"In einem multiperspektivischen Erklärungsansatz der Konstruktion von Krankheiten bilden die vorgestellten systemischen Konzepte grundlegende Bausteine eines Verständnisses gesundheitlicher Beeinträchtigungen im Kontext der Wirkungsfelder Gesellschaft, Familie und Individuum. Bei der Betrachtung von Krankheiten kommen, wie durch ein „Teleskop“, unterschiedliche Teile (Bausteine) des Gesamtsystems ins Blickfeld, während sich andere außerhalb des Blickfeldes des wissenschaftlichen Beobachters befinden. Jede dieser Annäherungsweisen leistet im Rahmen eines multiperspektivistischen Konzeptes einen spezifischen Beitrag", so die Zusammenfassung eines Abschnittes aus Jürgen Beushausens Dissertation über "Die Konstruktionen von Gesundheit und Krankheit im sozialen System Familie. Theorie und Empirie" aus dem Jahr 2002, der auch in der Systemischen Bibliothek im systemagazin zu lesen ist. Vorgestellt werden in diesem Zusammenhang die Theorie operational geschlossener Systeme von Niklas Luhmann, der psychosomatische Ansatz von Thure von Uexküll, die Theorie interaktioneller Spielregeln und Symptombildung nach Fritz B. Simon, die Theorie problemdeterminierter Systeme nach Kurt Ludewig sowie der Mehr-Ebenen-Ansatz von Jürgen Kriz. Zum vollständigen Text…
Tom Hegemann hat für die Zeitschrift für systemische Therapie und Beratung 2009 Eia Asen zur interkulturelle Entwicklung des Systemischen Feldes befragt. ""In diesem Interview beschreibt Eia Asen die von ihm beobachteten Unterschiede zum Umgang mit interkulturellen Fragestellungen in den Systemischen Feldern in Großbritannien und Deutschland. Aus Deutschland stammend ist er als Praktiker, Lehrer und Autor seit 35 Jahren bestens mit dem systemischen Feld in Großbritannien vertraut. International bekannt wurde er mit dem Konzept der von ihm und seinem Team entwickelten Multifamilientherapie, das er auch in Deutschland vielfach vorgestellt hat. Eia Asen und sein Zentrum haben immer einen spezifischen Fokus auf die interkulturelle Ausrichtung der therapeutischen Arbeit gelegt. Daher ist er wie kein anderer geeignet, Vergleiche zwischen diesen beiden Ländern zu ziehen." Das Interview ist mit freundlicher Erlaubnis des verlages modernes lernen jetzt auch im systemagazin zu lesen. Zum vollständigen Text…
Gestern war ich tagsüber mit dem Supervisionsfachtag "Meister oder Master" beschäftigt (weitere Informationen und Berichte demnächst hier) und habe abends meine alten Freunde Klaus Huber und Peter Willmanns in der Comedia Colonia besucht, die mit Buddy Sacher zusammen das mittlerweile legendäre Collegium aRS vITALIS bilden. Ihr aktuelles Programm: "Fahrenheiten". - "Kaum ist der wehende Ruf des Phileas Foghorn verhallt, da kündigt sich schon eine neue Front an im windgebeutelten Himmel. Pauken und Trompeten von Jericho und Anderswo kündigen von Zeitschleifen und Schleifheiten. Es ist nicht wegzuopern: ihr großes Oh Wei ist in prekäre Jahre gekommen. Gewiss. Aber in welche? Die Krumen von nunmehr dreißig annaler Einheiten haben sich eingebrannt in das jugendverliebte Bild von Frühling und Schlaraff. Hoppla! Das Quecksilber schlägt Purzelbaum. Die Hitze kommt zukünftig nicht mehr nur von oben ..." (Wer's sehen möchte, hier ist der Tourplan…)
Für manche hat die Hirnforschung noch heute etwas von einer unverständlichen Geheimwissenschaft an sich. Damit ist aber jetzt Schluss, denn John Cleese macht jetzt auch die breiteren Volksschichten auf ebenso knappe wie informative Weise mit allen Einzelheiten des Gehirns vertraut…
