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Neuvorstellung zur Übersicht
07.02.2007
Matthias Hermer, Hans Gerhard Klinzing: Nonverbale Prozesse in der Psychotherapie
dgvt-Verlag Tübingen 2004

424 S.

Preis: 28,00 €
ISBN 978-3-87159-047-4
dgvt-Verlag





Tom Levold, Köln:

Ein Buch über nonverbale Prozesse in der Psychotherapie erwartet man zunächst nicht unbedingt im Verlagsprogramm eines verhaltenstherapeutisch ausgerichteten Verlages. Der Psychologe und Psychotherapeut Matthias Hermer und der Historiker, Literatur- und Erziehungswissenschaftler Hans Gerhard Klinzing haben einen interessanten und vielseitigen Sammelband zusammengestellt, dessen Beiträge sehr unterschiedliche theoretische, praxeologische und wissenschaftliche Zielsetzungen verfolgen und der ein besseres Cover-Layout mehr als verdient hätte.
Unter dem etwas missverständlichen Titel „Stille Begegnungen“ liefert Hermer selbst eine ausgezeichnete Einführung in das Thema, in der er zahlreiche Befunde der Kommunikations- und Affektforschung zur Bedeutung der einzelnen Kommunikationskanäle (Mimik, Gestik, Körperhaltung, räumliches Verhalten, Körperorientierung, Blick und Stimme) für die Regulation von sozialen Beziehungen präsentiert und auf ihre Relevanz für psychotherapeutische Prozesse abklopft. Er betont die Komplexität der untersuchten Phänomene und warnt ausdrücklich vor allzu einfachen Deutungen nonverbaler Zeichen seitens der Therapeuten, da diese nicht nur komplex, sondern auch immer in hohem Maße kontextabhängig sind. Seine Forderung nach Berücksichtigung von Komplexität bezieht sich auch auf die Praxis von verhaltenstherapeutisch ausgerichteten sozialen Kompetenztrainings, die eine Stimmigkeit verbaler und nonverbaler Botschaften anstreben: „Soziale Kompetenztrainings geraten dann leicht in Gefahr, Verhaltensweisen zu verstärken, die zwar effektiv im Sinne der Durchsetzung bei Konflikten sind, dabei aber Bindungen unnötig belasten oder gar gefährden. Im Alltag geben wir oft aus gutem Grund nonverbal abweichende Botschaften, mit denen wir parallel zum ausgetragenen Konflikt ausdrücken, dass uns die Aufrechterhaltung der Beziehung am Herzen liegt. … Die kommunikative Kunst besteht … in der Beherrschung von Inkongruenzen zwischen verbalen und nonverbalen Signalen“ (40).
Der entwicklungspsychologische Beitrag von Maria von Salisch nimmt die Entwicklung des emotionalen Ausdrucks und seiner Regulierung von Säuglingsalter bis zur Jugendphase in den Blick. Während bei Säuglingen Erleben und Ausdruck vermutlich noch deckungsgleich sind, können schon ab dem 2. Lebensjahr Diskrepanzen beobachtet werden. Zunehmend spielen Darstellungsregeln und Erfahrungen mit Vortäuschung und Verstellung eine Rolle, die für eine Orientierung im außerfamiliären Bereich ebenso wie in der Familie von großer Bedeutung sind.
In einem kurzen Aufsatz zeigen Grammer, Atzmüller, Striebel und Kment geschlechtsspezifische Aspekte nonverbaler Kommunikation auf. Während Männer z.B. „in ihrer Selbstdarstellung viel häufiger Täuschungsstrategien verfolgen als Frauen“, sind Frauen in ihrem affektiven Ausdruck deutlich expressiver und auch genauer in ihrer Dekodierung von nichtsprachlichem Verhalten. Sie „lächeln häufiger, haben mehr Blickkontakt mit ihrem Gesprächspartner und halten weniger Abstand“ (81).
Andreas Altorfer stellt „Stressindikatoren im nonverbalen Verhalten“ vor, insbesondere Kopfbewegungsmuster („Kopfabwendungen als Zeichen von Stress“).
Der zweite Teil des Bandes ist „Nonverbalen Prozess in der Psychotherapie“ gewidmet. In einem 50seitigen Beitrag „Der ,informierte Leib im Polylog’ - ein integratives Leibkonzept für die nonverbale/verbale Kommunikation in der Psychotherapie“, dessen Literaturliste allein 14 Seiten umfasst, entfaltet Hilarion G. Petzold auf gewohnte Weise eine tiefschürfende und breit angelegte anthropologische Perspektive auf das mind-body-Problem, ohne jedoch genauer auf die psychotherapeutischen Implikationen einzugehen. Die Arbeit von Eva Bänninger-Huber, Barbara Juen und Doris Peham von der Forschungsgruppe Klinische Emotions- und Interaktionsforschung an der Universität Innsbruck über „Die Rolle des Lächelns in der Psychotherapie“ ist für die Praxis schon ergiebiger. Ihre Grundannahme besteht darin, dass „Mimische Verhaltensweisen … als eine Art ,Schnittstelle’ zwischen intrapsychischen und interaktiven Regulierungsprozessen aufgefasst werden“ (157). Das Lächeln als ein wesentlicher sozialer Ausdruck positiver Gefühle spielt dabei eine wichtige Rolle. Untersucht werden von den Autorinnen anhand von Videostudien, von denen sich die Leser anhand zahlreicher Abbildungen eine Vorstellung machen können, so genannte PAMs, „prototypische affektive Mikrosequenzen“, die wiederholt in ähnlicher Form auftreten und einige Sekunden lang dauern. „PAMs kommen vor allem dann vor, wenn die affektive Regulierung einer Dyade gestört ist, wie dies zum Beispiel bei der Diskussion von Konfliktsituationen der Fall sein kann. Anzeichen für eine solche Störung … sind auf der phänomenologischen Ebene etwa unflüssige Sprache, Abbruch von Sätzen, Pausen, Adaptoren oder Indikatoren negativer Emotionen“ (161). PAMs helfen sozusagen interaktiv über eine situative Störung hinweg. Es werden Studien zitiert, die belegen, dass „Beziehungszufriedenheit wesentlich von der Anzahl gelingender PAMs beeinflusst wird: In gut funktionierenden Beziehungen ließen sich die Partner jeweils vom Lächeln und Lachen des ,Gegenübers’ anstecken, was wesentlich zur Konfliktentschärfung beitrug und das Erleben von Wohlbefinden ermöglichte“ (163). Die Autorinnen untersuchten PAMs sowohl bei Paaren als auch in der Mutter-Kind-Interaktion und konnten diesen Befund empirisch bestätigen. Interessant sind ihre Hinweise, dass eine „zu gute“ Regulierung auch