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Neuvorstellung zur Übersicht
02.02.2006
Hermann Haken & Günter Schiepek: Synergetik in der Psychologie. Selbstorganisation verstehen und gestalten
Haken / Schiepek Synergetik Hogrefe Verlag Göttingen 2006

780 S., geb. (inkl. DVD-ROM f. Windows)

ISBN: 3-8017-1686-4
Preis: 69,95 Euro / 118,00 sFr
Hogrefe Verlag Göttingen





Wolfgang Loth, Bergisch Gladbach:

Das vorliegende Buch gehört in die Kategorie derjenigen Werke,  die sich einer Besprechung im Grunde genommen entziehen, zumindest unter der Prämisse, dass die Besprechung ihnen gerecht werden sollte. Es ist vom Ansatz, vom Inhalt und von der Durchführung her  phänomenal. Worum geht es? Um den gründlichen und grundlegenden Versuch einer Annäherung an Beschreibung und Verständnis dessen, „was die Welt zusammenhält“. Als Rüstzeug für dieses Unternehmen gilt die Synergetik, seinerzeit definiert als die Lehre vom Zusammenwirken, jetzt als „die Wissenschaft der Selbstorganisation“. Hermann Haken und Günter Schiepek haben sich zusammengetan, um mit ihrem eigenen Zusammenwirken das mittlerweile weite Feld zu kartografieren, in seinen weiter reichenden Möglichkeiten zu erkunden  und seine Dynamik herauszuarbeiten. Hermann Haken, weltberühmt für seine Lasertheorie und für seine Entwicklung der Synergetik als Disziplin übergreifende Metatheorie, ist als Doyen und Spiritus rector der Anwendung synergetischer Erkenntnisse auf  die Erforschung des biologisch und sozial Lebendigen von außerordentlicher Bedeutung. Dies sowohl für die Fachöffentlichkeit als auch außerhalb. Innerhalb des Feldes setzt die von Hermann Haken als Chefherausgeber betreute „Springer Series in Synergetics“ seit 1978 Maßstäbe. Seine „Erfolgsgeheimnisse der Natur“ (1981) sorgten für Bekanntheit und Interesse auch außerhalb der Fachöffentlichkeit. Günter Schiepek gehört unter den systemtheoretisch orientierten Kollegen unserer Profession zu denjenigen mit dem weitesten Horizont, dem umfangreichsten naturwissenschaftlich-mathematischen Verständnis und ist wohl derjenige mit der größten Zähigkeit, allen Hindernissen zum Trotz ein Programm voranzutreiben. Seit den 1980er Jahren steht er für den Versuch, die Anbindung von professionellem systemischen Handeln an die Standards der Naturwissenschaften zu intensivieren, sowie deren methodisches Rüstzeug für das planmäßige Erforschen komplexen Geschehens zu nutzen (pars pro toto: 1991). Für die „Springer Series in Synergetics“ war er 1992 einer der Mitherausgeber für den Band über Selbstorganisation und Klinische Psychologie. Die von ihm mit auf den Weg gebrachten "Herbstakademien" zu Fragestellungen der Selbstorganisation und zu empirischen Zugängen zu einer psychologischen Synergetik wurden zu Brutstätten spannender und weit reichender Forschung. Bereits 1994 konnten Reiter & Steiner "Klinische Synergetik und Selbstorganisation" als ein wissenschaftliches Feld beschreiben, das sich formiert und für die Praxis Relevanz gewonnen habe.