Ein bemerkenswerter Artikel von Philipp Holstein über Niklas Luhmann ist in der Online-Ausgabe der Düsseldorfer "Rheinischen Post" (die in meiner schülerbewegten Zeit noch "Rheinische Pest" hieß ) erschienen, der die Lektüre lohnt: "Wer Luhmann begreift, erhält Einsicht in das Innere des gesellschaftlichen Funktionskörpers. Luhmann ist der Internist der postmodernen Gesellschaft, und nur wer die Anatomie eines Körpers kennt, kann Krankheiten beheben helfen, ihren Verlauf beeinflussen. Resonanzfähig ist ein System wie die Wirtschaft nur für Argumente, die sich in Preise umrechnen lassen. Wer Unternehmen aufruft, nachhaltig zu handeln, muss also die Rahmenbedingungen kennen, sonst bleibt es beim naiven Appell. Warum sollte man unbedingt wieder Luhmann lesen? Weil man sein Begriffsraster zur Auswahl, Aufnahme und Anordnung von Informationen mit Luhmanns Hilfe verfeinern kann. Und weil Luhmann hilft, Enttäuschungen zu vermeiden. Nur wer sich keinen Illusionen hingibt, kann glücklich leben." Zum vollständigen Text…
Unter dem Titel "Der tödliche Cocktail" erschien in brandeins 09/2008 ein Artikel von Peter Laudenbach über den Zusammenhang von Anerkennung und Leistung, der sich zu lesen lohnt: "Die Unternehmen werden immer effizienter, Mitarbeiter wie Vorgesetzte geraten immer stärker unter Druck. Und für Anerkennung bleibt immer weniger Zeit. Effektiver kann man eine Organisation nicht sauer fahren" - Der Zusammenhang zwischen Leistung und Erfolg ist so banal, dass ihn nicht mal Philosophen infrage stellen: "Es gibt keinen großen Erfolg, dem nicht wirkliche Leistungen entsprechen", schrieb zum Beispiel Walter Benjamin. Aber weil Benjamin ein vertrackter Denker ist, der sich nicht mit simplen Tatsachen begnügt, tauschte er Ursache und Wirkung aus: "Aber anzunehmen, dass diese Leistungen Grundlage (des Erfolges) sind, wäre ein Irrtum. Die Leistungen sind die Folge. Folge des gesteigerten Selbstgefühls und der gesteigerten Arbeitsfreude dessen, der sich anerkannt sieht." Das klingt wie ein hübsches Paradox. Aber heute würde dem Philosophen wahrscheinlich jeder bessere Organisationspsychologe zustimmen: In Organisationen, die mit ihren Mitarbeitern fair umgehen, führt Leistung zu Anerkennung und Anerkennung zu Leistung. Organisationen, die Anerkennung durch Druck ersetzen, sorgen dafür, dass für ihre Mitarbeiter Leistung vor allem mit Leiden zu tun hat. Das hat Konsequenzen." Zum vollständigen Text…
Wie der Psychiatrie-Verlag auf seiner Website mitteilt, ist Erich Wulff am 31.1.2010 in Paris im Alter von 83 Jahren gestorben. Wikipedia schreibt über Wulff: "Erich Wulff ist in der damaligen Republik Estland aufgewachsen und wurde von den Nazis mit seiner Familie als „Baltendeutscher“ nach Posen umgesiedelt. 1944/45 war er Kriegsteilnehmer mit anschließender Kriegsgefangenschaft. Er studierte von 1947 bis 1953 Medizin und Philosophie an der Universität zu Köln, gefolgt von einem Studienaufenthalt in Frankreich. Seine Ausbildung zum Psychiater machte er an den Universitäten von Marburg und Freiburg im Breisgau. Von 1961 bis 1967 erfüllte er einen Lehrauftrag an der medizinischen Fakultät der Universität Huế in Vietnam; unter dem Pseudonym Georg W. Alsheimer berichtete er in einem damals vielbeachteten Buch über seine Erlebnisse. In Deutschland engagierte er sich in der antiimperialistischen Vietnam- und Friedensbewegung. Als erster Psychiater in leitender Position öffnet er die Türen einer geschlossenen Abteilung Ende der 60er Jahre, weit vor jeder Psychiatriereform. Früh unterhält er Kontakte zu Franco Basaglia und mit ihm zu einer Gruppe internationaler Psychiater, die sich mit der dringend gebotenen Reformierung der Psychiatrie auseinandersetzen. Von 1968 bis 1974 arbeitete er als Oberarzt der Psychiatrie-Klinik am Universitätsklinikum Gießen, wo er sich 1969 habilitierte, und wurde Professeur associé an der Universität Paris VIII. 1974 wurde er auf die neu geschaffene Professur für Sozialpsychiatrie an der Medizinischen Hochschule Hannover berufen. Wulff ist einer der Mitbegründer der deutschen Psychiatriereform. Seine speziellen Interessensgebiete waren Ethnopsychiatrie und Strukturanalyse des Wahnsinns, angeregt von Georges Devereux. Er war Redaktionsmitglied der marxistischen Zeitschrift Das Argument und der Zeitschrift Sozialpsychiatrische Informationen. 1994 erfolgte seine Emeritierung. 2003 zog er mit seiner Frau nach Paris."
