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Klassiker zur Übersicht
Selvini-Palazzoli, Mara et al.
Hinter den Kulissen der Organisation
Selvini: Hinter den Kulissen Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1995 (6. Aufl.)

nur noch antiquarisch erhältlich

ISBN-10: 3608950141
ISBN-13: 978-3608950144
Klett-Cotta






Heidi Neumann-Wirsig, Mannheim:

Es ist wie die Wiederbegegnung mit einem Teil der eigenen Professionsgeschichte, wenn man Klassiker nach vielen Jahren „neu“ liest. Und ohne Zweifel ist das Buch „Hinter den Kulissen der Organisation“ ein Klassiker, ein Wegbereiter, ein Stück Geschichte der Entwicklung systemischer Therapie und Beratung in Europa. Das Buch erschien 1981 in Mailand und 1985 in der 2. Auflage (übersetzt) in Stuttgart und stellte für mich als junge Supervisorin, die immer auf der Suche nach systemischer Literatur und Anregungen für die supervisorische Praxis war, eine Bereicherung dar. Für mich war es das erste systemische Buch, das den Kontext der Organisation in den Mittelpunkt rückte und damit besonders interessant für Supervision war.
Nun muss ich zugeben, dass das Buch mit meiner zunehmenden Begeisterung für konstruktivistische Ideen in den Hintergrund und fast in Vergessenheit geriet.
Hervorgeholt und wieder gelesen habe ich es jetzt mit der Frage, was könnten junge Kolleginnen und Kollegen heute daraus lernen!
Im Buch werden vor allem 4 Beispiele beschrieben, in denen Psychologen in Betrieben als interne und externe Berater tätig waren. Diese Tätigkeit wurde von einer Forschergruppe um Mara Selvini Palazzoli begleitet.
Großen Raum findet in allen Beispielen die Beschreibung des Kontextes. Da ist die Kinderstation eines Krankenhauses mit ihren verschiedenen Professionen und Gruppierungen. Forschungsthema ist die Anwesenheit der Eltern kranker Kinder auf der Station. Das gesamte Personal, aufgegliedert in diverse Subgruppen, zeigt völlig unterschiedliche und kontroverse Einstellungen zu diesem Thema. Die fast akribische Beschreibung dieser vielen Unterschiede ist absolut lehrreich. In diesem Kontext versuchen die Psychologen ihrem Forschungsauftrag nachzukommen. Wie die gesamte Organisation durch ihre einzelnen Mitglieder es schafft, die Psychologen zu isolieren oder zu vereinnahmen, ist ein Paradebeispiel, wie Neutralität verloren gehen kann. Die Berater wollen das Spiel der Organisation durchschauen und werden ungewollt  zu Mitspielern.
Interessant an diesem Beispiel ist weiterhin, dass hier erstmals der Gedanke erscheint, dass die Beobachtung Auswirkungen auf das zu Beobachtende hat. Auch die Idee, dass der Kontext vom Berater durch Beziehungsdefinition so konstruiert werden muss, dass er dem Ziel dienlich ist, hat mich beim Neu-lesen überrascht.
Die positive Konnotation (S.102) ist die wesentlichste und wichtigste Intervention, die in allen Beispielen eingesetzt wird. Die Berater und die im Hintergrund bleibende Forschungsgruppe erleben die damit verbundenen Erfolge, die Auswirkungen auf die Kooperation. Was ausbleibt ist die erhoffte durchschlagende Wirkung der Intervention. Immer wieder wird beschrieben, dass Interventionen eine andere Wirkung haben als die angenommene.
So wird auf Seite 194 ff eine Symptomverschreibung dargestellt. Die Wirkung ist eine völlig andere als erwartet und lässt sich nicht kausal auf die Intervention des Psychologen zurückführen, so dass das Ergebnis weder als Erfolg noch als Misserfolg gewertet werden kann. Trotzdem ist eine Besserung für die Betroffenen eingetreten. Aus konstruktivistischer Sicht erstaunt die eigenwillige Reaktion des Klientensystems nicht.
Wer Spaß an strategischem Vorgehen hat, der kommt im Beispiel 4 auf seine Kosten. Ein Beraterteam berät einen Schulsprengel mit mehr als 10 Vor- und Primarschulen.
Neben der Kontextbeschreibung wird ganz konkret jeder einzelne Schritt zu einer vertrauensvollen und erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen dem Team und den Systemmitgliedern Schulsprengel beschrieben. Ich meine, dieses Beispiel kann Supervisor/innen und anderen, die mit Teams arbeiten, deutlich machen, wie wichtig es ist, gleichwertig die Kooperation mit der Leitung, den Mitarbeitern und den Kunden (Eltern) herzustellen und immer wieder zu erneuern.
Interessant ist auch, wie es dem Team gelingt, sich zwischen der Stadtverwaltung und dem Sprengel zu positionieren. Dabei wird eine Situation wiedergegeben, die vielen Schulsozialarbeitern vertraut sein dürfte.
Die Autoren erklären den Erfolg (wiederum kausal) mit der permanent praktizierten Beziehungsdefinition durch das Beraterteam. Dabei bleiben die Leistungen der Systemmitglieder außer Betracht. Gelungen ist den Beratern, eine ständig wertschätzende und neutrale Haltung den Einzelnen und dem Ganzen gegenüber zu praktizieren, man könnte es eine zieldienliche Kooperation nennen. Es unterbleibt auch der Versuch, das Spiel der Organisation insgesamt zu erfassen und zerstören zu wollen.
