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Neuvorstellung zur Übersicht
08.06.2006
Maja Storch, Frank Krause: Selbstmanagement - ressourcenorientiert. Grundlagen und Trainingsmanual für die Arbeit mit dem Zürcher Ressourcenmodell (ZRM)
Storch Krause Selbstmanagement Verlag Hans Huber Bern

3., korr. Aufl. 2005

256 S., 12 Abb., 3 Tab., Kt

Preis: 19.95 €/ 34.90 CHF
ISBN: 3-456-84172-8
Verlag Hans Huber





Wolfgang Loth, Bergisch Gladbach:

Selbstverständlich ist es wohl nicht, ein Buch vorzufinden, das hält, was es (im Titel) verspricht. Ein Buch, dessen AutorInnen die Gratwanderung gelingt, sowohl neuere Grundlagentexte und Forschungsergebnisse zu berücksichtigen, als auch konsequent auf den Nutzen für die Praxis zu achten. Diese Gratwanderung gelingt Storch und Krause beispielhaft.
In ihrer theoretischen Annäherung an das Thema "Ressourcen" konzentrieren sich die AutorInnen in erster Linie auf Ergebnisse der Neurowissenschaften. Ressourcen werden in diesem Sinne als "neuronale Erregungsmuster" verstanden, "die im Hinblick auf die Absichten, welche die KlientInnen im Laufe ihrer Entwicklung verfolgen, unterstützend wirken können" (19). Der neurowissenschaftliche Orientierungsrahmen wird in Form des motivationspsychologischen Rubikon-Konzepts praxisbezogen umgesetzt.
Zentrale Begriffe in der neurowissenschaftliche Annäherung an ein Ressourcenkonzept sind unter anderem "neuronale Plastizität" und "neuronale Netze".
Mit neuronaler Plastizität ist kurzgefasst die Möglichkeit gemeint, ein Leben lang zu lernen. Die Fähigkeit, aus grundsätzlich vorhandenen Erregungspotenzialen Erregungsmuster werden zu lassen, bleibt ein Leben lang erhalten. Voraussetzung ist jedoch der häufige und erfolgreiche Gebrauch dieser Fähigkeit.
Erregungsmuster wiederum können als neuronale Netze beschrieben werden: "Sie sind die Bausteine unseres Gedächtnisvermögens", schreiben Storch und Krause. Ohne sie "würden wir in einem Meer von Sinnesdaten untergehen; wir wären nicht in der Lage, die ungeheure Menge von Informationen, die jede Sekunde auf uns einströmt, sinnvoll zu ordnen und abzurufen" (32). Das psychologische Verbindungsstück zum neurowissenschaftlichen Konzept der neuronalen Netze ist das Konzept des Schemas (vgl. Grawe 1998).
Die für professionelles Helfen zentrale Frage ist nun, wie das Herausbilden derjenigen neuronalen Netze gefördert werden kann, deren verhaltens- und gefühlsmäßige Pendants sich den Hilfesuchenden als positive Erfahrung darstellen. Ein Knackpunkt dabei ist die offensichtliche Tendenz des Organismus, so schnell, so lange und so ausgiebig wie möglich, den sparsameren Weg über automatisierte Prozesse zu gehen. Mit "Weg" ist hier der Weg des Identifizierens und Bewertens von Reizen gemeint. Schnell , aber ungenau verläuft er vom sensorischen Thalamus zur Amygdala. "Dank der direkten Bahn können wir auf potenziell gefährliche Reize schon reagieren, bevor wir uns über den Reiz ein vollständiges Bild gemacht haben" (41). Genauer, aber länger, also "teurer" ist der Weg über den Cortex. Bewusstsein sei jedoch, so wird Gerhard Roth zitiert, aus der Sicht des Organismus ein Zustand, der zu vermeiden sei und für den Notfall aufgespart werden müsse.
Die übliche Not besteht nun jedoch in der Regel darin, dass der gegebene Fall sich meist als eine Konstellation aufführt, in der die Zeit für ein bewusstes ("explizites") Problemlösen fehlt. Das für den Fall des Lernens notwendige häufige (und erfolgreiche) Aktivieren neuronaler Netze unterliegt daher einem für Zwecke professionellen Helfens durchaus heiklen Kalkül. Die angenommene Tendenz zum Vermehren von Wohlbefinden und Vermeiden von Unlust kann ja durchaus auch als ein Hemmschuh für das nachhaltige Aufbauen alternativen Verhaltens ("vernünftigeres", "gesünderes", "wünschenswerteres", ...) wirken. Oft genug sind Durststrecken zu überwinden, Hoffnung muss genährt werden, d.h. im weitesten Sinne: sich etwas für später vorstellen zu können, was den Einsatz jetzt lohnt. Hier geht nichts ohne (oder über) Gefühle, das heißt aber auch: vieles geschieht hier ohne bewusste Aufmerksamkeit, schnell, automatisiert. Das Problem läßt sich mit der Frage illustrieren: "Wie sollen wir den Anteil willkürlich steuerbaren Verhaltens erhöhen, wenn