Die Autoren diskutieren die Grundlagen und Annahmen der Synergetik als der Wissenschaft der Selbstorganisation. Analog zur Fokussierung auf  bio-psycho-soziale Systeme als dem Gegenstand der Psychologie werden das Gehirn und seine Leistungen, Psychotherapie, Soziale Mehrpersonensysteme und Management im Hinblick auf ihre selbstorganisierenden Dynamiken untersucht. Dies hat, das muss klar gesagt werden, eindeutig einen naturwissenschaftlichen, und damit mathematisch-formalisierten Bias. Gut, dass der mathematisch ausgerichteten Beschreibung eine intensive philosophische Reflexion zur Seite steht. Wer eventuell „den Menschen“ in der Beschreibung vermisst, kann so doch die entschieden humane und humanistische Grundausrichtung der Autoren zur Kenntnis nehmen. Diese kommt nicht nur in dem Kapitel über philosophische Fragen zum Ausdruck, sondern immer wieder zwischendurch. Immer wieder finden sich Bemerkungen, die ein emanzipatorisches Verständnis unserer Profession erkennen lassen, sowohl hinsichtlich des Respekts vor der Autonomie von KlientInnen als auch ökonomisch-gesellschaftspolitisch.
Gerade weil ein Begriff wie „Selbstorganisation“ mittlerweile gängig geworden ist und dabei ist, seine Trennschärfe zu verlieren, dürften einige Begriffsklärungen nützlich sein. Das beginnt bereits mit der ersten Silbe: „Vorerst bezeichnet das „Selbst“ der Selbstorganisation nichts anderes als die Rückbezüglichkeit (Selbstreferenz) der in einem System beteiligten kreiskausalen Prozesse“ (S. 68). Auch eine undifferenzierte moralische Bevorzugung gibt es nicht: „Selbst organisierte Phänomene sind zunächst weder gut noch schlecht – wir wollen sie einfach besser verstehen und näher kennen lernen. Dass es auch selbst organisierte Strukturen und Prozesse gibt, die mit hoher intersubjektiver Übereinstimmung als „schlecht“ zu beurteilen sind, steht außer Frage“ (S. 65). Und es gibt auch deutliche Unterschiede zwischen Selbstorganisation und Selbstmanagement: Anders als Selbstmanagement ist „Selbstorganisation [...] keine Leistung, sondern passiert eben von selbst. Ob man sich nun anstrengt oder nicht, ändert an der Selbstorganisationsfähigkeit des Organismus oder sozialer Systeme nichts – nur kommt eventuell Unterschiedliches dabei heraus“ (S. 66).
Ausgangsthema ist in vielfältiger Weise das „Problem der Ordnung“. Es bildet die Überschrift des Eingangskapitels und nimmt Bezug auf die Arbeit des Gestaltpsychologen Wolfgang Metzger. Die Autoren weisen – wie Kriz (1997) - explizit darauf hin und unterstreichen damit die gestalttheoretische Tradition, in der sie sich sehen. „Einsichten oder komplexere Kompetenzen entstehen „gestalthaft“ und in Form von Entwicklungssprüngen“, heißt es, und weiter: „Die relevanten Bedingungen des Lernens oder der Entwicklung [...] mögen sich kontinuierlich verändern, die Ordnungen dagegen sprunghaft“ (S. 48).
Mit Hilfe der Kernbegriffe: System, Komplexität, Emergenz, Kontrollparameter, Instabilität, Kritisches Langsamerwerden, Ordnungsparameter, Versklavungsprinzip, Zirkuläre Kausalität und Zeitskalentrennung lässt sich ein Grundschema beschreiben: „Ein System aus mehreren Teilen erzeugt unter Einwirkung eines Kontrollparameters ein kohärentes Verhalten. Zwischen den Teilen bestehen nichtlineare Wechselwirkungen, welche bei zunehmender Ausprägung des Kontrollparameters in verstärkter Weise ins Spiel kommen [...] Vor der konkreten Realisierung eines Ordners bzw. einer Mode tritt ein Wettbewerb zwischen möglichen Realisationsformen auf, welcher von einem oder mehreren koexistierenden oder