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Neuvorstellung zur Übersicht
26.07.2006
Paul Ekman: Gefühle lesen. Wie Sie Gefühle erkennen und richtig interpretieren
Paul Ekman: Gefühle lesen Spektrum-Akademischer Verlag 2004

363 Seiten, 100 Abb., Gebunden
Übers: Susanne Kuhlmann-Krieg

Preis 25,00 €
ISBN: 3827414946
Spektrum Akademischer Verlag





Tom Levold, Köln:

Die gewaltige Zahl von Büchern und Aufsätzen über affektive Kommunikation in den vergangenen Jahren hat den Stellenwert deutlich gemacht, den Affekte, Gefühle und Emotionen im sozialen Austausch allgemein und spezifisch in der therapeutischen Kommunikation spielen. Effektive Kommunikation ist dabei nicht nur an die Fähigkeit gebunden, Affekte und Gefühle angemessen zum Ausdruck zu bringen, sondern auch entsprechend decodieren zu können. Wenn die dargebotenen Affekte eindeutig und stark ausgeprägt sind, können die meisten Menschen diese aufgrund angeborener Fähigkeiten relativ leicht identifizieren.
Da viele Affektausdrücke aber eher gemischt oder nur schwach ausgeprägt sind, und aufgrund der Flüchtigkeit dargestellter Affekte und Gefühle, die oftmals nur für Bruchteile von Sekunden gezeigt werden, ist ihre Decodierung jedoch auch für professionelle Psychotherapeuten, die sich immerhin ständig mit Gefühlen beschäftigen, keine leichte Übung, kann aber erlernt werden (Wie Ekman und O‘Sullivan in einer Untersuchung über die Fähigkeit, vorgetäuschte Affekte identifizieren zu können, zeigen konnten, schneiden Geheimdienstangehörige noch am besten ab).
Der Affektforscher Paul Ekman möchte mit diesem Buch einen Beitrag dazu leisten. Ekman ist sicherlich einer der bekanntesten Affektforscher in der Welt und Schüler des Begründers der Affektforschung, Silvan Tomkins. Berühmt wurde er mit seinem Facial Action Coding Systems (FACS), das die Bewegung von 44 verschiedenen Muskelgruppen im Gesicht (action units) im Millisekundenbereich unterscheidet, welche dem Ausdruck spezifischer Affekte und Gefühle dienen.
Im vorliegenden Buch ist in erster Linie von Emotionen die Rede, die Unterscheidung zwischen Emotionen und Gefühlen wird nicht explizit vorgenommen. Im deutschen Sprachraum würden wir eher von angeborenen Affekten sprechen, von denen es nur eine kleine Gruppe gibt, während die Zahl der Gefühle (in der Entwicklung des Kindes später auftauchende Affektdifferenzierungen bzw. -mischungen, die unhintergehbar mit sprachlich-kognitiven Schemata verknüpft sind) sicherlich in die Tausende geht.
Ekmans Buch richtet sich in erster Linie an ein interessiertes Laienpublikum, aber auch für Therapeuten und Berater ist es ausgesprochen lesenswert. In leichter, erzählerischer Manier berichtet er von seinen Forschungen in den vergangenen 40 Jahren (u.a. auch bei den Fore in Neuguinea), breitet er sein Verständnis von Emotionen aus und stellt die für ihn maßgeblichen Basisaffekte im Einzelnen vor. Dabei geht es nicht nur um das Erkennen von Emotionen, sondern auch um die Frage ihrer Beeinflussbarkeit.
Die Vielfalt emotionaler Äußerungen verdankt sich der Tatsache, dass es neben den kulturunabhängigen angeborenen Affekten eine Vielzahl kulturabhängiger Darstellungsregeln gibt, die festlegen, welche Anlässe für das Zeigen bestimmter Affekte legitim sind bzw. welche Affekte in welchen Situationen erwartet werden dürfen. Ekman hat dafür den Begriff der „Display Rules“ geprägt. Zusammen mit dem Temperament des Individuums, welches u.a. die Stärke, Dauer, Steigerung und Abklingen des Ausdrucks beeinflusst, ergibt sich eine außerordentlich breites Spektrum des individuellen Gefühlsausdrucks.
Das Erleben und der mimische, stimmliche und gestische Ausdruck von Emotionen stellt eine überlebenswichtige Funktion dar, die sich im Zuge der Evolution herausgebildet hat. Allerdings sind Emotionen nicht immer nur nützlich. So kann ein Affekt mit unangemessen hoher Intensität (etwa Angst oder Zorn) erlebt oder auf kontraproduktive Weise gezeigt werden, oder es kann sein, dass Affekte nicht zur Situation passen (etwa wenn Angst in einer nicht bedrohlichen Situation erlebt wird, S. 23). Affekte stellen einen unbewussten und äußerst schnell anspringenden, d.h. mehr oder weniger automatischen Bewertungsmechanismus dar, der uns in der Regel hilft, auf eine Weise zu Handeln, die uns in schwierigen Situationen nützt und angenehme Situationen herstellen und aufrechterhalten lässt.
Auf die Frage, ob wir beeinflussen können, was uns emotional werden lässt, antwortet Ekman sehr verhalten optimistisch und nennt einige Faktoren, die über die Beeinflussbarkeit entscheiden: Je näher der Auslöser für einen Affekt dem angeborenen Emotionsthema ist, je früher dieser Auslöser in der eigenen Affektbiografie erlernt wurde, je stärker und dichter der ursprüngliche emotionale Gehalt war und je intensiver die affektive Erregbarkeit der Person ist, desto schwieriger wird es sein, die eigene emotionale Reaktion beeinflussen zu können (65-68). Vor allem postuliert Ekman eine sogenannte „Refraktärphase“ am Beginn einer jeweiligen emotionalen Episode, „die unser im Gedächtnis gespeichertes Wissen und Informationen so filtert, dass wir nur Zugriff auf das haben, was die von uns empfundene Emotion nährt. Diese Refraktärphase kann wenige Sekunden, aber auch sehr viel länger dauern“ (298).
