am Vormittag die Wäsche zum Waschen sortierte, hatte sie wieder blutige Pyjamahosen gefunden. Ihr getrennt lebender Ehemann und Vater von Eva glaube ihr nicht, obwohl sie ihm mehrmals von den blutigen Snoopy-Pyjamas erzählt habe. Stattdessen mache er ihr Vorwürfe, sie sei zu dominant und mische sich in übertriebener Manier in die persönlichen Angelegenheiten der Tochter ein (»Sie ist jetzt 15 und kein Kind mehr!«, so habe der Vater gesagt). Sie selber glaube aber eher, es sei ein Hilferuf! »Aber wenn ich Eva direkt darauf anspreche, so reagiert sie aggressiv und bestraft mich dann damit, dass sie tagelang kaum mit mir spricht und sich im Zimmer verschanzt!« Dann wiederum klammere sich Eva an sie, wie das in diesem Alter doch nicht normal sei. In der Beratungsstelle habe man ihr dringend eine Therapie empfohlen, doch Eva weigere sich hinzugehen.
Erschreckende 53 % der jungen Menschen, die sich selbst geschädigt hatten, waren nicht motiviert, Hilfe zu holen, ehe sie sich absichtlich verletzten; dies war das Ergebnis einer umfassenden und repräsentativen Studie an Schulen in England. In anonymen Selbstbeschreibungen gaben die Jugendlichen unter anderem folgende Gründe an, weshalb sie keine Hilfe aufsuchten (Hawton et al. 2006, S. 106):
• »Weil ich keine Hilfe wollte.«
• »Ich brauchte keine Hilfe. Ich konnte alleine damit fertig werden - und zwar besser, als wenn mir irgendjemand geholfen hätte.«
• »Hatte nicht das Gefühl, dass meine Probleme wichtig genug sind.«
• »Ich habe mich geschämt.«
• »Ich hatte nicht das Gefühl, dass mir noch irgendjemand hätte helfen können.«
Haben selbstschädigende Handlungen stattgefunden, so wusste gemäß dieser Studie in fast 80 % der Fälle irgendeine andere Person darüber Bescheid - in der Reihenfolge der Häufigkeit waren das Freunde, Mütter und Geschwister. Dessen ungeachtet schien es keine Gelegenheit zu geben, entschieden einzuschreiten, ehe die Selbstverletzungen geschahen. Zeigen Jugendliche selbstverletzendes Verhalten, auch in schwerwiegendem Ausmaß, so heißt das offenbar noch nicht, dass sie professionelle Hilfe wünschen oder dass jemand durch hilfreiches Einschreiten etwas erreichen könnte. Auch wenn das schon traurig genug ist, so muss angenommen werden, dass die Ohnmacht des Umfelds einschließlich der Fachleute auch bei vielen anderen seelischen Störungen des Jugendalters verbreitet ist.

Die Pubertät ist nicht an allem schuld
Oft genug stoßen Eltern von pubertären oder adoleszenten Kindern mit ungewöhnlichen Entwicklungsverläufen an ihre Grenzen; sie ängstigen sich, fühlen sich überfordert, verunsichert, schuldig oder sehen sich zur Kapitulation gezwungen. Dasselbe Kind, das erst noch kummervoll in ihr Bett geschlüpft ist, sich dankbar umarmen ließ oder einen ihm erteilten Rat willig befolgte, erweist sich über Nacht als unnahbar und fremd. Allen gut gemeinten Hinweisen der Eltern zum Trotz demonstriert es lauten oder wortlosen Widerstand. Je mehr auf »Normalität« gepocht wird, umso abweichender verhält es sich, und je mehr die bangen Eltern auf professionelle Hilfe drängen, desto unwahrscheinlicher kommt sie zustande.
In Anbetracht eines passiv-renitenten, anarchischen oder aktivlärmigen Verhaltens von Jugendlichen sind Erwachsene rasch mit dem Etikett der Pubertät bei der Hand.
