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Neuvorstellung zur Übersicht
20.12.2006
Kirsten von Sydow, Stefan Beher, Rüdiger Retzlaff, Jochen Schweitzer: Die Wirksamkeit der Systemischen Therapie/Familientherapie
Sydow Wirksamkeit Systemischer Therapie Hogrefe Verlag Göttingen 2006

182 S., broschiert

Preis: 26,95 €
ISBN: 3801720373
Hogrefe Verlag





Tom Levold, Köln:

1999, kurz nach dem Inkrafttreten des Psychotherapiegesetzes, stellten die Systemische Gesellschaft und die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie beim Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie einen Antrag auf Anerkennung der Systemischen Therapie als wissenschaftlich begründetes Psychotherapieverfahren. In einer umfangreichen Auftragsarbeit, die sich in seinem empirischen Teil auf 26 Studien zur Erwachsenen-, Kinder- und Jugendlichentherapie stützte, stellte Günter Schiepek Materialien zu Rahmenbedingungen, Prozessgestaltung oder Verfahren Systemischer Therapie zusammen und versuchte (weitestgehend unter Rückgriff auf die Theorie selbstorganisierter Systeme und der Synergetik), diese zu einem Konzept systemischer Therapie zu vereinheitlichen, das in erster Linie Therapie als selbstorganisierenden Prozess auffasste - ein Vorhaben, das nicht unbedingt alle Spielarten systemischer Theorie und Praxis einschloss, aber immerhin eine faszinierende Positionsbestimmung darstellte, was die Verbindung von systemischer Theorie und klinischer Praxis betraf. Es handelte sich dabei um den Versuch, nicht nur empirische Belege für den erfolgreichen Einsatz systemischer Therapie aufzuführen, sondern implizit darüber hinaus einen kritischen Diskurs über den Wissenschaftsbegriff selbst und damit natürlich auch den des Wissenschaftlichen Beirates anzuregen. Hintergrund dieses Versuches war die – ebenso anmaßende wie bornierte – Definition des Beirates, was denn unter einem wissenschaftlich begründeten Psychotherapieverfahren bzw. Wissenschaft selbst zu verstehen sei: nämlich die empirische Forschung nach dem Modell randomisierter, kontrollierter quantitativer Outcome-Studien. Das Ergebnis ist bekannt: Die Systemische Therapie erhielt die Anerkennung skandalöserweise nicht.
Nun gibt es von einem zweiten Anlauf zu berichten. 2005 beauftragten die beiden Verbände ein Autorenteam um Kirsten von Sydow von der der Universität Hamburg, Materialien für einen neuen Antrag auf Anerkennung zusammenzutragen. Das Ergebnis ist jetzt als Buch erschienen - und unterscheidet sich erheblich vom Vorgänger.
Während das Schiepek-Buch noch die Quadratur des Kreises versucht und die systemische Therapie in einen erweiterten wissenschaftlich-theoretischen Begründungszusammenhang gestellt hatte, handelt es sich beim vorliegenden Text mehr oder weniger um einen reinen Forschungs-Gebrauchstext, konzentriert auf die Präsentation von Befunden, die die Anerkennung der Systemischen Therapie auch aus einer beiratsimmanenten Perspektive mehr als nahe legen. Und da gibt es eine im Vergleich zu 1999 überaus positive Bilanz: Während damals nur 8 auf Erwachsene bezogene und nur teilweise randomisierte Studien genannt wurden, werden nun 33 kontrollierte und randomisierte Studien, also viermal so viele erwähnt. Bei kinder- und jugendlichentherapeutischen Studien ist das Verhältnis  19 (1999) zu 50 (2005). In der Erwachsenenpsychotherapie scheint die Systemische Therapie diesen Studien zufolge vor allem bei der Behandlung von Depressionen, Essstörungen, psychischen und sozialen Faktoren bei somatischen Krankheiten (in Kombination mit medizinischen Routinebehandlungen), Substanzstörungen und schizophrenen Störungen (kombiniert mit Medikation und Psychoedukation) erfolgreich zu sein, in der Kinder- und Jugendpsychotherapie bei Störungen des Sozialverhaltens und Delinquenz, Substanzstörungen, Essstörungen sowie psychischen Faktoren und Verhaltenseinflüssen bei Asthma.
Als Name für das Verfahren schlagen die Autoren „Systemische Therapie/Familientherapie“ vor, unter Anerkennung der Tatsache, dass Familientherapie primär ein therapeutisches Setting und keine theoretische Orientierung bezeichnet (S. 14). In kurzen Absätzen wird bei der Beschreibung des Verfahrens auf die geschichtliche Entwicklung, das Menschenbild und die therapeutische Grundhaltung, die Gestaltung von Therapiekontext und -prozess und  Interventionsmethoden (strukturell-strategisch, symbolisch-metaphorisch, zirkulär, lösungsorientiert und narrativ-dialogisch) eingegangen. In einem weiteren Kapitel wird der Stand der Theorieentwicklung skizziert, wobei auf die Systemtheorie in ihren unterschiedlichen Spielarten, auf die Watzlawicksche Kommunikationstheorie, den Konstruktivismus, den narrativen Ansatz, die systemische Familienmedizin und die Bindungstheorie Bezug genommen wird.
In einem ebenfalls recht kurz gehaltenen Abschnitt über ätiologische Konzepte schreiben die Autoren: „Systemische Therapeuten gehen davon aus, dass die Sprache der Psychopathologie und der Psychotherapie Realität nicht nur abbildet, sondern sie auch selbst prägt (…). Ob und ab welcher Intensität auffälliges und irritierendes Verhalten, Denken oder Fühlen eines Menschen als klinisch relevantes Symptom oder gar als komplette Störung betrachtet wird, ist wesentlich von sozialen Konsensbildungsprozessen in Familie, sozialem Umfeld und in der medizinisch-psychotherapeutischen Fachwelt abhängig“ (47). Solche Sätze, die ja ein Kernkonzept systemischer Theorie und Praxis ansprechen, sind im Buch aber wie Schmuggelware versteckt. Erhielten sie breiteren Raum, müsste sogleich auch in Frage gestellt werden, wie die verdinglichten und verdinglichenden Kategorien der Diagnostik-Kataloge eigentlich zustande kommen, wie sie sozial konstruiert werden und was Psychotherapieforscher denn eigentlich genau erforschen. Genaus dieses würde aber das Anliegen des Buches konterkarieren.
