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Neuvorstellung zur Übersicht
18.11.2008
Reinhard Sieder: Patchworks: Das Familienleben getrennter Eltern und Kinder
Reinhard Sieder: Patchworks Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2008

409 S., gebunden mit Schutzumschlag -
Mit einem Vorwort von Helm Stierlin

Preis: 29,50 €

ISBN-10: 3608945067
ISBN-13: 978-3608945065
Klett-Cotta Verlag





Wolfgang Loth, Bergisch Gladbach:

Wenn ein Autor wie Reinhard Sieder ein neues Buch vorlegt, darf man gespannt sein. Sieder lehrt als Sozialhistoriker, Kulturwissenschaftler und Familiensoziologe an der Universität Wien, hat in prominenten Verlagen publiziert. Er hat sich als souveräner Denker erwiesen und als ein ebenso belesener wie verständlich schreibender Autor. Als Ausbilder von Paar- und FamilientherapeutInnen sind ihm die Fragen präsent, die PraktikerInnen bewegen. Mit dem vorliegenden Buch greift er ein zentrales Thema heutigen Familienlebens auf – dessen Fragilität und an viele Voraussetzungen geknüpfte Wahrscheinlichkeit des Gelingens.
„Glücklich bis an’s Ende ihrer Tage“ war vermutlich schon immer ein märchenhafter Ausrutscher – trotz leitmotivischer Orientierung daran. Ob die sogenannte Postmoderne etwas an dieser leitmotivischen Orientierung geändert hat – abgesehen bei denjenigen, die mit diesem Bergriff operieren –, mag ich immer noch bezweifeln, auch wenn vieles dagegen spricht, Statistiken zum Beispiel. Patchwork-Familien sind mittlerweile ein (nicht nur) statistischer Normalfall. Damit wären wir beim Thema. Und das Thema beginnt mit einem Holperer. „Patchworks“ nennt Sieder sein Buch, und siehe da: den Plural gibt es eigentlich nicht im englischen Original (1). Da bleibt es beim Singular, Patchwork – Flickwerk, Stückwerk. Das „patch“ im „work“ hat darüber hinaus eine weitgefasste Bedeutung, das reicht von schwierigen Zeiten (‚to go through one’s own rough patch’) bis zum Pflaster, das bei der Wundbehandlung hilft. Und als ob es damit nicht genug sei: Im Sicherheitsbereich sind Patches Programme, die Sicherheitslücken schließen und gleichzeitig neue öffnen… Ob das nun gewollt war oder nicht: der Begriff verdeutlicht ambivalente Dynamiken, und damit lässt er die Bandbreite erahnen, innerhalb derer sich die notwendigen Ausgleichsbemühungen und die neuen Möglichkeiten im „Familienleben getrennter Eltern und ihrer Kinder“ bewegen. Und somit scheint es mir sinnvoll zu sein, wenn Sieder mit der Titelwahl den Plural bevorzugt und damit implizit darauf verweist, dass auch dieser Begriff kein Bedeutungsgefängnis darstellt, sondern einen Möglichkeitsraum eröffnet, der je nach Kontext variieren kann – zum Guten, wie zum Belastenden. Das zu beleuchten ist ein Thema des vorliegenden Buchs und, wie mir scheint, es bewältigt diese Aufgabe mit Bravour.
Sieders Buch bietet außergewöhnlich fundierte und durchdachte Informationen und Reflexionen zu drei Bereichen: zum einen eine kultur- und sozialgeschichtlich ungemein spannende und farbige Diskussion der Phänomene Intimpartnerschaft und Familie, des weiteren die Beschreibung eines Forschungsprojekts zu Patchworkfamilien, und drittens eine ausführliche Auswertung der Ergebnisse im Kontext soziologischer, kulturgeschichtlicher und auch praktischer Themen.
Die „Sehnsucht nach Intimität“ erscheint als machtvolles und doch auf Dauer vielleicht unstillbares Motiv. Die Überschrift des Kapitels „Eine kurze Geschichte der Liebe in der Moderne“ erinnert womöglich nicht zufällig an Hawkings „kurze Geschichte der Zeit“, bei beiden – bei Liebe und bei Zeit – findet sich die Spannung zwischen dem existenziell letztlich Unauslotbaren und dem alltagspraktisch Codier- und Normierbaren. Man kann sie vorgeben wie man will, beide nähren auch Anarchisches, sind letztlich nicht zähmbar. Was zähmbar ist, sind die Formen des Umgangs damit, und das macht es spannend. Die Konsequenzen sind ubiquitär und erheblich. Die Überschrift des nächsten Kapitels: „Nach dem Ende der Liebe: die Trennung“, macht das deutlich, wobei mir scheint: das „Ende der Liebe“ wäre unter Umständen (v)erträglicher als deren Fortsetzung in Form ihres Gegenteils. „Das Ende der Liebe“ in Form eines nüchternen Interessenausgleichs erscheint im Unterschied dazu als förderlicher Akt.
