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Veranstaltungsbericht zur Berichtsübersicht
23.10.2008
Essen? - Essen. 7. DGSF Jahrestagung 2008: Systemische Hirngespinste - Anstöße aus der Forschung. 10-13.9.2008
Eröffnungsveranstaltung Eröffnungsveranstaltung der
DGSF-Jahrestagung
2008 in Essen
Katrin Richter, Laboe:

Ich will ja nicht schon wieder damit beginnen, dass es beeindruckend war, das ist es ja immer. Man könnte nach diesem Kongress schon von ewiger neuer neuronaler Vernetzung sprechen. Ich weiß ja nicht, wie es anderen Teilnehmern geht, aber ich profitiere lange davon, bin hellauf begeistert, verschwinde mit meinen neuen Synapsennetzwerken in meiner  Schatzkammer und summe leise vor mich hin. Es war der größte DGSF-Kongress überhaupt mit mehr als 600 Teilnehmern. Die Qualität stimmte.
Vielleicht von vorn…
Die Forschungskolloquien verbrachte ich auf der Autobahn, bei Eröffnung hatten sich viele Teilnehmer bereits warmgesessen.
Prof. Dr. Jochen Schweitzer eröffnete im Anschluss charmant seinen ersten Kongress als Vorsitzender der DGSF.  Was würde passieren, wenn die Systemische Therapie ihre „offizielle Anerkennung“ bekommen würde? Dann würden nicht nur Berge, sondern Gebirge den Platz wechseln.
Es war klar, dass auch von Reinert Hanswille als Vertreter der Veranstalter eine gewissen Spannung abfiel nach seinen nachfolgenden Eröffnungsworten. Endlich ging es los.
In den Hauptvorträgen von Prof. Dr. Hans Markowitsch und Prof. Dr. Günter Schiepek lernte ich den letzten Rest meiner Voruteile über Neurologen und Hirnforschung zum Verschwinden zu bringen. Durch funktionelle  bildgebende Verfahren lassen sich für die systemische Therapie viele Sicherheiten gewinnen, denn der Kontext  der Lebensumwelten bestimmt die Hirnentwicklung – so Markowitsch. Die Wirkungen des sozialen Umfelds auf die neuronalen Vernetzungen sind nachweislich, vielfältig und bemerkenswert. Isolation führt zu lebenslanger Hirnverkümmerung, ein Zuviel an Verbindung führt zu Interferenz und 20 Tage Badeurlaub mit Strandliegen führen zu einer IQ-Verringerung um 10 Punkte. Ha! Großes Gelächter und irgendwie Zweifel? Mit dem Fokus auf dem Hirnstoffwechsel waren nun traumatische Ereignisse bezüglich der Verknüpfung von Emotion und Gedächtnis anders zu verstehen. Das Stressmodell sagt seit Jahren Ähnliches, die Psychoanalyse arbeitet damit, Systemiker wussten es schon lange und dennoch – es gibt Sicherheit, es genau sehen zu können. In Farbe.
Vielleicht kam es nicht von ungefähr, im Anschluss daran bei Professor Schiepek zu lernen, dass die Neuroplastizität bis ins sehr hohe Alter gegeben ist, neue Hirnzellen wachsen und wenn man nur lernen will, sogar von erbsengroß zu kastaniengroß. Neurogenese: Neue Lerninhalte können innerhalb von Tagen neue Nervenzellen generieren und Dauerstress erzeugt eine erhöhte Cortisolausschüttung und einen Stresskreislauf, der Lernen verhindert. Mütter, Erzieher, Lehrerinnen, Sozialpädagogen, Psychologinnen müssten Managergehälter bekommen, denn die Genesis des Hirns beginnt mit der Geburt. Darüber lohnt es sich ernsthaft nachzudenken.
