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Neuvorstellung zur Übersicht
04.10.2009
Arnold Retzer: Lob der Vernunftehe. Eine Streitschrift für mehr Realismus in der Liebe
Retzer: Lob der Vernunftehe S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009

304 S., gebunden

Preis: 18,95 €

ISBN-10: 3100629442
ISBN-13: 978-3100629449
S. Fischer-Verlag





Rudolf Klein, Merzig:

Arnold Retzer legt mit dieser Publikation sein zweites Buch zum Thema „Paare“ vor. Ein Buch, das sich nicht einfach kategorisieren lässt. Es ist weder ein Fachbuch für Paartherapeuten, noch ein Ratgeber für Partner und Paare. Es ist schon gar keine wissenschaftliche Abhandlung zum Thema „Paare“. Und es lässt sich nicht als eine philosophische Schrift zu dieser Thematik verstehen. Dennoch hat es von all diesen Elementen etwas.
Kein Zweifel, das Buch (und damit sein Autor) weiß zu provozieren. Retzer spitzt zu, nimmt Sachverhalte auseinander, die bislang unhinterfragt als zusammengehörig verstanden wurden. Aber er verbindet und verknüpft auch auf überraschende Weise Sachverhalte, die bislang unhinterfragt als unvereinbar galten. Retzers Begriffskreationen und Begriffsdeutungen wie „Vernunftehe“ oder auch „resignative Reife“ sind Beispiele dafür. Vielleicht ist der im Titel des Buches gewählte Begriff der „Streitschrift“ daher ganz passend. Der Text will v.a. eines: Die Ehe von unmenschlichen und unerfüllbaren Erwartungen entlasten (z.B. an die Liebe oder das Glück), die so oft zu Hass und Unglück führen. Das Buch „will anregen, sowohl über die Grenzen wie über die Möglichkeiten der Ehe nachzudenken. Es möchte zur Entlastung der Ehe beitragen, damit sie wieder atmen, sich dehnen, sich strecken und wieder lebendig werden kann.“ (S. 14)
Das Buch ist im besten Sinne beeindruckend. Retzer gelingt es, einen Text anzufertigen, der komplizierte Zusammenhänge aus unterschiedlichen Wissensbereichen verknüpft und gleichzeitig leicht lesbar ist. Vielleicht ist das der Grund, dass ich beim Lesen einerseits nützliche Hinweise für paartherapeutisches Arbeiten bekam und gleichzeitig angeregt wurde, über sehr allgemein und gerade deshalb stark eingefahrene Übereinkünfte, Meinungen, für als „Wissen“ angesehene Selbstverständlichkeiten neu nachzudenken. Aber der Text ist noch mehr: Er lädt unmerklich dazu ein, die eigenen Paar- und Eheerfahrungen zu bedenken, ins Gespräch miteinander zu kommen, Übereinstimmendes und Unterschiedliches zu benennen, ja geradezu die Lust am Austausch zu fördern: Eine zusätzliche gemeinsame Erfahrung zu machen.
Und es ist schön geschrieben. Sätze wie: “Die Ehe ist eine auf Vernunft gründende Lebensform, die wir aus Liebe eingehen.“ Oder: „Daher ist es vernünftig, wenn die Ehe auf die Liebe setzt.“ (S. 44). Oder: „Wenn man die Liebesbeziehung vernünftiger weise auf Eis gelegt hat, sollte man aber daran denken, dass man etwas auf Eis legt, um es frisch zu halten. Man sollte daher nicht vergessen, dass es auch wieder vom Eis geholt werden kann oder muss, bevor das Verfallsdatum abläuft. (…) Etwa dadurch, dass man sich die Frage stellt, was einen eigentlich zusammengebracht hat, was damals die Liebesgeschichte war, wie damals die Liebesbeziehung in Gang kam und in Gang gehalten wurde. (.) Dadurch kann die zwar funktionierende, aber irgendwo auch überflüssig gewordene Ehe zu einer Vernunftehe werden, die sich der Möglichkeit der Liebe nicht verschließt und die auf das, was die Liebesbeziehung bietet, nicht verzichtet: eine höchstpersönliche, exklusive, existentiell bedeutsame und dadurch auch sinnstiftende Beziehung. Die erfolgreiche Vernunftehe setzt vernünftigerweise auch auf die Liebe, alles andere wäre unvernünftig.“ (S. 48 ff.) Oder: “Wir können dadurch (durch die Vernunft bzw. Vernunftehe, R.K.) der Illusion entgehen, uns den Himmel der Möglichkeiten auf die Erde und in unser Eheleben bringen zu können. Wir können dadurch aber auch der Befürchtung vorbeugen, unser Eheleben könnte die Hölle auf Erden sein. Stattdessen wollten wir unsere Ehe weder als Himmel noch als Hölle ansehen, sondern als einen realistischen Versuch auf Erden begreifen, das an erfüllter intimer Gemeinschaft zu erreichen, was uns vielleicht besser bekommt als das Alleinsein. Was kann vernünftiger sein?“ (S. 275)
Retzer hat eine Fülle kluger Gedanken zusammengefasst. Kluge Gedanken, die zu großen Teilen in seinen bisherigen Fachpublikationen bereits präsentiert wurden. Aber die Art der Präsentation durch die Einbeziehung wissenschaftlicher und philosophischer Arbeiten sowie durch Verarbeitung von Schlagertexten, Zeitungsannoncen und kurzen Fallvignetten ist ein Leckerbissen für „Gerneleser“.
Seine detaillierten und stets gut verständlichen Ausführungen zu Themen wie Liebe, Partnerschaft, Ehe, der Begrifflichkeit des Zufalls, der Freundschaft und dem Mythos der Gleichheit in Partnerschaften sind sehr empfehlenswert. Herausragend für mich, wie dies bereits in seiner Publikation „Systemische Paartherapie“ der Fall war, die Darstellung des Vergebens. Hier werden sowohl die Vor- und Nachteile dieses Prozesses diskutiert, aber auch eine Handlungsanleitung für etwaige Vergebungsprozesse präsentiert. Auch seine Ideen zur Bedeutung des Glücks, des Humors, die Bedeutung negativer und positiver Illusionen und über das Ende von Paarbeziehungen sind großartig, regen zur Diskussion an, eröffnen neue Sichtweisen und sind eins nicht: Sie sind nicht stromlinienförmig und am Zeitgeist von Machbarkeitsphantasien oder gar an einseitiger Lösungs-, Ressourcen- und Kompetenzfokussierung orientiert. Sie schließen den Glauben an Veränderungen, an Kompetenz- und Lösungsorientierung nicht prinzipiell aus, halten diese aber nicht immer für nützlich. Kurz: Ein aufrichtiges und mutig geschriebenes Buch. Natürlich kann man in einer Rezension versuchen, noch klügeres, zumindest aber ähnlich kluges kund zu tun. Dadurch, dass man die einzelnen Kapitel darstellt und kritisch diskutiert. Man kann aber auch einen Schritt zurück treten, dem Autoren Hochachtung vor seiner Leistung aussprechen und das Buch schlicht und ergreifend dringend zur Lektüre empfehlen. Ich habe mich für das Letztere entschieden.