nicht immer von Vorteil ist. So tendieren Mütter adoleszenter Töchter dazu, „deutlich häufiger PAMs (zu initiieren), um die Konfliktspannung zu reduzieren. Diese wurden jedoch oft von den Töchtern zurückgewiesen. Wir vermuten, dass diese Zurückweisungen typisch sind für die Entwicklungsphase, in der sich die Töchter befinden, und eine wichtige Funktion in der Autonomieentwicklung erfüllen“ (168). Generell wird festgehalten: „Um zu vermeiden, dass die Konfliktspannung durch zu viele gelingende PAMs ,zu früh’ ausreguliert und ernsthafte Konflikte gar nie auftreten können, können auch nicht-gelingende oder plus-minus PAMs als Regulierungsprozesse produktiv sein. Um die Produktivität einer Regulierungsstrategie beurteilen zu können, ist es daher wichtig, den situativen Kontext und die aktuelle Beziehungssituation zu berücksichtigen“ (ebd.). Diese Beobachtung bietet auch wichtige Anregungen für die Gestaltung therapeutischer Prozesse. Es „erwiesen sich vor allem die als ,Klassische Abstinenz’ und ,Freundliche Zurückweisung’ bezeichneten Kombinationen als für den Therapieprozess förderliche Interaktionsmuster. Günstige Verhaltensweisen auf Seiten des Therapeuten scheinen also zu sein, die Konfliktspannung durch das wiederholte Zurückweisen von traps aufrechtzuerhalten und gleichzeitig durch wiederholte gemeinsame Lächelphasen das für den Klienten wichtige Maß an Bindungssicherheit zu gewährleisten“ (173)!
Jörg Fengler befasst sich mit dem „Schweigen in der Psychotherapie“ und bietet hilfreiche Differenzierungen für das Verständnis von den Umgang mit Schweigen in einer therapeutischen Situation.
Ada Borkenhagen, die sich schon vielfach intensiv mit dem Zusammenhang von Körperlichkeit und Identität auseinandergesetzt hat, versteht in ihrem kurzen Beitrag, der auch als PDF auf ihrer website zu lesen ist (leider nur als Grafik: http://www.uni-leipzig.de/~medpsy/pdf/borkenhagen_selbstverletzung.pdf), „Selbstverletzung als Form spätmoderner Körperinszenierung“: „Einzigartigkeit und Individualität werden heute vielfach durch sozial akzeptierte Körperpraktiken der Selbstverletzungen zur Schau gestellt, die eine Überwindung von Schmerz und Körpergrenzen erfordern. Piercing, Tattooing, schönheitschirurgische Maßnahmen dienen nicht nur einem Schönheitsideal, sondern sollen Identität durch Verkörperung (Embodiment) stiften“ (193). Allerdings ist auch hier die Einordnung in einen Teil über nonverbale Prozesse in der Psychotherapie nicht wirklich nachvollziehbar.
Der Beitrag von Ulfried Geuter bringt einen Überblick über die Entwicklungslinien der Körperpsychotherapie, verbleibt aber auch eher bei den klassischen Konzepten der Aktivierung von Erleben und Katharsis durch körpertherapeutische Übungen - auf nonverbale Prozesse in der Psychotherapie, d.h. zwischen Therapeuten und Klienten geht er wenig ein.
Dieser Aufgabe widmet sich eher Thomas Busch, ein Berliner Körpertherapeut, mit der Frage „Berühren oder nicht berühren…? Möglichkeiten,Schwierigkeiten und Kontraindikationen des therapeutischen Umgangs mit Formen der Berührung in der Psychotherapie und Körperpsychotherapie“ und plädiert für eine Entmystifizierung und Entideologisierung dieser Frage, damit überhaupt ein Raum entstehen kann, um über systematisch gesammelte Erfahrungen reflektieren zu können.
Teil III behandelt „störungsspezifische“ Aspekte von nonverbaler Kommunikation, im Einzelnen bei Angststörungen, Borderline-Persönlichkeitsstörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen und Magersucht. Hier werden jeweils empirische Untersuchungen zum mimisch-affektiven Verhalten von betroffenen Klienten präsentiert. In der Magersucht-Studie, an der auch wieder Eva Bänninger-Huber aus Innsbruck beteiligt ist, kommen auch wieder die Mikrosequenzen affektiver Regulationen zwischen Mutter und Kind über Lächelangebote etc. zur Geltung, die schon weiter oben geschildert wurden.
Im vierten und letzten Teil finden sich Arbeiten zum „Training nonverbaler Kompetenzen“. Ein interessanter Aufsatz schildert das TAD, „Ein Trainingsprogramm zur Dekodierung des mimischen Ausdrucks für schizophren Kranke“. Dieses computergestützte Programm wurde aufgrund der Erfahrung entwickelt, dass schizophrene Patienten nicht nur im mimischen Ausdruck von Emotionen beinträchtigt sind, sondern typischerweise auch deutliche Störungen in der Dekodierung des emotionalen Gesichtsausdruck in der Fremdwahrnehmung aufweisen. Es handelt sich dabei um ein manualisiertes Programm mit strukturierten Aufgaben, der personelle Aufwand ist bei „zwölf Sitzungen in geschlossenen Kleingruppen von je zwei Teilnehmern und einem Therapeuten“ recht hoch (309). Der Teil wird abgeschlossen durch zwei Forschungsbeiträge des Herausgebers Hans Gerhard Klinzing über „Optimierung der Wahrnehmungs- und Interpretationsfähigkeit nonverbaler Zeichen und Signale“ sowie experimentelle Untersuchungen des „Trainings nonverbaler Kompetenzen“.
Wie schon gesagt vereint der Band sehr unterschiedliche Beiträge, sowohl was den theoretischen und konzeptuellen Hintergrund als auch den inhaltlichen Fokus betrifft, wie es bei Sammelbänden eben häufig anzutreffen ist. Nicht alle Beiträge werden daher gleichermaßen das Interesse der Leserin oder des Lesers wecken. Dennoch bietet die Vielseitigkeit des Buches eine Menge an überdenkenswertem Material, auch kommt man mit Perspektiven in Kontakt, die man durch eigene eingefahrene Suchgewohnheiten womöglich ausblenden würde. Neben einigen hervorragenden Beiträgen, vor allem die Einführung von Hermer und die Beiträge von Bänninger-Huber et al. seien hier genannt, finden sich immer wieder auch in den anderen Texten spannende Informationen und Anregungen zur Reflexion des eigenen Umgangs mit nonverbalen Prozessen, so dass das Buch ohne Weiteres empfohlen werden kann.


