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29.03.2006
Stellungnahme zur Bonner Erklärung aus kindertherapeutischer Perspektive
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Wiltrud Brächter, Köln:
Der Kritik an den geplanten Verengungen therapeutischer Möglichkeiten kann ich mich nur anschließen. Aus kindertherapeutischer Sicht erscheint mir eine symptombezogene Zuordnung von Therapieverfahren vollends absurd. Nach ICD klassifizierbare Symptome sehe ich als Eintrittskarte, um mit einem Kind (und seiner Familie) arbeiten zu können. Wobei es in dieser – jeweils einzigartigen - Therapie dann wirklich geht und wie weit größere Systeme einzubeziehen sind, stellt sich erst im Prozess heraus. Aufmerksamkeitsprobleme können mit der Sorge um einen Vater einhergehen, der trinkt, Einnässen mit unausgesprochenen Trennungsabsichten der Eltern, Schulangst mit dem Verantwortungsgefühl für eine psychisch instabil wirkende Mutter, gesteigerte Aktivität mit Misshandlungserfahrungen oder dem Versuch, die Präsens der Eltern hervorzulocken, Mutismus mit der Unmöglichkeit, über Gewalt in der Ehe der Eltern zu sprechen. Die Liste ließe sich beliebig verlängern, Symptome und Kontextvariablen sind dabei weitgehend austauschbar. Auch wenn sie in keinem ICD erfasst sind, werden die angesprochenen Zusammenhänge in einer systemisch orientierten Kindertherapie aufgegriffen und mit „behandelt“, sofern sich der Auftrag entsprechend erweitern lässt - und soweit es möglich ist. Die institutionellen Rahmenbedingungen dafür sind schlecht genug. Die Symptome eines Kindes einfach „wegzutherapieren“, ohne wenigstens zu versuchen zu verstehen, was das Kind beschäftig, halte ich für problematisch. Eine wesentliche Aufgabe von Psychotherapie sehe ich darin, Kinder mit geeigneten – schulenübergreifend verwendeten – Methoden dabei zu unterstützen, sich auszudrücken (und dadurch vielleicht Symptome nicht mehr zu benötigen), darüber hinaus, ihre Perspektive in die Arbeit mit der Familie einzubringen und Veränderungsprozesse anzuregen, die ein gelingendes Zusammenleben von Eltern und Kindern ermöglichen. Mir stellt sich auch die Frage nach dem Menschen- und Gesellschaftsbild (und dem Berufsbild von TherapeutInnen), das den geplanten Änderungen zugrunde liegt. Wird Therapie als Mittel gesehen, Auffälligkeiten möglichst effizient zu beseitigen und Menschen an eine von außen gesetzte Norm anzupassen, oder geht es um die Erweiterung von Wahl- und Gestaltungsmöglichkeiten für das eigene Leben? In diesem Sinne geht es mir auch um die Wertschätzung und Bewahrung von Vielfalt – nicht nur von Therapieverfahren!
Wiltrud Brächter Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Systemische Therapeutin (SG)
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