Ein Interview von Julia Schaaf mit Arnold Retzer in der FAZ: „Reine Liebe ist mit dem Leben unvereinbar"

Nochmal FAZ: Hier eine Rezension von Ernst Horst





Verlagsinformation:

Sind Sie glücklich verheiratet? Heiraten ist wieder en vogue, immer mehr Paare schließen den Bund fürs Leben. Doch die Hälfte dieser Ehen wird wieder geschieden. Wie nur kann eine Ehe dauerhaft gelingen? Der renommierte Arzt, Psychologe und langjährige Paartherapeut Arnold Retzer ist überzeugt, dass wir die Ehe überfordern und gefährden, wenn wir uns dauerhafte Liebe, völlige Gleichberechtigung und aufregenden Sex bis ins hohe Alter von ihr erhoffen. Denn eine Ehe gelingt dann, wenn wir sie nicht mit falschen Erwartungen befrachten. In seinem Buch "Lob der Vernunftehe" räumt Arnold Retzer in provokanten Thesen mit liebgewordenen Vorstellungen auf und liefert viele Fallbeispiele aus der Praxis. Nur wenn wir die Ehe von zu großen Erwartungen und Forderungen entlasten, hat sie nicht nur als gesellschaftliches Modell Zukunft, sondern auch im Einzelfall Bestand.