abweichend auftretenden Ordner gewonnen wird. In Phasen der Symmetrie (d.h. der Gleichwahrscheinlichkeit mehrerer Ordner) können kritische Fluktuationen über die Realisierung eines Ordners entscheiden. Der Ordner bindet dann die Teile in seine Bewegung ein (Versklavung), ihre Freiheitsgrade reduzieren sich drastisch. Es liegt somit nicht nur eine kreiskausale Wirkung zwischen den Teilen des Systems, sondern auch zwischen der Mikroebene und der Makroebene vor. Der Ordner ist eine Funktion der Teile, und die Teile werden in ihrem Verhalten eine Funktion des Ordners“ (S. 134). Entscheidend dabei ist, dass jedes System „seinen spezifischen Kontrollparameter [braucht]; das System wählt – um das anthropomorph auszudrücken – gewissermaßen aus, mit welcher Art von Anregung es etwas anfangen kann“ (S. 134). Hier ergibt sich für mich eine bedeutsame Querverbindung zum Bereich der Psychotherapie. Die Autoren konzedieren, dass in Humansystemen „die Verhältnisse in der Regel etwas undurchsichtiger [liegen]: Wir kennen die Kontrollparameter entweder nicht genau, oder sie liegen im „Inneren“ des Systems bzw. werden von diesem selbst erzeugt, oder die Übergänge zwischen den Ordnern ereignen sich ohne gezielte Manipulation der Parameter“ (S.135).
Möglicherweise scheiden sich an dieser Stelle die Geister. Einerseits ist das „Therapeutendilemma“ (Ludewig 1992) als valider Ausgangspunkt professionellen psychosozialen Helfens anerkannt, flankiert durch die Würdigung der „heroischen“ Eigenleistung der KlientInnen für das Therapieergebnis (Duncan & Miller 2000). Dies spricht in Verbindung mit den Erkenntnissen aus der „Lehre des Zusammenwirkens“ eigentlich deutlich dafür, vermehrt auf prozessorientierte Verfahren zu setzen. Andererseits hat sich stattdessen unter dem Druck der Ereignisse und Konstellationen mittlerweile ein gegenläufiger Trend  entwickelt. Legitimation wird in erster Linie mit Hilfe von Forschungsstrategien gesucht, die auf Vergleichsstudien nach dem Konzept randomisierter Kontrollstudien setzen. Vermutlich kümmert das die meisten PraktikerInnen nicht wirklich, man hat es mit der Bewältigung von Alltag zu tun. Wer dennoch über den Tellerrand schauen möchte und dies sogar für die Alltagsarbeit als wichtig erachtet, sieht sich mit einem Dilemma konfrontiert: Auf der einen Seite eine nicht recht überzeugende, aber „politisch“ opportunere Legitimationsstrategie (die einen im Übrigen in der Praxis in Ruhe lässt), auf der anderen Seite ein überzeugender Ansatz, der jedoch keinen Hehl daraus macht, dass ein gewisses „Verständnis  für den Theoriekern der Synergetik sowie den mathematischen Formalismus der Theorie komplexer dynamischer Systeme“ Voraussetzung ist (und außerdem auch für die Praxis nicht nachlässt mit einer produktiven Verunruhigung, um einmal nicht Verstörung zu sagen).
Es spricht m.E. eindeutig für dieses Buch, dass es diese Herausforderung nicht verschweigt, sondern klar benennt. Und auch die auf vielen Seiten ausgebreiteten mathematischen Ableitungen werden LeserInnen nicht erspart. Sie sind allerdings durch seitliche Balken gekennzeichnet und es lässt einen nicht den Faden verlieren, wenn man diese Seiten überspringt. Im Verein mit den immer wieder aufblitzenden emanzipatorischen und auf das real (er)lebende Individuum bezogenen Positionen der Autoren gewinnt ihre Argumentation eine durchaus verlockende Plausibilität, mit der sie für „eine Art Navigationssystem auf dem Entwicklungsweg komplexer Systeme“ (S. 52)  werben, in Form gebracht als „Synergetisches Prozess-Management“.