Den Gedanken des Spiels bezogen auf ein System, halte ich nach wie vor für brauchbar. Im Gegensatz zu den Autoren gehe ich davon aus, dass wir nicht das „wahre“ Spiel sehen, sondern das Spiel, das wir eben sehen.
Lesenswert sind in dem Buch von Selvini Palazzoli u.a. die Beschreibungen von Kommunikationsabläufen sowie die Unterscheidung der verbalen und nonverbalen Kommunikation. Paradoxien nennen es die Autoren, wenn auf beiden Kanälen unterschiedliche Aussagen gemacht werden.
Eindrücklich finde ich auch das Kapitel „Der Psychologe muss auch die eigene Person in Betracht ziehen“ S. 219ff. Hier wird gezeigt, dass der Psychologe bzw. der Berater fähig sein sollte, seine eigenen Lernkontexte neu zu strukturieren, das bedeutet die zugrundeliegenden Prämissen und Beziehungsmodalitäten zu reflektieren. Betont wird, wie wichtig es ist, die eigene Landkarte und die wechselseitigen Beziehungsangebote zu reflektieren. Die These heißt, um Veränderung bei den Klienten herbeizuführen, kann der Berater nur sein eigenes Verhalten ändern. Und auf S. 224 findet sich überraschend für mich folgender Satz, dass „...der Beobachter sich selbst beobachtet, während er seine Beobachtung beobachtet“. Waren die Autoren an solchen Stellen ihrer Arbeit bereits weiter, als das sonstige strategische Vorgehen vermuten lässt?
Im gesamten Buch lässt sich beobachten, wie die Berater und die Forschungsgruppe beobachten und zu welchen Interpretationen sie kommen, ihre Hypothesen stellen sie immer wieder exemplarisch dar. Allein Textstellen nach den Beobachtungskriterien der Forscher zu analysieren, könnte reizvoll und lehrreich sein. Die Sprache des Buches vermittelt, dass es „das System“ an sich gibt und ihm negative Intentionen unterstellt werden können. Die Systeme werden eher als Gegner der Berater wahrgenommen.
Es beeindruckt mich heute mehr als damals, dass die Autoren eigentlich in 3 Bespielen berichten, wie die Berater mehr oder weniger scheitern. Dass sie sich darüber im Klaren sind, zeigt sich auf S. 136. Hier wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass diese Beratung (Beispiel 4) ein Erfolg war, weil „die implizite, analoge und verhaltensmäßige Kommunikation geübt wurde“ (S. 136).
Zusammenfassung: Was macht diesen Klassiker auch heute noch lesenswert? Für mich sind es vor allem die Analysen der jeweiligen Beratungskontexte, die das Buch interessant und lesenwert machen. Kontext ist eben nicht nur DIE Organisation, sondern das feine Gespinst von Vorannahmen, Vermutungen, Zuschreibungen, Landkarten usw.
Lesenswert finde ich auch die detaillierten Beschreibungen von Kommunikationsabläufen und ihre Interpretationen, die positiven Konnotationen als Interventionen, die Versuche, Muster und Spiele zu erkennen, und das gelungene Beispiel (der 4. Fall), wie Berater vertrauensvoll und zielorientiert mit einem System zusammenarbeiten können, dem sehr viele Mitglieder unterschiedlicher Hierarchien und unterschiedlichen Interessen angehören.
Auch die Ehrlichkeit des Buches, Misslungenes einem breiten Publikum vorzustellen, zu weiteren Experimenten anzuregen und zu ermutigen, die eigenen Erfahrungen zu reflektieren und für das eigene Lernen zu nutzen, hebt es von anderen Büchern ab.
Nicht empfehlen würde ich die Lektüre Kolleginnen und Kollegen, die ohnehin der Kybernetik I. Ordnung treu geblieben sind; es wäre vermutlich nichts wirklich Neues für sie.
Das Buch sollte immer in seinem zeitlichen Entstehungskontext gesehen werden. Die Beratungsfälle ereigneten sich in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Gesundheitswesen waren auf einem gänzlich anderen Stand als heute. Auch gerade deshalb markiert das Buch von Mara Selvini Palazzoli u.a. „Hinter den Kulissen der Organisation“ einen Meilenstein in der Entwicklung systemischer Beratung.





Zur Präsentation von "Paradoxon und Gegenparadoxon" im systemagazin mit einem ausführlichen Interview mit der Autorin von Klaus Deissler von 1979





Autoren:

Mara Selvini Palazzoli, L. Anolli, Paola Di Blasio, L. Giossi, J. Pisano, C. Ricci, M. Sacchi, V. Ugazio.


Verlagsinformation:

Mara Selvini Palazzoli und ihre Mitarbeiter befassen sich in diesem Buch mit den "klinischen" Fallgeschichten von vier verschiedenen Organisationen - einem Industriebetrieb, einem Forschungszentrum, einer Krankenstation und einem Schulbezirk und decken dabei nicht nur die jeweils für diese Systeme spezifischen "Spiele", sondern auch jene weiteren Spiele auf, die in ganz unterschiedlichen Organisationen stets in der gleichen Form auftreten und mithin in allen großen Systemen eine ganz bestimmte Funktion innehaben. Das Buch enthält eine Fülle praktischer Beispiele und Empfehlungen und wird sich für den Psychologen als überaus nützlich erweisen, aber auch für jeden, der in einer Organisation tätig ist und sich täglich mit den Beziehungsschwierigkeiten auseinandersetzen muß, wie sie in einer Organisation auftreten.



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