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Neuvorstellung zur Übersicht
11.08.2009
Reinert Hanswille (Hrsg.): Systemische Hirngespinste. Impulse für die systemische Theorie und Praxis
Hanswille Hirngespinste Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009

262 S., mit 23 Abb. und 4 Tab., kartoniert

Preis: 24.90 €

ISBN-10: 3525401507
ISBN-13: 978-3525401507
Verlag Vandenhoeck & Ruprecht





Andreas Manteufel, Bonn:

Bei Vandenhoeck & Ruprecht ist vor kurzem das Buch „Systemische Hirngespinste“ erschienen (262 Seiten, 24,90 Euro). Der Herausgeber Reinert Hanswille sammelte Vorträge der letztjährigen Tagung der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie, die unter diesem Titel in Essen statt fand. Die Auswahl ergab sich nicht nur aus inhaltlichen, sondern auch aus zeitlichen Kriterien: Wer sein Manuskript nicht rechtzeitig abgegeben hatte, kam nicht mehr ins Buch. Wir erfahren nicht, auf welche angefragten Beiträge wir dadurch verzichten müssen und ob z.B. Gerald Hüther und Hans Förstl zu den angefragten Autoren gehörten, verdient hätten sie es (die Leser auch). Verzichten müssen wir auf jeden Fall auf einen Höhepunkt der Tagung, nämlich die herrliche Kinderbilder-Ausstellung zum Thema Gehirn. Das Titelbild des Buches vermittelt davon einen kleinen Eindruck.
Gerade noch rechtzeitig, so könnte man sagen, griff die DGSF in der Essener Tagung ein Thema auf, das en vogue, aber längst nicht mehr brandneu ist, nämlich die Bezüge der Psychotherapie zur Neurobiologie. Um innovativ zu sein, kommt das zu spät. Immerhin: Mit Günter Schiepek und Hans Markowitsch sind im Tagungsband zwei hochkarätige Wissenschaftler vertreten, die schon lange zwischen Gehirnforschung, Psychologie und Psychotherapie Verbindungen knüpfen. Mit ihnen beginnt das Buch.
Martina Piefke und Hans Markowitsch skizzieren im Eröffnungskapitel Meilensteine der Gehirnentwicklung und fassen aktuelle Befunde zur Posttraumatischen Belastungsstörung zusammen. Gerade in der Psychotraumatologie ist zu beobachten, wie Konzepte der Neurobiologie in die therapeutische Praxis Einzug halten. Das Spektrum dissoziativer Symptome scheint sehr gut in neurobiologischer Sprache abbildbar zu sein. Ich beobachte in meiner klinischen Praxis, dass dies für den Umgang mit traumatisierten Patienten Bedeutung hat. Nicht verleugnen lässt sich aber, dass der neurobiologischen Befundlage noch etwas Vorläufiges, Fragmentarisches anhaftet. Angesichts des rasanten Methodenfortschritts ist für die nächsten Jahre noch viel Neues zu erwarten, dessen sollte man sich stets bewusst sein. Piefke und Markowitsch vertreten die These, „dass die neuronalen Mechanismen der Pathogenese solcher Störungsbilder auch die Basis für die Remission der Symptomatik und die Veränderung des Verhaltens durch psychotherapeutische Intervention bilden“ (S. 13). Das klingt plausibel und lässt vielleicht an die schnelle Ableitung therapeutischer Interventionen aus der neurobiologischen Forschung denken. Aber gerade das ist ja keineswegs der Fall. Dass auch andere, nicht unbedingt dieser Logik folgende therapeutische Zugangsweisen zum Gehirn möglich und erfolgreich sind, wird dann in den späteren, eher der Praxis verhafteten Beiträgen dieses Buches deutlich. Zudem: Wo sind die neuronalen Mechanismen der Pathogenese einer Störung schon so glasklar?
Günter Schiepeks Vortrag war die eigentliche Herausforderung der Tagung. Zunächst erinnert Schiepek daran, dass die Liaison zwischen Psychologie, Psychotherapie und Gehirnforschung nicht neu ist. Speziell die Synergetik beschäftigt sich schon über zwanzig Jahre lang intensiv mit dem Gehirn als komplexes, selbstorganisierendes System. Für Systemische Therapie relevant ist vor allem, was heutzutage unter „soziale“ oder „systemische Neurowissenschaft“ gehandelt wird. Schiepek modelliert eine absolut gleichwertige Stellung von Psychologie, Psychotherapie und Neurobiologie, anders als die vielen Versuche, entweder die eine oder die andere Seite als „überlegen“ dar zu stellen (nach dem Motto: Wir werden dem Menschen eher gerecht als die anderen). Wir erhalten auch einen Einblick in die aktuellen Entwicklungen seiner Psychotherapieforschung: Hier geht es um das fortlaufende Erfassen von Therapeut-Klient-Mustern mit Hilfe komplexer und nichtlinearer mathematischer Kennwerte. Diese Kennwerte entlocken den Zeitreihen, die während einer Therapie sehr engmaschig erhoben werden (tägliche Befindlichkeiten, relevante Themen und Konflikte, Gefühle, …), Aussagen über Phasen relativer Instabilität sowie kritische Übergangsphasen in der Therapie. Da dies in Echtzeit geschieht, können solche Verlaufsinformationen in die laufende Therapie als Feedback zwischen Therapeut und Klient eingespeist werden. Schiepek sieht ernsthafte Hinweise dafür, dass psychischen Ordnungsübergängen in Therapieverläufen spezifische Musterveränderungen im Gehirn entsprechen (S. 51). Es geht also um Ordnungsübergänge, die „sich in der Zeitreihendynamik, in den neuronalen Mustern, aber auch im klinischen Eindruck und im subjektiven Erleben“ der Patienten zeigen (S. 53). Für die Therapieforschung eröffnen sich hier weitreichende Perspektiven. „Das Selbstverständnis eines solchen Zugangs ist trans- und interdisziplinär“ (S. 56). Mit diesem Selbstbewusstsein definiert Schiepek systemische Therapie (zur Unterscheidung anderer Konzepte mit kleinem s) neu, indem er nicht therapeutische Methoden und Techniken, sondern den Bezug zum „Theorienspektrum komplexer, dynamischer und nichtlinearer Systeme“ zum Kriterium erklärt. Auch wenn ihm da nicht alle Systemische Therapeuten folgen werden, am Ende seines Vortrags wusste jeder, das es fundiertere, wegweisendere psychologische Systemwissenschaft in Deutschland nicht gibt.
