Berlin, 20.12.2005: In einem lesenswerten Artikel unter der Überschrift
"Sozialkunde. Elemente der deutschen Leitkultur: Ausländerfeindlichkeit
- Ausländerfreundlichkeit, Romantik - Aufklärung, Technik -
Komplexität: Sich deutsch zu fühlen heißt, in den drei Widersprüchen zu
Hause zu sein" schreibt Dirk Baecker, Soziologe und Systemtheoretiker in der TAZ über die Widersprüchlichkeit des Deutsch-Seins.
Zitate:
"Auf einen einfachen Nenner lässt sich diese Dreifaltigkeit mit
eingebautem Widerspruch nicht reduzieren. Sich deutsch zu fühlen heißt,
sich in einem der sechs Werte Ausländerfeindlichkeit,
Ausländerfreundlichkeit, Romantik, Aufklärung, Technik und Komplexität
zu Hause zu fühlen und alle anderen fünf Werte mit zu führen. Wird man
auf einen der sechs Werte verpflichtet, weicht man aus auf einen der
fünf anderen, von denen aus man negieren, aber auch reflektieren kann,
womit man im besten Sinne der Dialektik Theodor W. Adornos
nichtidentisch identisch ist. Wer das nicht aushält, beruft sich auf
einen siebten und achten Wert, die eigene Religion im Unterschied zur
Religion der anderen und die eigene Region im Unterschied zur Region
der anderen, und gewinnt aus diesen beiden Werten eine ruhige
Sicherheit und einen heimischen Dialekt, die es beide gleichermaßen
erlauben, sich aus den sechs ersten Werten eine Weltauffassung zu
basteln, die ebenso schlicht wie nuanciert ist. Im besten Fall hält man
das einige Jahrzehnte durch und gewinnt einen Charakter, der
biografisch belegt ist und umso glaubwürdiger wirkt, je eindeutiger, im
Spielraum einer gewissen Unschärfe, er festzulegen erlaubt, wozu man
sich mit welchen Einschätzungen äußert und wozu nicht."
"Jeder Versuch seither, auf politisch korrekte Fremdenfreundlichkeit,
auf soziologische Aufklärung über die Komplexität der Welt und auf ein
ökologisches Misstrauen gegenüber der Reduktion auf ein technisches
Problemlösungsverständnis umzustellen, stößt sich an einem politischen
Kalkül, das das deutsche Selbstverständnis dort bedient, wo es sich
nach wie vor am meisten zu Hause fühlt. Den romantischen Traum von
einer Gemeinschaft, die sich die Welt als Ideal einrichtet, bedienen
hierzulande sowohl die rechten wie die linken Ideologien. Selbst dort,
wo wir auf Pragmatik umschalten, glauben wir, dass pragmatische
Lösungen darin bestehen, eine bisher nicht gesehene, aber einfache
Wahrheit auf den Punkt zu bringen."
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