Der amerikanische Arzt und Psychiater James F. Masterson (1993, S. 184): »Noch vor wenigen Jahren war man der Ansicht, die Adoleszenz sei von ihrem Wesen her eine so tumultuöse und ärgerliche Periode, dass alle Teenager ernsthafte Probleme entwickeln müssten. Tatsächlich waren die Begriffe Teenager und Probleme nahezu synonym.«
»Er ist halt in der Pubertät«, entschuldigen Eltern das asoziale Verhalten ihres Sohnes. Oder sie trösten sich angesichts eines bizarren Essverhaltens ihrer Tochter mit der Hoffnung, »dass sich das wieder legen wird, sobald sie einmal erwachsen ist«. Das mag im einen oder anderen Fall auch zutreffen, doch heutzutage gibt es keinen Grund, es einfach darauf ankommen zu lassen; denn Fachleute verfügen sehr wohl über differenzierende Instrumente, um eine normale Entwicklung von einer krankhaften zu unterscheiden. Und je früher eine Fehlentwicklung einer jugendlichen Person entdeckt und einer möglichst passgenauen Hilfe zugeführt wird, desto besser steht es für ihre psychische Gesundheit - und für die Allgemeinheit, denn schließlich erwachsen ihr aus unzureichend behandelten psychischen Störungen und deren Folgen über eine lange Lebensspanne hohe Gesundheitskosten.
Bei den meisten emotionalen Störungen und Verhaltensauffälligkeiten im Jugendalter wird von einer Multikausalität der Entstehung ausgegangen. Demzufolge setzen sich multimodale Therapiekonzepte mit unterschiedlichen Chancen und Risiken durch. In jedem Einzelfall muss nach einer passenden Indikation (= plausibler Grund für den Einsatz eines bestimmten Verfahrens bei einer bestimmten Störung) gesucht werden.
Dabei werden zwei verschiedene Indikationsbegriffe unterschieden:
• Die individuelle (methoden-, expertendefinierte) selektive Indikation ordnet einer spezifischen Störung das aufgrund empirischer oder klinischer Erkenntnisse bestgeeignete Verfahren zu (Ist bei einem bestimmten Patienten mit einer spezifischen Problematik Psychotherapie überhaupt indiziert? Ist die von der Therapeutin vertretene Therapierichtung indiziert? Ist systemische, Verhaltens- oder Gesprächspsychotherapie etc. indiziert? Sind unabhängige oder ergänzende Hilfeleistungen indiziert?) (vgl. Fiedler 2003).
• Die prozessorientierte (kooperations-, klientenorientierte) adaptive Indikation richtet sich nach den wechselnden Bedürfnissen eines sich entwickelnden therapeutischen Systems sowie nach flexiblen Therapiezielen (Was kann eine Mutter tun, um ihrem Sohn einen motivierenden Kontext zu schaffen? Wann ist der »richtige Zeitpunkt« bzw. welches sind die Voraussetzungen, um das Therapiesystem zu erweitern? Findet eine Sitzung trotzdem statt, wenn ein Vater sich abmeldet, weil er vielleicht davon ausgeht, dass Therapie ohnehin eine »Muttersache« sei?) (vgl. Bastine 1981; Mattejat 1997; Schweitzer u. von Schlippe 2006).

Wozu dient dieses Buch?
Das vorliegende Buch richtet den Brennpunkt hauptsächlich auf (familien-)systemische Passungsprozesse (adaptive Indikation), die eine frühzeitige Motivierung Jugendlicher in Therapie und Beratung bezwecken. Es ist von der überzeugung beseelt, dass Psychotherapie primär die Aufgabe hat, emanzipierende Rahmenbedingungen für die Selbstorganisation der Menschen zu schaffen (und nicht sie zu »reparieren«), und dass speziell bei Jugendlichen der Familienkontext mit zu berücksichtigen ist. Der hier vertretene Ansatz geht davon aus, das die Stimme des Jugendlichen ins Zentrum der Aufmerksamkeit gehört, und nicht dessen Störung. Gewiss: Störungen dürfen nicht unterschätzt werden - besonders, wenn sie eine Eigendynamik entwickeln und das Umfeld in ihren Bann ziehen. Dazu hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine beeindruckende Menge an Wissen angereichert, und es stehen mittlerweile wissenschaftlich perfekt ausgelotete Therapieprogramme für gut definierte Störungen bereit. Ungeachtet dessen kommen die Hilfen nicht überall zum Zug, da Jugendliche sie oft vermeiden. Darüber hinaus besteht bei der Anwendung eines »diagnoselastigen« Ansatzes bei emotionalen Störungen und Verhaltensauffälligkeiten im Jugendalter die Gefahr von subtilen Etikettierungsprozessen.
