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Klassiker zur Übersicht
von Foerster, Heinz
Kybernethik
Foerster: kybernethik Merve-Verlag Berlin 1993
Reihe:Internationaler Merve Diskurs
Bd.180

175 S., kartoniert, broschiert, 10 Fotos

Preis: 10,50 €
ISBN: 3-88396-111-6
Merve-Verlag





Tom Levold, Köln:


Gibt man das Kunstwort „Kybernethik“ bei Google ein, erhält man über 9000 Einträge. Dabei wird deutlich, welche Reichweite die von Heinz von Foerster angestrebte Verbindung von kybernetischem Denken und ethischem Handeln bekommen hat. Der Titel „Kybernethik“ schmückt eine Sammlung von 8 Aufsätzen, die von Foerster zwischen 1979 und 1993 verfasst hat und die 1993 im Berliner Merve-Verlag erschienen sind. Die „Einführung in die Zwölf-Ton-Musik“ ist der einzige Originalbeitrag des Bandes.
Bevor ich jedoch näher auf das kleine Büchlein eingehe (17 cm lang, 157 g schwer), möchte ich ein Loblied auf den Verlag singen, der das Buch herausgebracht hat. Bei Merve handelt es sich um einen kleinen Verlag, der seit seiner Gründung als sozialistisches Kollektiv 1970 (heute als GmbH) ein enorm anspruchsvolles intellektuelles Programm aufgebaut hat, welches vor allem Bücher zur Philosophie, Kunstgeschichte und Politik beinhaltet.
Merve hat viel zur Rezeption der postmodernen französischen Philosophie hierzulande beigetragen. Als Student habe ich über Merve-Bücher die erste Bekanntschaft mit Texten von Foucault, Deleuze und Guattari gemacht, unter den  Autoren sind u.a. auch Jean Baudrillard, Heiner Müller, Jean-Luc Godard, Jean-François Lyotard und Paul Virilio zu finden. Insgesamt sind bis heute über 300 Titel erschienen, die jährlich um einige wenige ausgewählte Neuerscheinungen ergänzt werden. 2001 erhielt der Verlag den Preis der Kurt-Wolff-Stiftung zur Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene.
Die Bücher im verlagstypischen Kleinformat kommen – was das Äußere betrifft – im Unterschied zum Inhalt seit den 70er Jahren mehr als anspruchslos daher: das Layout ist schlicht, die Typografie bescheiden (gelegentlich könnte man auch sagen: grausam), das Papier grob, die Bindung nicht sehr stabil. Die Ästhetik entzieht sich bewusst allen gegenwärtigen Imperativen zur Herstellung „schöner“ Bücher, dennoch ist sie als dauerhaftes Markenzeichen für intellektuelle Herausforderungen weithin sofort erkennbar. Die Nachhaltigkeit dieser Strategie ist auch daran zu erkennen, dass viele Titel erst mit einer erheblichen Verzögerung in größeren Stückzahlen verkauft werden, die Backlist ist also das wirtschaftliche Hauptkapital des Verlages. Seit diesem Jahr gibt es eine funktionierende website, bei der es ab sofort auch möglich ist, interessante Texte per Download auf das eigene Handy zu laden - neue Technologien sind also nicht nur Gegenstand von Merve-Titeln, sondern werden auch allmählich im Vertrieb eingesetzt.
Dem Merve-Verlag, der nur wenig Werbung betreiben kann und auch mit Rezensionsexemplaren sparsam umgeht, sei an dieser Stelle eine lange Zukunft und viel Erfolg gewünscht.
Doch nun zum Buch: Entgegen der Vermutung, die der Titel nahelegt, ist von Ethik explizit nur an wenigen Stellen die Rede. Wer auf der Suche nach Moralphilosophie ist, wird zunächst enttäuscht. Heinz von Foerster geht es um etwas anderes: „Ich möchte Sprache und Handeln auf einem unterirdischen Fluss der Ethik schwimmen lassen und darauf achten, dass keines der beiden untergeht, so dass Ethik nicht explizit zu Wort kommt und Sprache nicht zur Moralpredigt degeneriert“ (S. 68 f). Sein Werk zeigt, wie gut ihm dies gelingt, nicht nur in seinen theoretischen Arbeiten, sondern auch - und vor allem - in seinen Erzählungen. Und Heinz von Foerster war ein begnadeter Erzähler.