unbewusst arbeitende Systeme des Gehirns einen so mächtigen Einfluss auf das Verhalten nehmen?" (52). Die Antwort: "Eine beabsichtigte Reaktions- oder Verhaltensänderung wäre in diesem Sinne ein neues neuronales Netz, das so stark gebahnt werden muss, dass es als neuer Automatismus den alten, unerwünschten Automatismus ersetzt" (54). Die Aufgabe für professionelle HelferInnen besteht zu einem bedeutenden Teil darin, Gelegenheiten zu erkennen und zu fördern, die diesen Übergang von einem Automatismus in einen anderen erleichtern. In der theoretischen Reflexion ließen sich hier leicht Querverbindungen zu Schiepeks Definition Systemischer Therapie knüpfen: Therapie als "als dynamisiertes Schaffen von Bedingungen für die Möglichkeit von Selbstorganisationsprozessen in psychischen und sozialen Systemen" (1999, S.30).
Zwei Konzepte sind es vor allem, die im weiteren Verlauf als Orientierungshilfen zum Tragen kommen. Zum einen das perspektivische, motivationspsychologisch durchdachte Rubikon-Modell. Zum anderen das unmittelbar relevante, körperpsychologisch orientierte Konzept des somatischen Markers.
Mit somatischem Marker ist nach Damasio eine konditionierte körperliche Reaktion auf bestimmte Empfindungen gemeint. Diese Reaktion ist zwar automatisiert, läuft ohne bewußte Aufmerksamkeit ab, kann jedoch "von außen" in der Regel beobachtet werden. Storch und Krause sprechen in diesem Zusammenhang des öfteren vom "glückseligen Grinsen", ein in den Trainingsgruppen offensichtlich beliebtes Insiderkürzel. Das Orientieren an den jeweiligen somatischen Markern spielt eine wichtige Rolle dabei, diejenigen Impulse, Vorstellungen, Vorhaben und Entscheidungen zu identifizieren, die mit höherer Wahrscheinlichkeit nachhaltig verfolgt werden, oder verfolgt werden können, weil sie harmonischer zum Gesamtgefüge der jeweiligen Person passen als andere, die etwa aus Disziplingründen oder aus Folgsamkeit aufgegriffen wurden.
Die zweite Säule des Vorgehens, das Rubikon-Modell, wird hier um die Ausgangsphase "Bedürfnis klären" erweitert. Dem folgt das Herausarbeiten eines Motivs, das sich im Unterschied zum Bedürfnis dadurch kennzeichnet, dass es bewusst verfügbar ist. Der Rubikon befindet sich zwischen Motiv und der Intention, etwas für das Umsetzen des Motivs zu tun, sich vorzunehmen, etwas zu ändern. In dieser Phase ist es besonders wichtig, auf die somatischen Marker zu achten. Gelingt der Übergang über den Rubikon und wächst eine Intention heran, lässt sich als nächstes die Phase der "präaktionalen Vorbereitung" beschreiben, der schließlich idealtypisch die zielgerichtete Handlung folgt.
Wie die AutorInnen aus den theoretischen Grundlagen ihr Trainingskonzept des Zürcher Ressourcenmodells ableiten und beschreiben, ist didaktisch hervorragend. Sie tun dies in wiederholten Schleifen, reflektierend, Querverbindungen schaffend, sehr konkret, sehr praktisch. An jeder Stelle lässt sich der Bezug zu den vorher beschriebenen Überlegungen herstellen. Insgesamt wird deutlich, dass und wie Ideen geerdet werden, das macht nicht nur Sinn, sondern hat auch Hand und Fuß. Etwas schade ist, dass Luc Ciompi draußen vor bleibt. Dessen Konzept der Affektlogik (1999) würde hier nahtlos passen und brächte es als Begriff auf den Punkt.
Storch und Krause übernehmen nicht einfach lösungs- und ressourcenorientierte Standards, sondern setzen auch eigene Akzente. Deutlich wird dies unter anderem beim Thema Ziele. Die vorgestellten Kernkriterien entsprechen zwar den lösungsorientierten Standards (Annäherungsziele, deren Realisierbarkeit zu 100% in der eigenen Kontrolle der KlientInnen liegen muss, plus ein deutlich beobachtbarer positiver somatischer Marker). Im Unterschied zu den gängigen lösungsorientierten Standards, Ziele möglichst konkret zu visualisieren, setzen Storch und Krause jedoch besonders auf eher allgemeine "Identitätsziele": "Allgemein formulierte Identitätsziele haben einen großen Einfluss auf die Handlungsregulation, weil sie typischerweise im impliziten Modus gespeichert sind, der [...] besonders für die Handlungsregulation in schwierigen Situationen wichtig wird, weil er in Sekundenschnelle automatisierte Handlungen ermöglicht" (103f.). Desweiteren können Identitätsziele als angemessen unscharf angesehen werden, so dass sie einen breiten Anwendungsbereich abdecken und auch durch ungeplante Wendungen, wie sie "im richtigen Leben" üblich sind, nicht zwangsläufig außer Kraft gesetzt werden ("richtig" im Sinne des Kabarettisten Gerhard Polt).