Unter diesem Motto steht die nun schon mittlerweile 4. Dialogtagung des von Bernd Schmid initiierten "forum humanum". Sie findet am 26./27. Februar 2010 wieder im Ausbildungszentrum der Heidelberger Druckmaschinen AG in Wiesloch statt. Auf der Tagung wird es um die Chancen auf Nachhaltigkeit und die Rolle von Intendanden-Persönlichkeiten bei der Umsetzung nachhaltiger Projekte gehen. Ein neues Setting soll diesmal noch mehr Raum für Dialog und aktive Beteiligung aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer anbieten. Impulsvorträge und gute Beispiele sollen die gemeinsame Behandlung der Frage inspirieren, was es braucht, um Projekte nachhaltig voranzubringen. Was können Wissenschaftler und Protagonisten beispielhafter Unternehmen, Stiftungen und Organisationen über Voraussetzungen und Steuerungskompetenzen sagen? Zum ausführlichen Tagungsprogramm geht es hier…
Das "Praxishandbuch für ressourcenorientiertes Arbeiten in Management, Selbstmanagement, Coaching, Therapie, Beratung und Sozialer Arbeit" von Andreas Langosch, das schon vor Weihnachten kostenlos von der website des Autors für eine begrenzte Zeit heruntergeladen werden konnte, gibt es jetzt in der Zeit vom 1.2. bis 20.3.2010 noch einmal im freien Download. Nach einer knappen Einführung in grundlegende Gedanken zum ressourcenorientierten Arbeiten und zum lösungsfokussierten Ansatz, zum Stichwort Resilienz und Case Management sowie dem Konzept des „Motivational Interviewing“ bringt das Buch Arbeitsblätter zu verschiedenen Modulen, die jeweils als Kopiervorlage genutzt werden können. Das Buch kann als kostenloses e-book hier heruntergeladen werden…
Wer auf der Suche nach einem gerafften Überblick über die Prinzipien nichtlinearer Systeme und der Chaostheorie sucht und dabei auch das Englische nicht fürchtet, findet vielleicht in diesem Workshop-Paper von Keith Clayton aus dem Jahre 1997 Futter - auch wenn es sich um harte Kost handelt!
Oder wer? Häh? Jedenfalls ist das schöne Bewerbungs-Video von Günther Oettinger für die Stelle eines Europa-Kommissars ("Englisch ist Arbeitssprache"), dessen atemraubende Performance auch im systemagazin zu bestaunen war, wegen einer angeblichen Urheberrechtsverletzung nicht mehr zu sehen. Urheberrechtsinhaber ist offensichtlich das "Center On Capitalism and Society". Womöglich wollte es sich seine Arbeitssprache nicht so zertrümmern lassen. Andererseits ist das Video auf der website des CCS noch zu sehen (etwa ab 6:50 Min.) Und für alle, die an ihrer Arbeitssprache Englisch noch etwas feilen wollen, gibt es hier ein wunderschönes Lehrvideo:
Auf einer interessanten englischsprachigen Seite werden die ältesten Unternehmen der Welt vorgestellt - kein Wunder, dass es sich hier ausnahmlos um Familienunternehmen handelt. Aktueller Rekordinhaber ist das Hotelunternehmen Hoshi Ryokan in Japan, das im Jahre 718 gegründet wurde und mittlerweile in der 46. Generation betrieben wird. Dieser Rekord wurde von der ebenfalls japanischen Baufirma Kongo Gumi übertroffen, die bereits im Jahre 578 gegründet wurde und 2007 geschlossen wurde (in der 40. Generation - offenbar hält einen das Bauwesen länger im Berufsleben). Insgesamt findet man auf der Liste die angeblich 100 ältesten Firmen der Welt, die bis ins Gründungsjahr 1780 reicht. Allerdings sind Zweifel angebracht, ob das wirklich hinreichend recherchiert ist, denn der Verlag Vandenhoeck & Ruprecht z.B. (gegründet 1735) findet sich nicht auf der Liste, die Sie hier nachlesen können…