Ekman zufolge ist es daher nicht möglich, innerhalb dieser Phase Informationen zu verarbeiten, die nicht zu den beherrschenden Gefühlen passen, uns aber evtl. korrigierende Hinweise auf den uns in Anspruch nehmenden Sachverhalt und die Angemessenheit unsere affektiven Reaktion geben könnten: „Wenn uns ein unangebrachtes Gefühl beherrscht, deuten wir das Geschehen so, dass es mit diesem Gefühl im Einklang steht, und ignorieren unser Wissen, das nicht mit ihm übereinstimmt“ (55). Die Konsequenz daraus kann nur sein, mit der Klärung emotionaler Konflikte abzuwarten, bis diese Refraktärphase abgeklungen ist - bis dahin kann nur Regulationsverhalten hilfreich sein, das auf eine Verkürzung dieser Phase ausgerichtet ist (ein wichtiger Gesichtspunkt auch für die Mikrogestaltung therapeutischer Prozesse).
Im größten Teil des Buches beschreibt Ekman ausführlich in fünf Kapiteln die für ihn wichtigsten Affekte: Trauer und Verzweiflung, Ärger und Zorn, Überraschung und Angst, Ekel und Verachtung sowie positive Emotionen. In jedem Kapitel benennt er die häufigsten Auslöser für das betreffende Gefühl, seine Funktion und seine evtl. dysfunktionalen Aspekte, und ggf. die psychischen Störungen, an denen das Gefühl auf dominante Weise beteiligt ist. Zusätzlich werden den LeserInnen Übungen zur Schärfung ihrer eigenen, mit dem jeweiligen Gefühl verknüpften Körperwahrnehmungen angeboten.
Didaktisch exzellent eingesetzt sind die zahlreichen speziell für diesen Zwecke angefertigten Fotografien von Ekmans 16-jähriger Tochter, die verdeutlichen, wie minimale Veränderungen in der Gesichtsmuskulatur entscheidende Änderungen des Affektausdrucks bewirken und  einen echten Lerneffekt bewirken. Eine Reihe großformatiger Fotos am Ende des Buches dienen dem Test zur Erkennung von Affekten, den die Leser selbst durchführen können. Darüber hinaus enthält der Band zahlreiche lehrreiche Reproduktionen von Pressefotos, die spontane Affektäußerungen und –darstellungen abbilden.
Schließlich werden die Kapitel mit Empfehlungen für den Laien abgerundet, wie man diese Informationen über Gefühle am Arbeitsplatz oder in der Familie nutzen kann. Immer wieder empfiehlt Ekman, durch konsequentes Üben die eigenen emotionsgetriebenen Impulse möglichst früh wahrzunehmen, bevor sie in Aktionen umgesetzt werden. Die empfohlenen entsprechenden Techniken sind Achtsamkeitsübungen, Aufzeichnungen, Meditation u.ä. - Häufig verweist Ekman im Text auf seine Begegnung mit dem Dalai Lama und dessen sehr ähnlichen Ansichten über die Beeinflussung des Gefühlslebens. Er spart auch nicht mit emotionalen Geschichten aus seinem eigenen Leben, seine Darstellung wird damit auf übrigens sehr angenehme Weise persönlich.
Zu betonen ist die Rolle der Stimme beim Ausdruck von Affekten, die Ekman zufolge bislang viel zu wenig beachtet und erforscht worden. Besonders die positiven Affekte, die mimisch in erster Linie mit einem Lächeln verbunden sind, differenzieren sich für ihn eher über die damit verbundene Stimmlage als durch die Mimik. Erstaunlich ist für mich der Verzicht auf die Behandlung von Scham, des ohnehin in der Regel am wenigsten beachteten Affektes, der für seinen Lehrer Tomkins eine große Rolle spielte (und immerhin für einen anderen Tomkins-Schüler, den Psychiater Donald Nathanson, zum Zentrum seiner affekttheoretischen Arbeit geworden ist). Die Begründung, dass er selbst darüber nicht geforscht habe, mutet etwas seltsam an. Auch Schuld, gemeinsam mit Scham ein bedeutsamer „sozialer Affekt“ wird nicht berücksichtigt, sicherlich vor allem für therapeutisch geschulte Leser ein ziemliches Manko.
Mit Leineneinband, Schutzumschlag und angenehmem Papier ist das Buch hervorragend ausgestattet, ein ausführliches Register erleichtert die Suche nach bestimmten Passagen. Die bibliografischen Angaben finden sich nicht in einem alphabetischen Verzeichnis, sondern in den Endnoten zu den einzelnen Kapiteln am Schluss des Buches, was das Aufspüren von Quellen etwas schwerfällig macht.
Der Verzicht auf exakte Definitionen und die Erörterung der gegenwärtigen Forschungslage ist der Orientierung an einem breiten Lesepublikum geschuldet und geht daher in Ordnung, zumal er durch eine ausgesprochen gute Lesbarkeit ausgeglichen wird, für die auch die Übersetzerin Susanne Kuhlmann-Krieg zeichnet. Dass das Konzept aufgeht, zeigt sich auch daran, dass es als erstes psychologisches Fachbuch das Interesse meines 15-jährigen Sohnes erringen konnte. Lernen kann hier jeder etwas auf vergnügliche und anregende Weise - das Buch sei daher einem breiten Publikum empfohlen.