Inhalt:

Lob der Vernunftehe oder: Weniger ist mehr! S. 9
01 Die Unvereinbarkeit von Liebe und Leben S. 17
02 Sieben Vorschläge, wie man seine Ehe zum Scheitern bringt. S. 53
03 »Wie Problem ? – Du bist das Problem !« Lösbare Probleme und problematische Lösungen in der Ehe. S. 72
04 Gleichheit in der Ehe gibt es nicht: Die Suche nach Gerechtigkeit und ihre Folgen. S. 81
05 Warum vergeben vernünftig ist. S. 99
06 Jede Ehegeschichte ist eine erfundene Geschichte. S. 124
07 Der Verzicht auf das große Glück oder: Die Banalität des Guten. S. 136
08 Freunde sollt ihr sein – nur was ist Freundschaft? S. 152
09 »Bei mir biste scheen« – Warum positive Illusionen in der Ehe vernünftig sind. S. 164
10 Wer sich nahekommt, kommt sich ins Gehege. Eheliche Kampfkunst und ihre Regeln. S. 174
11 Warum Lachen gesund für die Ehe ist. S. 208
12 Der flüchtige Zeitgeist und die dauerhafte Ehe. Ein sinnstiftender Konflikt. S. 225
13 Vernünftig Schluss machen. S. 252


Einführung:

Sicher haben auch Sie Erwartungen, Vorstellungen und Träume von der idealen Paarbeziehung und Ehe. Wahrscheinlich haben Sie aber auch schon Enttäuschungen erlebt und die Erfahrung gemacht, wie diese Enttäuschungen, aber auch Ihre eigenen Erwartungen, im Alltag schwer auf Ihren Schultern lasten.
Für was sollen Paarbeziehungen nicht alles herhalten: Dauerhafte, ewig währende Liebe, nie erlöschende sexuelle Leidenschaft, guten Sex mit Ihrem Partner bis ins hohe Alter, Gleichberechtigung, gerechte Verteilung aller Aufgaben, aller Rechte und Pflichten, ein harmonisch und konfliktfreies Zusammenleben, Selbstverwirklichung und auch noch das ganz individuelle Glück gleichzeitig mit dem großen gemeinsamen ehelichen Glück. Wenn man den Medien glauben darf, steckt die Ehe allerdings in einer Dauerkrise, und schon Tucholsky stellte fest: »Seine Ehe war zum größten Teile : verbrühte Milch und Langeweile. Und darum wird beim Happy End im Film gewöhnlich abgeblend’.«
Liebesromane enden, wo das Leben zu zweit beginnt.
Dann ist die Luft raus, und nun kommt der langweilige Teil, wenn denn überhaupt noch etwas kommt. Auf der anderen Seite besitzt die Ehe nach wie vor eine große Anziehungskraft. Schon bei Jugendlichen, erst recht bei sogenannten Singles, aber auch bei älteren erfahrenen Beziehungsveteranen wird in jeder neuen Studie eine noch größere Sehnsucht nach einer festen Paarbeziehung festgestellt, als sie bisher schon ermittelt worden war. Ein erheblicher Teil der erwachsenen Bevölkerung geht sie sogar mehrfach ein. Der Wunsch, mit einem Partner auf Dauer, bis zum Tod zusammenzubleiben, ist ungebrochen. Und das, obwohl man überall nachlesen kann, dass jedes Jahr allein in Deutschland ungefähr 200 000 Ehen wieder geschieden werden, Trennungen nicht-ehelicher Partnerschaften nicht mitgerechnet.
Wer hat nun recht ? Die hoffnungsvoll unverdrossenen Heiratswilligen oder doch Tucholsky und die Medien? Jeder hat da wohl seine eigene Antwort, entsprechend seinen eigenen Erfahrungen, Hoffnungen und Sehnsüchten.
Zweifellos ist es nicht einfach, über lange Zeit mit einem Menschen so nahe zusammenzuleben wie in einer Ehe. Unauflösbare Gegensätze und Konflikte tauchen auf: Der Konflikt zwischen dem Wunsch nach Gemeinschaft und Bindung auf der einen Seite und dem Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung auf der anderen, der Konflikt zwischen Gefühl und Verstand, zwischen Chaos und Ordnung und der Konflikt zwischen Liebe und Vernunft.
Trotzdem ist die Ehe besser als ihr Ruf. Man kann die Zahlen nämlich auch positiv lesen : 60 % aller Erwachsenen leben in einer Ehe und davon wiederum 60 % schon seit 45 Jahren. Und Untersuchungen zeigen, dass ein Großteil davon, nämlich ca. 60–70 % der Paare, mit ihrer Ehe sogar zufrieden sind.
Was machen diese Paare richtig?
Offenbar leben sie ihre Liebe mit Vernunft.
In diesem Buch soll daher eine Lanze gebrochen werden für den vernünftigen Umgang mit unseren Träumen von der ewigen Liebe.
Zwar sind uns in den letzten Jahrzehnten eine Unzahl vermeintlicher Erfolgsrezepte wohlmeinender Ehe-Experten und Eheberater mit auf den Weg gegeben worden und werden uns sicher weiterhin mit auf den Weg gegeben. Der Weg zum Erfolg ist dadurch nicht leichter geworden. Das Reisegepäck der Ratschläge wird immer schwerer, der Weg immer beschwerlicher. Dabei wird uns doch versprochen – und wir glauben es ja oft genug auch gerne selbst –, dass wir all unsere Vorstellungen, Erwartungen, Wünsche und Träume tatsächlich verwirklichen können, wenn wir es nur richtig machen.
Aber: Ist das nicht ein bisschen zu viel verlangt ? Sind wir alle mit diesen Erwartungen nicht überfordert? Ist die Ehe damit nicht schlicht und einfach überfordert ? Je mehr wir versuchen, unseren selbst auferlegten Pflichten gerecht zu werden, umso wahrscheinlicher wird das Scheitern. Es ist daher vernünftiger, uns und unsere Ehen von unrealistischen Erwartungen und Träumen zu entlasten. Dann hat die Ehe auch weiterhin nicht nur als gesellschaftliches Modell zur Organisation intimer Beziehung eine Zukunft, sondern auch im Einzelfall Bestand. Glück kann sich durchaus einstellen, und die Liebe, die am Anfang stand, muss dabei nicht verlorengehen, im Gegenteil. Auch, wenn die Liebesehe eine Unmöglichkeit ist und dieses Buch die These vertritt, dass die Liebe auf Dauer mit dem Leben nicht vereinbar ist.
Deshalb werden in diesem Buch in erster Linie keine Ratschläge gegeben, was man noch tun könnte, um in der Ehe doch noch glücklich zu werden. Stattdessen wird untersucht und beschrieben, was wir besser aufgeben, nicht mehr fordern müssen und sein lassen können. Dadurch können wir uns und unsere Ehen von fast untragbar gewordenen Belastungen entlasten und wieder zu realistischen, d. h. menschlichen Maßstäben angemessenen Erwartungen und Vorstellungen zurückkommen. Es geht also um vernünftige Vorstellungen, Erwartungen und Verhaltensweisen, die zu einer guten ehelichen Lebensqualität führen. Kurz : Es geht um die Vernunftehe, die deshalb eine Vernunftehe ist, weil sie realistisch, lebbar und erfolgreich ist. Die Ehe ist dann nicht mehr wie ein Wunder, das man sehnlichst erwartet und doch kaum je erblickt, sondern ein durchführbares und lebbares Projekt.
