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Klassiker zur Übersicht
Boscolo, Luigi, Gianfranco Cecchin, Lynn Hoffman, Peggy Penn
Familientherapie - Systemtherapie. Das Mailänder Modell
Boscolo et al: Familientherapie - Systemtherapie verlag modernes lernen, Dortmund 1988

422 S., fester Einband

Preis: ca. ab 29,99 €

ISBN-10: 3808002301
ISBN-13: 978-3808002308
verlag modernes lernen





Wolfgang Loth, Bergisch Gladbach:

Die Fruchtbarkeit der Anregungen, die sich aus dem „Mailänder Modell“ für die klinische Praxis im psychosozialen Bereich ergeben, dokumentiert sich mittlerweile in einer Vielzahl von daran anknüpfenden Arbeiten. Um so gespannter durfte man auf das vorliegende Buch sein, das bereits ein Jahr nach Erscheinen des Originals nun in deutscher Übersetzung vorliegt und eine sehr praxisbezogene Darstellung des, Mailänder Ansatzes verspricht.
Das Buch bietet zunächst einen historischen Überblick „Von der Psychoanalyse zur Familientherapie“ (L. Hoffman), in dem wesentliche epistemologische Schritte nachvollzogen und die gegenseitige Befruchtung verschiedener Arbeitsgruppen deutlich gemacht werden. Peggy Penn steuert jeweils eine strukturierende Einleitung zu den einzelnen Kapiteln bei, die bestehen aus den Transkripten von vier Lehrkonsultationen des Mailänder Teams sowie eingeschobenen Konversationen dazu. Interessanterweise gibt das Buch genau die Phase wieder, in der sich das ursprüngliche Mailänder Team entschloss, zukünftig getrennte Wege zu gehen. In der ersten der vorgestellten Konsultationen sind noch alle vier beteiligt (mit Selvini und Prata). Spannend zu lesen ist die Reflexion über Brüche in der konkreten Zusammenarbeit von Selvini und Cecchin mit der Familie, und wie das Team als ganzes damit umgeht. Daran anschließende Überlegungen zu Ko-Therapie (S. 47) machen deutlich, dass der Gewinn einer Zusammenarbeit eher in der gemeinsamen Reflexion gesehen werden könnte und weniger in der gemeinsamen Abstimmung vor Ort.
Die Struktur der Darstellungen beinhaltet jeweils die Transkripte der Familiensitzungen und, eingeschoben, die Transkripte der Reflexion der Autoren und Autorinnen über die gerade vorgestellte Szene bzw. weitergehende Überlegungen. Hoffman und Penn beschränken sich dabei auf die Funktion derjenigen, die Boscolo und Cecchin anregen, ihre Gedanken zu schildern. Die Fragen sind dabei erfrischend „normal“ und spiegeln oft übliche Erfahrungen wider, wie z. B. das Verarbeiten der Situation, dass Klienten nicht wiederkommen etc.
Neben vielen Anregungen zu zentralen Elementen des weiterentwickelten Mailänder Ansatzes (Hypothesen bilden, Problemsystem, Neutralität, Unmöglichkeit instruktiver Interaktion usw.) erscheint mir das wesentliche Verdienst des Buches darin zu liegen, deutlich zu machen, was mit systemischer Reflexion gemeint ist. Deutlich wird, dass auch „die Mailänder“ Menschen sind, also häufig und geradezu verblüffend linear einsteigen in ihren Überlegungen, dies sogar zunächst bevorzugen. Die sie dann aber schrittweise aneinander anknüpfen und zu „Mustern, die verbinden“ voranschreiten. Es wird m. E. klar, dass systemisch nicht in erster Linie das Vorgehen an sich meint, sondern dass damit ein Verständnis dessen gemeint ist, wie ein Kontext dafür geschaffen wird, reflexive Verknüpfungen zu schaffen. Dies bezieht sich dann sowohl auf die Familie (und äußert sich in Fragen, Interventionen, Ritualen), als auch auf das Team, das sich ebenfalls weiterentwickelt.
Das Buch zeigt auf erfrischende Weise einen möglichen Ausweg aus einem Dilemma, das sich zu ergeben scheint aus der Versuchung, systemisches Arbeiten als erweiterte lineale Behandlungsform zu verstehen: Systemisches Arbeiten (evtl. uneingestanden) als noch wirksameren therapeutischen Eingriff benutzen zu wollen, wäre eben „Mehr-Desselben“ und machte die konstatierte „Unmöglichkeit instruktiver Interaktion“ zu einer um so lähmenderen Erkenntnis.
Das von den Mailänder Männern in den Mittelpunkt gerückte Prinzip der Neutralität berücksichtigt auf der einen Seite die Erkenntnis der Unmöglichkeit instruktiver Interaktion, bringt sie auf der anderen Seite in einen Kontext von „neugierig“ sein, und ermöglicht somit eine Position jenseits der unseligen Polarität „Macht/Ohnmacht“. Die rekursive Verknüpfung einer solchen Position mit „Respekt“ wird deutlich. Die praktische Relevanz bringt Cecchin (1988, 5.194) auf folgenden Nenner: „Wenn wir neugierig sind hinsichtlich der Beziehungen oder Muster von Ideen, Personen, Ereignissen und Verhaltensweisen, verstören wir das System, mit dem wir interagieren … auf eine Art und Weise, welche sich von Verstörungen unterscheidet, die sich auf Versuche stützen, eine einzig richtige Beschreibung/Erklärung zu finden (nämlich einen kausalen Zusammenhang).“
Insgesamt handelt es sich um ein sehr anregendes Buch, das in Inhalt und Form etliche Anknüpfungspunkte für das eigene Nachdenken ermöglicht. Das recht ausführliche Sachregister am Ende sowie ein Personenverzeichnis erleichtern dabei ein gezieltes Nachbereiten und unterstützen den angenehmen Gesamteindruck.

(Erstveröffentlichung in: Praxis d. Kinderpsychologie u. Kinderpsychiatrie 39(1): 28-30, 1990)






Verlagsinformation:

Der psychotherapeutische Bereich wurde durch Entwicklungen des Mailänder Teams Mitte der 70er Jahre erschüttert - neue Vorgehensweisen erwiesen sich bei bisher schwer zu behandelnden Störungen wie Schizophrenie und Anorexie in sehr kurzer Zeit als erfolgreich. In diesem Buch demonstrieren zwei Mitglieder des Mailänder Teams - Boscolo und Cecchin - ihre kklinische Kunst. Transkripte von vier therapeutischen Sitzungen zeigen die konkrete Vorgehensweise des Mailänder Teams und verdeutlichen zugleich die theoretische Weiterentwicklung systemischen Denkens und die Umsetzung dieser neuen Konzepte in praktisches Handeln. In die Transkripte sind Diskussionen aller vier Autoren/innen eingestreut, in denen sie das eigene Handeln vor dem Hintergrund der theoretischen Annahmen reflektieren und so ein anschauliches Bild des sich ständig weiterentwickelnden Mailänder Ansatzes vermitteln. Eine Einleitung, die die Ideengeschichte und Entwicklung des Mailänder Ansatzes einfühlsam und verständlich nachzeichnet, gibt den Lesern/innen ein solides Fundament, den Fallbeispielen und der Diskussion zu folgen. Mit diesem Band liegt zum ersten Mal eine anschauliche Darstellung des Mailänder Ansatzes vor, die die von "den Mailändern" ausgelösten Innovationen im therapeutischen Bereich nachvollziehbar machen - von einem Paradigma der Manipulation und Heilung zu einem Paradigma der Konversation und des Dialogs.






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