Realität wird schnell zur Religion.
In der "Presse" vom 11.5.2005 findet sich ein Interview von Michael Fleischhacker mit einem
der Begründer des radikalen Konstruktivismus, Ernst von Glasersfeld
über den Wahrheitsdrang der Evolutionsbiologen und das Tragische an
Popper.
Auszug aus dem Interview:
Sie haben wiederholt gesagt, dass der Realismus richtig "gefährlich" werden könne. Wie?
Glasersfeld: Der Realismus wird gefährlich, wenn es Leuten gelingt,
andere davon zu überzeugen, dass sie die absolute Wahrheit haben. Die
neigen dann dazu, andere zu zwingen, das auch zu glauben. Es wird wie
eine Religion.
Der radikale Konstruktivismus scheint so etwas wie ein Denksport für
Intellektuelle zu sein. Der Normalbürger kann sich nicht immer bewusst
halten, dass er es nicht mit der Realität zu tun hat, sondern
bestenfalls mit "viablen", gangbaren Modellen.
Glasersfeld: Das ist ja der Witz. Meiner Meinung nach kann man mit
diesem Zugang besser leben als mit anderen. Vor allem, weil man nicht
die enormen Enttäuschungen hat, wenn etwas nicht funktioniert. Vom
konstruktivistischen Standpunkt aus ist zu erwarten, dass etwas nicht
immer funktioniert. Schön, dann versucht man es anders. Man kann sehr
gut aufwachsen ohne den festen Glauben, dass man die Welt erkennt. Weil
ich durch Zufall mit mehr als einer Sprache aufgewachsen bin, war mir
früh klar, dass das, worüber man in einer Sprache redet, nicht die
gleiche Welt ist, über die man in einer anderen Sprache redet.
Das vollständige Interview finden Sie in der Online-Ausgabe von "die Presse".
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