Vor kurzem habe ich an dieser Stelle auf ein (schon länger zurückliegendes) Fernsehinterview mit Dirk Baecker hingewiesen, jetzt bin ich noch über ein interessantes Gespräch gestolpert, das Karin Fischer, meine Lieblingsredakteurin beim Deutschland-Radio, mit ihm über die Bedeutung der Medien und den gesellschaftlichen Wandel, der sich über den Gebrauch der Sprache über Schrift über den Buchdruck hin zur Computergesellschaft vollzogen hat und jeweils eigene soziale Möglichkeiten hervorbringt. Zum Interview…
Am Samstag ist Ruth Cohn (Foto: Ruth-Cohn-Archiv Hamburg), die bedeutende Vertreterin der Humanistischen Psychologie und Begründerin des TZI-Ansatzes, im Alter von 97 Jahren in Düsseldorf gestorben. Eine Würdigung ihres Werkes, die Friedo Schulz von Thun anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch den Fachbereich Psychologie der Universität Hamburg vorgetragen hat, findet sich auf den Seiten des Ruth-Cohn-Archivs der Universität Hamburg. Ich habe zwei "Zitate des Tages" ihr zu Ehren ebendort gefunden, beide aus dem Band "Es geht ums Anteilnehmen" (Herder-Verlag, Freiburg 1993): "Anteilnehmen gehört zu uns als Teilhabende an dieser Welt. An was und wie wir anteilnehmen, beruht auf unseren Fähigkeiten und unserer persönlichen Geschichte. Wir nehmen wahr, wir sind motiviert und wir handeln durch unsere Gefühle, Gedanken, Werte. Als Anteilnehmende antworten wir auf Geschehnisse - sind wir ver-antwort-lich. Nachrichten gibt es im Überfluß. Sie können uns bis zur Resignation überschwemmen, zum Abstellen bringen, zur Wählerapathie. Zuviel wollen oder zuwenig wollen macht ohnmächtig. Wenn ich zuviel oder zuwenig anteilnehme an zuvielen oder zuwenigen Botschaften aus meinem Körper, an Nachrichten aus der Familie oder von Freunden oder aus der großen Welt, erschlafft etwas in mir; ich kann zum Gegner meines eigenen Lebens werden. Doch ich kann mich auch als unendlich kleiner Teil der Welt ernst nehmen, wenn ich bewußt anteilnehme. Denn ich bin nicht ohnmächtig; ich kann nicht gar nichts. Ich bin nicht allmächtig, ich kann nicht alles. - Auch im Anteilnehmen und im Tun geht es ums menschliche Maß.” (S. 8 )
„Der Begriff Lebendiges Lernen impliziert den Gegensatz zum Toten Lernen, das wir aushalten müssen, weil du und ich - unsere Gesellschaft - es zulassen, daß Leben in Stunden toten Lernens oder toten Arbeitens und Stunden der Freiheit und Lebendigkeit aufgesplittert wird. Schüler werden aufgefordert, für "später im Leben" zu lernen, um ihre Lebensberechtigung und ihren Lebensunterhalt zu verdienen, während ihr Hier-und-Jetzt-Dasein dieser Zukunft geopfert wird. Diese Trennung von Leben und Lernen ist ein grausiger kultureller Tatbestand und keine biologische Notwendigkeit. Das Baby greift nach seinen Zehen, betrachtet ein surrendes buntes Windrädchen, gibt gurgelnde Laute von sich und formt sie zu artikulierten Wörtern: es strampelt, es zappelt, es lallt - und wird wütend und schreit, wenn ihm etwas nicht gelingt. Lernen und leben sind noch ungeteilt. Dann zwingt unsere Zivilisation Kinder in ungemäße Lern- und Verhaltensformen. Wir bieten ihnen aggressive und rivalisierende, statt individuierende und kooperative Verhaltensweisen an. Was ein lebendiger Lern- und Wachstumsprozeß sein sollte, wird zu einem "Ich bin besser (schlechter) als Du"-Unternehmen, das entfremdende Motivationen einimpft und echte Lebenswerte zerstört.” (S. 13)
Der amerikanische Mathematiker Ralph Abraham (Foto: www.ralph-abraham.org), seit 1958 Professor an der kalifornischen Universität von Santa Cruz, hat auf seiner website eine kurze und knappe Geschichte der Theorie der Komplexität in den unterschiedlichen miteinander vernetzten Disziplinen seit dem Ende des 2. Weltkrieges veröffentlicht: "The theories of complexity comprise a system of great breadth. But what is included under this umbrella? Here we attempt a portrait of complexity theory, seen through the lens of complexity theory itself. That is, we portray the subject as an evolving complex dynamical system, or social network, with bifurcations, emergent properties, and so on. This is a capsule history covering the 20th century." Zum vollständigen Text…