In einer nuancierten Formulierung, wie wir sie von Magersüchtigen kennen, sagte eine anorektische Jugendliche wörtlich (Liechti 2008):
»Es klingt vielleicht unglaubhaft, aber genau so ist es. Wenn man mir nicht vertraut, wird es nicht gehen. Meine Magersucht ist vielleicht ein bisschen speziell, anders als bei anderen. Jeder Fall ist anders, das hab ich im Spital gesehen. Die Leute dort haben sich Mühe gegeben. Aber für mich ist es einfach nicht der richtige Weg gewesen. Es ist nicht so, dass ich einfach abnehmen will. Ich spüre einfach, dass sich zuerst die Beziehungen in der Familie ändern müssen, dann wird es mir besser gehen, und ich werde essen können. Für mich ist es wie ein Rätsel in der Mitte eines Labyrinths. Zuerst muss man den Weg durch das Labyrinth finden, bevor man das Rätsel lösen kann. Umgekehrt geht es nicht. Ich komm gar nicht ans Rätsel heran, bevor ich nicht den Weg gefunden habe.«
Die »physiologischen« Ambivalenzen des Jugendalters, die vom Ringen um eine eigene Identität angesichts einer widersprüchlichen Welt geprägt sind, machen Jugendliche - und ganz besonders solche mit nicht geradliniger Entwicklung - hellhörig für die Beachtung und Anerkennung als ganze Menschen. Das Bedürfnis, von anderen Menschen be- und geachtet zu werden, gilt für alle und ist bei Jugendlichen besonders stark ausgeprägt. Beachtung ist ein Bestandteil der jugendlichen Existenz: »Ich werde beachtet, also bin ich« (Tarr Krüger 2001). Infolgedessen ist die Idee, verhaltensauffällige Jugendliche stets als Experten der eigenen Lebenssituation zu verstehen, nicht nur eine Sache des Respekts; vielmehr ist sie eine Sache der klinischen Notwendigkeit, wenn es darum geht, sie für die Therapie zu gewinnen. Deshalb gehen erfahrene Therapeuten davon aus, dass Jugendliche immer »gute« - das heißt anerkennenswerte - Gründe für ihr Verhalten haben, auch wenn es von außen betrachtet »auffällig«, »schlecht« oder »gestört« erscheint.
Das Buch richtet sich vor allem an beratend oder therapeutisch Tätige, die sich an der konkreten Praxis orientieren und umso empfänglicher für Ideen aus der Werkstatt sind (»Das systemische Denken ist ja ganz faszinierend, aber hier habe ich einfach das praktische Problem, dass Mario sich weigert zu kooperieren, und solange sein Vater nicht mitmacht, wird sich das nicht ändern, und ich weiß einfach nicht, was ich noch tun kann, um diesen Vater zur Zusammenarbeit zu gewinnen.«).
In den 25 Jahren meiner Tätigkeit als Ausbilder in Masterkursen, Workshops, Seminaren und auch in der Supervision stellen sich im Zusammenhang mit Jugendlichentherapien immer wieder dieselben praktischen Fragen:
• Wie kann man Jugendliche erreichen, die von einer psychotherapeutischen Behandlung profitieren könnten, sich dieser aber aktiv bzw. passiv widersetzen?
• Kann man überhaupt »Therapie machen«, wenn eine jugendliche Person »nicht will«, und wenn »ja«, wie denn?
• Ist es ethisch vertretbar, Jugendliche »zu ihrem Glück zu zwingen«?