Wolfgang Loth, Bergisch Gladbach:

Matthias Hermer erwähnt in seinem einführenden Beitrag "Stille Begegnungen" ein Leitmotiv der Beiträge dieses Readers. Ihr Sinn, heißt es da, ergebe sich daraus, "sich seiner nonverbalen Kommunikation bewusst zu werden und sie, so weit es möglich ist, in die Herstellung eines hilfreichen Arbeitsbündnisses einzubeziehen" (S.43). In dieser allgemeinen Form dürfte das passen, etwas kniffeliger wird es schon, wenn es um die praktische Umsetzung geht. Da heißt es auf der gleichen Seite z.B.: "Therapeutische Kongruenz lässt sich […] als Widerspruchsfreiheit zwischen verbaler und nonverbaler Kommunikation definieren". Die Absicht ist löblich, es könnte jedoch sein, dass sich hier ungewollt ein Hinweis auf eine offene Flanke des Buches versteckt. Einerseits wird die Rolle von Kontexten für das Entziffern von Bedeutungswahrscheinlichkeiten nonverbalen Verhaltens erkennbar. Andererseits sind widerspruchsfreie Kontexte wohl eher ein Widerspruch in sich selbst. Oder, wie de Shazer (1992) argumentiert: "Kontext ist bloß mehr Text; die Bedeutungen des "Kontextes" sind genauso unentscheidbar und können deshalb ebenso mehrdeutig sein. Der Verweis auf den Kontext, um problematische Interpretationen zu lösen, verschiebt das Problem einfach an einen anderen Ort: Er löst nichts" (S.72).
Das Kriterium der Widerspruchsfreiheit macht daher wohl nur dann Sinn, wenn Kommunikation in mehr oder weniger trivial isolierbaren Einheiten gedacht wird. Die "alten" Sender-Empfänger-Modelle stehen immer noch Pate, und dies eindeutig nicht im Sinn der von de Shazer auf den Punkt gebrachten Mahnung, die Botschaft bestimme immer der Empfänger. Nun gut, der Forderung Hermers kann dennoch ohne weiteres zugestimmt werden, dass PsychotherapeutInnen "eine ‚automatisierte’ Verarbeitung nonverbaler Signale nicht unhinterfragt zur Wirkung kommen lassen", und dass sie in der Lage zu sein sollten, "ihre Urteile unter Berücksichtigung der Komplexität körpersprachlichen Ausdrucks reflektiert zu verwenden" (39). Wie mir scheint, dient der vorliegende Reader diesem Anliegen recht gut.
Das Buch nimmt sich ein offensichtliches Missverhältnis vor, das zwischen einer eher nachrangigen Bedeutung nonverbaler Prozesse in der Therapieforschung und dem Umstand besteht, dass Ergebnisse, die sich nicht verkörpern (lassen), bestenfalls die Ideenlandschaft bereichern. Erstaunlich, verweist doch ein Begriff wie Behandlung geradezu bildhaft auf das Thema Berührung, Berührtwerden hin, wie der Körpertherapeut Thomas Busch bemerkt (S.237). Das ist natürlich ein weites Feld und die bevorzugte Verlagerung des Berührens in den Bereich des Metaphorischen verweist für Therapie und Beratung wohl nicht zuletzt auf die Fallstricke ethischer (Selbst-)Reflexion. Es macht einen Unterschied, ob Berühren im Kontext trivialer wenn-dann-Konzepte betrachtet wird, oder im Kontext des Respektierens von Autonomie als Ausgangspunkt.
Das Buch gliedert sich nach Hermers Einführung in vier Teile. Teil 1 diskutiert Grundlagen. Hier gibt es u.a. einen informativen und lesbaren Text von Maria von Salisch zu Ausdruck und Regulierung von Emotionen bei Kindern und Jugendlichen. In Teil 2, dem für mich zentralen des Buches, kommen nonverbale Prozesse in der Therapie zur Sprache. Hier ragen für mich die Beiträge von Ulfried Geuter und von Thomas Busch heraus. Geuter skizziert Entwicklungslinien und Modelle körpertherapeutischer Ansätze. Schon spannend, wie sich das Thema von Beginn an zu konflikthafter Ausdifferenzierung eignete (die Entwicklung der Beziehung von Freud und Ferenczi als "berührendes" und Weichen stellendes Beispiel; vgl. dazu den Briefwechsel von Freud und Ferenczi in der letzten Phase ihrer Beziehung (Falzeder & Brabant 2005)).
Thomas Busch diskutiert unter der Überschrift "Berühren oder nicht berühren...?" einige "Möglichkeiten, Schwierigkeiten und Kontraindaktionen des therapeutischen Umgangs mit Formen der Berührung in der Psychotherapie und Körperpsychotherapie". Dieser Beitrag scheint mir ein sehr gutes Beispiel zu sein für einen sowohl verständlichen, wie seriös-informativen, die Schwierigkeiten des Themas nicht verleugnenden Text. Im folgenden Zitat kommen für mich wesentliche Kernpunkte der in diesem Buch diskutierten Thematik zusammen: "Das Herausfinden der "Stimmigkeit" ist ein dialogischer Prozess", heißt es da," in welchem wir uns als Therapeuten beständig im Sinne einer zu bearbeitenden Dialektik von "Unstimmigkeit" und "Stimmigkeit" einlassen sollten, um von dieser Dialektik "infiziert" werden zu können (ohne dabei zu erkranken)" (S.227). Die Kernpunkte, wie ich sie verstehe: "Stimmigkeit" wird nicht einseitig definiert sondern dialogisch miteinander entwickelt. Und: Ein Gespür für Grenzen ist unabdingbar, dies als Voraussetzung wie auch als beständiger Indikator für Respekt, für Respektieren als der im therapeutischen Bereich einzig legitimen Form "bis an die Grenzen zu gehen". Unter dieser Voraussetzung ist die Chance groß genug, dass Berühren nicht zum Verletzen wird.
