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Neuvorstellung zur Übersicht
09.12.2006
Wilhelm Rotthaus: Wozu Erziehen? Entwurf einer systemischen Erziehung
Rotthaus Wozu erziehen Carl-Auer Verlag 2006 (6. Auflage)

175 S., broschiert

Preis: 17,95 €
ISBN: 3896704753
Carl-Auer Verlag





Kurt Ludewig, Münster:

Denk- und Handlungsansätze aus dem so genannten systemischen Denken, sprich: jener spezifischen Zusammensetzung aus systemwissenschaftlicher und konstruktivistischer Denkweise in die Besonderheiten der Erziehungssituation umzusetzen, ist schon seit langem ein erklärtes Anliegen des Autors. Wilhelm Rotthaus widmete bereits 1986 die dritte der von ihm ausgerichteten Viersener Therapietage diesem Thema. Dabei wurden Therapie und Erziehung als die zwei wesentlichen Elemente, aus denen sich kinder- und jugendpsychiatrisches Arbeiten speist, gegenübergestellt. Die Erkenntnisse aus diesem eindrucksvollen Treffen finden seitdem immer wieder in den Schriften des Autors, aber auch anderer damaliger Referenten, Niederschlag. Rotthaus war es bei dieser Tagung erstmalig gelungen, im Rahmen einer deutschen kinder- und jugendpsychiatrischen Tagung prägende Persönlichkeiten des systemischen Denkens wie Heinz von Foerster, Niklas Luhmann und Siegfried Schmidt mit Praktikern und Forschern des Feldes ins Gespräch zu bringen(1). Damit verdiente sich diese Tagung einen bemerkenswerten Platz in der Geschichte des in den achtziger Jahren aufkommenden systemischen Ansatzes in Deutschland. Wichtige Impulse daraus flossen später in das 1990 publizierte Werk des Autors zur stationären systemischen Kinder- und Jugendpsychiatrie ein (2).
Nun hat sich Wilhelm Rotthaus daran gemacht, seine in einer langen Tätigkeit als Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie am LKH Viersen gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse im Hinblick auf eines seiner Lieblingsthemen zusammenzustellen: Systemische Erziehung. Der provokative Titel „Wozu erziehen?“ verspricht Anregendes und Verstörendes, der Inhalt des Buches hält dem stand. Das Buch ist mit jener Lebendigkeit geschrieben, die auf gelebter Erfahrung beruht. Es gehen nicht nur die Erfahrungen eines psychologisch und psychiatrisch geschulten Arztes ein, sondern darüber hinaus jene, die offenbar vom Grundberuf des Autors herrühren, nämlich dem eines Kammersängers. Denn er gibt sich nicht mit bloß wissenschaftlich klingenden Formeln oder mit pragmatischen Anleitungen zufrieden, sondern er bleibt immer darauf bedacht, seinen Leserinnen und Lesern noch so schwierige Gedankengänge in ästhetischer und mitreißender Weise zu präsentieren.
Im Zentrum des Buches steht das Bekenntnis zu der systemischen Prämisse, die lautet, Entweder-Oder-Setzungen, die gemäß ihres Anspruches auf einzig- und endgültige Wahrheiten sich von selbst zu lähmen neigen, durch eine der Komplexität menschlicher Existenz angemessenere mehrwertige Logik eines Sowohl-als-Auch zu überwinden. Nicht das einzig Richtige im Umgang von Kindern und Erziehenden wird gesucht, sondern das Passende. Die Rede ist nicht davon, wie kleine Menschen zu formen, meißeln oder zurecht zu schneidern sind, sondern davon, wie Lernende – Kinder und Erziehende – einen für alle Seiten fruchtbaren Dialog gestalten können, immer wissend, daß die heutige Lösung morgen wieder anders sein kann. Sozialisation beinhalte eben nicht, dass eine primäre, zur beliebigen Modellierung verfügbare Masse einseitig gestaltet wird, sondern