Monday, February 28. 2011
 Schaut man dieser Tage nach Nordafrika und Arabien, ist man überwältigt angesichts der Aufbruchsstimmung, die sich überall regt und den Mehltau der Stagnation der vergangenen drei Jahrzehnte abschüttelt. Eine bedeutsame Rolle spielt dabei die emotionale Dynamik. Durch eine unglaubliche Affektansteckung hat sich innerhalb kürzester Zeit Resignation in Wut und Hoffnung verwandelt und kann auch durch die Verbrechen der Diktatoren nicht mehr zum Stillstand gebracht werden. In seinem neuesten Buch "Gefühle machen Geschichte. Die Wirkung kollektiver Emotionen - von Hitler bis Obama", das durch die Ereignisse der letzten Wochen eine überraschende Aktualität erhalten hat, setzen sich Luc Ciompi und Elke Endert mit den emotionalen Resonanzphänomenen in Politik und Geschichte auseinander. systemagazin bringt das Kapitel 5 des Buches ("Die gemeinschaftsbildenden Wirkungen von positiven Gefühlen"), das in den nächsten Tagen im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erscheint, als Vorabdruck. Zum volllständigen Text…
Saturday, February 12. 2011
 Peter Fuchs gehört zu denjenigen unter den Systemtheoretikern und Luhmann-Schülern, die sich am hartnäckigsten mit der Frage nach der Psyche und psychischen Systemen auseinandersetzen. Im Carl-Auer-Verlag erscheint in diesem Frühjahr sein neues Buch, das sich mit der Systemtheorie der Psychotherapie beschäftigt. Wie Fritz Simon in seinem Vorwort schreibt, ist es kein Buch im eigentlichen Sinne, sondern das Transkript eines Gesprächskreises: "Was hier dokumentiert wird, ist ein Privatissimum. Darunter versteht man in der akademischen Welt eine Lehrveranstaltung in einem entspannten und informellen Kreis weniger, handverlesener Teilnehmer. Und insofern wird (zumindest ansatzweise) reinszeniert, was auch in der Psychotherapie geschieht: Die Verwaltung vager Dinge (zu denen Psychotherapie ja zweifellos gehört)." Mit dieser Art der Darstellungsart wird nicht jeder glücklich sein, da die dokumentierten Gespräche doch gelegentlich etwas stark die Aura einer Meister-Schüler-Unterweisung zelebrieren, für manche mag es den Zugang zu theoretisch abstrakten Konzepten erleichtern. Was sich jedoch auf jeden Fall festhalten lässt: In diesem Band werden eine Vielzahl eindrucksvoller, origineller, mitunter heilsam verstörender Thesen und Einsichten zur systemtheoretischen Bestimmung von Psychotherapie entwickelt, an denen wir als systemische TherapeutInnen nicht vorbei können. Zu wünschen wäre, dass dies die erlahmte Diskussionskultur im systemischen Feld gerade in Zeiten der Orientierung am "wissenschaftlichen Mainstream" beflügeln könnte. Eine entscheidende These von Fuchs ist hier die Abgrenzung der Psychotherapie von der Medizin, die in erster Linie mit codierten bzw. codierbaren Problemen zu tun habe (was sich dann in Klassifikationen wie etwa dem ICD niederschlägt. Dagegen ist "die Funktion der Psychotherapie (…)situiert im Kontext einer funktional differenzierten Gesellschaft, die jede Einheitsprätention, jedes Bestehen auf eineindeutigen Identitätsbestimmungen prekär macht. Im Blick auf psychische Systeme fallen dabei (Leidensdruck erzeugende) Unschärfeprobleme an, auf die sich dann die Psychotherapie bezieht, indem sie nichtcodierte und nichtcodierbare Probleme nicht codifiziert, sondern gelten lässt – durch Strategien, die zu viablen Identitätskonzepten führen, innerhalb deren es möglich wird, mit Unschärfen zu leben." Eine solche Sichtweise hat nachhaltige Auswirkungen auf Fragen der Problemkonstruktion, der Diagnostik und des therapeutischen Prozesses, die im weiteren Verlauf des Buches behandelt werden. Als Vorabdruck präsentiert systemagazin das Kapitel über "Die Funktion der Psychotherapie" …