Weitere Beiträge in Teil 2 befassen sich mit Lächeln in der Therapie, mit Schweigen, und mit dem Thema "Selbstverletzung als Form spätmoderner Körperinszenierung". Auch diese Beiträge lesbar und anregend. Ein Kapitel für sich bildet der Beitrag von Hilarion Petzold über den "informierten Leib im Polylog". Ich bin mir nicht sicher, ob Petzold sich darüber Gedanken gemacht hat, inwieweit sein phänomenales Wissen in dieser Form LeserInnen eher einlädt oder abweist. Wenn der "informierte Leib im Polylog" als ermutigende oder sogar befreiende Erfahrung gedacht sein soll, so kommt das in der vorliegenden Form für mich nicht zum Ausdruck. Ich finde das schade, gerade weil ich trotz der verbalen Hürdenstruktur dieses Beitrags eine Anmutung nicht loswerde, dass darin wichtige Impulse versteckt sein könnten.
Teil III des Readers thematisiert "Störungsspezifische nonverbale Kommunikation" am Beispiel von Angststörungen, Borderline, PTSD und Anorexie. Teil IV stellt drei Beiträge zum "Training nonverbaler Kompetenzen" zur Verfügung. Diese Kapitel stellen im Wesentlichen Forschungsberichte dar. Sie diskutieren ihren Gegenstand sicher auf dem neuesten Stand der zugänglichen Information, entwickeln jedoch eher nicht den spirit, der sich in der Beschäftigung mit nonverbalen Prozessen sonst doch leichter einstellt. Mir scheint auch, dass gerade diese Beiträge verdeutlichen, wie sehr sich der Zeitgeist verändert hat gegenüber der Aufbruchstimmung der nonverbalen Forschung etwa in den 1970er Jahren. Wer sich etwa Albert Scheflens "Körpersprache und soziale Ordnung" (1976, Orig. 1972) noch einmal vornimmt, mag den Unterschied deutlich spüren. Es schien damals beinahe selbstverständlich, den Umgang mit nonverbaler Kommunikation auch (gesellschafts-)politisch zu reflektieren. Zwar funkeln auch im hier vorliegenden Reader immer mal wieder Momente auf, in denen die makrosoziale Einbettung des Themas nonverbale Kommunikation (oder gar des Themas Psychotherapie) erkennbar wird. Diese Momente sind jedoch geradezu versteckt. So, wenn Hermer eine Untersuchung zitiert, in der es um Möglichkeiten ging, Lügen und Wahrheit sagen allein über nonverbale Hinweise zu unterscheiden. "Lediglich eine Gruppe", heißt es da, "nämlich Mitarbeiter des US-Geheimdienstes, konnte Lügner überzufällig von die Wahrheit sagenden Personen differenzieren und unterschied sich damit signifikant von allen anderen untersuchten Gruppen" (S.45). Das mag nun ein Trost sein etwa für solche, die von diesen Experten trennscharf betreut wurden zu Gunsten eines andauernden Friedens in letzter Zeit. Gut, dass Paul Ekman dann auch zitiert wird, es sei für TherapeutInnen nicht erstrebenswert, "sich im nonverbalen Aufdecken von Lügen ihrer PatientInnen zu versuchen. Dies entspreche eher der Rolle von Ermittlungsbeamten" (S.46). Ein schöner Hinweis in einer zunehmend verbürokratisierten Psychotherapielandschaft. [Allerdings haben Ekman und sein Kollege Friesen schon 1969 verraten, dass die üblicherweise weniger kontrollierten Füße sich eher als das stärker kontrollierte Gesicht als Leck betätigen, durch das Information zutreffender fließe hinsichtlich zurückgehaltener Emotionen und Einstellungen.]
Insgesamt halte ich das Buch für gut brauchbar, und im Sinne des Anliegens der Herausgeber für gelungen. Ein Blick auf neuere Literatur und Trends wird möglich, wie auch darauf, welche Autoren aus der Aufbruchzeit heute noch eine Rolle spielen (wie z.B. Ekman & Friesen, Albert Mehrabian, oder Michael Argyle) und welche nicht (wie etwa Ray Birdwhistell oder Albert Scheflen). Das Anliegen, die Aufmerksamkeit (wieder) über die dominierende sprachtheoretische Reflexion hinaus zu lenken, sozusagen auf die "Verkörperungen" narrativer Prozesse, erscheint mir wichtig und hilfreich (auch, dass dies ohne Rekurs auf die gängige Aufstellungsarbeit möglich ist und geschieht). Ich hätte mich allerdings auch darüber gefreut, wenn die Herausgeber etwas mehr auf die quasi-nonverbale Kommunikation zwischen AutorInnen und LeserInnen geachtet hätten. Vielleicht hätten die Herausgeber dann ja auch hinsichtlich der zu Anfang erwähnten Widerspruchsfreiheit punkten können: Inhalt und Form gingen dann Hand in Hand, sozusagen.