Da allgemeine Identitätsziele jedoch gegenüber konkret ausgearbeiteten zunächst im Nachteil sind hinsichtlich der Einfachheit, mit der das Erreichen des Zieles überprüft werden kann, kommt es verstärkt auf Hinweise dafür an, "dass es passt". Bedeutsam erscheint hier die möglicherweise leichtere Harmonisierung von Zielen mit wichtigen Lebenskonzepten der Hilfesuchenden. "Selbstmotivation", so die AutorInnen, gelinge nur dann, "wenn es möglich ist, Ziele zu bilden, die mit der Bedürfnis- und Wertestruktur des Organismus übereinstimmen" (94). Ein positiver somatischer Marker kann in diesem Sinne als Hinweis dafür genommen werden, dass eine Zielvorstellung dieses Harmoniegebot beachtet hat. Dies wird zusätzlich überprüft, indem die in Frage stehenden Ziele auch in ihren Konsequenzen für die relevante Umwelt der KlientInnen reflektiert werden. Im übrigen wird in einer späteren Phase besonderer Wert auf "konkrete Ausführungsintentionen" zu den Identitätszielen gelegt. Es bleibt also konkret. In diesem Zusammenhang komme es besonders darauf an, eine "zieladäquate Körperverfassung real (zu) entwickeln". Es geht darum, dass die betreffende Person "sich ein möglichst klares Bild davon macht, in welchem Zustand ihr Körper ist, wenn sie sich mental mit ihrem Ziel in Verbindung setzt" (175). Die AutorInnen nehmen an, "dass Menschen, die hinsichtlich ihres Zieles in einer optimalen körperlichen, emotionalen und geistigen Verfassung sind, spontan, aus der Situation heraus, die für sie derzeit bestmögliche Lösung der anstehenden Aufgaben realisieren können" (179). Es gehe daher in diesem Training nicht um das Lernen neuer "Skills im Sinne eines Verhaltenstrainings", sondern darum, dass sie sich ein Meta-know-how aneignen, "das sie in die Lage versetzt ihre vorhandenen Potenziale situationsangepasst und zielbezogen einzusetzen und auch in schwierigen Situationen "das Beste aus sich zu machen"" (179).
Der Manualteil ist didaktisch hervorragend aufbereitet. Er enthält auch Kopiervorlagen mit der mittlerweile nicht mehr selbstverständlichen Bemerkung, dass die AutorInnen (trotz Titelschutz) "das ZRM-Training selbst als "Open Source" konzipiert" haben, d.h. "wir stellen KollegInnen ein Verfahren zur Verfügung, das jede(r) NutzerIn übernehmen oder nach Bedarf modifizieren kann". Ein solches emanzipatorisches Manualsverständnis unterscheidet sich signifikant von einem Verständnis, das Abweichungen vom Manual als auszuschließenden Störfaktor betrachtet (z.B. Schulte 2001). Es geht eben nicht um "Manualtreue" (engl.: "treatment integrity"!), sondern um einen Orientierungsrahmen, der es erlaubt, sich im Möglichkeitsraum nachvollziehbar zu verständigen.
Das Buch wird abgerundet durch den Bericht über eine sondierende Evaluationsstudie. Sie ergibt Hinweise auf die Nützlichkeit des Vorgehens und ermutigt zu weiterer Forschung. Die AutorInnen schließen mit einem Bekenntnis zum Respekt vor der Individualität jedes einzelnen Menschen. Dies führt sie auch dazu, vor einer einseitigen, normativen Vereinnahmung des Ressourcenansatzes zu warnen. Während es der auch für unsere Profession offensichtlich unvermeidliche "Wettbewerb" mit sich zu bringen scheint, mit euphemistischem Wortgeklingel aufzufallen oder die wahrere Heilslehre für sich zu reklamieren, klingt eine Aussage wie die folgende geradezu wohltuend und stärkend:
"Wenn die Zufriedenheit und der Sinn eines Menschenlebens nur noch nach dem Prinzip der neuronalen Plastizität programmiert werden muss, kann im schlimmsten Fall die Vision von einer glückselig grinsenden Menschheit auftauchen, in der persönliche Tragödien und Schicksalsschläge keinen Platz mehr haben. Eine Welt, in der die Melancholie und das Abgründige ausgerottet sind, ist aber genauso unmenschlich wie eine Welt, in der die Freude fehlt. Darum sollte der konsequente Einsatz von Ressourcen letztendlich nicht in Glücksterror ausarten" (218).
Fazit: souveräne AutorInnen, ein nützliches und einladendes Buch, sowie eine respektvolle Perspektive auf Ressourcen. Sehr zu empfehlen!