Monday, February 7. 2011
 In der öffentlichen Wahrnehmung ist in den vergangenen Jahrzehnten die Aufmerksamkeit für das Thema Kinder und Krieg in erster Linie auf das Schicksal der Kindersoldaten gelenkt worden. Zwar dürfte klar sein, dass die Lebenslage von Kindern aus der Zivilbevölkerung in Kriegsgebieten immer massiv durch das Kriegsgeschehen beeinflusst wird, aber dennoch ist ihre Situation wenig erforscht und kaum im Fokus der Öffentlichkeit. Die Dringlichkeit der Beschäftigung mit dieser Frage liegt aber auf der Hand, vor allem angesichts der Tatsache, dass es sich immer weniger um Kriege zwischen Staaten und Armeen handelt als um dauerhafte, oft langwierige bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen bewaffneten Einheiten, die auf dem Rücken der Zivilbevölkerung ausgetragen werden: "Es ist bekannt, dass im Lauf des 20. Jahrhunderts die Quote der Zivilisten an den Kriegsopfern anstieg; sie wird in aktuellen Konflikt mit etwa 90 % angegeben.Seit 1996 hat die Zahl in Kriegen getöteter Kinder diejenige der gefallenen Kombattanten übertroffen", schreibt Johanna Fleischhauer, die 2008 eine bemerkenswerte Studie über die Situation von Kindern unternommen hat, die im Krieg oder in kriegsnahen Konfliktsituationen in Eritrea geboren und aufgewachsen sind. Ich kenne kaum ein Buch, in dem auf 400 Seiten so viel über die konkrete Lebenssituation von Kindern und Erwachsenen in einem kriegsgebeutelten afrikanischen Land zu erfahren ist wie in diesem Band. Es führt uns vor Augen, wie ignorant wir doch im allgemeinen selbst als Tageszeitungsleser mit der Lebenssituation in den afrikanischen Kriegsregionen umgehen (in einem Exkurs geht Fleischhauer auch auf die psychosoziale Situation von Kindern in der Geschichte dreier anderer afrikanischer Länder ein: Mosambik, Südafrika und Ruanda). Vor allem aber zeigt er uns, dass Peace Building nicht bei politischen Maßnahmen und wirtschaftlicher Unterstützung stehen bleiben darf, sondern darüber hinaus verstärkt die Mikro-Ebene psychosozialer Gemeinschaft in den Blick nehmen muss. Und das ist angesichts der auf uns zu kommenden Entwicklungen in der Welt ein so wichtiger Befund, dass das Buch auch denen empfohlen werden muss, die sich bislang noch nicht mit diesem Thema befasst haben. Zur vollständigen Rezension…
Tuesday, February 1. 2011
 So haben die Herausgeber Steffen Roth, Lukas Scheiber und Ralf Wetzel ihr einleitendes Kapitel zu ihrem ebenso spannenden wie anspruchsvollen Band „Organisation multimedial - Zum polyphonen Programm der nächsten Organisation“ betitelt: „Befragt nach ihrer Identität schillert die Organisation, was ebenso lange fasziniert, als wir es nicht genauer wissen wollen. Wollen wir, wider alle Vernunft, aber genau das, dann liefert der glasige Blick bald nurmehr verschwommene Bilder, und wir fühlen uns dem Schwindel nahe, konkret etwa den ‚semantic tricks’ der oszillierenden Organisation (…). So erzeugen dann gerade die faszinierendsten Ansätze der Organisationstheorie gewisse Gleichgewichtsstörungen dadurch, dass sie uns wohlbalancierte Fragen stellen: „Wieviel Organisation braucht die Organisation?“ Der an Organisationen interessierte Leser ahnt schon, dass hier keine monophone Antworten zu erwarten sind. Auf die Lektüre einlassen sollte er sich allemal. Das Einleitungskapitel findet sich hier online …
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