Die Autoren schlagen vor, Psychotherapie zu verstehen „als prozessuales Schaffen von Bedingungen für die Möglichkeit von Ordnungs-Ordnungs-Übergängen zwischen Kognitions-Emotions-Verhaltens-Mustern eines bio-psycho-sozialen Systems in einem (als Psychotherapie definierten) professionellen Kontext“ (S. 327). Der Strukturierung dieses Prozesses dienen die Generischen Prinzipien: 1. Schaffen von Stabilitätsbedingungen, 2. Sinnbezug/ Synergitätsbewertung,  3. Kontrollparameter identifizieren/ Energetisierungen ermöglichen, 4. Destabilisierung/ Fluktuationsverstärkungen realisieren, 5. „Kairos“ beachten/ Resonanz/ Synchronisation, 6. Gezielte Symmetriebrechung ermöglichen und 7. Re-Stabilisierung. Die Autoren gehen dabei davon aus, „dass Therapeuten ihre persönlichen Präferenzen, ihren Erfahrungsschatz und ihren persönlichen Stil Gewinn bringend nutzen können. Eine Normierung der Vielfalt von Stilen und Praxisformen ist nicht beabsichtigt“ (S. 440).
Als „Herzstück“ gelten „Verfahren des computerbasierten Real Time Monitoring [...], da sie eine datenbasierte Navigation durch die Turbulenzen selbst organisierter Entwicklungsprozesse eines Systems ermöglichen“ (S. 444). „Eine dynamische Betrachtung von Psychotherapie“, so Haken und Schiepek, wolle zeigen, „dass eine naturwissenschaftlich begründete Psychotherapie zu anderen Konsequenzen führt als zu standardisierten Behandlungsprogrammen“ (S. 52). Sie begründen dies damit, dass die „Anwendung eines datenbasierten Navigationsinstruments in der Praxis […] ein wesentlicher Schritt hin zu einer extern und ökologisch validen Evidence-Based Psychotherapy“ wäre. Sie „bezöge die Praxis in einen umfassenden Forschungsprozess und zugleich in einen Selbstoptimierungsprozess ein und beließe dem einzelnen Praktiker die Möglichkeit, seine Arbeit so zu gestalten, wie es mit der Beziehung zu seinem Patienten und dessen Motivationslage, mit der jeweiligen Therapiephase und mit seinen eigenen Kompetenzen am optimalsten vereinbar wäre“ (S. 52f.).
Die hiermit gewonnene Unabhängigkeit des Ansatzes von theoriebasierten Schulen eröffnet zum einen die Möglichkeit kontinuierlicher und adaptiver Indikationsentscheidungen, bis hin zu der Möglichkeit, dass KlientInnen ihre „Prozesssteuerung zunehmend selbst in die Hand“ nehmen. Zum anderen setzen sich die Autoren damit – wie ich es sehe - einer Situation aus, die wohl unweigerlich entsteht, wenn den Vorgaben eines herrschenden Paradigmas  widersprochen und stattdessen eine Alternative ins Feld geführt wird: das in Frage gestellte System reagiert auf „eigene“ Weise und wählt für sich, „mit welcher Art von Anregung es etwas anfangen kann“ (s.o.). Instabile Lage, und es wird drauf ankommen, worauf es schließlich ankommt. Die Autoren dürften vorbereitet sein, konstatieren sie doch selbst im ersten Kapitel über das „Problem der Ordnung“: „Für den ‚betroffenen‘ Menschen wird Ordnung dann zu einem Problem, wenn er damit auf Kollisionskurs gerät“ (S.42).