Verlagsinformation:

In Therapie und Beratung nehmen wir eine Fülle von Informationen auf – v.a. auch solche, die über verbale Inhalte hinausgehen: Äußere Erscheinung, Mimik, Blick, Körperhaltung, Gestik und Stimmausdruck prägen innerhalb therapeutischer Prozesse erheblich unseren Eindruck von Interaktionspartnern und KlientInnen und geben Aufschluss über deren Persönlichkeitscharakteristika, Emotionen und Einstellungen. Nonverbale Signale beeinflussen maßgeblich die Aufnahme, Aufrechterhaltung und Beendigung interpersonaler Beziehungen und wirken sich auf die Wahrnehmung, Verarbeitung, Beurteilung und Speicherung sprachlicher Inhalte, deren Kontexte sowie auf die Regulierung der Interaktionen aus. Entgegen der hohen Bedeutung der nonverbalen Prozesse in der Psychotherapie spielen sie in Reflexion und Ausbildung therapeutischer Praxis bisher jedoch meist nur eine untergeordnete Rolle. Diesem unbefriedigenden Sachverhalt möchte das vorliegende Buch abhelfen, indem es die verschiedenen Forschungsansätze und Erfahrungsschätze erstmals im deutsch sprachi gen Raum zusammenträgt und vorstellt.


Inhalt:

Hermer, Matthias: Stille Begegnungen. S. 9-54
Salisch, Maria von: Von den Leidenschaften junger Menschen oder wie sich Ausdruck und Regulierung von Emotionen in Kindheit und Jugend verändern. S. 57-77
Grammer, Karl, Atzmüller, Michaela, Striebel, Beate, & Kment, Claudia: Geschlechtsspezifische Aspekte der nonverbalen Kommunikation. S. 79-87
Altorfer, Andreas: Stressindikatoren im nonverbalen Vergleich. S. 89-103
Petzold, Hilarion G.: Der "informierte Leib im Polylog" - ein integratives Leibkonzept für die nonverbale/verbale Kommunikation in der Psychotherapie. S. 107-156
Bänninger-Huber, Eva, Juen, Barbara, & Peham, Doris: Die Rolle des Lächelns in der Psychotherapie. S. 157-176
Fengler, Jörg: Das Schweigen in der Psychotherapie. S. 177-190
Borkenhagen, Ada: Selbstverletzung als Form spätmoderner Körperinszenierung? S. 191-197
Geuter, Ulfried: Körperpsychotherapie - Entwicklungslinien, Behandlungsmodelle, Evaluation. S. 199-219
Busch, Thomas: Berühren oder nicht berühren …? Möglichkeiten, Schwierigkeiten und Kontraindikationen des therapeutischen Umgangs mit Formen der Berührung in der Psychotherapie und Körperpsychotherapie. S. 221-246
Benecke, Cord, & Krause, Rainer: Nonverbale Kommunikation in der Psychotherapie von Angststörungen. S. 249-260
Benecke, Cord, & Dammann, Gerhard: Nonverbales Verhalten von Patientinnen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung. S. 261-272
Kirsch, Anke: Nonverbale Kommunikation bei der posttraumatischen Belastungsstörung. S. 273-288
Bänninger-Huber, Eva, Müller, Ruth, Barbist, Maria-Theresia, & Schranz, Kathrin: Emotionale Regulierungsprozesse bei Frauen mit Anorexia nervosa. S. 289-303
Frommann, Nicole, & Wölwer, Wolfgang: Ein Trainingsprogramm zur Dekodierung des mimischen Ausdrucks für schizophrene Kranke. S. 307-319
Klinzing, Hans Gerhard: Optimierung der Wahrnehmungs- und Interpretationsfähigkeit nonverbaler Zeichen und Signale. Ein Forschungsbericht und zwei experimentelle Untersuchungen. S. 321-363
Klinzing, Hans Gerhard: Training nonverbaler Kompetenzen. Zwei experimentelle Untersuchungen. S. 365-409


Aus dem ersten Beitrag von Matthias Hermer, Stille Begegnungen:


In the beginning was the word, and we assume that
the word is the necessary condition of consciousness, of self.
But the word is not the beginning of communication.
Long before language existed, people communicated,
in the sense that they conveyed intended information.
And long before the infant develops verbal language,
it masters vocal, facial, postural, and gestural communication.

Beier & Young, The silent language of psychotherapy

Die erste große Fernsehdebatte vor den bevorstehenden US-Wahlen war für Al Gore schlecht gelaufen. Er hatte als Favorit gegolten. Den Zuschauern gefielen seine politischen Positionen besser, auch hielten sie ihn für kompetenter als seinen Konkurrenten Bush. Trotzdem erhielt er bei der anschließenden Blitzumfrage schlechte Werte. Man warf ihm Arroganz und schulmeisterliches Auftreten vor. Übermotiviert war er in die Sendung gegangen, mit einer aggressiven Strategie, die er durch eine rote Krawatte unterstrichen hatte. Für die zweite Fernsehdiskussion mit Bush wechselte Gore notgedrungen die Taktik. Er gab sich zahm, argumentierte defensiv und: Er wechselte von der roten auf eine blaue Krawatte.
In einer Studie von Fisher, Rytting und Heslin (1976) vermieden Bibliotheksangestellte im einen Fall bei der Entgegennahme ausgeliehener Bücher jeden Körperkontakt, während sie in der anderen Versuchsbedingung die Hand des Entleihers eine halbe Sekunde lang wie zufällig berührten.
Anschließend wurden die Leser über die Bibliothek befragt. Es stellte sich heraus, dass die beiläufige Handberührung positive Wirkung zeigte. Die Bibliotheksangestellten mit Händedruck wurden ebenso wie die Bibliothek selbst positiver beurteilt als in der Kontrollgruppe, wobei besonders weibliche Versuchspersonen günstigere Urteile abgaben.
In einem etwas boshaften Experiment von Tramitz (1993) verbrachten weibliche Lockvögel eine fünfminütige Wartezeit mit den männlichen Versuchspersonen derart, dass sie ihr Verhalten mitten drin abrupt von freundlich auf unfreundlich oder umgekehrt wechselten. Es zeigte sich, dass die Männer stark auf die Körpersprache der Frauen, vor allem deren Oberkörperbewegungen, achteten, dass diese Wahrnehmung aber dem Interesse oder Desinteresse an der Frau untergeordnet wurde. Männer, die an der Frau interessiert waren, werteten alle Verhaltensweisen als Signale der Zuwendung. Sie gaben ständig falschen Alarm. Vor allem Männer, die von ihrer positiven Ausstrahlung auf Frauen überzeugt waren, hatten größte Schwierigkeiten, weibliche Signale der Ablehnung wie Abwenden, Meiden von Blickkontakt oder körperliches Verschließen überhaupt als Zurückweisung zu erkennen. Sahen sich zwei Versuchspersonen verschiedenen Geschlechts erstmals, ließ sich bereits nach dreißig Sekunden eine gute Prognose über den Fortgang des Kontakts stellen. Je mehr Gesprächspausen es in dieser halben Minute gegeben hatte, desto zäher gestaltete sich die weitere Begegnung. Während für die Urteilsbildung in dieser kurzen Zeit bei den Frauen die männliche soziale Kompetenz sowie das an der Frau gezeigte Interesse des Mannes ausschlaggebend waren, regulierten die Männer ihr Kontaktverhalten primär an der weiblichen Attraktivität (Grammer, 1993).
Die Schnelligkeit der Eindrucksbildung macht man sich in den USA inzwischen beim sogenannten Speed-Dating zu Nutze. Statt unnötiger, Zeit raubender Einzelverabredungen haken Interessierte, die auf der Suche nach einem Partner sind, bei solchen organisierten Treffen bis zu 20 Kontakte an einem Abend ab. Mann und Frau sitzen sich gegenüber und versuchen, in knapp 10 Minuten vom anderen so viel wie möglich zu erfahren. Dann ertönt ein Gong, die Männer stehen auf und rücken zur nächsten Kandidatin vor. Die Beteiligten notieren auf Zetteln, ob sie am Gegenüber interessiert sind. Der Spielleiter wertet die Ergebnisse aus. Nur wenn beide sich wieder sehen möchten, wird via E-Mail der Kontakt hergestellt. Das Ganze ist die aktuell schnellste, wirksamste, oft billigste und derzeit begehrteste Methode der Partnersuche im Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten.