Die ersten beiden Kapitel sind Niederschriften von Tonbandaufnahmen, die HvF für einen Freund angefertigt hat, und in denen er u.a. von seiner Jugendzeit in Wien, seiner sehr engen Verbindung mit seinem Cousin Martin, seiner Liebe zu Büchern und zur Zauberei berichtet, von seiner Beschäftigung mit der Zwölftonmusik und seiner kurzen Karriere als Radioreporter kurz nach dem Krieg - das alles in der gewohnt hinreißenden, charmanten und amüsanten Weise, die jedem unvergesslich bleibt, der Heinz von Foerster persönlich kennenlernen durfte.
Der dritte Beitrag ist die Übersetzung eines Vortrages zum Thema „Ethik und Kybernetik zweiter Ordnung“, den Heinz von Foerster 1991 auf einem Pariser Kongress vor systemischen Therapeuten gehalten hat, und dem die bereits zitierte Stelle entstammt - als Referenz auf einen Satz seines Wahl-Onkels Ludwig Wittgenstein: „Es ist klar, dass sich Ethik nicht aussprechen lässt“.
Die Anforderungen an eine ethische Haltung ergibt sich für Heinz von Foerster aus der Notwendigkeit, unentscheidbare Fragen entscheiden und diese Entscheidung entsprechend verantworten zu müssen. Sein paradox formulierter Satz „Nur die Fragen, die im Prinzip unentscheidbar sind, können wir entscheiden“ ist berühmt geworden. Er fährt fort: „Warum? Einfach weil die entscheidenden Fragen schon entschieden werden durch die Wahl des Rahmens, in dem sie gestellt werden, und durch die Wahl von Regeln, wie das, was wir ‚die Frage‘ nennen, mit dem, was wir als ‚Antwort‘ zulassen, verbunden wird. In einigen Fällen geschieht dies schnell, in anderen mag das eine lange, lange Zeit beanspruchen. Aber letztendlich erzielen wir nach einer Serie zwingender logischer Schritte unwiderlegbare Antworten: ein definitives Ja oder ein definitives Nein.
Aber wir stehen nicht unter Zwang, nicht einmal dem der Logik, wenn wir über prinzipiell unentscheidbare Fragen entscheiden. Es besteht keine äußere Notwendigkeit, die uns zwingt, derartige Fragen irgendwie zu beantworten. Wir sind frei! Der Gegensatz zur Notwendigkeit ist nicht Zufall sondern Freiheit. Wir haben die Wahl, wer wir werden möchten, wenn wir über prinzipiell unentscheidbare Fragen entschieden haben“. (73)
Von Foerster wählt bewusst eine paradoxe Formulierung mit der Zusammenbindung von Entscheidung und Unentscheidbarkeit, die aber mit der Kursivsetzung des wir auch wieder entparadoxiert wird. Indem er die Frage der Entscheidbarkeit von Fragen dem Bereich der  Logik (bzw. unseren Regelkonstruktionen für akzeptable Beweisführungen) zuschlägt, definiert er den Bereich unserer Freiheit gerade dadurch, dass wir (als Subjekte, wer sonst?) Entscheidungen treffen müssen, wenn sich unsere Entscheidung nicht aus Regelsystemen ableiten lässt. Auch die Entscheidungskriterien werden erst durch die Entscheidung selbst konstituiert und sind daher schon das Ergebnis von Freiheit, während bei entscheidbaren Fragen die Kriterien bereits vorgegeben (und meist die Verantwortung festgelegt) sind. Weil wir nicht wissen können, müssen wir Verantwortung für unsere eigenen Entscheidungen übernehmen - dabei bezieht sich die Verantwortung auf die sozialen Konsequenzen unserer Entscheidungen, nicht auf die Wahrheitswerte!
Das Motiv, Kybernetik in einem Kontext sozialer Verantwortung, d.h. in einem dialogischen Kontext zu entwickeln, kommt in seinem kurzen Text von 1979 über die Kybernetik der Kybernetik (d.h. 2. Ordnung) auf schönste Weise zum Ausdruck. Er fügt dem bekannten Satz von Humberto Maturana „Alles Gesagte wird von einem Beobachter gesagt“ hinzu: „Alles Gesagte wird zu einem Beobachter gesagt“ (85) und fährt fort: „Zweifellos werden Sie, ebenso wie ich, der Überzeugung sein, dass die wesentlichen Probleme heutzutage sozialer Natur sind. Andererseits ist der gigantische Begriffsapparat für Problemlösungen, der sich in unserer westlichen Kultur entwickelt hat, kontraproduktiv, und zwar nicht nur im Hinblick auf die Lösung, sondern im wesentlichen auf die Wahrnehmung sozialer Probleme. Ein maßgeblicher Grund für den blinden Fleck unserer Wahrnehmung, der unser Verständnis für soziale Probleme trübt, ist das traditionelle Erklärungsparadigma, das auf zwei Operationen basiert: die eine ist das Kausalprinzip, die andere die Deduktion. Es ist interessant festzustellen, dass wir die unerklärlichen Dinge, d.h. die Dinge, die wir nicht begründen oder verstandesmäßig nicht erfassen können, nicht sehen möchten. In anderen Worten, etwas, das wir nicht erklären können, kann nicht gesehen werden“ (85f.) Die Konsequenz liegt darin, dass wir unsere eigenen Beobachtungen beobachten und in unsere Bilanz einbeziehen müssen.