sie bezeichne vielmehr einen Interaktionsprozess zwischen autonomen Wesen. Denn Kinder als autonome Wesen sind schon als Säuglinge bereit und in der Lage, sich aktiv an diesem Interaktionsprozess zu beteiligen. Sozialisation bedeute – ganz im Sinne Niklas Luhmanns – Selbstsozialisation, also einen Prozess, in dem das Kind aus dem Anregungsangebot seiner Umwelt aktiv und eigenständig wähle. Einflussmaßnahmen müssen, wenn sie nützlich sein sollen, an die Logik des internen Operierens des Kindes anschließen, also passend zu dessen Struktur sein. Einflussmaßnahmen müssen aber auch hinreichend bedeutungsvoll und interessant für das Kind sein. Denn Kinder sind zwar biologisch autonom und üben Selbstsozialisation aus, sie leben aber zugleich sozial eingebunden und benötigen geeignete Anregungen durch ihre soziale Umwelt, um ihre Anlagen zu verwirklichen.
In diesen Sätzen erkenne ich die wesentliche Botschaft dieses Buches. Paraphrasiert könnte sie heißen: Laßt uns neugierig werden auf die vielen Möglichkeiten und individuellen Besonderheiten, die unsere eigenen und anvertrauten Kinder mit sich bringen, und erlauben wir uns als Erziehende, unter Wahrung unserer Individualität von ihnen zu lernen, um so mit ihnen eine auf gegenseitigem Respekt, aber auch auf Selbstachtung aufbauende dialogische „Erziehung“ zu gestalten.
Neben dieser eigentlichen Botschaft streift das Buch auch bisherige Ideen zur Erziehung in ihrer geschichtlichen Entwicklung. Wohltuend empfand ich es, wie der Autor, ohne Anspruch auf Besserwisserei, sich von allzu ideologisch begründeten Vorgaben distanziert, wie sie von der sogenannten Antipädagogik und antiautoritären Erziehung propagiert wurden, gleichzeitig aber auch von dogmatischen Auffassungen einer autoritären, auf Heteronomie beruhenden Einstellung. Statt dessen plädiert er für eine kindgemäße Formulierung von Erziehungszielen, die es wahrscheinlicher machen, daß unsere Kinder lernen, eine aufgeklärte und zugleich risikoreiche Metaposition zu der Verführungskraft sozialer Systeme und deren oftmals allzu unreflektierten Selbstverständlichkeiten einzunehmen. Dies sei schlechthin eine wichtige Voraussetzung für psychische Gesundheit, zugleich aber auch zur Verwirklichung einer menschenwürdigen Gesellschaft.
Kritisch wäre allenfalls beiläufig anzumerken, ohne aber damit die Qualität des Buches zu mindern, daß der Kenner des systemischen Denkansatzes auf manches bereits Bekannte stoßen wird. Wohl getreu seiner musischen Ader behandelt der Autor sein Thema in vielfältigen Variationen. Dies dürfte zu einem besonderen Genuß für Liebhaber der Lesekunst gereichen, zuweilen aber auch das Durchhaltevermögen jener Pragmatiker, zu denen ich mich zähle, überfordern, die gern schnell lesen wollen, um rasch auf den Punkt zu gelangen. Indes bietet das Buch für Neulinge im Feld des Systemischen eine ungewöhnlich leicht nachvollziehbare Einführung in diesen Denkkontext. Für Erziehende nun, ob als Eltern, professionelle Erzieher, Psychotherapeuten oder Lehrer, bietet dieses
Buch eine Fülle von Anregungen, sofern man bereit ist, von vereinfachenden Gewissheiten und Selbstverständlichkeiten auf Abstand zu gehen und sich selbst in seinen erzieherischen Ansichten zu hinterfragen. Denn auf die Weiterreichung von Rezepten, wie man „richtig“ erzieht, wird hier weitgehend verzichtet. Das Buch bleibt konsequent bei dem, was es verkündet: ein vielfältiges Anregungsangebot für sich selbstsozialisierende Erziehende.