Literatur:
Ekman, P. & O‘Sullivan, M. (1991): Who can catch a liar? American Psychologist 46, 913-920 (zit. nach M. Hermer und H.G. Klinzing: Nonverbale Prozesse in der Psychotherapie, Tübingen 2004)
Nathanson, D.L. (1994): Shame and Pride: Affect, Sex, and the Birth of the Self. W.W. Norton & Company





Eine Rezension von Olaf Schmidt für wissenschaft-online

Eine weitere von Winfried Berner für umsetzungsberatung.de

Und noch eine von Ulfried Geuter für den Hessischen Rundfunk

und schließlich noch die von Philipp Zimmermann für rezensionen.ch





Verlagsinformation:

Unsere Mimik ist von einer immensen Vielfalt gekennzeichnet: Feinste Muskelbewegungen in unseren Gesichtern lassen sich in mehr als 10.000 Kombinationen zusammenbringen. Manche dieser Kombinationen haben einen ausgeprägten Signalcharakter und geben bestimmten Gefühlszuständen wie etwa Trauer, Wut oder Angst einen unverwechselbaren und universalen (also kulturunabhängigen) Ausdruck.
In Gefühle lesen fasst Paul Ekman vierzig Jahre bahnbrechender Forschungsarbeiten zu einer aufschlussreichen, faszinierenden und praktisch anwendbaren Lektüre zusammen.
In Ekmans spannenden und erhellenden Buch geht es um Fragen wie:
Welches sind die häufigsten Auslöser von Emotionen, und inwieweit kann man sie bewusst kontrollieren?
Warum überreagieren wir manchmal oder erleben eine emotionale Antwort, die der Situation unangemessen ist? Und können wir in solchen Fällen gegensteuern?
Wieso sind manche Menschen so gut in der Lage, ihre Gefühle zu verbergen, während andere ihre Emotionen stets offen zu Markte tragen?
Gefühle lesen enthält einen Test, mit dem Sie feststellen können, wie gut Sie Gefühle zu erkennen vermögen, und bietet Hilfen für die Wahrnehmung und Interpretation sehr subtiler emotionaler Signale bei sich und anderen. Kleine Übungen erhöhen Ihre Aufmerksamkeit für die körperlichen Empfindungen, die durch Gefühle hervorgerufen werden. Und so erwächst aus dem spannenden Bericht über die Wissenschaft der Emotionen eine Perspektive für die Anwendung dieser Kenntnisse im Alltag.

Inhalt:

Vorwort zur deutschen Ausgabe, Danksagung, Einleitung
Emotionen quer durch die Kulturen
Wann reagieren wir emotional?
Können wir beeinflussen, was uns emotional werden lässt?
Emotionales Verhalten
Trauer und Verzweiflung
Ärger und Zorn
Überraschung und Angst
Ekel und Verachtung
Positive Emotionen
Resümee: Mit Emotionen leben
Anhang: Gesichter lesen - der Test
Nachwort, Anmerkungen, Bildnachweise, Index

Über den Autor:
Paul Ekman ist Professor für Psychologie an der University of California in San Francisco und einer der bekanntesten amerikanischen Psychologen. Bahnbrechend waren seine ethnologischen Studien - vor allem auf Papua-Neuguinea - zur Universalität emotionaler Gesichtsausdrücke.



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