Literatur:
Ciompi, L. 1998. Die emotionalen Grundlagen des Denkens. Entwurf einer fraktalen Affektlogik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Grawe, K. 1998. Psychologische Therapie. Göttingen: Hogrefe.
Schiepek, G. 1999. Die Grundlagen der Systemischen Therapie. Theorie – Praxis – Forschung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Schulte, D. 2001. Messung und Sicherstellung der Manualtreue (treatment-integrity) in kontrollierten Therapiestudien. In: Psychotherapie 6(2), pp.193-198.

(Kurzfassung erschienen in: Systhema 17(3), 2003)





Weitere Rezensionen von Lilo Schmitz und Jörg-Peter Schröder für socialnet.de

Die Website von Maja Storch mit zahlreichen Online-Veröffentlichungen

Die Website von Frank Krause

Die Website des "Zürcher Ressourcen Modells"





Verlagsinformation:
Konsequent an persönlichen Ressourcen orientiert, kann Selbstmanagement ausgesprochen lustvoll sein. Das Zürcher Ressourcen Modell (ZRM) ist eine vielfach erprobte Methode zur gezielten Entwicklung von Handlungspotenzialen. An Grundlagen interessierte Fachleute und Laien finden im einleitenden Theorieteil eine Fülle aktueller neurowissenschaftlicher und psychologischer Befunde zum Thema Persönlichkeitsentwicklung und Selbststeuerung. Sie bilden das Fundament für das ZRM-Training und gewährleisten ein systematisches und jederzeit begründetes Vorgehen. «Selbstkonsequenz», «Somatische Marker» oder «Rubikon-Prozess» benennen Themen, die auch für sich gelesen zu faszinieren vermögen.
Praktikerinnen und Praktikern bietet das Buch im Trainingsteil ein sorgfältig ausgearbeitetes und wissenschaftlich fundiertes Werkzeug für die erfolgreiche Durchführung von Trainingsseminaren. Der Trainingsablauf wird Schritt für Schritt beschrieben. Impulsreferate, Arbeitsmaterialien für die Trainingsteilnehmer sowie die Anweisungen für die Arbeit in Kleingruppen sind nachvollziehbar dokumentiert. Diese können als Kopiervorlagen benutzt werden und stehen in aktueller Version als Download unter http://verlag.hanshuber.com/zrm/ zur Verfügung.
Die dritte Auflage wurde von den Autoren korrigiert und ergänzt.



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