Anmerkungen:

(1) vgl. Rotthaus, W. (Hrsg.): Erziehung und Therapie in systemischer Sicht. Dortmund, Verlag modernes lernen, 1987
(2) vgl. Rotthaus, W.: Stationäre systemische Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dortmund: Verlag modernes lernen, 1990

(mit freundlicher Genehmigung aus Kontext 1999)





Eine weitere Rezension von Christian K. D. Moik für das Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie

Ein online verfügbarer Artikel von Wilhelm Rotthaus: Neue Herausforderungen an die elterliche Erziehungskompetenz für das Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 19

Ein Interview des Autors mit dem Deutschen Ärzteblatt: Erziehung im Wandel: „Die Eltern verweigern zu erziehen“





Verlagsinformation:

"Wozu erziehen?" betrachtet den Prozess der Erziehung unter systemischen Gesichtspunkten und macht den systemischen Ansatz für die erzieherische Praxis nutzbar. Das Buch geht dem heute verbreiteten Phänomen der Erziehungsunsicherheit nach. Aufbauend auf einem historisch fundierten Verständnis von Kindheit zeigt Wilhelm Rotthaus auf, daß Erziehung zwar unverzichtbar ist, aber auf der Grundlage einer veränderten Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen erfolgen muß. Aus der systemtheoretischen Sicht auf die unterschiedlichen Dimensionen des Erziehungsprozesses untermauert er die Forderung nach einer neuen Haltung und Einstellung gegenüber dem Kind. Das Buch macht deutlich, welche Ziele von Erziehung systemisches Denken nahelegt und warum in diesem Bereich eine Neuorientierung erforderlich ist."


Über den Autor:


Wilhelm Rotthaus Dr. med., hat neben dem Studium der Medizin in Freiburg, Paris und Bonn und dem der Musik in Köln Ausbildungen in klientenzentrierter Gesprächstherapie, klientenzentrierter Spieltherapie und Systemtherapie absolviert. Von 1983 bis 2003 war er Ärztlicher Leiter des Fachbereichs Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Rheinischen Kliniken Viersen. Buchveröffentlichungen u. a.: "Psychotherapie mit Jugendlichen", "Erziehung und Therapie in systemischer Sicht", "Stationäre systemische Kinder- und Jugendpsychiatrie", "Systemische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie".


Inhaltsverzeichnis:

Teil I:  Warum erziehen? Überlegungen zur Notwendigkeit einer neuen Erziehung
1.        Erziehungsunsicherheit heute
2.        Erziehen - eine überholte Idee?
2.1      Die Kinderrechtsbewegung
2.2      Die Antipädagogik
2.3      Die antiautoritäre Erziehung
2.4      Die Unmöglichkeit, nicht zu erziehen
3.       Die Idee der Kindheit
3.1.     Der pädagogische Schonraum
3.2      Kindheit und Erziehung - historisch gesehen
3.3      Kindheit heute
3.4      Das Scheitern herkömmlicher Erziehung
4.        Erste Anregungen für eine neue Erziehung
4.1      Anregungen zu einer neuen Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen
4.2      Erzieherische und politische Konsequenzen
5.       Exkurs: Wieviel Erziehung brauchen Kinder wann in welcher Art?

