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21.03.2006

Leserbrief zur "Bonner Erklärung"
Nachfolgender Text von Alfred Köth hat das systemagazin heute erreicht. Die "Bonner Erklärung" stellt in erster Linie eine politische Äußerung gegen die Bestrebungen dar, Psychotherapie aufgrund höchst zweifelhafter Wissenschaftlichkeitsvorstellungen "evidenzbasiert" analog einem medizinischen Modell zu vereinseitigen und alle Konzepte, welche auf der Psychotherapie als beziehungsorientierter und sinnbezogener sozialer Praxis beruhen, wissenschaftlich, politisch und ökonomisch auszugrenzen. Der Text von Alfred Köth will deutlich machen, dass dieses Ansinnen zwar berechtigt ist, sich aber – in der vorliegenden Formulierung der "Bonner Erklärung" – auch daraufhin überprüfen lassen muss, inwiefern es die kritisierte Tendenz selbst implizit dadurch unterstützt, dass die Psychotherapie, indem sie sich selbst als "Behandlung" entwirft, weiterhin analog zum kritisierten medizinischen Modell gedacht wird. Vielleicht ergeben sich ja bei der Lektüre weitere Anmerkungen und Kommentare, die ich gerne an dieser Stelle veröffentlichen werde.
Tom Levold



Anmerkungen zur Bonner Erklärung aus der Sicht eines Praktikers


Ich habe die Bonner Erklärung unterschrieben, weil ich ihre fachpolitische Zielrichtung unterstütze. Dennoch bleibt mein Unbehagen, da sie meines Erachtens den Kern der Problematik nicht trifft. Es ist eine Erklärung von Verbandsvertretern, die auf der Ebene von „Psychotherapieverfahren“ denken, die sich gegen eine Dominanz von „evidenzbasierten“ Anerkennungs- und Zulassungskriterien wehren, da diese bestimmte „Verfahren“ begünstigen und andere ausschließen. Es ist eine Erklärung von Verbandsvertretern, die „ihr“ Verfahren bedroht sehen. Und es ist eine Erklärung, die letztlich den alten Schulenstreit der verschiedenen psychotherapeutischen „Richtungen“ widerspiegelt.

Für mich als Praktiker fängt aber die „Verengung des Denkens“ nicht erst bei der Ausgrenzung von bestimmten (humanistischen, systemischen, sinnverstehenden) „Verfahren“ an, sondern bereits bei dem Verständnis von Psychotherapie als „Behandlung“. Wenn die Bonner Erklärung an zentraler Stelle schlagwortartig formuliert: „Psychotherapeuten behandeln nicht Symptome, sondern Menschen, die an Symptomen leiden!“, dann verlockt das auf den ersten Blick sehr schnell zur Zustimmung. Auf den zweiten Blick regt sich mein Widerspruch: Die Definition von Psychotherapie als „Behandlung“, die sich inzwischen immer mehr (z.B. auf vielen websites der Psychotherapeutenkammern) als unreflektierte Selbstverständlichkeit durchsetzt, war der Preis für den Eintritt der Berufsgruppe der Psychologen ins Gesundheitssystem. Gleichwohl ist Psychotherapie, wie ich sie verstehe, keine „Behandlung“ wie andere ärztliche Tätigkeiten. Es ist, wie Strotzka 1975 in seiner vielzitierten Definition formulierte, „ein bewusster und geplanter interaktioneller Prozess“, aber keine „Behandlung nach einem Verfahren“. Die von Senf und Broda, anknüpfend an Strotzka, 1996 in ihrem Lehrbuch vorgenommene „Ergänzung und Präzisierung“ dieser Definition stellt meines Erachtens eine berufspolitisch motivierte Einengung des Psychotherapiebegriffs dar: Senf/Broda definieren Psychotherapie als „Krankenbehandlung bei seelisch bedingten Krankheiten, Beschwerden, Störungen im Rahmen und nach den Regeln des öffentlichen Gesundheitswesens mittels wissenschaftlich begründeter und empirisch geprüfter Verfahren und Methoden ... mit a priori formulierten und a posteriori evaluierten Therapiezielen“.