Das Gehirn ist dauerhaft aktiv und viele Prozesse laufen über Inhibitition, ein schönes Wort für Dämpfung der Hirnaktivitäten. Lässt - nicht nach Schiepek, sondern nach mir - das ressourcenorientierte Arbeiten der Systemiker direkt im anderen Lichte erscheinen – Desinhibierung…
Professor Schiepek erklärte wunderbar, wie die Spiegelneurone funktionieren, man stelle sich vor, man sieht jemanden mit nackten Füßen direkt vor einer Türkante – na? Das funktioniert sogar ohne Foto. Hinsehen und Hinfühlen, es sind dieselben Hirnareale, die da feuern und deshalb funktionieren Filme so gut.
Der Begriff der systemischen Therapie konnte aufgrund der Forschungsbefunde nicht nur eine Erweiterung erfahren, sondern auch mehr Selbstsicherheit tanken. Flooding hatte ich immer als ein Zuviel verstanden – überflutet werden – es ist aber auch ein Hinweis darauf, dass sich etwas verändert, denn Therapie wirkt zeitverzögert.
Der nächste Morgen bescherte uns allen nicht nur einen vollen Saal, sondern auch Einsichten über das Bauchgefühl. Dr. Gunter Schmidt behauptete, wir erzeugten uns in jeder Sekunde neu. Zellen, die gleichzeitig feuern im Hirn, vernetzen sich miteinander (Gesetz der Hepp’schen Plastizität des Gehirns). Lernen besteht nach Schmidt im Neuvernetzen von Vorhandenem, wir als Therapeuten sind Evozierungshelfer wie der Weckdienst im Hotel. Das gefiel mir, man muss halt nur fokussieren. Wir arbeiten der Autorität des Patienten zu – als Dienstleister. Schmidt erklärte auch dissoziative Trance mit einem Beispiel einer übergewichtigen Patientin. Sie: „Meine Füße zwingen mich immer zum Kühlschrank zu gehen, um ihn leer zu essen“ – Er: „Vielleicht verhandeln sie mit ihrem Füßen und lassen sie sei erst durch die ganze Wohnung laufen, wenn sie danach zum Kühlschrank dürfen. Im Kühlschrank sitzt der Herr des Genusses, der die Füße versklavt hat. Drücken sie die Kühlschranktür zu und sagen sie – deine Sklavin kommt gleich.“ Eine wunderbare Abgrenzungsübung.
Nach einem so wundervollen Input konnte ich persönlich Prof. Reddemann nicht folgen. Ihre Stimme wollte wohl lieber nach Hause und ich habe den Saal verlassen.
In den Nachmittagsworkshops bei Prof. Dr. Renate Zwicker-Pelzer und Dr. Johannes Johannsen lernte ich viel über Alter und Alter und darüber, dass mit 60 noch lange nicht alles vorbei ist. Pflege und Gebrechlichkeit sollte Aktivität entgegengesetzt werden. Auch in hohem Alter bilden sich neue Gehirnzellen. „Use it or lose it“ manchmal sind Ballspiele ja vielleicht auch langweilig und man sollte seine Omi lieber in einen ordentlichen Krimi mitnehmen oder sie sich verlieben lassen oder sie auffordern, Jonglieren zu lernen, anstatt sie im Sitzen zum Häkeln zu bewegen. Das erfordert Umdenken im System. Dem Leben wird rückwärts ein Sinn gegeben, an 70 Jahren gelebten Lebens kann man nichts mehr ändern,
aber es ist nie zu spät, noch etwas zu ändern. Fernsehen dämpft die neuroplastische Aktivität nicht nur bei Kindern. Also ran an den Speck.
Mein zweites Workshop-Leckerli war die Sandspieltherapie, die wirklich ein Happen für sich ist. Es fällt mir schwer, die Inhalte wiederzugeben, deswegen lass ich‘s auch. Denn was im Sand mit kleinen Figuren alles gesehen werden kann,
muss man erleben. Maria Bahr und Monika Heinzel-Junger demonstrierten das eindrucksvoll. Auch hier ließ sich eine Vernetzung zwischen Systemikern, Analytikern, Bauarbeitern und Neuronalen Netzwerkern nicht verleugnen.
Am Abend gab es eine Mitgliederversammlung, die keine Minute langweilig war. Es wurde kontrovers diskutiert, gesungen, danach noch weitergeredet. Es hat wieder lange gedauert, die Tendenz zur Straffung ließ sich aber wahrnehmen. Nachdem ich 7 Jahre „gekniffen“ habe, werde ich nächstes Jahr wieder hingehen.