Teil II: Was ist Erziehung? Die verschiedenen Dimensionen des Erziehungsprozesses aus systemtheoretischer Perspektive
1.       Allgemeine Charakterisierung von Erziehung
2.       Erziehung aus Sicht des Kindes als zu erziehendem System
2.1.    Die erzieherische Handlung aus der Sicht des Kindes
2.1.    Die Autonomie kindlichen Handelns
2.1.2   Umweltreize als Anregung zur Selbstsozialisation
2.1.3   Die Gleichzeitigkeit von Autonomie und Abhängigkeit des Individuums
2.2.    Die erzieherische Beziehung aus der Sicht des Kindes
2.2.1   Die Bereitschaft, Erziehung zu akzeptieren
2.2.2   Die Bereitschaft, die jeweilige Erzieherin zu akzeptieren
2.3      Die Fähigkeit zur Selbsterziehung
3.       Erziehung aus Sicht der ErzieherIn
3.1     Die erzieherische Handlung aus der Sicht der ErzieherIn
3.1.1   Konsequenzen aus der Autonomie kindlichen Handelns
3.1.2    Das Verhalten des Kindes im Netz der Beziehungen
3.2    Die erzieherische Beziehung aus der Sicht der ErzieherIn
3.2.1    Die Deutlichkeit der erzieherischen Absicht
3.2.2    Die Bereitschaft fördern, sich erziehen zu lassen
3.2.3    Die Gefährdung des kindlichen Selbstwertes durch Erziehung
3.2.4    Kein Kind ist aggressiv, es verhält sich nur so
3.3    Anregung zur Selbsterziehung
3.3.1    Förderung der Voraussetzungen für Selbsterziehung
3.3.2    Hilfen bei der Selbsterziehung
3.3.3    Der paradoxe Appell an die Einsicht des Kindes
4.    Erziehung als interaktiver Prozeß
4.1    Erziehung als Koevolution
4.2    Die Paradoxie von Erziehung
4.3    Zur Frage der Planbarkeit von Erziehung
4.4    Der Metalog über die erzieherische Beziehung
4.5    Erzieherische Verantwortung
4.6    Das erzieherische Gespräch
5.    Jenseits von Erziehung oder Wo Erziehung noch unsicherer wird
5.1    Familie und Schule als Erziehungsinstitutionen
5.2    Das Erziehungssystem Familie
5.3    Das Erziehungs- und Bildungssystem Schule
5.4    Das Erziehungsziel, eine Metaposition einnehmen zu können

Teil III:    Wozu erziehen?
Anregungen zur Ausrichtung und Zielorientierung von Erziehung
1.    Rückblick
2.    Anregung einer radikal persönlichen Verantwortung für das eigene Handeln
2.1    Abschied von Ideologien und Wahrheiten
2.2    Ethische Orientierung
2.3    Philosophische Leitlinien für moralische Entscheidungen
2.4    Ethische Orientierung in der Erziehung
2.5    Diskurspädagogik
3.    Verantwortungsethik als Erziehungsziel
4.    Anregung zur Vielfalt der Ansichten, Meinungen und Lebensformen
5.    Anregung zur Dialogfähigkeit
6.    Lernen zu lernen


Vorwort des Autors:

Wozu erziehen? Diese Frage stellt sich heute vielen Eltern, Erzieherinnen und Erziehern in ihrer doppelten Bedeutung: Welche Absichten und welche Ideen verfolge ich in der Erziehung? Was sind meine, was sind die "richtigen" Erziehungsziele? Und wenn ich die Ziele weiß: Wie ist Erziehung überhaupt möglich? Gibt es "richtige" Erziehung? Und schließlich: Wollen die heutigen Kinder noch erzogen werden? Soll ich überhaupt noch erziehen? Ist das Ende der Erziehung, wie manche behaupten, gekommen?
Solche Fragen sind die Themen dieses Buches. Es reiht sich jedoch nicht in die lange Kette jährlich neu erscheinender Erziehungsratgeber. Da Ratschläge immer auch einen Mangel an Respekt vermitteln, in der jeweilig besonderen Situation doch nicht passen und entsprechend selten hilfreich sind, wird in diesem Buch ein anderer Ansatz verfolgt: Es wird versucht, aus einer systemtheoretischen Perspektive die Bedingungen für Erziehung in unserer heutigen Gesellschaft zu erfassen und den Vorgang der Erziehung besser zu verstehen. Ziel ist es, auf diese Weise innere Haltungen und Einstellungen bei Eltern, Lehrerinnen und Lehrern, Erzieherinnen und Erziehern anzuregen, aus denen heraus sinnvolles erzieherisches Handeln unter den einmaligen Bedingungen der jeweiligen Einzelsituation möglich wird. Auf die gleiche Art werden aus einer systemtheoretischen Sicht ethische Grundsätze und Ideen entwickelt, die sinnvolle und für die Zukunft des Menschen lebensnotwendige Ziele anregen sollen.
Entsprechend dieser Zielsetzung gliedert sich das Buch in drei Hauptkapitel. Im ersten wird der Frage nachgegangen, warum heute eine so große Erziehungsunsicherheit besteht und warum das Ende der Erziehung von den einen Fachleuten gefordert, von den anderen beklagt wird. Dabei scheinen viele der gängigen Erklärungen zu kurz gegriffen. Zudem dürfte die Forderung nach einer Rückkehr zu dem erzieherischen Selbstverständnis der letzten Jahrhunderte, das auf der Idee einer grundlegenden Differenz zwischen Kindern und Erwachsenen basierte, ebenso wenig tragfähig sein wie die Aufforderung, jegliche Erziehung aufzugeben und Kinder nur noch als kleine Erwachsene zu behandeln.
Anders der Ansatz in diesem Buch: Aus einem historisch fundierten Verständnis von Kindheit heute wird versucht, eine neue Beziehung von Kindern und Erwachsenen anzuregen, die sowohl die Unterschiede zwischen beiden berücksichtigt als auch die Forderung nach partnerschaftlicher Gleichberechtigung erfüllt. Aus einem solchen Verständnis heraus ist das Kind nicht mehr Objekt erzieherischer Bemühungen, sondern bleibt Subjekt seines Lebens und seiner Entwicklung. Erziehung wird dann verstanden als ein interaktiver Prozeß, in dem die Handlungen aller beteiligten Partner gleich wichtig sind, auch wenn Kinder und Erwachsene unterschiedliche Rollen und Aufgaben haben.
Im zweiten Hauptkapitel wird versucht, den Prozeß des Erziehens in seinen unterschiedlichen Dimensionen auf verschiedenen Betrachtungsebenen - so aus der Sicht des zu Erziehenden (des Kindes), aus der Sicht von Eltern, LehrerInnen und ErzieherInnen und schließlich als interaktiver Prozeß - verständlich werden zu lassen. Aus einer systemtheoretischen Sicht werden häufig für selbstverständlich gehaltene Annahmen über Erziehung in Frage gestellt, und es wird erörtert, welche Konsequenzen ein systemisches Verständnis des Erziehungsprozesses hat. Die im ersten Kapitel entwickelte Sicht der Kind-Erwachsenen-Beziehung findet hier auf anderer Grundlage ihre Bestätigung.
Das dritte Hauptkapitel ist der Frage nach den Erziehungszielen gewidmet. Abgeleitet wieder aus einer systemtheoretischen Perspektive wird eine Forderung erhoben, die manchem Leser allzu radikal erscheinen mag - auch wenn sie in der Moralphilosophie keineswegs neu ist: die Forderung nach einem Verzicht auf moralische Werte und Normen zugunsten einer ethischen Orientierung menschlichen Handelns als Ziel von Erziehung. Darüber hinaus werden einige weitere Ideen entwickelt, die im Hinblick auf eine Erziehung zu einem friedlichen Zusammenleben in der Welt grundlegend erscheinen.