"Auf die Gefahr hin, dass Sie mich für einen Übertreiber halten, muss ich Ihnen sagen, dass ich es als einen totalitären Charakterzug unserer Zeit empfinde, dass wir das Nichtverstehen nicht ertragen, dass wir ihm gegenüber keine Toleranz aufbringen, dass wir es übertünchen, verschleiern, ausrotten, wo wir nur können. Dass wir - und da sind wir Übersetzer noch die harmlosesten - aus dem Verstanden-werden-wollen, Verstanden-werden-müssen die Ideologie unserer Zeit gemacht haben, deren krasseste Auswirkung der Raubbau an allem ist, was im medialen Diskurs eventuell schwierig und nicht allgemeinverständlich daherkommt. Dass, sobald uns einer etwas mitteilt oder vorführt, was wir nicht gleich verstehen, wir dies als Affront zu deuten geneigt sind. Schalten wir den Fernseher an, und wir bekommen die ganze Welt als verstandene präsentiert. Und wenn wir das oft genug machen, wenn uns ständig alles als bereits Verstandenes vorgeführt wird, werden wir naturgemäß unleidlich gegenüber allem Unverstandenen, sei es ein Wort in einem alten Text, sei es eine Frau, die eine Kleidung trägt, die uns befremdet. Das Diktat des Verstehens reicht bis in die zwischenmenschlichen Beziehungen. Wer sein Verhalten nicht erklären kann, steht gesellschaftlich auf verlorenem Posten, und ein Freund, dem wir sagen, wir verstünden ihn einfach nicht, wird bald keiner mehr sein. Haben wir nicht, so die herrschende Logik, einen Anspruch darauf, alles zu verstehen, nachdem wir bereits so unglaublich viel verstanden haben, vom Atom bis zum Gen, vom Unbewussten bis zur Entstehung der Sterne?" (In: "Wir wollen sofort verstehen. Zur Übersetzbarkeit des Islam", FR vom 10.12.2009)
wir gratulieren Dir herzlich zur Verleihung des Deutschen Medienpreises 2009 (Foto: coinag.blogspot.com)! Als Menschen freuen wir uns natürlich besonders darüber, dass Du den Medienpreis bekommen hast, weil der Mensch bei Dir immer im Mittelpunkt des Denkens und Handelns steht. Und das auch noch berechenbar und verlässlich (auch wenn Du in den Medien nicht immer so gut rüberkommst). Schöner hätten wir es auch nicht formulieren können. Und Stefan Aust als Chef der Jury muss es schließlich wissen, weil er Dich so gut kennt. Wir kennen Dich ja nur aus dem Fernsehen, und deshalb können wir das ja nicht wissen (weil Du in den Medien nicht immer so gut rüberkommst). Trotzdem würden wir Dir natürlich auch den Medienpreis verleihen, denn Du hast einen echten Rekord gebrochen. 1980 hat nämlich der Gerhard Polt den Deutschen Kleinkunstpreis bekommen und einen Medienrekord aufgestellt, weil er in der ganzen Sendung nix inhaltliches gesagt hat. Das fanden damals alle total sensationell! Dabei waren das nur 10 oder 20 Minuten. Das ist ja lachhaft! Schließlich sagt Du schon 10 oder 20 Monate lang gar nichts - und das ist (bei 30 Tagen pro Monat gerechnet) immerhin das 43.200fache der Zeit. Das soll Dir erst einmal jemand nachmachen. Natürlich kommt Dir da Dein DDR-Training zugute, da hat man ja 40 Jahre lang nichts sagen dürfen, trotzdem ist an Deinem Rekord nicht zu wackeln. Eigentlich hättest Du ja, wenn es sich nicht um große Kunst handeln würde, den Kleinkunstpreis 2010 verdient. Weil es aber keinen Großkunstpreis gibt, finden wir den Medienpreis voll in Ordnung. Allerdings nur unter einer Bedingung: Wenn Du bei der Preisverleihung auch nichts sagst. Deine Menschenskinder in diesem unseren Lande…