Ein Wunder ist bekanntlich etwas extrem Unwahrscheinliches : sechs Richtige im Lotto. Ein Volltreffer. Wenn zwei sich treffen, verlieben, beschließen, sich zusammenzutun, so ist daran nichts ganz und gar Außergewöhnliches, Unwahrscheinliches. Ob daraus allerdings ein Volltreffer wird, ist eine andere Frage. Ob daraus eine für beide angenehme, vielleicht sogar glückliche Partnerschaft erwächst, noch unklar. Man kann darüber nur spekulieren.
Apropos Volltreffer. Liebe und Liebesgeschichten werden seit Amor, der ja mit seinen Pfeilen unterwegs ist, gerne als Jagdgeschichten erzählt. Ich möchte eine Geschichte hinzufügen, die anders funktioniert, aber auch zu erfreulichen Resultaten führt:
Ein Jäger findet bei seinem Streifzug durch den Wald mehrere Zielscheiben, die auf Bäumen aufgemalt sind, und in jeder dieser Zielscheiben einen Pfeil, mitten im Schwarzen. Jeder Schuss ein Volltreffer ! Er wird neugierig, wer wohl dieser Meisterschütze sein könnte. Vielleicht ließe sich ja etwas von seiner Technik lernen. Nach längerem Suchen findet er ihn und kann ihn darüber befragen, wie er zu dieser beeindruckenden Serie von Volltreffern gekommen ist. Was ist das Geheimnis dieser außergewöhnlichen Treffsicherheit, die wie ein Wunder erscheint? Ganz einfach, erklärt bereitwillig der Meisterschütze, zuerst schieße ich den Pfeil ab, dann male ich die Zielscheibe!
Diese Art von Vernunft ist natürlich für jemanden lächerlich, der sich bereits eine klare Zielscheibe gemalt hat. Lächerlich für den, der weiß, auf welche Ziele es ankommt, wie diese aussehen und was ein Volltreffer ist, und der auch weiß, wann es danebengegangen ist. Allerdings belastet die Aufgabe, Volltreffer zu erzielen, denn so einfach ist es ja nicht, ins Schwarze zu treffen. Wir können alle ein Lied davon singen. Mancher durchschnittliche Schütze, und das sind wohl die meisten von uns, fühlt sich zu Recht überfordert.
Tritt das Wunder ein, dass der Pfeil direkt ins Schwarze trifft, ist das natürlich spektakulär. Unwahrscheinliches wie Wunder oder Volltreffer sind nun einmal spektakulär. Und nicht ohne Grund werden die, die darauf setzen, auch Spekulanten genannt.
Auf die Vernunft zu setzen ist dagegen alles andere als spektakulär. Es ist so unspektakulär, wie Zielscheiben um abgeschossene Pfeile zu malen. Für uns Durchschnittsschützen, die wir an unserem Glauben, ob sich unsere Erfolgsvorstellungen bezüglich unserer Ehen realisieren lassen, oftmals verzweifeln, ist es allemal ein vernünftiges Vorgehen, das außerordentlich entspannt.
Mit diesem Perspektivenwechsel vom erhofften Ehewunder zur realistischen Vernunftehe beschäftigt sich dieses Buch. Es will anregen, sowohl über die Grenzen wie über die Möglichkeiten der Ehe nachzudenken. Es möchte zur Entlastung der Ehe beitragen, damit sie wieder atmen, sich dehnen, sich strecken und wieder lebendig werden kann. Vernünftiger und realistisch meint daher auch lebbar : menschlichen Möglichkeiten angemessen.
Oftmals ist es nützlich, manchmal sogar notwendig, bevor man etwas Neues leben kann, das Bisherige, das Gewohnte zu unterlassen. Dazu muss man allerdings wissen, was unterlassen werden sollte – und auch : warum. Ich werde versuchen Einblicke zu geben in das, was das Gelingen der Ehe ermöglicht, aber auch aufzuzeigen, was geeignet ist, Beziehungsunglück zu erzeugen und den Er- folg der Ehe zu verhindern.
Nicht zuletzt wird aber auch zu belegen sein, warum es vernünftig ist, auch in der Vernunftehe auf die Liebe zu setzen, denn dadurch kann sich sowohl die Ehe wie auch die Liebe erhalten.
Es wäre natürlich absolut unrealistisch, das mögliche Scheitern einer Ehe auszuklammern und unerwähnt zu lassen. Deshalb beschäftigt sich das letzte Kapitel damit, wie man auf vernünftige Weise Schluss machen und wie eine Trennung menschenwürdig vonstatten gehen kann.
Wenn in diesem Buch von Ehen die Rede ist, dann schließt dies selbstverständlich auch sogenannte nicht-eheliche sowie hetero- oder homosexuelle Gemeinschaften ein. Die Ehe verliert ja auch zunehmend ihre gesetzliche Exklusivität. Seit Jahren schrumpfen die juristischen Unterschiede zwischen Paaren mit und ohne Trauschein, so beim gemeinsamen Sorgerecht, beim Unterhalt für die gemeinsamen Kinder und inzwischen auch beim Güterrecht. In Ehen und eheähnlichen Gemeinschaften werden zudem weitgehend die gleichen Werte, Vorstellungen und Erwartungen entwickelt und gepflegt.