Ein Hinweis in "eigener Sache" mag dem Verständnis dienen: Als Kinder- und Jugendpsychiater bin ich täglich mit problembeladenen Lebenssituationen von Kindern und Jugendlichen sowie ihren Eltern und ErzieherInnen befaßt und begegne zwangsläufig den unterschiedlichsten Arten erzieherischer Schwierigkeiten und vielen Formen erzieherischen Scheiterns. Dabei habe ich in den vergangenen Jahren zunehmend die Überzeugung gewonnen, daß die Erziehungsprobleme heute anderer Art sind als noch vor 20 oder 30 Jahren. In Gesprächen mit KollegInnen des eigenen Fachs und aus anderen Berufsgruppen, die in ähnlicher Weise mit Kindern und Eltern zu tun haben - PsychologInnen, PädagogInnen u. a. -, fand ich meine Beobachtungen oft bestätigt. Um es ganz grob zu charakterisieren: Während Kinder früher durch eine übermäßige, einengende, autoritäre Erziehung in ihrer Entwicklung behindert wurden, scheint dies heute dadurch zu geschehen, daß sie aufgrund von Erziehungsunsicherheit und Erziehungsresignation kaum noch Grenzen kennenlernen.
Ich bin mir bewußt, daß ich in meinem Beruf jeweils mit den Extremen gesellschaftlicher Entwicklungen konfrontiert bin. Die geschilderten Beobachtungen scheinen jedoch in überspitzter Form einen Wandel erzieherischer Einstellungen und Haltungen aufzuzeigen und Kernfragen gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, unter denen Erziehung heute erfolgt, zu verdeutlichen. Diese Vermutung näher zu untersuchen und Expertenmeinungen aus Pädagogik, Soziologie, Psychologie und anderen Wissenschaftsbereichen, wie sie in der Literatur zu finden sind, heranzuziehen, war ein Anlaß für dieses Buch.
Ein weiterer Anlaß für dieses Buch lag darin, daß ich inzwischen gut eineinhalb Jahrzehnte systemtheoretisch orientierter Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sowie ihren Eltern und sonstigen Angehörigen unter stationären und ambulanten Bedingungen überblicke. Dabei habe ich die Überzeugung gewonnen, daß systemisches Denken für das Verstehen menschlichen Verhaltens nützlich ist und daß es zudem dazu anhält, die Würde des anderen - sei es Kind, sei es Erwachsener - zu respektieren und seine autonomen Entscheidungen zu achten. Es hat mich deshalb gereizt zu untersuchen, ob der systemische Blick auf den Prozeß der Erziehung neue Anregungen erbringt.
Eine letzte Anmerkung für Leser, denen systemisches Denken noch wenig vertraut ist. Die moderne Systemtheorie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem der fruchtbarsten Konzepte in den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen entwickelt. Sie befaßt sich mit dem heute in allen Lebensbereichen als zentral erkannten Problem der Komplexität, das heißt mit dem Problem der Vielschichtigkeit und Vernetzung, mit den Strukturen und Beziehungen sowie den Regeln und Mustern zwischen den Elementen eines Systems. Im Mittelpunkt systemtheoretischen Interesses stehen demnach nicht so sehr die Zustände der einzelnen Teile als vielmehr die Prozesse ihres Zusammenwirkens. Das gilt auf jeder Systemebene, der der Beobachter seine Aufmerksamkeit zuwendet, der individuellen Ebene neuronaler Prozesse ebenso wie der der Familie oder der Schule, wobei jedes System als Teilsystem eines übergreifenden Systems (und umgekehrt) betrachtet werden kann. Systemisches Denken hat inzwischen weite Verbreitung gefunden in Psychologie und Medizin, vor allem der Psychotherapie (Systemtherapie, Familientherapie), ebenso wie in der Organisationsentwicklung und Managementberatung, in der Soziologie sowie in vielen Bereichen, in denen es um die Steuerung komplexer Systeme geht, beispielsweise der Entwicklungshilfe oder der Ökologie. Einen auffallend geringen Niederschlag findet die Systemtheorie bislang in der Pädagogik, hier noch am ehesten in der Schulpädagogik, fast gar nicht aber in dem großen Bereich der Erziehung. Dieses Buch möchte ein Anstoß zu einer überfälligen Diskussion sein.




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