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28.02.2006
Nassehi über die neue Bürgerlichkeit
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In einem interessanten Text in der heutigen TAZ über die Suche nach einer neuen Bürgerlichkeit und ihrer soziologischen Standortbestimmung vermutet Armin Nassehi, Soziologie-Professor aus München, hinter der Suche nach der neuen Bürgerlichkeit die Suche nach einer neuen "Benutzeroberfläche" gesellschaftlicher Selbstpositionierung.
Aus dem Text:
"Bürgerlichkeit gehört nicht mehr zu den Schimpfwörtern der Moderne. Das 19. Jahrhundert kehrt vielmehr zurück. Bürgerlich ist daran nicht die neue Lust an den ästhetischen Chiffren der Altbauwohnung und des Streichquartetts, an privater Gemeinwohlorientierung jenseits staatlicher Intervention oder an der neuen Ernsthaftigkeit im Feuilleton. Bürgerlich ist vielmehr die Funktion, die der bürgerliche Diskurs (wieder) einnimmt. … Zum Schimpfwort wurde Bürgerlichkeit erst dann, als die ökonomischen und politischen Optionssteigerungen sich einer neuen Ordnung fügten, die das Selbstbild des heldischen Bürgers nicht mehr brauchte, sondern loyale Leistungsempfänger staatlicher Leistungen und nationalökonomischer Versorgungs- und Leistungsarrangements. Vielleicht hat Jürgen Habermas diese sozialdemokratische Form der wechselseitigen Loyalitätsversprechen der zweckrationalen "Systeme" mit den Kollektivitätsversprechen einer "Lebenswelt" am nachhaltigsten auf den Begriff gebracht.…
Die Semantik des Bürgerlichen mit ihren Chiffren der Moral und des Anstands, der Selbststeuerung und des langen biografischen Atems simulierte die Integration einer Gesellschaft, die ihre Dynamik gerade durch Verzicht auf prinzipielle Ordnungsvorstellungen der Alten Welt erreichte. "Bürgerlichkeit" war gewissermaßen eine Art "Benutzeroberfläche" für ein Geschehen, das seiner eigenen Dynamik folgte. …
Eine ähnliche Entkoppelung gesellschaftlicher Entwicklungen von kalkulierbaren Lebensformen scheinen wir derzeit auch zu erleben - nicht nur ökonomisch übrigens, sondern auch medial, ästhetisch und womöglich sogar religiös. Die Feuilletonsuche nach einer Neuen Bürgerlichkeit scheint mir wie die Suche nach einer neuen Benutzeroberfläche - vielleicht ist es das funktionale Äquivalent für die neue Macht der Evangelikalen in den USA, wo man das Bürgerliche eben gar nicht verlieren konnte.…
In diesem Sinne erschallt bestimmt bald der Ruf: "Bürger aller Länder, vereinigt euch!" Denn heute hat der Bürger eine gesellschaftliche Lage, das unterscheidet ihn von seinem Vorgänger."
Den vollständigen Artikel hier in der Online-Ausgabe der TAZ
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