In seinem Vortragstext „Epistemologie und Kybernetik“ erzählt von Foerster von den legendären Macy-Konferenzen, zu denen er von Warren McCulloch eingeladen wurde, und deren Sekretär und Mitgestalter er dann später wurde. Zu diesen Konferenzen trafen sich Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen, deren Namen mit der Gründerzeit der Kybernetik fest verbunden sind (Wiener, Bateson, John von Neumann, Kurt Lewin, Margaret Mead, Walter Pitts u.a.). Um sein schlechtes Englisch aufzubessern, erhielt Heinz von Foerster den Auftrag, den Tagungsbericht herauszugeben, eine Aufgabe, die er auch bei den Folgekonferenzen übernahm.
Das Kapitel „Lethologie“ befasst sich mit Lernen und Wissen unter dem Gesichtspunkt von Unbestimmbarkeiten, Unentscheidbarkeiten und Unwissbarkeiten. Das Wort leitet von Foerster vom griechischen Fluss Lethe ab, den man auf dem Weg ins Elysium überqueren musste, wobei man das Gedächtnis verlor. Es zeigt also einen „Kalkül des Unwissbaren“ an (134). In diesem Kapitel stellt Heinz von Foerster seine Theorie der trivialen und der nicht-trivialen Maschinen dar.
Im letzten Kapitel über „Kompetenz und Verantwortung“ wendet sich von Foerster den Folgen eines trivialen Umgangs mit Problemen zu: „Je tiefer das Problem, das ignoriert wird, desto größer die Chancen für Ruhm und Erfolg“. Und: „Die ,hard sciences’ sind erfolgreich, weil sie sich mit den ,soft problems’ beschäftigen; die ,soft sciences’ haben zu kämpfen, den sie haben es mit den ,hard problems’ zu tun“ (161).
Diese ,hard problems’ untersucht HvF nach der Anzahl der beteiligten Gehirne: wir haben es mit Ein-Hirn-Problemen (Wissenschaft von Gehirn), Zwei-Hirn-Problemen (Erziehung), Viel-Hirn-Problemen (Gesellschaft) und All-Hirn-Problemen (Menschheit) zu tun. Zum Abschluss möchte ich zitieren, was von Foerster über das Problem der Erziehung schreibt:
„Der Großteil unserer institutionalisierten Erziehungsbemühungen hat zum Ziel, unsere Kinder zu trivialisieren. Ich verwende diesen Begriff ‘Trivialisierung’ genau so, wie er in der Automatentheorie gebräuchlich ist. Dort ist eine triviale Maschine durch eine festgelegte Input-Output-Beziehung gekennzeichnet, während in einer nicht-trivialen Maschine (Turingmaschine) der Output durch den Input und den internen Zustand der Maschine bestimmt wird. Da unser Erziehungssystem daraufhin angelegt ist, berechenbare Staatsbürger zu erzeugen, besteht sein Zweck darin, alle jene ärgerlichen inneren Zustände auszuschalten, die Unberechenbarkeit und Kreativität ermöglichen. Dies zeigt sich am deutlichsten in unserer Methode des Prüfens, die nur Fragen zuläßt, auf die die Antworten bereits bekannt (oder definiert) sind, und die folglich vom Schüler auswendig gelernt werden müssen. Ich möchte diese Fragen als ,illegitime Fragen’ bezeichnen“ (170f).
Wer Heinz von Foerster und sein Werk etwas näher kennenlernen möchte, ohne sich in allzu komplizierte Theoriegebäude vertiefen zu wollen, ist mit diesem Band ausgezeichnet bedient. 





Ein ausführlicher Artikel von Joachim Paul über Heinz von Foerster





Inhalt:

1. Einführung in die natürliche Magie
2. Einführung in die 12-Ton-Musik
3. Ethik und Kybernetik zweiter Ordnung
4. Kybernetik der Kybernetik
5. Epistemologie und Kybernetik
6. Zirkuläre Kausalität
7. Lethologie
8. Kompetenz und Verantwortung



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