1. Ausdruck und Eindruck

Die Beispiele machen mehrerlei deutlich:
•    Unsere Eindrücke und Urteile werden ständig von nonverbalen Prozessen geprägt, die mit rasender Geschwindigkeit ablaufen und uns zum großen Teil nicht bewusst sind.
•    Signale des Senders und Entschlüsselungen des Empfängers, also Ausdruck und Eindruck, sind oft nicht stimmig; es kann zu Störungen in der Beziehungsregulation kommen.
•    Nonverbale Wirkungen werden mitunter in der Hoffnung inszeniert, damit einen gewünschten Eindruck hervorzurufen. Dann stellt sich - ebenso wie bei Widersprüchen zwischen verbalem und nonverbalem Signal - die Frage nach der Wahrheit einer Information.
Von dem Kommunikationsforscher Gregory Bateson (1981) stammt der Satz, wonach der Kontext wichtiger sei als der Text. Danach wäre die Art, wie jemand etwas sagt, entscheidend für die Einordnung dessen, was er sagt - eine Richtlinie, die für den Alltag empirisch bestätigt werden konnte (Mehrabian und Ferris, 1967) und nach der auch TherapeutInnen in ihrer beruflichen Praxis handeln. In widersprüchlichen Situationen geben sie ihrem nonverbalen Eindruck den Vorrang, wenn ein sichtlich aufgewühlter Patient angibt, dass ihn der soeben berichtete Vorfall kalt lasse. Wie im Alltag vermuten sie zu Recht, dass sich vor allem bei emotionaler Anspannung die Körpersprache schlechter kontrollieren lässt als das gesprochene Wort und dass auf diese Weise wie durch ein Leck der wahre Sachverhalt durch die täuschende Fassade sickert. Versucht man, die verschiedenen Qualitäten einer gesendeten Botschaft nach ihrer Gewichtung zu differenzieren, zeigt sich die große Bedeutung nonverbaler Signale klar.
Mehrabian (1972) ließ Botschaften danach beurteilen, wieweit sprachlicher Inhalt, Tonfall und Mimik dazu beitragen, eine darin zum Ausdruck gebrachte interpersonale Einstellung zu vermitteln. Er kam auf folgende Verteilung: .07 (verbaler Inhalt) + .38 (Tonfall) +.55 (Mimik).
Warum gibt es neben der Sprache ein zweites Kommunikationssystem, das offensichtlich noch dazu einen dominierenden Einfluss haben kann? Argyle (1996) führt mehrere Gründe an:
•    Es gibt Bereiche ohne verbale Kodierung; dies gelte besonders für die zwischenmenschliche Verständigung.
•    Nonverbale Signale zeigen eine unmittelbare, stärkere Wirkung.
•    Nonverbale Botschaften können weniger gut kontrolliert werden und vermitteln daher validere Informationen.
•    Es ist oft ungünstig, seine zwischenmenschliche Einstellung zu deutlich zum Ausdruck zu bringen.
•    Es ist nützlich, parallel zur Sprache einen zweiten Mitteilungskanal benutzen zu können. Dies gilt für den Redner, der seine Aussagen differenzierter und komplexer machen kann, wie für den Zuhörer, der seine Aufmerksamkeit oder Zustimmung signalisieren kann, ohne den Redner unterbrechen zu müssen.
Schon lange vor der modernen Kommunikationsforschung versuchte man, aus körpersprachlichen Hinweisen Gesetzmäßigkeiten abzuleiten (der Begriff der Körpersprache wird wegen seiner Gängigkeit und Plastizität hier synonym mit dem der nonverbalen Kommunikation benutzt, wie wohl letzterer mehr als nur die Körpersprache umfasst, zum Beispiel die Stimmqualität). In die deutsche Wissenschaftsgeschichte eingegangen ist der Streit zwischen dem Schweizer Pastor Johann Caspar Lavater und dem deutschen Physiker und Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg (Buser,1973; Frey, 1999). Lavater verfasste in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, unterstützt durch Goethe, einen Wegweiser zur physiognomischen Charakteranalyse. Deren Behauptung, aus Körper- und Gesichtsmerkmalen auf bestimmte Eigenschaften schließen zu können, wurde in ganz Europa begeistert aufgenommen. Selbst der deutsche Kaiser reiste in der Hoffnung zu Lavater, auf diese Weise erfolgreicher Verbrecher entdecken und seine Beamten effektiver auswählen zu können.
In diese Euphorie platzte Lichtenberg 1777 mit einer Polemik, in der er die physiognomische Sterndeuterei als Hokuspokus bezeichnete, die nichts mit Wissenschaft zu tun habe, sondern lediglich das zwanghafte Bedürfnis der Menschen bediene, jeder Pockennarbe und jedem Pickel einen physiognomischen Sinn zu geben.