Der zweite Themenschwerpunkt ist die Beschreibung eines Forschungsprojekts. Sorgfältig und nachvollziehbar werden die Annahmen, Vorgehensweisen und Ergebnisse einer qualitativen, fallrekonstruktiven Untersuchung dargestellt. Sieder und KollegInnen haben in langen, narrativ-lebensgeschichtlichen Interviews die Besonderheiten von sechs Familienkonstellationen nachgespürt und aufgezeichnet. Im allgemeinen Teil gibt es auch Begriffsklärungen. Anstelle der normativ vorbelasteten und missverständlichen Begriffe „Kernfamilie“ und „Stieffamilie“ verwendet Sieder die Begriffe Herkunftsfamilie, Erstfamilie („Familien aller Art, die nach dem Verlassen der Herkunftsfamilie gegründet werden“) und Folgefamilie („Familien aller Art, die irgendwann nach der Trennung des Paares oder nach dem Tod eines Partners gebildet werden“, beide: S.56). Die Struktur dieser Familienformen kann weiter unterschieden werden: „Erstreckt sich ‚das Familienleben’ (verstanden als eine Fülle von spezifischen und regelmäßigen Interaktionen und Kommunikationen) bedingt durch die Trennung eines Elternpaares über zwei oder mehr Haushalte, spreche ich von bi- und polynuklearen Familiensystemen“ (S.56). Sieder bemüht sich um eine systemische Perspektive, unterstreicht, dass nicht nur personale Interaktionen das Familienleben prägen, sondern auch das ideelle, kommunikative Einbeziehen von (getrennt lebenden oder sonstwie abwesenden) signifikanten Anderen. In den Interviews kommen Konstellationen aus sehr unterschiedlichen Milieus und gesellschaftlichen Schichten zur Sprache. Eingeschobene Transskriptpassagen verdeutlichen, was die weiteren Überlegungen systematisch verdichten. Es mag erstaunen, dass die Dynamik in den Konflikten getrennter Paare so sehr durch Eltern- und Erziehungsthemen dominiert sind, zumindest in den vorliegenden Beispielen deutlich mehr als durch Themen beschädigter Intimität. Deutlich wird auch, dass bei aller Variabilität möglichen Umgangs mit den allfälligen Herausforderungen das Bildungsniveau der Eltern eine herausragende Rolle zu spielen scheint.
Der dritte Bereich, zu dem das Buch Substanzielles zu bieten hat, ist die Auswertung der ausführlich dargestellten Diskussionen zu den interviewten Familien. Hier gibt es sowohl Informationen zu kennzeichnenden Abläufen im Trennungsgeschehen, zu typischen Konfliktthemen und –dynamiken, sowie spezifische Überlegungen zur Auswirkung von Trennung auf Kinder, zu Forderungen an Eltern zum Wohl der Kinder nach erfolgter Trennung, und vieles mehr. Auch in diesem (über 100 Seiten langen) Kapitel behandelt Sieder eine Vielzahl von soziologischen und gesellschaftspolitischen Themen – letztlich scheint dies auch der ihm nächstliegende Reflexionshintergrund zu sein, weniger die beraterische Alltagspraxis. Umso bemerkenswerter erscheint mir, wie brauchbar seine Überlegungen für die Alltagspraxis wirken.
Die Spannung zwischen möglicher Fülle und notweniger Begrenzung ist ein Grundelement von Buchbesprechungen. Diese Spannung kann sich sowohl lähmend als auch als befruchtend auswirken. Wenn sich mir – wie im Fall des vorliegenden Buches – diese Spannung als Basis angeregten Weiterdenkens erweist, prägt das meinen Gesamteindruck ebenso wie meine Empfindungen hinsichtlich der erzählerischen Könnerschaft einer AutorIn, die – wie im vorliegenden Fall – die angebotene Fülle auflockert und lebendig macht. Was wäre mein Gesamteindruck? Das Buch bietet eine ungewöhnlich inhaltsreiche und umfassende Wissensfülle. Doch ist es für mich mehr als eine hervorragende Materialsammlung. Dieses „mehr“ ergibt sich für mich daraus, wie Sieder einen forscherisch-kritischen Blick und eine zugewandt-wohlwollende Haltung miteinander verbindet, eine Haltung, die mir über den Einzelfall hinauszuweisen scheint, und die das Buch, wie mir scheint, von Beginn bis zum Ende rahmt. „Die anthropologische Lage des Menschen, in den ersten Lebensjahren auf die liebevolle Zuwendung signifikanter Anderer angewiesen zu sein, erzeugt eine tiefe Sehnsucht, die den Menschen bis zu seinem Sterben nicht mehr verlässt“, heißt es ziemlich zu Anfang (S.18). Und am Ende heißt es: „Der (gesellschaftliche) Skandal ist längst nicht mehr das Sexuelle. … Der Skandal ist die unaufgebbare Sehnsucht nach jener Intimität, die sich eher zwischen den Worten verbirgt als sich mit ihnen ausdrücken lässt und die so schillernd wie unstillbar ist“, die Sehnsucht nach „Liebe, Vertrauen, Geborgenheit, Nähe, Zärtlichkeit, Zugehörigkeit, Unterwerfung, Eros, Erregung, und am besten alles zugleich“ (S.360). Damit könnte man große Worte machen. Doch lässt mich die Lektüre des Buches denken, dass der Autor versteht, wovon er da spricht, dass er ein Verstehen des Menschlichen nicht nur erarbeitet, sondern auch erfasst hat. Und dass er zu Recht darauf verweisen kann, dass das Zusammenleben getrennter Eltern und ihrer Kinder zwar nicht ohne Voraussetzungen gelingt, aber dass es gute Chancen dafür gibt, und dass – so scheint mir – Arbeiten wie die vorliegende das Bemühen substanziell stärken können, dazu beizutragen (dass patch works, sozusagen). Ein sowohl beeindruckendes als auch nützliches Buch!