Nicht nur in Bezug auf Psychotherapie zeigen die Autoren ein scharfes Profil. Sie tun dies auch im Bereich der Managementkonzeptionen und –forschung. Ihre Kritik an einer einseitigen Orientierung am Shareholder-Value ist unmissverständlich, unterstützt durch eine umfangreich aufgearbeitete und diskutierte Befundlage.
Das Buch genügt lexikalischen Ansprüchen. Die Leistungen des Gehirns, Psychotherapie, soziale Systeme und Management werden sowohl in ihrer Binnendynamik, wie auch in ihren Wechselwirkungen detailliert diskutiert, unterfüttert durch eine ebenso sorgfältige wie humanistisch gefärbte philosophische Betrachtung, die die aktuelle Diskussion zur Willensfreiheit mit einschließt und auch darin einen überzeugenden Akzent setzt. Dem Zurechtfinden im Buch dient eine ausführliche Gliederung und ein umfangreiches Schlagwortverzeichnis. Eine besondere Leistung besteht darin, dass dem Buch eine DVD beigelegt ist, auf der in zahlreichen Animationen die Prozesshaftigkeit vieler der geschilderten Phänomene anschaulich gemacht wird.
Obwohl das Buch seinen LeserInnen eine Menge an bewusster Aufmerksamkeit zumutet, empfehle ich es unbedingt zur Lektüre. Für die weitere Entwicklung des Feldes bedeutet es m.E. eine Zäsur. Ich gehe davon aus, dass sich in den nächsten Jahren der Unterschied zwischen Kontrollstudien-orientierten und Prozess-Ergebnis-orientierten Therapieverständnissen vergrößern wird. Dies wird vermutlich zunächst eher Institutionen betreffen, die über eine ausgebaute Infrastruktur verfügen und schon vom Ansatz her InformatikerInnen und StatistikerInnen in das Setting miteinbeziehen können. Auf die Dauer werden jedoch auch für „einfache“ PraktikerInnen Auswirkungen wohl nicht zu vermeiden sein (sowohl im Sinne von inspirierenden Herausforderungen als auch von – das Leben geht weiter – eines Tages womöglich normierenden Vorschriften, es wäre ja nicht das erste Mal...). Ich kann nur hoffen, dass die notwendig zu führende Auseinandersetzung konstruktiv und fruchtbar wird. Um noch einmal die Autoren zu zitieren: „Kontinuität, Frustrationstoleranz und Anstrengung sind scheinbar unentbehrlich, um das vorliegende Material an einen Punkt zu bringen, an dem der entscheidende Schritt erfolgen kann“ (S. 25). Ich wünsche dem Buch eine weite Verbreitung und uns eine lebendig-konstruktive Diskussion.
Literatur:
Duncan BL, Miller SD (2000) The Heroic Client. Doing client-directed, outcome-informed Therapy. Jossey-Bass, San Francisco
Haken H (1981) Erfolgsgeheimnisse der Natur. Synergetik: die Lehre vom Zusammenwirken. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart
Kriz J (1997) Systemtheorie. Eine Einführung für Psychotherapeuten, Psychologen und Mediziner. Facultas, Wien
Ludewig K (1992) Systemische Therapie. Grundlagen klinischer Theorie und Praxis. Klett-Cotta, Stuttgart
Reiter, L, Steiner E. (1994) Klinische Synergetik und Selbstorganisation: Ein wissenschaftliches Feld formiert sich. In: Systeme 8(1): 52-66.
Schiepek G (1991) Systemtheorie in der Klinischen Psychologie. Beiträge zu ausgewählten Problemstellungen. Vieweg, Braunschweig
Tschacher W, Schiepek G, Brunner EJ (Eds) (1992) Self-Organization and Clinical Psychology. Empirical Approaches to Synergetics in Psychology. (Springer Series in Synergetics, Vol. 58) Springer, Berlin Heidelberg

