Jena (17.10.05) Über vier Jahre hinweg haben
Soziologen der Universität Jena junge Erwachsene im Alter zwischen 25
und 32 Jahren untersucht, die in Pflegefamilien aufgewachsen sind. Alle
stammten aus erheblich belasteten Familienmilieus. Sowohl was die
Entwicklung der Kinder betrifft als auch die Rolle der Pflegefamilie
betreffend, warten sie nun mit Ergebnissen auf, die Bewegung in die
Diskussion bringen, was Pflegefamilien für den
Identitätsbildungsprozess ihrer Schützlinge leisten können, aber auch
was sie nicht zu leisten vermögen. Das Projekt zur Genese von
sozialisatorischen Kompetenzen in der Pflegefamilie wurde von der
Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
"Besonders sticht ins Auge, dass alle der von uns untersuchten
Pflegekinder trotz traumatischer Erlebnisse in ihrer Herkunftsfamilie -
etwa sexueller Missbrauch, Hospitalismus, Suizid und Mord bei
Familienangehörigen - heute ein weitgehend selbstständiges Leben
führen", sagt Projektleiter Prof. Dr. Bruno Hildenbrand von der
Universität Jena. "Angesichts dieser positiven Entwicklung, die wir
nicht erwartet hatten, stellte sich für uns die Frage, welche
Ressourcen in den Herkunftsfamilien, den Pflegefamilien und dem
umgebenden sozialen Milieu dazu beigetragen haben."
Nicht von ungefähr schließt der Soziologe bei seiner Betrachtung die
Herkunftsfamilie ein. "Denn ungeachtet dessen, wie ,kaputt' die eigenen
Eltern sind, sie bleiben doch wichtige Bezugspersonen, mit denen sich
das Kind zwangsläufig auseinandersetzt", so Hildenbrand. Er kritisiert
die in Deutschland vorherrschende Praxis, die Kinder von den leiblichen
Eltern abzuschotten, damit sie ,ungestört' in der Pflegefamilie
aufwachsen können. "Das führt spätestens dann zu Konflikten, wenn die
Kinder den Kontakt zu den leiblichen Eltern wünschen", so Hildenbrand -
und das sei oft der Fall. Die Jenaer Soziologen plädieren dafür, die
Wünsche der Pflegekinder zu respektieren und möglichst mit der
Herkunftsfamilie zu kooperieren. "Das Beziehungsdreieck zwischen Kind,
Herkunfts- und Pflegefamilie eröffnet für den Identitätsbildungsprozess
des Pflegekindes neue Perspektiven", so ein Fazit der Wissenschaftler.
"Die Pflegefamilie kann die Herkunftsfamilie nicht ersetzen und das
muss sie auch gar nicht", erläutert Hildenbrand. Begreift sich die
Pflegefamilie als Ersatzfamilie, setzt sie sich unter erheblichen
Konkurrenzdruck. In jeder Entwicklungsphase des anvertrauten Kindes, z.
B. in der Pubertät, versucht sie dann zu beweisen, dass sie besser als
die echten Eltern ist. Durch ein solches Verhalten geraten die
Pflegekinder ihrerseits unter Loyalitätsdruck, müssen womöglich Partei
ergreifen. Konflikte zwischen Pflegeeltern und Kind sind
vorprogrammiert. Um den Druck von den Pflegenden aber auch ihrem
Schützling zu nehmen, schlagen Hildenbrand und seine Kollegen vor, die
Pflegefamilie als eine "Familie eigener Art" zu verstehen. "Ihre
zentrale Leistung besteht darin, dem Pflegekind andere Erfahrungen zu
ermöglichen, als die, die es in seiner Herkunftsfamilie gemacht hat. Es
geht also nicht darum eine bessere, sondern eine andere
Sozialisationspraxis zu etablieren", erläutert der Soziologe den neuen
Ansatz.
Dennoch sollten Pflegeeltern so agieren, als ob sie eine Familie wären,
wohl wissend, dass dieser Zustand zeitlich begrenzt ist. "Sie fahren
gut, wenn sie einen variablen Umgang mit den Familiengrenzen pflegen,
die Herkunftsfamilie und das Herkunftsmilieu nicht ausblenden", sagt
Hildenbrand. So können die Kinder aufwachsen, ohne die doppelte
Elternschaft leugnen zu müssen. Darüber hinaus können sie in solchen
offenen "Als-ob-Pflegefamilien" neue Resilienzpotenziale entwickeln.
Unter Resilienz verstehen Soziologen die Fähigkeit, gestärkt aus
misslichen Situationen hervorzugehen. Eine günstige Voraussetzung dafür
ist, dass auch die Pflegeeltern in ihrer Biographie Brüche erfahren
haben.
In diesem Zusammenhang kann auch das umgebende soziale Milieu von
Pflegefamilien erheblich zum Gelingen der Pflegebeziehung beitragen.
Das ist insbesondere dann der Fall, wenn
- Pflegefamilien in Verwandtschaftsnetze eingebunden sind,
- sie im Vergleich zu Herkunftsfamilien andere Lebensformen praktizieren,
- sie während der adoleszenten Lebensphase ihres Pflegekindes einen
variablen Umgang mit Sozialisationsinstanzen außerhalb der Familie
praktizieren.
Diesen bisher in der Wissenschaft nicht thematisierten
Pflegefamilientyp nennen die Forscher "Milieupflege". Vor dem
Hintergrund des durch die Jenaer Wissenschaftler vorgestellten neuen
Konzepts "der Familie eigener Art" ist auch das "Scheitern" von
Pflegeverhältnissen anders zu werten. Meist spricht man vom Scheitern,
wenn das Verhältnis früher als im Hilfeplan vorgesehen beendet wird.
"Da die Pflegefamilie aber nur eine Familie auf Zeit ist und nicht auf
denselben emotionalen Grundlagen aufbauen kann, wie eine leibliche
Familie", erläutert Hildenbrand, "bedeutet Scheitern einfach nur, dass
eine als ungeeignet erkannte Situation rechtzeitig beendet wird, um
andernorts einen neuen Versuch zu wagen".
Originalpublikation zum Thema:
Gehres, Walter: "Jenseits von Ersatz und Ergänzung: Die Pflegefamilie
als eine andere Familie." Zeitschrift für Sozialpädagogik (2005), Heft
3, S. 246-71.
Kontakt:
Prof. Dr. Bruno Hildenbrand
Institut für Soziologie der Universität Jena
Carl-Zeiß-Str. 2, 07745 Jena
fon: +49-3641-945550
mail: bruno.hildenbrand@uni-jena.de
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