In einem beschwingten Beitrag, der noch den Charakter des Redemanuskripts trägt, klopft Rainer Schwing die neurobiologischen Befunde auf ihre Praxisrelevanz ab. Er kommt zum Schluss, dass die Neurobiologie systemische Praxis eher bestätigt, als erneuert. Manches, was wir mit großer Emphase als Erkenntnis neurobiologischer Forschung aufsagen, erscheint bei etwas Licht betrachtet doch eher als banal: „Die Einspeicherung in das Langzeitgedächtnis geschieht dann besonders gut, wenn die Inhalte wichtig sind, wenn sie emotional geladen sind und wenn sie oft wiederholt werden“ (S. 101): Nein, für diese Erkenntnis hat der hier zitierte Eric Kandel den Nobelpreis sicher nicht erhalten.
Im Beitrag des Kinder- und Jugendpsychiaters Wilhelm Rotthaus wird mehr Distanz zur Neuroforschung spürbar. Er entdeckt nichts wirklich Neues, aber viel Spannendes an der Neurodiskussion. Brav zitiert er Befunde, die bestätigten, was ohnehin zu seinen therapeutischen Überzeugungen gehört. Er vermeidet dadurch sowohl direkten Widerspruch, als auch das Infragestellen eigener Gewohnheiten. Einmal nimmt er, richtiggehend emotional und vielleicht deswegen stilistisch etwas holprig, Stellung zu einer tatsächlich sehr bedenklichen Unsitte: „Was ich allerdings häufig für wissenschaftlich total naiv halte, wenn irgendwelche gerade neu aufgefundenen neurobiologischen Besonderheiten, die bei Personen mit Krankheitssymptomen gefunden werden, relativ unreflektiert als Ursache dieser Erkrankung postuliert werden.“ (S. 136). Mich wundert es nur, wie selten das so klar ausgesprochen wird.
Alexander Korittko erlöst Leser, denen es zu forschungslastig wird, und berichtet aus der eigenen Praxis mit traumatisierten Kindern in Pflegefamilien. Letztlich erweist er sich als jemand, der Forschungsbefunde gerne aufgreift und auf ihre Handlungsrelevanz hin prüft. Daraus ergibt sich offensichtlich keine neue Praxis, sondern höchstens eine neue Metaphorik in ihrer sprachlichen Rekonstruktion, z.B.: „Bei in der Kindheit traumatisierten Jugendlichen und Erwachsenen nehmen wir manchmal eine Umkehr dessen wahr, was die meisten Menschen als angenehm bewerten. Sie suchen die Einsamkeit, weil Menschen ihnen Angst machen. Und sie suchen den Schmerz, weil die damit verbundene Endorphinkaskade gute Gefühle bereitet.“ (S. 152).
Der Herausgeber Reinert Hanswille steuert einen längeren Beitrag über Systemische Traumatherapie bei. Im Wesentlichen referiert er darin das Konzept der „Strukturellen Dissoziation“ von Onno van der Hart und Mitarbeitern. Dieser theoretische Ansatz rekurriert auf Arbeiten von Pierre Janet aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Er erweist sich als kompatibel zur modernen Hirnforschung. Als Anwendung von Neurobiologie in der Psychotherapie kann man ihn nach meinem Verständnis aber nicht verkaufen. Eigentlich muss man zu diesem Kapitel sagen: Warum nicht gleich die Originalliteratur lesen?
Frank Natho berichtet über systemische Arbeit mit Trauer und Verlust. Neurobiologische Überlegungen zum Bindungsverhalten unterstützen seine These, dass eine wirkliche Lösung, ein „Vergessen“ wichtigen Beziehungsverlusts gar nicht möglich ist und auch nicht zur therapeutischen Maxime erhoben werden soll. Im Kontrast zur Euphorie über die Plastizität des Gehirns erinnert Natho an eine eher rigide Eigenschaft der Amygdala: „Die Amygdala vergisst nie!“ (S. 213). Wohl gelte es in der Therapie, Trauer als neurobiologische und inhaltliche Neuorganisation zu fördern - die Synergetik würde sagen: einen systemischen Ordnungswandel zu unterstützen. Die starken Traueraffekte werden dann wieder „steuerbar“. „Trauerarbeit unterstützt den Erwerb von Affektkontrolle und bringt eine für den Betroffenen sinnvolle Ordnung in das emotionale Chaos der Trauer.“ (S. 320). Auch dieser Artikel hinterlässt den Eindruck, dass jemand seine bewährte Praxis im Nachhinein mit neurobiologischer Terminologie unterfüttert.
In seinem Beitrag über eine „gehirngerechte Supervisionspraxis“ erweist sich Jörg Baur zwar als kundig, was die aktuellen Themen des neurobiologischen Diskurses angeht. Sein Versuch, Supervision in Form eines fiktiven „Falles“ neurobiologisch zu begründen, ist aber nichts als ein wenig überzeugendes Spiel mit Gehirn-Metaphern. Wieder einmal müssen die therapeutischen Leitlinien aus Klaus Grawes letztem Buch „Neuropsychotherapie“ herhalten, um in leichter Variation als Leitfaden einer „gehirngerechten Supervision“ (S. 238) zu dienen. Für diese therapeutischen oder supervisorischen Tugenden ist eine neurobiologische Rechtfertigung aber alles andere als zwingend notwendig.
Der Schlussartikel von Jochen Schweitzer rundet in souveräner Manier eine systemische Verbandstagung ab, mit dem Thema Neurobiologie hat er nichts mehr zu tun.
So geht dem Buch gegen Ende die neurobiologische Luft aus. Impulse für die systemische Theorie und Praxis, wie sie der Untertitel verspricht, schimmern nur an einigen Stellen auf. Viele Autoren können nicht verbergen, dass sie der ganzen neurobiologischen Mode skeptisch gegenüber stehen. Da hätten sie aber auch gleich eine deutlich kritische Position einnehmen können, das wäre impulsiver gewesen.