Stattdessen wird sogar der Eindruck erweckt, als sei die Systemische Therapie nicht nur völlig problemlos mit einer klassischen klinischen Diagnostik vereinbar, sondern als sei das auch in der Praxis der Regelfall: „Systemische Diagnostik orientiert sich an den klassischen Ansätzen klinischer Diagnostik (z.B. ICD-10, DSM-IV, standardisierte Fragebögen, Interviews und Beobachtungsverfahren), weist darüber hinaus aber noch folgende Besonderheiten auf: Neben der Symptomatik und den Problemen von Indexpatient und Angehörigen werden auch (sic!) die familiären Interaktionen … und der soziale Kontext erfasst“ (51) und: „In der Systemischen Therapie/Familientherapie wird zunächst wie in jeder anderen Therapie die Symptomatik des Indexpatienten … orientiert an der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen ICD-10 … durch Exploration , standardisierte Interviews oder Fragebögen diagnostiziert“ (52). Man höre und staune. Ist das wirklich so? Oder handelt es sich um eine gar nicht so subtile, aber folgenreiche Verschiebung von Wertigkeiten, die die konzeptuellen Differenzen systemischer Praxis zum Mainstream und damit das eigentlich Neue des systemischen Ansatzes einebnet und glauben macht, als befände sich die Systemische Therapie ohnehin schon längst im Zentrum des „evidenzbasierten“ medizinischen Behandlungsparadigmas, das der Wissenschaftliche Beirat gerne zum Standard erheben möchte.
Zwar wird konzediert, dass „stärker naturalistische Studien und Fallstudien (…) für die klinische Entwicklung der Systemischen Therapie/Familientherapie Bedeutung gehabt“ haben (119), von denen auch einige auf drei Seiten benannt werden, allerdings konzentriert sich die Expertise „bewusst auf kontrollierte und randomisierte oder parallelisierte Studien“ (ebd.). Nun darf aber getrost bezweifelt werden, dass die „klinische Entwicklung der Systemischen Therapie“ in den letzten Jahrzehnten in nennenswertem Maße von RCT-Studien beeinflusst worden ist. Vielmehr dürfte sie doch wohl der kreativen Praxis zahlreicher TherapeutInnen und Behandlungsteams geschuldet sein, die darüber ausführlich publiziert und ihr Wissen in Weiterbildungsveranstaltungen weitergegeben haben.
Das überaus Lobenswerte an diesem Buch ist zweifellos die - soweit für einen Forschungslaien beurteilbar - gründliche und solide Recherche und Aufbereitung verfügbarer Forschungsdaten zur Wirksamkeit Systemischer Therapie, die deutlich machen, dass die Systemische Therapie/Familientherapie auch unter quantitativen Forschungsgesichtspunkten anderen Psychotherapieverfahren locker das Wasser reichen kann, wenn nicht sogar - wie in einzelnen Bereichen - überlegen ist. Insofern sei es als Lektüre allen ans Herz gelegt, die sich – in welchen Kontexten auch immer – darüber streiten müssen, dass die Systemische Therapie ein empirisch zweifelhaftes Verfahren sei.
Ansonsten bringt es allerdings ein paradoxales Dilemma deutlich zum Ausdruck, dem sich die Systemische Therapie derzeit ausgesetzt sieht: um zukünftig nicht noch weiter an den fachlichen, rechtlichen und ökonomischen Rand der Psychotherapie gedrängt zu werden, muss sie Kriterien akzeptieren, die nicht in einem offenen wissenschaftlichen Aushandlungsprozess entstanden sind, sondern von einem kleinen Zirkel von Entscheidungsträgern pro domo gesetzt und durchgesetzt werden. Vor diesem Hintergrund kann sie zwar den systemimmanenten Nachweis führen, dass sie wie andere Verfahren auch legitimerweise zum Kernbestand psychotherapeutischer Praxis gerechnet werden muss - und muss aber dafür gleichzeitig quasi ausblenden, was ihren Erfolg, ihre Kreativität und ihre Besonderheit überhaupt ausmacht - nämlich ihre Infragestellung dessen, was diesen Mainstream derzeit absolut dominiert: die Unterwerfung der Psychotherapie unter ein medizinisches (und eben nicht: ärztliches) Behandlungsparadigma und die Verdinglichung eines komplexen und individuellen sozialen Interaktionsprozesses zu einer manualgesteuerten Verabreichung von Interventionen. Denn erst wenn wenn man sich auf diese Verdinglichung einlässt und Psychotherapie als Medikament konzipiert, welches in einer bestimmten Dosis, in einer bestimmten Frequenz und in einer bestimmten Dauer von einem Behandler unter kontrollierten Bedingungen verabreicht wird, erhält diese Art von Psychotherapieforschung  überhaupt ihren Sinn. Akzeptiert man diese Voraussetzung, kommt man offensichtlich zu sehr passablen Ergebnissen.
Auf dem Cover ist eine Karikatur von Manfred von Papen abgebildet, die eine Art von System-Aufstellung auf einem Schachbrett (!) darstellt und damit ironischerweise das skizzierte Dilemma der Systemischen Therapie - wohl eher unabsichtlich - zum Ausdruck bringt. Während auf dem Spielfeld recht viel Beziehnungslosigkeit zu entdecken ist, liegen schon einige Figuren außerhalb des Spielfeldes herum. Hoffentlich nicht mehr als ein paar Bauernopfer.





