Wer sich durch die Begeisterung, die der Auschwitz-Besuch des gegenwärtigen Papstes in der deutschen Presse gefunden hat (es hallt noch immer das Echo nach von "Wir sind Papst"), anstecken ließ, dem sei die Lektüre der messerscharfen Analyse seiner Rede durch Daniel J. Goldhagen in der Welt vom 3.6.2006 empfohlen. Auszüge: "Es ist grundlegend falsch, die Verantwortung für den Holocaust allein oder auch nur in erster Linie einer "Schar von Verbrechern" zuzuschreiben. Kein deutscher Wissenschaftler, kein mehrheitsfähiger deutscher Politiker würde es heutzutage wagen, Benedikts mythologisierte Darstellung der Vergangenheit vorzubringen."… "Richtigerweise sagte Benedikt, "die Machthaber des Dritten Reichs wollten das jüdische Volk als ganzes zertreten". Doch dann deutete er den Holocaust zu einem Anschlag nicht wesentlich auf die Juden, sondern auf das Christentum um, indem er fälschlicherweise behauptete, mit dem Mord an den Juden "sollte im letzten auch die Wurzel ausgerissen werden, auf der der christliche Glaube beruht". Damit ist gemeint, die Nazis hätten die Juden deshalb ermordet, weil das Judentum die Mutterreligion des Christentums war. Wie jeder Historiker und noch ein oberflächlicher Student weiß, sahen die deutschen Täter die Juden jedoch als übelwollende und mächtige "Rasse" und nicht als religiöse Gruppierung - üblicherweise geben sich die Kirchenhistoriker große Mühe, das zu betonen. Der Wunsch der Täter, die Juden zu vernichten, hatte nichts mit Antichristentum zu tun. Benedikts Unvermögen, offen auszusprechen, daß die Deutschen Juden ermordeten, weil sie Juden haßten, ist Teil seines Unvermögens insgesamt, sich der historischen Bedeutung des Holocaust innerhalb des deutschen Massenmordens zu stellen."… "Benedikts Geschichtsklitterung ist auch ein moralischer Skandal, denn er verschleiert die verstörendste Wahrheit über die katholische Kirche und den Holocaust: In ganz Europa hatten ihre Kirchen stillschweigend oder aktiv an der Verfolgung der Juden teil. Von Papst Pius XII. bis zu den deutschen Bischöfen, bis zu den französischen Bischöfen, bis zu den Führern der polnischen Kirche und darüber hinaus unterstützen viele Kirchenführer, vom Antisemitismus animiert, die Verfolgung (wenngleich nicht die Abschlachtung) der Juden oder riefen zu ihr auf."… "usführlich rätselte Benedikt, wo Gott damals gewesen sei. Die Frage eines Kirchenmannes. Auffällig dagegen sein Versagen, danach zu fragen, wo denn die Kirche damals war. Benedikts Verweis auf die Rätselhaftigkeit von Gottes Wegen verschleierte so noch die meistdiskutierten Aspekte des Verhaltens von Kirche und Papst während des Holocaust: Warum sie ihre Stimme nicht erhoben. Warum sie nicht mehr taten, um den Juden zu helfen. Mit solchen Ausflüchten und Verdrehungen kommt ein moralischer Führer seiner moralischen Verantwortung nicht nach, von der moralischen Verpflichtung der Kirche zu Reue und Wiedergutmachung ganz zu schweigen."
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