In der Onlineausgabe der "Zeit" von heute ist ein langer Artikel über die zunehmende Armut in Hamburg, der reichsten deutschen Großstadt erschienen. Er macht auf plastische Weise die aktuelle Tendenz der zunehmenden Exklusion von bestimmten Bevölkerungsgruppen aus der "Gesellschaft" deutlich. Zitate: "Am schnellsten breitet sich die Armut unter den Schwächsten aus, den Kindern. Die emeritierte Hamburger Pädagogikprofessorin Ursel Becher, die 2005 eine Untersuchung über Kinderarmut in Hamburg vorlegte (PDF; 3,5 MB), spricht von einer »Infantilisierung der Armut«. 20,4 Prozent der Hamburger Kinder unter 15 Jahre leben von Sozialhilfe – nahezu doppelt so viele wie im westdeutschen Durchschnitt (11,3 Prozent) und fast so viele wie in Ostdeutschland (24,4 Prozent), wie eine neue bundesweite Untersuchung des Paritätischen Wohlfahrtsverbands über »Kinder und Hartz IV« ermittelte. 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland leben heute auf Sozialhilfeniveau, ergab eine weitere, in der vergangenen Woche vorgestellte Studie des Kinderschutzbundes. 20,4 Prozent in Hamburg – das sind 49.800 Kinder. Beunruhigend ist nicht nur die Höhe der Zahl, sondern auch, dass sie so schnell wächst; im August 2005 gab es noch 3000 arme Kinder weniger. Einen höheren Anteil hat die Kinderarmut im Westen der Republik nur in Bremen, wenn man von Berlin, der Ost-West-Stadt, absieht. Bremen und Berlin, das sind arme Städte, da mag der hohe Wert wenig überraschen. Aber das reiche Hamburg? Die Stadt mit einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, das doppelt so hoch ist wie das von Berlin? Die Stadt, die den höchsten Beschäftigungszuwachs aller Bundesländer verzeichnet?"… Der Stadtsoziologe Jens Dangschat "hält Hamburg für die »wohl am stärksten polarisierte Großstadt in Deutschland«. Die Stadt sei, verglichen mit anderen deutschen Metropolen, »in vieler Hinsicht die modernste, weil hier zentrale Prozesse der Stadtentwicklung zuerst und am intensivsten einsetzten« – Prozesse, die er freilich kritisiert. Angefangen beim betriebswirtschaftlichen Denken der Kommunalpolitiker, die ihre Stadt nur noch als Wirtschaftsstandort sehen. Dieses neue Selbstverständnis stelle »die hergebrachten Formen der Orientierung am Gemeinwesen infrage«, meint er. Vor allem die »Instrumentalisierung der Stadtenwicklungspolitik« verurteilt Dangschat: »Hier werden durch Handeln und Unterlassen die Räume der Sieger und der Verlierer der ökonomischen Umstrukturierung geformt.«" … "Die Hafencity ist, nach Dangschat, solch ein »Raum der Sieger«. Sie ist eines der größten Stadtplanungsprojekte Europas und wird das bisherige Stadtzentrum um 50 Prozent vergrößern. Auf einer Brachfläche im citynahen Areal des Freihafens wächst, als Mix aus schickem Wohnen, Eventkultur, Dienstleistungen, Lifestyle-Einzelhandel, New Media-Privatuniversität und Elbphilharmonie, die Modell-Innenstadt des 21. Jahrhunderts heran. 12.000 Menschen sollen hier einmal wohnen und 40.000 arbeiten. Die Wohnhäuser am Sandtorkai, der an die denkmalgeschützte Speicherstadt grenzt, sind schon fertig: siebengeschossige Würfel, weit übers Hafenbecken ragend – zu Mieten bis 2500 Euro kalt für ein 150-Quadratmeter-Loft. Bis 2008 soll das nächste Quartier am Dalmannkai mit 650 Wohnungen zu beziehen sein. Eine Attraktion der Hafencity wird ein Überseequartier werden, eine »24-Stunden-Stadt« mit Restaurants und Shops, einem Science-Center, einem Großaquarium und einem Cruise Center, wo Kreuzfahrtschiffe anlegen werden." … "Hamburgs Erstem Bürgermeister Ole von Beust scheinen die Armenviertel seiner Stadt so etwas wie eine Terra incognita zu sein, nicht mehr zu seinem Herrschaftsbereich gehörend. »Manchmal setze ich mich abends in mein Auto, ziehe mir ein Käppi ins Gesicht und fahre in Viertel, in die man sonst nicht kommt«, vertraute er der ZEIT voriges Jahr in einem Interview an. Und staunend berichtete er: »Da sehen Sie Menschen, die von morgens bis abends auf einer Parkbank sitzen und sich an einer Dose Bier festhalten. Sie hören von Lehrern, dass Kinder montagmorgens hungrig in der Schule sitzen, weil die Eltern am Wochenende nicht für sie gekocht haben.« Was tut sein Senat dagegen? Wie bekämpft der Bürgermeister die Armut, die ihn so umzutreiben scheint? Das war leider nicht zu erfahren. Die Bitte um ein weiteres Interview über die Armut in Hamburg lehnte Ole von Beust ab, ohne Begründung."
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