Verlagsinformation:

„Der Band gibt einen aktuellen, systematischen und umfassenden Überblick zur systemischen/familientherapeutischen Psychotherapieforschung. Die Systemische Therapie/Familientherapie ist eine weit verbreitete und in den meisten westlichen Ländern (USA, UK, Schweiz, Österreich usw.) wissenschaftlich anerkannte, versorgungstechnisch integrierte und akzeptierte Psychotherapierichtung. Doch in Deutschland wird dieser Ansatz bisher nicht wissenschaftlich anerkannt. Das Buch gibt einen kurzen Überblick über die theoretischen Grundlagen und die Praxis der Systemischen Therapie/ Familientherapie und stellt systematisch und differenziert den aktuellen Stand der systemischen/familientherapeutischen Psychotherapieforschung dar. Insbesondere werden die derzeit vorliegenden kontrollierten randomisierten Outcome-Studien sowie Studien zum Psychotherapieprozess vorgestellt. Darüber hinaus wird auch auf die Versorgungsrelevanz dieses Ansatzes eingegangen. Es wird deutlich, dass die Wirksamkeit von Systemischer Therapie/ Familientherapie für eine Reihe von Störungsbildern gut belegt ist, sowohl im Kindes- und Jugendalter (z.B. für Störungen des Sozialverhaltens, Substanzstörungen, Depressionen und Suizidalität, Essstörungen und psychische/ soziale Faktoren bei somatischen Krankheiten) als auch bei Erwachsenen (z.B. für Substanzstörungen, Depressionen, Essstörungen, psychische/soziale Faktoren bei somatischen Krankheiten und Schizophrenie). Besondere Vorteile des systemischen/ familientherapeutischen Ansatzes sind die meist geringeren «Drop-out»-Raten, eine hohe «Kundenzufriedenheit» der Patienten und Angehörigen mit der Therapie und eine günstige Kosten- Nutzen-Relation. Häufig können schon mit wenigen Sitzungen in längeren Abständen sehr positive Ergebnisse erzielt werden. Der Band liefert einen aktuellen, systematischen und umfassenden Überblick zur systemischen/ familientherapeutischen Psychotherapieforschung.“



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