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01.03.2005
Schmidt, Schmied, Schmid oder Schmitz: Der Familiennamenatlas
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Lücke bei sprachwissenschaftlichen Großwerken wird geschlossen - Gemeinsames Projekt der Universitäten in Mainz und Freiburg
(Mainz, 28. Februar 2005, lei) Noch zeigen die Familiennamen in
Deutschland eine deutlich regionale Verteilung. "Schweizer" und
"Häberle" beispielsweise kommen in Südwestdeutschland vor, "Petersen"
und "Hansen" sind typische Namen aus Schleswig-Holstein. Über
Jahrhunderte hinweg hat sich die Landkarte der Familiennamen nur wenig
verändert. Nun kommt durch die zunehmende Mobilität der Bevölkerung und
infolge von Änderungen im Namenrecht und in der Familienstruktur
Bewegung in das bislang sehr stabile Bild der Familiennamen. Um das
jetzige Namenbild zu dokumentieren, haben die Universitäten in Mainz
und Freiburg ein gemeinsames Projekt mit der Bezeichnung "Deutscher
Familiennamenatlas" lanciert. Mit finanzieller Unterstützung der
Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) wird dieses Projekt den
Namenbestand, wie er vom Aufkommen der Familiennamen im Hochmittelalter
bis zum Ende des 20. Jahrhunderts gewachsen ist, erfassen und
interpretieren.
Die geschichtlich gewachsenen Namenlandschaften sind noch immer in
einer erstaunlichen Stabilität erhalten. Während sich der Familienname
"Schmidt" mit "dt" überall in Deutschland findet, kommt "Schmied" mit
"ie" und "d" zum Beispiel eindeutig mehr im Süden und Südwesten der
Republik vor, im Westen dominiert "Schmitz". Den Sprachwissenschaftlern
liefert die Verteilung der Namen und ihre Veränderung im Laufe der Zeit
wertvolle Hinweise auf die Entwicklung der deutschen Sprache insgesamt.
"Namen sind zu Fossilien erstarrte Sprache", erläutert Univ.-Prof. Dr.
Damaris Nübling vom Deutschen Institut der Johannes
Gutenberg-Universität Mainz. Sie ist, gemeinsam mit Prof. Konrad Kunze
aus Freiburg, Leiterin des DFG-Projekts. "Daher können wir durch die
Erhebung und Analyse der Familiennamen nach ihrem regionalen Vorkommen
wichtige Erkenntnisse zur Geschichte der deutschen Grammatik und der
Sprachgeographie gewinnen." Weil sich Namen im Vergleich zu anderen
Sprachbereichen langsamer entwickelt haben, stellen die Erhebungen auch
eine erstrangige Quelle für die Sprachgeschichte dar, vor allem für die
Rekonstruktion gesprochener mittelalterlicher Dialekte.
Aus datentechnischen Gründen ist ein solches Projekt erst in den
letzten Jahren realisierbar geworden: Erst durch die elektronische
Speicherung von Telefonanschlüssen ist ein umfassender Zugriff auf den
Namenschatz möglich. Dabei werden als Datenbasis die Festnetzanschlüsse
von 1995 zugrunde gelegt, so dass auch Anschlüsse im Osten Deutschlands
mit erfasst werden und andererseits die fortschreitende Ablösung von
Festnetzanschlüssen durch Handys noch nicht ins Gewicht fällt.
Ein Problem ist die Bevölkerungsmigration. "Deutschland hat seit dem
16./17. Jahrhundert viele Flüchtlingsbewegungen erlebt", erklärt Prof.
Nübling. Dazu gehört insbesondere die Bevölkerungsverschiebung nach dem
zweiten Weltkrieg, wodurch das bis 1945 bestehende Namenbild im Gebiet
der heutigen Bundesrepublik um 13,3 Prozent beeinträchtigt wurde. Nach
dem Dreißigjährigen Krieg machte die "Verrauschung" sogar in manchen
Regionen über 50 Prozent aus. Um diesen Störfaktor auszuschalten,
werden in der Regel nur solche Namen bzw. Namentypen berücksichtigt,
die eine hohe Frequenz (Trägerzahl) aufweisen.
Moderne "Wanderbewegungen" und gesellschaftliche Umbrüche lassen
erwarten, dass sich das derzeitige Namenbild bald stark verändert. In
den letzten Jahrzehnten nahm die Mobilität innerhalb von Deutschland
rasant zu, und die Einwanderung aus anderen europäischen und
mittlerweile zunehmend auch außereuropäischen Ländern steigt. Dies
schlägt sich schon jetzt in den Namendaten nieder und läutet ein neues
Kapitel in der europäischen Namengeschichte ein. Im Hinblick auf die
Namentradition steht das Projekt am Ende einer langen Periode
namengeschichtlicher Kontinuität, die jetzt durch das neue Namenrecht
und neue Familienstrukturen einschneidend unterbrochen wird. Damit wird
die jahrhundertealte Konstante eines Familiennamens, der über die
männliche Linie vererbt wurde, durchbrochen.
Die Familiennamen sind, so Damaris Nübling, der einzige Bereich
der europäischen Sprachen, der in seiner sehr ausgeprägten Vielfalt
noch höchst unzureichend erfasst ist. Mit dem sprachwissenschaftlichen
Großprojekt "Deutscher Familiennamenatlas" wird hier eine Lücke
geschlossen. Die Ergebnisse der Erhebungen sollen auf 970 Karten
dokumentiert und erläutert werden. Sie werden in vier Bänden
zusammengefasst, davon zwei grammatische und zwei lexikalische Bände.
Die Arbeiten dazu sind auf sieben Jahre angelegt.
Kontakt und Informationen:
Univ.-Prof. Dr. Damaris Nübling
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Deutsches Institut
Tel. 06131 39-22611 oder 39-22260
Fax: 06131 39-23366
E-Mail: nuebling@mail.uni-mainz.de
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