• Gibt es keine Alternative zur (elterlichen, staatlichen, professionellen) Fremdkontrolle bei gleichzeitigem Vorhandensein offensichtlicher Hilfebedürftigkeit und Widerstand gegenüber einer Behandlung (z. B. Zwangseinweisung in eine Einrichtung)?
• Wie kann man Eltern begegnen, die sich ihren offensichtlich hilfebedürftigen Kindern gegenüber (scheinbar?) machtlos, hilflos, gleichgültig oder distanziert zeigen?
• Dürfen, sollen, müssen Eltern auch gegen den Willen von Jugendlichen in die Therapie einbezogen werden, sofern auf anderem Weg keine Aussicht auf Erfolg besteht?
Das Buch dient dazu, einige Antworten auf diese Fragen zusammenzutragen. Beim Schreiben hatte ich insbesondere das Ziel vor Augen, Anregungen für systemische Lösungen von Motivationsproblemen in der Therapie mit verhaltensauffälligen Jugendlichen zu geben. Demzufolge richtet es den Blick auf die Optimierung familiärer Therapiekontexte. Es verbindet verschiedene theoretische Konzepte zur Therapiemotivation mit Methoden der systemischen Therapie zu einer systemischen Motivierungspraxis.

Drei klinische Einstiegskonstellationen
Praktische Ansätze für die Therapiemotivierung Jugendlicher sind das Thema dieses Buches. Gemäß der berühmten Maxime - »Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind ... Der Verstand vermag nichts anzuschauen, und die Sinne nichts zu denken« (Kant 1920, S. 50) - verwende ich »sinnliche« Fallbeispiele, Therapiegeschichten, Anekdoten sowie »begriffliche« Konzeptansätze und wissenschaftliche Informationen. Zahlreiche Dialogbeispiele sollen die therapeutischen Interventionen konkretisieren und illustrieren. Damit ausgerüstet fokussiere ich vorwiegend auf drei klinische Konstellationen, die ich in meiner Praxis häufig antreffe:
1. Eine alleinerziehende Mutter (ein Vater, Eltern) ruft an oder kommt in die Sprechstunde und erzählt, dass eine Tochter (ein Sohn) offensichtlich ein besorgniserregendes Verhalten an den Tag legt, sich aber weigert, therapeutische Hilfe anzunehmen.
2. Eine alleinerziehende Mutter (ein Vater, Eltern) hat es geschafft, die Tochter (den Sohn) in die Sprechstunde »zu schleppen«, und erwartet nun, dass der Therapeut »den Fall« übernimmt.
3. Die Jugendlichen selbst werden von ihren Eltern (oder Hausärztin, Jugendgericht etc.) in die Therapie »geschickt«.
Alle drei Konstellationen haben viel miteinander zu tun und können sich bei ein und demselben Jugendlichen auch als »motivationale Stadien« entpuppen (von der elterlichen Aussage »Unser Sohn sagt, er werde ganz bestimmt nicht mitkommen« bis zum jugendlichen Kooperationsangebot »Dann komm ich halt, sag aber nichts«).
Obwohl sich der Prozess der Therapiemotivation zweifelsohne durch die ganze Therapie durchzieht, stelle ich hier die Optik auf den Einstieg in die Therapie - da, wo Jugendliche »einfach nicht kommen« oder kommen, aber aktiven oder passiven Widerstand zeigen.
Noch ein Wort zu meinem Verständnis des Praktikers. Ich kann mich gut mit folgender Definition identifizieren (Flammer 1988, S. 14): »Der erfolgreiche fachpsychologische Praktiker zeichnet sich wahrscheinlich dadurch aus, dass er (oder sie) eine Auswahl von wissenschaftlichen Theoriebeständen in seine Alltagspsychologie integriert hat, dass er seine Alltagspsychologie im Lichte wissenschaftlichen Wissens mehr als ein psychologischer Laie verfeinert und korrigiert hat. Soweit ihm dies gelungen ist, darf er sich auf seine Alltagspsychologie verlassen, wodurch er relativ frei, spontan und offen auf die gegebene Situation eingehen kann.«
Praxis und Theorie scheinen sich wechselseitig zu »befruchten«, allerdings kenne ich einige hervorragende Praktiker, die ohne viel Theorie auszukommen scheinen.
