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05.09.2005
Arist von Schlippe: Nachruf auf Klaus Grawe
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Am 10. Juli verstarb Klaus Grawe im Alter von gerade
62 Jahren. Plötzlich und unerwartet wurde er mitten aus einem aktiven
Leben gerissen. Mit ihm verliert die deutschsprachige Psychotherapie
eine wichtige Kristallisationsfigur, an der sich viele heftige, doch
durchaus fruchtbare Auseinandersetzungen entzündet hatten.
Seit 1978 war er in Bern als Professor tätig gewesen, vorher hatte er
lange Jahre am UKE in Hamburg gearbeitet. Er war ein renommierter
Psychotherapieforscher und gleichzeitig hoch engagiert in der
psychotherapeutischen Praxis. Seine Metaanalyse über den Stand der
Wirksamkeitsforschung in der Psychotherapie hatte in den 90-er Jahren
für Aufsehen und zahlreiche Kontroversen gesorgt. Sie hatte eine
wesentliche Diskussionsgrundlage für das Psychotherapeutengesetz
dargestellt, das nach langen Jahren der Auseinandersetzung 1999 endlich
Realität wurde, in einer Form, mit der er übrigens selbst überhaupt
nicht zufrieden war.
Das Verhältnis von ihm zur systemischen Therapie und Familientherapie –
und umgekehrt - war zwiespältig. Viele Systemiker fühlten sich von ihm,
der sein Denken sehr klar an strengen Standards vergleichender
Psychotherapieforschung orientierte, oft missverstanden. Dabei konnte
man ihm nie vorwerfen, ignorant zu sein, war er doch dem systemischen
Denken gegenüber durchaus aufgeschlossen und auch bereit, sich selbst
immer wieder zu hinterfragen und neu auszurichten. In der
„Psychotherapie im Dialog“ vom Juni 2005 hat er in seinem letzten
Interview vor seinem Tod im Gespräch mit Steffen Fliegel eine Analyse
der derzeitigen psychotherapeutischen Landschaft und den aus seinen
Forschungen erwachsenen notwendigen Zukunftsperspektiven vorgenommen.
In diesem Gespräch hat er den Beitrag der Systemtherapie sehr explizit
gewürdigt. Gleichzeitig hat er noch einmal sehr deutlich gezeigt,
welche Bedeutung für ihn eine schulenübergreifende und auch die Schulen
überwindende Sichtweise hatte. Er benannte fünf Perspektiven, die er in
ihrer Gesamtheit als für Psychotherapie bedeutsam ansah und zu deren
Weiterentwicklung die einzelnen Richtungen unterschiedlich stark
beitragen könnten (Störungs-, Beziehungs-, Ressourcen-,
entwicklungsgeschichtliche und motivationale Perspektive) – gegen
Monopolansprüche hat er sich stets zur Wehr gesetzt: „Fast alle Ansätze
haben etwas Positives beigetragen. Aber alle haben auch wirklich ihre
Grenzen“, sagte er in dem o.a. Interview. Die Bereitschaft, mit allen
Ansätzen auf gleicher Augenhöhe zu diskutieren, kritisch, engagiert,
durchaus hart, aber gleichzeitig wertschätzend, war ein besonderes
Kennzeichen von ihm. Wir werden ihn vermissen als Persönlichkeit, die
aktiv die Integration der Psychotherapie weiter vorantreibt.
Arist von Schlippe, Witten/Herdecke
(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung aus systhema - Heft 2/05)
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