Der Freitag war ein Freutag, es ging weiter und die Systemiker haben auf Kongressen manchmal wirklich Entertainmentqualitäten. Und wie wir seit Donnerstag wussten, fördert Lachen die Aufnahme der Informationen im Hirn, weil sie mit angenehmen Dingen verknüpft werden. Begeistert lernt es sich leichter.
Mit Musik auch. Zwischen den Vorträgen gab es Jazz zum bisschen mitswingen.

Die Hauptvorträge von Maria Arts, Rainer Schwing und Prof. Gerald Hüther waren gewürzt mit Lachern und Erkenntnissen. In einer überraschten Lernatmosphäre „bleibt mehr hängen“ aber „Liebe – auch hermeneutische macht zuweilen blind“ (Schwing). Es gibt Familien, die sind an sich schon verstärkt genug, die muss man mit zirkulären Fragen nicht noch mehr verstören, nur weil man das so gelernt hat.
Nach Hüther: „Die mechanistische Vorstellung des Lernens ist überholt. Lernen ist dynamisch, braucht stabilisierende Einflüsse und Belohnungen…“ oder noch schöner: „Begeisterung ist der Treibstoff für’s Hirn.“
Wenn ich versuche, diesen Kongress auf ein paar Seiten zu porträtieren, und das so tue, wie es für mich gewesen ist, merke ich, wie schwer es mir fällt, diese vollen Tage auf so wenige Zeilen zu beschränken. Würde ich es morgen schreiben, käme Anderes dabei heraus.
Es ging noch
weiter. Mit den vielen Angeboten waren die Teilnehmer gut versorgt. Nur manche der Workshops waren zu voll. Die Uni-Gebäude in Essen sind weitläufig und riesengroß, Platzmangel gab es also auch nicht.
Der Freitag gi
ng für mich mit der Beschäftigung mit online-Therapie weiter. Darüber kann man geteilter Meinung sein, weil ein jeder in der Schrift nur zum Teil da ist. Stimmt das, was geschrieben wird? Welcher Eindruck entsteht?  Wie verantwortlich können Grenzen eingehalten werden? Da bleiben viele Fragen offen. Auch hier wurde deutlich: das, was im Internet zu sehen ist, hat eine Wirkung, die sich jeder bewusst machen sollte, um diese Aufgabe zu erfüllen. Es gibt zugleich erhöhte Anonymität und größere Offenheit in beide Richtungen.
Freitagabend war es dann für viele so weit. Das Fest mit dem Buffet und dem Rededrang konnte an riesigen runden Tischen so richtig kultiviert werden. Getanzt wurde sowieso. Und gegen Ende kam die Sängerin immer mehr in Fahrt und konnte ihr Stimmvolumen nutzen. Sämtliche vom Sitzen eingerosteten Muskeln wurden gelockert einschließlich der Stimmbänder.
Schlauschlau, dass der ersten Eröffnungsvortrag von Samstag von Prof. Dr. Jochen Schweitzer selbst gehalten wurde. Welche Ehre, nach fast durchzechter Nacht ihm andächtig lauschen zu wollen. Systemische Organisationstheorie am Beispiel der DGSF selbst. Das konnte jeden angehen. Wie Prof. Dr. Hans Förstl im Anschluss über neurobiologische Zukunftsperspektiven  richtig bemerkte: „Alles, woran man glaubt, hilft.“ Placebos erfüllen das Prinzip Hoffnung. Lasst es uns nutzen.
Zum Tagungsausklang lieferte der Taxifahrer Edgar Guzorra einen etwas launischen Blick auf diesen Kongress und machte sich über dies und das lustig. Muss man dabe
i gewesen sein und gesehen haben.
Den Staffelstab in olympischer Manier zu übergeben – das muss man erst mal bringen. Bis nächstes Jahr in Potsdam.



Katrin Richter
Katzbek 20
24235 Laboe
www.ppkr.de




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