Zu einer weiteren Rezension von Torsten Ziebertz für socialnet.de





Verlagsinformation:

Gibt es einen freien Willen? Sind Menschen schuldfähig? Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Gibt es überhaupt ein Ich oder Selbst? Fragen wie diese bewegen die Feuilletons und sind Gegenstand zahlreicher aktueller Veröffentlichungen. So verwundert es nicht, dass sich auch Systemiker Gedanken darüber machen, welche Bedeutung Spiegelneuronen und die »Theory of Mind« für die therapeutische und beraterische Praxis haben und Neurowissenschaftler darüber nachsinnen, wie Lebens- und Beziehungserfahrungen das menschliche Gehirn prägen. Namhafte Experten zeigen in diesem Band, dass sich Neurowissenschaften und systemische Therapie und Beratung nicht ausschließen, sondern einander inspirieren und ergänzen.


Inhalt:

Hanswille, Reinert (2009): Vorwort. S. 7-11.

Piefke, Martina & Hans J. Markowitsch (2009): Was kann die Psychotherapie von den Ergebnissen der Neurobiologie lernen? S. 13-33.

Schiepek, Günter (2009): Systemische Neurowissenschaften und systemische Therapie. S. 34-62.

Schwing, Rainer (2009): Spuren des Erfolgs: Was lernt die systemische Praxis von der Neurobiologie? S. 63-119.

Rotthaus, Wilhelm (2009): Die Bedeutung der Neurobiologie für die Kinder und Jugendlichentherapie. S. 120-147.

Korittko, Alexander (2009): Neurobiologische Ansätze und heilende Interaktionen: Traumatisierte Kinder in Pflegefamilien. S. 148-165.

Hanswille, Reinert (2009): Systemische Traumatherapie und Neurobiologie. S. 166-207.

Natho, Frank (2009): Bindung und Trennung – Was Trennung so schwer macht. Neurobiologische Aspekte mit methodischer Anregung für eine systemische Trauerarbeit. S. 208-223.

Baur, Jörg (2009): Supervision als neurowissenschaftlich inspirierter Lehr-Lern-Prozess: Facetten einer »gehirngerechten« Supervision. S. 224-244.

Schweitzer, Jochen (2009): Hirngespinste systemischer Organisationstheorie. S. 245-260.


Über den Herausgeber:

Reinert Hanswille, Diplom-Pädagoge, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Traumatherapeut, Paar- und Familientherapeut sowie Lehrtherapeut und Lehrsupervisor, ist Leiter des ifs (Institut für Familientherapie, systemische Supervision und Organisationsentwicklung) in Essen.



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