Diese Definition ist meines Erachtens der Kern des Unbehagens. Die Eingliederung der Psychotherapie ins öffentliche Gesundheitswesen unterwirft sie einer Logik, die dem Wesen der Psychotherapie fremd ist. Psychotherapie ist meines Erachtens weit mehr ein Bildungsprozess als eine Behandlungsmethode. Vor 20 Jahren hat der renommierte Psychotherapieforscher Hans Strupp bereits statt eines medizinischen Modells ein „educational or parenting model“ gefordert. Im Handwörterbuch Psychologie definieren Wetzel und Linster 1999 Psychotherapie als „gemeinsames Handeln von zwei oder mehreren Personen“, das durch eine klare Rollenverteilung und ein gemeinsames Handlungsziel gekennzeichnet ist. Letzteres besteht darin, „die psychischen Probleme, an denen der Patient leidet, zu beseitigen oder zu bessern und seine persönliche Weiterentwicklung zu fördern“.

Jeder erfahrene Praktiker weiß, dass dieses Handlungsziel nicht unbedingt mit einem bestimmten „Verfahren“ zu erreichen ist, sondern dass Methoden, Techniken und Interventionen aus verschiedenen Traditionen eingesetzt werden müssen. Nicht zufällig sind nach amerikanischen Studien die meisten Praktiker „Eklektiker“ und nach deutschen Studien haben die meisten Praktiker mehrere Ausbildungen absolviert bzw. Erfahrungen in mehreren „Verfahren“ gesammelt und setzten diese zum Wohle des Klienten/Patienten situations- und fallabhängig ein. Zudem ist die Frage, was denn letztlich die Veränderung beim Klienten/Patienten auslöst, ein ungelöstes und vielleicht sogar unlösbares Problem der Psychotherapieforschung. Jedenfalls ist Veränderung nicht von der Absicht des Therapeuten oder der eingesetzten Technik bzw. dem angewandten Verfahren abhängig, sondern von der Verarbeitung des „inputs“ durch den Klienten.  Heinz von Förster weist mit Recht darauf hin, dass der Mensch nicht nach dem Modell einer „trivialen“ Maschine funktioniert. Genau dieses Modell liegt aber, trotz aller Bemühungen von Medizinern wie Victor von Weizsäcker und Thure von Uexküll, dem Gesundheitswesen zugrunde. Das Abrechnungssystem, zumindest im ambulanten Bereich, zwingt die Psychotherapeuten, ihre flexible, eklektische, professionelle Arbeit einem „Verfahren“ zuzuordnen und jeder Praktiker weiß, dass unter dem Deckmantel von VT oder TP auch systemische, körpertherapeutische, gestalttherapeutische, gesprächstherapeutische, ja sogar hellingersche Techniken zum Einsatz kommen. Bei der Abrechung muss dies jedoch verschleiert werden. Auf dem Bonner Symposium wurde, in Anspielung auf die einstige Kampagne: „Ich habe abgetrieben!“ laut überlegt, ob die Psychotherapeuten nicht eine ähnliche Kampagne starten müssten. Um hier den Anfang zu machen, bekenne ich öffentlich: Ich „behandle“ nicht Patienten nach einem abrechnungsfähigen „Verfahren“, sondern ich setze, unabhängig davon, ob sie wissenschaftlich oder kassenärztlich anerkannt sind, alle mir aus Literatur und Selbsterfahrung bekannten Techniken und Methoden ein, die nach meiner Erfahrung geeignet sind, Klienten dabei zu helfen, sich selbst in die Richtung zu verändern, die weniger psychisches Leid beinhaltet.  

Frankfurt, 20.3.2006

Alfred Köth
Damaschkeanger 37
60488 Frankfurt
alfred.koeth@gmx.de




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