(mit freundlicher Genehmigung aus systeme 2/05)


Andreas Manteufel, Bonn:

Hermann Haken und Günter Schiepek geizen beide nicht mit – bislang je eigenen – Veröffentlichungen zum Thema Selbstorganisation. Das gemeinsame Werk, das sie nun vorlegen, ist aber alles andere als ein neuer Aufguss von längst Formuliertem. Dieses Buch ist aus einem Guss geschrieben, alles ist neu überlegt, in neue Zusammenhänge gebracht. Die Autoren profitieren offensichtlich davon, keine Rücksicht auf begrenzte Seitenzahlen nehmen zu müssen. Sie argumentieren und zitieren ausführlich und was sich zwischen zwei Buchdeckeln nicht mehr pressen lässt, wird auf einer beiliegenden DVD mitgeliefert. Hier findet der Leser Animationen, sich aufbauende Datenreihen, Simulationen, die mit unterschiedlichen Ausgangswerten gestartet werden können, aber auch die musikalische Darstellung einer nichtlinearen Zeitreihenanalyse. Diese Art der Präsentation hat natürlich gegenüber der traditionellen Druckform wesentliche Vorteile, wenn es um dynamische Systeme geht.
Trotz der vielen Seiten ist das Buch klar und übersichtlich gegliedert. Das erste Kapitel formuliert die synergetischen Grundthesen für die Psychologie unter dem Schlagwort des „Problems der Ordnung“ und greift damit explizit den Bezug zur Gestaltpsychologie auf. Das zweite Kapitel führt in die Grundlagen der Synergetik ein, die H. Haken vor fünfunddreißig Jahren erstmals vorstellte. Dem Gehirn als Paradebeispiel eines komplexen, selbstorganisierenden Systems und In-Thema in der Psychotherapieliteratur wird Kapitel drei gewidmet. Das vierte Kapitel behandelt wissenschaftstheoretische und grundlegende philosophische Fragen, die sich in Bezug auf das Modell der Synergetik in der Psychologie ergeben. Psychotherapie, Soziale Systeme und Management lauten die folgenden Anwendungskapitel, ehe das Schlusskapitel „Entwicklungen und Perspektiven“ ganz klar resümiert: Dem Phänomen der Komplexität ist nur mit konsequenter Interdisziplinarität zu begegnen, wie sie Haken von Beginn an gefordert und gefördert hat. Und: Die Barrieren zwischen Grundlagenforschung, Theorie und Praxis können mit Hilfe der Synergetik zumindest gelockert werden, wofür sich Schiepek seit langem engagiert (Stichwort: Scientist-Practitioner-Modell). Das Literatur- und das Stichwortverzeichnis haben allein den Umfang eines kleinen Büchleins, was für die Orientierung des Querlesers aber auch von existenzieller Bedeutung ist.
Die Investition in dieses in jahrelanger Zusammenarbeit entstandenen Grundlagenwerks lohnt sich auch für Leser, die vielleicht befürchten, dem methodischen und mathematischen Aufwand nicht gewachsen zu sein. Haken und Schiepek verstehen es, den Gegenstand stets verständlich aufzubereiten, ohne auf die erforderliche Komplexität zu verzichten. Mutigen Lesern werden, durch Markierungen am Seitenrand gekennzeichnet, auch die mathematischen Herleitungen synergetischer Begriffe und statistischer Kennwerte nicht vorenthalten. Wer darauf verzichtet, der verliert den roten Faden aber nicht. Das „Philosophie-Kapitel“ geht auf wesentliche, immer wieder diskutierte Fragen der Erkenntnismöglichkeiten und methodischen Angemessenheiten ein, z.B. die paradox anmutenden Probleme der „Vorhersage unvorhersagbarer Systeme“ oder der „Freiheit im deterministischen System“, also z.B. des freien Willens des Gehirns. Einfache Antworten werden verworfen und manche Klischees (z.B. „Nichts ist vorhersehbar“, oder „Es gibt keine Realität“) in ihre Grenzen verwiesen. Die Autoren klären Positionen, sie klären aber auch die Grenzen dessen, was zurzeit letztendlich entschieden werden kann. Zugegeben, dieses Kapitel muss sehr langsam und genau gelesen werden. Meiner Ansicht nach spart man sich dadurch aber viele andere kurzschlüssige Theoriedebatten in der Literatur. Differenzierter als hier geht’s nicht! 
In den Anwendungskapiteln über Soziale Systeme, Psychotherapie und Management mäandert der Text immer wieder zwischen wissenschaftlicher Abstraktion auf der einen und Alltagspraxis auf der anderen Seite. Gerade für Praktiker gibt es ständige „Aha-Erlebnisse“ („So mache ich es doch auch“), was ja nur beweist, wie stimmig das synergetische Gesamtkonzept, aus dem alle konkreten Praxisvorschläge abgeleitet werden, ist. Rezepte werden dabei ohnehin nicht gegeben, eher Leitlinien für selbstorganisationsförderliches Intervenieren in komplexen Systemen. Der Text erreicht daher jeden Praktiker, gleich welcher „Schulenzugehörigkeit“. Kein Buch „nur für Systemiker“ also.
Die Fülle von Forschungsprojekten  höchster Güte, auf die in diesem Buch rekurriert wird, ist sehr beeindruckend. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die im Laufe der Jahre maßgeblich an den Projekten beteiligt waren, werden namentlich genannt. Das ist nicht selbstverständlich und sagt auch etwas über die beiden Autorenpersönlichkeiten aus, die sich mit diesem Buch anschicken, ein Standardwerk für Jahre auf den Markt zu bringen. Man kann nur hoffen, dass die Fachwelt sich inspirieren lässt, vor allem, dass die akademische Psychologie diese Chance auf eine theoretische „Frischzellkur“ nutzt.