Von meiner konzeptuellen Herkunft fühle ich mich im systemischen Denken und Handeln beheimatet, allerdings ohne »feste« Bindung an eine Leitfigur oder an eine bestimmte Therapiedoktrin. In den vergangenen Jahren arbeitete ich zunehmend bewusster »schulenübergreifend«. Beruflich fühle ich mich vorrangig den Hilfesuchenden verpflichtet, aber auch den Leistungszahlern, die es mir erlauben, einen Beruf auszuüben, der umso anspruchsvoller und spannender ist, je mehr Erfahrungen dazukommen, und der mir materielle Autonomie gewährt. Den professionellen Nährboden bieten mir meine Kollegen am ZSB Bern.
Die berühmte Metapher der Zirkularität, die ich 1983 zum ersten Mal gelesen habe und die mich sofort frappiert hat, war eine der Leitideen, die mich in die systemische Richtung gewiesen haben. Sie stammt von Mary Catherine Bateson, der Tochter des Anthropologen und philosophischen »Vaters« der Familientherapie, Gregory Bateson (in Hoffman 1982, S. 5): »Ein Mann mit einer Sense wird eingeschränkt durch die Form der Sense; sogar seine eigene Körperbewegung erhält Instruktionen durch die Krümmung seines Werkzeugs: eine über Generationen reichende konkrete Proposition über die Einheit der Bewegung von Mensch und Werkzeug durch hochgewachsene Felder; im Laufe der Zeit wird seine eigene Muskulatur das darstellen, was ihn die Sense gelehrt hat, erst durch Steifheit, dann durch sich langsam herausbildende Anmut und Geschicklichkeit. Wir brauchen Zeit, um dieses System zu verstehen und in ihm mehr als nur die instrumentelle Seite zu sehen.«
Im Zentrum des folgenden zweiten Kapitels stehen die Therapie bei einer Jugendlichen mit selbstverletzendem Verhalten und die Frage, inwiefern die Therapie nach systemischen Gesichtspunkten geschieht. Das dritte Kapitel befasst sich mit der Schwierigkeit im Umgang mit der Motivierung sowie mit einer »ersten Annäherung« an das Modell des »konsultativen Einbezugs Jugendlicher«. Das vierte Kapitel behandelt einige grundsätzliche Themen zu Jugendlichen und Familie. Das fünfte Kapitel beschreibt das Modell des »konsultativen Einbezugs Jugendlicher« anhand praktischer Beispiele. Im sechsten stehen konzeptuelle Aspekte der Therapiemotivation im Brennpunkt und im siebten einiges zur Praxis der Psychotherapie und zu dem Handwerkszeug, das sich im Umgang mit Motivierungsproblemen im Jugendalter bewährt hat. Das achte Kapitel fokussiert auf den Entwicklungsaspekt von Therapiemotivation. Im neunten Kapitel werden zwei Therapien unter dem Aspekt der Motivierung der/des Jugendlichen dargestellt. Das zehnte Kapitel schließt mit dem Thema der Krisenintervention bei Jugendlichen.
Um der besseren Lesbarkeit willen habe ich auf die gleichzeitige Nennung der männlichen und weiblichen Form verzichtet, obwohl ich beide Geschlechter in gleichem Maße ansprechen möchte.

Über den Autor:

Jürg Liechti, Dr. med.; Studium der Humanmedizin, Experimentellen Medizin, Biologie, Psychiatrie, Psychotherapie und Systemtherapie. Seit 1985 freiberufliche Praxis in Bern. Supervisor und Lehrbeauftragter an verschiedenen Kliniken und Instituten (Universitäten Bern, Zürich, Basel). Seit 1998 Lehrbeauftragter für systemische Therapie an der Medizinischen Fakultät der Universität Bern. Gründungsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für systemische Therapie und Beratung (SGS). Aufbau und Geschäftsleitung des Zentrums für Systemische Therapie und Beratung (ZSB) Bern seit 1995.



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