Wie komme ich dazu, über die Ehe und auf diese Weise darüber zu schreiben? Da ist zum einen meine Erfahrung als Ehemann. Es ließ sich gar nicht vermeiden, im Rahmen von zweiundzwanzig Ehejahren – sozusagen im Selbstversuch – einschlägige Erfahrungen zu sammeln. Es sind persönliche Erfahrungen sowohl von Erwartungsenttäuschungen als auch Erfahrungen erfolgreicher Vernunft. Ein Ende von beidem, von Enttäuschung und Irrtümern wie von Erfolg, scheint nicht in Sicht.
Dazu kommt die einzigartige Gelegenheit, die mir unzählige Paare geboten haben, mittelbar an ihren Erfahrungen teilzuhaben. Über mehr als drei Jahrzehnte durfte ich als Psychotherapeut, Paartherapeut, Berater und Lehrer für Psychotherapeuten Einsicht in die Praxis der Ehe nehmen. Mir wurden Einblicke in die Misserfolge, Krisen und Katastrophen gewährt, aber auch in die Erfolgsgeschichte so mancher Ehe. Solche Erfolgsgeschichten gibt es tatsächlich und häufiger, als man denkt.
Darüber hinaus habe ich mich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit der Frage beschäftigt, wie eigentlich Paarbeziehungen funktionieren und was die Gesetzmäßigkeiten und Regeln von Liebesbeziehungen und Ehen sind. Meine Frau meint allerdings, dies sei die unwesentlichste Quelle meiner Ideen und typisch männlich. Sie glaubt hingegen, übrigens ein hervorragender Anlass für Streit, dass die Erfahrung, die sie mir in unserer Ehe ermöglicht habe, viel mehr zählt. Immerhin hat sie es mit mir ausgehalten, aber, darauf muss ich bestehen, auch ich mit ihr. Ich selbstverständlich aus vernünftigen Gründen, sie aus emotionalen.
Meine Frau legt auch Wert darauf, die Leserin zu erhöhter Sensibilität für typisch männliche Beschreibungen und Bewertungen in diesem Buch aufzurufen. Wie ich finde : Absolut unberechtigt!
Lassen Sie mich aber, bevor wir gemeinsam die Niederungen und Höhen des Ehelebens durchstreifen, doch auch darauf hinweisen, dass auch ein Buch und sein Autor Grenzen haben. Diese zu sehen ist für Leserin und Leser einfacher als für den Autor, und kann den realistischen Blick schärfen.


Über den Autor:

Dr. Arnold Retzer ist Arzt, Psychologe und einer der führenden Paartherapeuten Deutschlands. Er ist Privatdozent für Psychotherapie an der Universität Heidelberg sowie Gründer und Leiter des Systemischen Instituts Heidelberg (SIH). Arnold Retzer bildet seit vielen Jahren Psychotherapeuten und Berater aus, begleitete über mehrere Jahre als Studioexperte die Sendereihe „LebensArt“ beim WDR und ist fachlicher Berater für Paarbeziehungsfragen für „Focus online“, „Brigitte“ und für den „Stern“.





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