(mit freundlicher Genehmigung aus: Kontext)






Verlagsinfo:

"Das Buch bietet eine umfassende Darstellung der Synergetik, d.h. der Wissenschaft komplexer selbstorganisierender Systeme, in der Psychologie. Der Band stellt nicht nur die theoretischen Grundlagen der Selbstorganisation in umfassender Weise vor, sondern auch zahlreiche empirische Forschungsergebnisse. Darüber hinaus werden neueste wissenschaftliche Erkenntnisse der Neurowissenschaften und der Psychologie integriert, wobei ein weiter Bogen gespannt wird von psychischen Grundfunktionen wie Motorik und Wahrnehmung über Gedächtnis, Entscheidungsprozesse, Persönlichkeit und Selbst, Psychoneuroimmunologie, Psychotherapie, dyadische und Gruppeninteraktionen bis hin zu Management und Organisationsentwicklung. Auch philosophische Fragen und wissenschafts- bzw. erkenntnistheoretische Probleme werden diskutiert. Zudem wird in zahlreiche Methoden der nichtlinearen Zeitreihenanalyse eingeführt. Eine didaktische Besonderheit ist die beiliegende DVD, die Anschauungsmaterial wie Filmausschnitte, Computersimulationen und Farbgrafiken enthält. Der Band ist das Produkt der kreativen Zusammenarbeit eines weltweit renommierten Theoretischen Physikers, der zugleich Begründer der Synergetik ist, mit einem psychologischen Forscher und Systemtheoretiker. Das Buch vermittelt die Faszination disziplinübergreifender Wissenschaft und gibt entscheidende Impulse für die Psychologie des 21. Jahrhunderts."


Nachsatz:

Dem Buch ist eine DVD mit Filmen und Powerpoint-Folien beigelegt, von der in erster Linie Windows-User Nutzen ziehen dürften. Auf einem Macintosh kann man zwar die Powerpoint-Folien (einzeln) betrachten, bei den Filmen sind aber schon Bild und Ton (ärgerlicherweise) nicht mehr gemeinsam zu konsumieren, was das Material praktisch wertlos macht. Warum der Verlag hier keine betriebssystem-unabhängige Lösung produziert hat, ist nur schwer nachvollziehbar, zumal das heute eigentlich nicht mehr an technischen Barrieren scheitern dürfte. Festzuhalten bleibt gleichwohl, dass die DVD keinen entscheidenden Einfluss auf die Kaufentscheidung haben sollte, da sie nur eine illustrative Funktion erfüllt.

Tom Levold



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