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Nachrichten zur Nachrichtenübersicht
19.04.2005

Verschwinden der Kindheit
Evelyn Hanzig-Bätzing schreibt in der "Kommune" vom 1.4.2005 einen Beitrag zum Thema "Die kleinen Erwachsenen. Das Verschwinden der Kindheit und die Verkultung der Alterslosigkeit".
 
Virtuelles Erleben verspricht Vereinnahmung des Objekts und scheint Erfahrung überflüssig zu machen, lassen sich doch Bedürfnisse unmittelbar befriedigen. Diese Entwertung der Bedeutung des Anderen, mit dem man eigentlich den Austausch suchen sollte, zieht sich, so unsere Autorin, wie ein roter Faden durch alle Beziehungen der postmodernen Gesellschaft. Sie macht auch vor der Welt der Kinder nicht Halt, die von einer entgrenzten Erwachsenenwelt überflutet wird, mit deren Äußerlichkeiten und Leistungsstandards, Terminkalendern und Stress, Neurosen und Süchten.
 
In einer Zeit, in der die Sinneserfahrungen des Menschen sich zunehmend mit dem virtuellen Erleben vermischen, in der die Trennschärfe zwischen dem Eigenen und dem Fremden verschwindet, und in der mit der Vergleichzeitigung alles Ungleichzeitigen die unmittelbare Verfügbarkeit der Wirklichkeit Erfahrung obsolet werden lässt zu Gunsten der glatten, widerspruchslosen und restlos technisch produzierten Wirklichkeit –, in einer solchen Realität lässt der derzeit betriebene Körperkult den Verdacht aufkommen, bloß noch die Selbstinszenierung des Subjekts als ewiges Jungsein zu sichern und damit nichts anderem als der Verkultung jener Alterslosigkeit zu dienen, an deren ökonomischem und gesellschaftlichem Mehrwert die kapitalistisch entfesselten Produktivkräfte der biotechnologischen und molekulargenetischen Forschungen ihr vornehmliches Ziel haben.
Die Kultivierung des Körperlichen zeigt bloß noch dessen Verlust an. Und an ihr manifestiert sich die Verdrängung der absoluten Abhängigkeit des Menschen mit seinem Eigenen vom Fremden. Seine Verschmelzung mit dem Technischen bedeutet Distanzlosigkeit, Auflösung des bewusstseinsmäßigen Erfahrungszugangs zum Eigenen und zur Wahrnehmung des Fremden; und deshalb hat der Erfahrungsgehalt dieser Verschmelzung für das Subjekt die Bedeutung unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung. In eins mit dem bedürfnisbefriedigenden Objekt erscheint die Wunscherfüllung als eine unmittelbare. Damit wird aber dasjenige verleugnet, was jede Beziehung als Beziehung ausmacht. Es findet hier nämlich – mit einem Wort des Münchener Psychoanalytikers Wolfgang Schmidbauer(1) – die Verleugnung des »Austauschs« statt, der für jede zwischenmenschliche Beziehung autonomen, unabhängigen Subjektseins geradezu konstitutiv ist. Das heißt, es findet hier die Verleugnung des Austauschs zwischen dem Bedürfnis und seiner Befriedigung und darin ein Nichtwahrhaben statt, dass zwischen dem Bedürfnis und dem Objekt seiner Befriedigung eine Beziehung, ein Unterschied, eine raum-zeitliche Differenz besteht. Durch diese Verleugnung kann sie als unmittelbare wahrgenommen werden: Bedürfnis und Befriedigung fallen in eins, sind gleichzeitig – entsprechend jener Gleichzeitigkeit, der so genannten »Echtzeit«, in der gegenwärtig alle lebensweltlichen Bezüge wahrgenommen, das heißt für wahr genommen werden.

Den vollständigen (leider visuell nicht sehr gut aufbereiteten) Text finden Sie hier.



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