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07.01.2005
Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie zur RTL-Realityserie „Die Super Nanny“
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In den letzten Monaten sind mehrere Folgen der RTL-Realityserie
„Die Super Nanny“ zur besten Sendezeit jeweils am Mittwoch um 20.15 Uhr
ausgestrahlt worden. Etwa 5 Millionen Zuschauer sollen die einzelnen
Folgen jeweils gesehen haben. Die DGSF nimmt dies zum Anlass, ihre
großen Bedenken sowohl an der Art als auch an den Inhalten dieser
Sendung auszudrücken.
Inhaltlich vermittelt die Serie ein überholt geglaubtes
autoritäres Erziehungskonzept: Erziehung ist ein Kampf (wörtlich aus
dem Munde der Super Nanny: „Das ist Krieg!“), in dem es für die Eltern
ums Gewinnen geht. Der 6-jährige Max erfährt in dem bereits dreimal
ausgestrahlten Pilotfilm immer drastischere Maßnahmen, bis er den Kampf
weinend aufgibt. Das ist bei so viel körperlicher Überlegenheit der
Erwachsenen noch möglich. Aber was geschieht, wenn er 16 Jahre alt ist?
Bei einer solchen Erziehung hat er bis dahin gelernt: In dieser Welt
herrscht allein das Recht des Stärkeren. Alle wissenschaftlichen
Befunde verweisen darauf, dass er sich mit hoher Wahrscheinlichkeit ein
Feld suchen wird, wo er diese Lehre praktizieren kann.
Und weiter: Regeln werden von der Super Nanny gesetzt und in
einem langen Katalog aufgeführt, ohne sie mit den Beteiligten zu
erörtern. Die Erwartungen und Erziehungsvorstellungen der Eltern werden
nicht erfragt, scheinen keine Rolle zu spielen. Der Blick der Super
Nanny auf die Familie ist zudem ausschließlich defizitorientiert: Drei
Tage beobachtet sie die Familie, um dann der Mutter von vier Kindern in
einer außergewöhnlich überheblichen Art ihre „Fehler“ vorzuhalten. Die
Diplom-Pädagogin nimmt nicht zur Kenntnis, dass die Forschung der
letzten Jahrzehnte mit größter Deutlichkeit gezeigt hat, dass es
ungleich hilfreicher ist, auf die Stärken zu schauen und das Verhalten
hervorzuheben, das erfolgreich ist.
Zudem betrachtet sie das Verhalten des 6-jährigen Max ganz als
individuelles Problem, losgelöst von dem Verhalten der anderen und auch
nicht im Zusammenhang der Familiengeschichte. Auch hier ignoriert sie
die wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass das Verhalten von Kindern nur
im Kontext des Verhaltens der Familienmitglieder zu verstehen ist. So
entgeht ihr denn auch die Möglichkeit, näher zu untersuchen, warum Max
beim Kuchenbacken mit dem Vater (und angeblich auch sonst in seiner
Anwesenheit) ein angepasster, netter Junge ist, der aber extreme
Verhaltenauffälligkeiten zeigt, wenn der Papa das Haus verlassen hat.
Kurz: Das Vorgehen der Super Nanny ist unprofessionell, vor allem
aber gefährlich. Denn es wird eine schwarze Gehorsamspädagogik in die
Wohnzimmer von Millionen von Zuschauern transportiert, die an das
erinnert, was in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts in
deutschen Familien geschah – mit allen langfristigen Folgen. Zudem
demonstriert sie ein Erziehungsmodell, das im Umgang mit älteren
Kindern nicht nur in seinen Folgen gefährlich, sondern zum Scheitern
verurteilt ist. Entsprechend hört man aus Erziehungsberatungsstellen
von ersten Anmeldungen von Eltern, die das Modell Super Nanny erprobt
haben und nun endgültig vor einem Scherbenhaufen stehen.
Die Serie verletzt aber auch grundlegende ethische Forderungen
und Maßstäbe: Konnte der sechsjährige Junge seine „informierte
Zustimmung“ dazu geben, in derartiger Weise vor Millionen von
Zuschauern vorgeführt zu werden? Was bedeutet das für ihn in zehn
Jahren? Wie viele Kameraleute, Beleuchter und sonstige
Fernsehmitarbeiterinnen und -mitarbeiter waren all die Tage ständig um
ihn herum, wenn er tobte, spuckte und in seinem Zimmer wütete? War das
für ihn Spiel, Inszenierung, Theater oder „wahres Leben“? Konnten die
Eltern beurteilen, worauf sie sich für 2000,-€ eingelassen haben? Waren
Sie psychisch und formal in der Lage, die Aufnahmen jederzeit
abzubrechen?
Zweifellos greift die Serie ein Thema auf, das höchst aktuell
ist: Die tiefe Erziehungsverunsicherung vieler Eltern heutzutage. Dies
erklärt – neben dem voyeuristischen Aspekt und der Befriedigung
darüber, dass es anderen noch schlechter geht - die große Resonanz bei
den Zuschauern. Auch spricht sie Dinge an, die in der Erziehung wichtig
sind: Struktur, Regeln, Eindeutigkeit und die Bereitschaft, auch mal
einen Konflikt mit dem Kind auszutragen. Aber es fehlt völlig der
Rahmen von Respekt und Wertschätzung gegenüber dem Kind, in den dies
eingebettet sein muss. Das Fernsehen hat prinzipiell große Chancen und
wunderbare Möglichkeiten, Erziehungseinstellungen und
Erziehungshaltungen zu vermitteln, die für Millionen von Eltern
hilfreich sein können. Diese Chance wird mit der Realityserie „Die
Super Nanny“ nicht nur vertan, sondern durch Inhalt und Form der
Sendung ins Gegenteil verkehrt.
Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie
und Familientherapie
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