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11.03.2006
Jürgen Habermas: "Strukturwandel der Öffentlichkeit" revisited
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Das Renner-Institut in Wien, die politische Akademie der österreichischen Sozialdemokratie, hat Jürgen Habermas mit dem Bruno-Kreisky-Preis für sein literarisches und publizistisches Gesamtwerk ausgezeichnet. Die Preisverleihung fand am 9. März 2006 im Großen Festsaal der Universität Wien statt. In seiner Dankesrede setzte sich Jürgen Habermas mit der Rolle des Intellektuellen in einer Zeit auseinander, in der die Öffentlichkeit einen weiteren, erheblichen Strukturwandel durchläuft. Mit der Arbeit "Strukturwandel der Öffentlichkeit", die die (in Deutschland vergleichsweise späte) Entstehung einer öffentlichen Sphäre im Zusammenhang mit der Herausbildung des Bürgertums historisch nachzeichnet und ihre Änderungen im Zuge der Entwicklung der Massenmedien kritisch reflektiert, hat sich Habermas 1961 bei Wolfgang Abendroth in Marburg habilitiert. In seiner Rede zur Preisverleihung geht Habermas auf den Strukturwandel der Öffentlichkeit ein, der auf den grundlegenden technologischen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte beruht und die Bedeutung der Intellektuellen als gestaltende Kräfte von Öffentlichkeit in Frage stellt:
"Die Nutzung des Internet hat die Kommunikationszusammenhänge zugleich erweitert und fragmentiert. Deshalb übt das Internet zwar eine subversive Wirkung auf autoritäre Öffentlichkeitsregime aus. Aber die horizontale und entformalisierte Vernetzung der Kommunikationen schwächt zugleich die Errungenschaften traditioneller Öffentlichkeiten. Diese bündeln nämlich innerhalb politischer Gemeinschaften die Aufmerksamkeit eines anonymen und zerstreuten Publikums für ausgewählte Mitteilungen, sodass sich die Bürger zur gleichen Zeit mit denselben kritisch gefilterten Themen und Beiträgen befassen können. Der begrüßenswerte Zuwachs an Egalitarismus, den uns das Internet beschert, wird mit der Dezentrierung der Zugänge zu unredigierten Beiträgen bezahlt. In diesem Medium verlieren die Beiträge von Intellektuellen die Kraft, einen Fokus zu bilden."
Die vollständige Rede ist unter dem Titel "Ein avantgardistischer Spürsinn für Relevanzen. Was den Intellektuellen auszeichnet" von der Website des Renner-Institutes als PDF zu laden
Zur Information über die Preisvergabe sei an dieser Stelle die Presse-Erklärung des Renner-Institutes zitiert:
"Ob zur Erinnerung an Auschwitz, zu Problemen der Genforschung oder zur Wende 1989: Jürgen Habermas hat mit seinen sozialphilosophischen Wortmeldungen die politische Diskussion in der Bundesrepublik geprägt. Sein wissenschaftliches Werk nahm Einfluss auf die politischen Theorie und die Rechtstheorie, die Sprachwissenschaft, die Pädagogik und die Psychologie. Habermas philosophische und politische Denkweise stammt aus der Frankfurter Schule. Von 1961 bis 1964 arbeitete er in der Nachfolge Horkheimers als Ordinarius in Frankfurt am Main. Anders als Horkheimer ist Habermas überzeugt, dass in der bürgerlichen Gesellschaft die Möglichkeit zu ihrer Kritik angelegt ist. Politische Entscheidungen akzeptiert diese Habermas zufolge nur, wenn sie in einem Konsens begründet werden. Von 1971 bis 1980 war Habermas neben C.F. v. Weizsäcker Direktor am Max-Plank-Institut, das er von 1980 bis 1982 dann allein leitete. Ab 1982 arbeitete er wieder als Ordinarius in Frankfurt. Für sein literarisches und publizistisches Gesamtwerk hat Jürgen Habermas in Wien den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch 2005 erhalten. Neben Habermas wurde der Historiker Oliver Rathkolb mit dem Preis geehrt. Seine Analyse der Kernthemen österreichischer Politik und Zeitgeschichte der letzten 60 Jahre in seinem Buch „Die paradoxe Republik“ überzeugte die Jury um Hannes Swoboda, den Europaabgeordneten und Vorsitzenden der Bildungsorganisation der SPÖ. Habermas und Rathkolb stehen damit in einer Reihe mit Marion Gräfin Dönhoff, Brigitte Hamann, Amos Oz, George Tabori, Ian Kershaw und vielen anderen Preisträgern der Vorjahre. Den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch vergeben die Bildungsorganisation der SPÖ und das Dr.- Karl-Renner-Institut seit 1993 im Gedenken an den ehemaligen sozialdemokratischen Staatschef Österreichs. Der Preis fördert politische Literatur, die den Werten und Zielvorstellungen Kreiskys entspricht und von den Schwerpunkten seiner politischen Arbeit geprägt ist. Neben den Grundwerten Freiheit, Gleichheit, soziale Gerechtigkeit und Solidarität stehen dabei Toleranz, internationale Zusammenarbeit, Kampf gegen autoritäre und rechtsextremistische Tendenzen und für die Freiheit der Kunst. In den 26 Jahren seiner Mitgliedschaft in der Bundesregierung Österreichs und den 13 Jahren seiner Amtszeit als Bundeskanzler der Alpenrepublik, so schreibt die „Wiener Zeitung“ sei durch Kreisky das Land offener und moderner geworden. Mit Willy Brandt, der für dieselben Grundwerte steht, verband Kreisky eine langjährige Freundschaft. Beide sozialdemokratischen Politiker hatten sich 1940 im schwedischen Exil kennen gelernt.” |
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