Copyright © 2013
levold system design Alle Rechte vorbehalten. |
|
|
Nachrichten |
zur Nachrichtenübersicht |
18.04.2005
Die Welten der Mädchen mit Migrationshintergrund
|
Die erste umfassende Grundlagenstudie über die
Lebenssituationen und Zukunftsvorstellungen junger Frauen und Mädchen
mit Migrationshintergrund belegt: Junge Migrantinnen sind überwiegend
optimistisch, bildungs- und familienorientiert, suchen finanzielle
Unabhängigkeit und partnerschaftliche Gleichberechtigung und sind am
interreligiösen Austausch stark interessiert. Die Untersuchung der
Professorinnen Yasemin Karakasoglu (Universität Bremen) und Ursula
Boos-Nünning (Universität Duisburg-Essen), die jetzt als Buch "Viele
Welten leben" im Waxmann-Verlag erschienen ist, wurde im Auftrag des
Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
durchgeführt.
Sie tragen Kopftuch oder rosa Rüschenblusen. Vater und Brüder
sagen ihnen, wo es lang geht. Im schlimmsten Falle werden sie Opfer von
Familientraditionen mit Zwangsheirat und Ehrenmord. Die Rede ist von
jungen Migrantinnen, die in Deutschland leben. Doch die Professorinnen
Yasemin Karakasoglu (Universität Bremen) und Ursula Boos-Nünning
(Universität Duisburg-Essen) sagen: Die Welten der Mädchen mit
Migrationshintergrund sind ganz anders. In einer Zeit, in der
Einzelschicksale das Bild von "der Migrantin" bestimmen, gibt die
Studie mit überraschenden Prozentzahlen Einblicke in die vielfältigen,
meist optimistischen Lebensentwürfe und Zukunftswünsche der Mehrheit
der Mädchen mit türkischem, griechischem, italienischem, jugoslawischem
und Aussiedlerhintergrund. 950 Mädchen und junge Frauen im Alter von 15
bis 21 Jahren wurden bundesweit befragt.
Die Lebensplanung gilt für Deutschland
Für die überwiegende Mehrheit von ihnen sind Familienbindung und
finanzielle Unabhängigkeit, Bildungsaufstieg und Mutterschaft,
Gleichberechtigung der Geschlechter und Religiosität kein Widerspruch.
Drei Viertel der Mädchen mit jugoslawischem und türkischem Hintergrund
fühlen sich in Deutschland wohl und ihre künftige Lebensplanung ist
eindeutig auf Deutschland ausgerichtet. Aber nicht nur bei Ihnen,
insbesondere auch bei den Mädchen mit griechischem Hintergrund besteht
gleichzeitig eine starke Identifikation mit der eigenen ethnischen
Gruppe. Die Mädchen und jungen Frauen sind überwiegend psychisch stark
und bereit, Verantwortung für sich zu übernehmen. Auch wenn zwei
Drittel der Befragten sich eine Partnerschaft nur im Rahmen einer Ehe
vorstellen können, lehnt die überwiegende Mehrheit von ihnen
traditionelle Geschlechterrollen ab. Dies zeigt sich unter anderem
darin, dass 83 Prozent der Meinung sind, Mann und Frau sollen gemeinsam
zum Familieneinkommen beitragen und für 79 Prozent der Beruf das beste
Mittel zur Unabhängigkeit darstellt. Die Eltern werden überwiegend nicht als Hemmschuh für diese
Zukunftsvorstellungen gesehen. 80 Prozent meinen, dass die Eltern große
Hoffnungen in sie setzen. Vor allem an schulischen Leistungen zeigen
die Eltern großes Interesse. Mädchen mit türkischem und jugoslawischem
Hintergrund empfinden ihre Eltern als besonders leistungsorientiert.
Drei Viertel fühlen sich in ihrer Familie als Mädchen genauso gut
behandelt wie ein Junge, dies gilt auch für Mädchen mit
türkisch-muslimischem Hintergrund. Eine arrangierte Ehe können sich
immerhin 23 Prozent der Mädchen mit türkischem Migrationshintergrund
unter Umständen vorstellen; für drei Viertel jedoch kommt dies eher
nicht bzw. auf keinen Fall in Frage. Für Mädchen aller Herkünfte sind
die Bildungseinrichtungen (zu gleichen Teilen Kindergarten und Schule)
die vorrangigen Orte, an denen sie die deutsche Sprache gelernt haben.
Nur ein Viertel der Befragten hat deutsch in der Familie erworben.
Junge Musliminnen schotten sich nicht ab, im Gegenteil, sie sind am
stärksten am interreligiösen Austausch interessiert und Religiosität
gibt ihnen im Vergleich zu den anderen am meisten Selbstverstrauen. Angesichts der aktuellen und mitunter emotionalisierten Debatte
über die Lebenssituation von Mädchen und jungen Frauen mit
Migrationshintergrund kommt nach Meining der Autorinnen der Studie der
Migrationsforschung in besonderem Maße die Aufgabe zu, mit fundierten
Studien zur Versachlichung der Debatte beizutragen. Professorin Yasemin
Karakasoglu: "Bislang fehlte es jedoch an Grundlagenforschung, mit
deren Hilfe es möglich ist, quantifizierbare Aussagen über dieses Thema
zu machen. Diese sind aber notwendig, um mit wissenschaftlich
fundierten Ergebnissen weiteren Forschungsbedarf offen zu legen und vor
allem der Migrationspolitik gesicherte Handlungsgrundlagen und
-empfehlungen zu geben. Unsere Untersuchung "Viele Welten leben" füllt
hier eine wichtige Lücke."
Angaben zur Studie: Ursula Boos-Nünning, Yasemin, Karakasoglu:
Viele Welten. Zur Lebenssituation von Mädchen und jungen Frauen mit
Migrationshintergrund. Waxmann-Verlag, 2005, 580 Seiten, 29,90 €
Weitere Informationen:
Universität Bremen Fachbereich Bildungs- und Erziehungswissenschaften Fachgebiet Interkulturelle Bildung Prof. Dr. Yasemin Karakasoglu Tel. 0421 218 2063 E-Mail: karakaso@uni-bremen.de
Universität Duisburg-Essen Fachbereich Bildungswissenschaften Fachgebiet Interkulturelle Pädagogik/Migrationspädagogik Prof. Dr. Ursula Boos-Nünning Tel. 0201/183-2237 E-Mail: boos-nuenning@t-online.de
© 1995-2005 Informationsdienst Wissenschaft e.V.
|
|
|