Lichtenberg (1840) sah eine allgemein menschliche, wiewohl irrationale Neigung am Werk, gegen die er um so engagierter zu Felde zog, als er selbst von Zeitgenossen als "unansehnlich, klein, höckericht, krumm an Füßen, mit einem sehr dicken Kopf" beschrieben wurde. Seine Kritik war so erfolgreich, dass die Physiognomik als wissenschaftliche Disziplin innerhalb kürzester Zeit aus den Universitäten verschwand.
Sie hat allerdings bis heute in vielen Nischen überlebt und scheint damit auf ein elementares Bedürfnis der Menschen zu verweisen, komplexe Reizmuster auf einfache und rasche Weise zu kategorisieren (die Zeit des deutschen Faschismus ist dafür ein schauriges Beispiel). Eine solche Nische geben beispielsweise Heilpraktiker ab, die sich in der "Chirologie" üben, einer angeblich uralten Weisheit, aus den Händen eines Menschen auf seinen Charakter zu schließen. Häufig drängen sich trotz des Bemühens, auf die Variabilität, Unbestimmtheit und Situationsabhängigkeit der nonverbalen Kommunikation hinzuweisen, letztlich doch wieder simple Verallgemeinerungen in den Vordergrund. So heißt es in einem weit verbreiteten Buch zur Körpersprache:
"Geht jemand mit einwärts gewandten Fußspitzen, so bremst er. Wenn dann auch noch der Oberkörper eine verwandte Position zeigt - zusammengefallene Brust, Schultern eingekehrt, Kopf abgeneigt -, so signalisiert das eindeutig die passive Zurückhaltung einer verschlossenen Person. Sie ist introvertiert, und es ist schwer, mit ihr zu kommunizieren. Wenn zum Beispiel nur das linke Bein nach außen weist, so kann man schließen, dass dieser Mensch bei allem Zielbewusstsein emotionalen Einflüssen recht offen ist und wohl auch einmal einen Seitensprung riskiert. Stößt der Fuß sich im letzten Moment noch wie bei einem Langläufer mit Ballen und Zehen vom Boden ab, um dem ganzen Körper einen entscheidenden Stoß nach vorne zu geben, so ist das bei normaler Gangart ein Zeichen von verstecktem Ehrgeiz. Wird der Fuß hingegen im letzten Moment vor dem Bodenkontakt noch ein wenig zurückgeholt, so deutet das auf einen Menschen, der mehr Offenheit und Großzügigkeit vorgibt, als er in Wirklichkeit zu praktizieren imstande ist." (Molcho, 1998, S.101f)
In der Alltagspsychologie finden sich zahllose Reste des Lavaterschen Ansatzes. Prototypisch dafür ist der Abraham Lincoln zugeschriebene und vermutlich von nicht wenigen PsychotherapeutInnen geteilte Ausspruch, wonach mit dreißig Jahren jeder Mann für sein Gesicht verantwortlich sei (bei Lincoln spielten die Frauen noch keine Rolle). Darauf wird noch zurück zu kommen sein.
In der Auseinandersetzung zwischen Lavater und Lichtenberg zeigt sich exemplarisch eine Kontroverse, die bis auf den heutigen Tag ausgetragen wird. Es ist die Frage, ob das Bild etwas über den Abgebildeten oder den Betrachter aussagt, ob also die wissenschaftliche Analyse am Ausdruck oder am Eindruck anzusetzen hat. Die Ausdruckspsychologie ging davon aus, dass wir durch die Körpersprache etwas über den Sender erfahren, während der Empfänger als neutrale Leinwand fungiert. Es fanden sich aber bald Belege, dass wir im Prozess der nonverbalen Kommunikation häufig falsche Schlüsse ziehen. So werden Brillenträger intelligenter eingeschätzt als Personen ohne Brille, obwohl dies ein Trugschluss ist (Argyle und McHenry, 1971). Und auch die empirischen Hinweise darauf, dass Frauen Männern mit Bart mehr Männlichkeit und Status zuschreiben als solchen ohne, sagt (zum Bedauern des Bart tragenden Autors) nichts über die Realität der Männer, sondern etwas über die Fallen visueller Urteilsbildung (Freedman, 1969). Die Einschätzung der Intelligenz von Kindern anhand von Photos und Filmausschnitten erbrachte dürftige Resultate; besonders schlecht war sie aber bei direkter Beobachtung (Meili und Steingrüber, 1978). So kam es, dass im Anschluss an die letzte umfangreiche Systematik der Ausdruckspsychologie von Kirchhoff (1957) immer stärker die interpersonelle Seite des Ausdrucks-Eindrucks-Prozesses in den Vordergrund rückte.
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