Anmerkung:

(1) Siehe u.a.: http://www.dict.cc/?s=Patchworks; http://dict.leo.org/?p=tLMk.&search=Patchworks; http://www.linguatec.net/onlineservices/linguadict?dt=Patchworks&en=  [Zugriff alle: 24.7.2008]

(mit freundlicher Erlaubnis aus systeme 2008)





Das komplette Kapitel II als Vorabdruck im systemagazin: Eine kurze Geschichte der Liebe in der Moderne

Zur website von Reinhard Sieder

Eine Rezension in socialnet.de von Stefan Bestmann

Eine weitere Rezension von Doris Klepp in "beziehungsweise" (Informationsdienst des Österreichischen Instituts für Familienforschung)

Und hier noch eine von Andreas Eickhorst für "Gehirn & Geist"





Verlagsinformation:

Trennung der Eltern kann die Entwicklung ihrer Kinder schwer belasten. Doch genügend Fälle zeigen, dass die Kinder in der Zeit der Trennung und den Jahren danach wertvolle Erfahrungen machen können, die ihnen und ihrer Entwicklung insgesamt zugute kommen. Das verlangt von der Mutter, das Kind nicht als ihr Eigentum zu betrachten und die Vaterschaft des Mannes aktiv zu unterstützen. Der Vater ist gefordert, die Mutter zu entlasten und als Vater aktiver zu werden. Voraussetzung dafür ist, dass die getrennten Eltern einander wertschätzen und richtig miteinander kommunizieren. In sechs spannend geschriebenen Fallstudien zeigt Reinhard Sieder, wie verschieden der Trennungsprozess verlaufen kann und wie unterschiedlich das Familienleben danach gestaltet wird. Es endet eben nicht mit der Trennung der Eltern, sondern es entstehen neue Familienleben – an zwei Orten und mit unterschiedlichen Familienstrukturen, die die neuen Familien der getrennt lebenden Eltern umfasst. Dies kann einerseits zahlreiche Anregungen und Impulse für die Kinder bieten, andererseits kann es sie überfordern. Speziell die neuen Intimpartner können zu einer Belastung für die Kinder werden. Dennoch lautet die gute Nachricht des Buches: Getrennt lebende Eltern haben es weitgehend selbst in der Hand, ihre neuen Familien zu Orten der Geborgenheit für ihr Kind und sein soziales Lernen zu machen.


Über den Autor:

Reinhard Sieder, Univ. Prof., Dr. phil., ist Dozent in der Ausbildung von systemischen Paar- und Familientherapeuten sowie Sozialhistoriker, Kulturwissenschaftler und Familiensoziologe an der Universität Wien. Bücher des Autors sind bei C. H. Beck und Suhrkamp erschienen, Übersetzungen in fünf Sprachen.





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