Nachdem am vergangenen Donnerstag die eindringliche Rezension von Michael B. Buchholz über ein englischsprachiges Buch zur Beteiligung von Psychologen an US-amerikanischen Folterprogrammen im systemagazin erschienen ist, hat mich Wolfgang Loth auf einen Text des Kieler Wahrnehmungspsychologen Rainer Mausfeld (Foto: UNi Regensburg) mit dem Titel "Foltern für das Vaterland. Über die Beiträge der Psychologie zur Entwicklung von Techniken der ‚weißen Folter’" aufmerksam gemacht, der als Ergänzung gelesen werden kann. Ein weiterer Text von Mausfeld ist in der Psychologischen Rundschau 2009 erschienen, der sich noch einmal speziell mit der Beteiligung der American Psychological Association an Folterprogrammen auseinandersetzt: "Psychologie, 'weiße Folter' und die Verantwortlichkeit von Wissenschaftlern": "Die Techniken psychischer Folter, wie sie in den 'innovativen Verhörtechniken' zum Ausdruck kommen, wurden konzipiert, um das absolute Folterverbot des internationalen Rechts zu unterlaufen. Dies kann nur in dem Maße erfolgreich sein, wie es gelingt, juristisch den Folterbegriff auf intentional zugefügte schwerste Schmerzen zu reduzieren. Mit einer solchen Neudefinition, wie sie vom Justizministerium der Bush-Regierung versucht wurde, wird jedoch das bestimmende Merkmal von Folter verdeckt. Sowohl physische wie auch psychische Folter lassen sich nicht allein von der konkreten Ebene der Schwere der physischen oder psychischen Schmerzen her erfassen, die eine Person einer anderen zufügt. Der Schlüssel zur Erfassung von Folter liegt vielmehr in der Art der durch sie hergestellten interpersonalen Situation. In ihr erfährt sich der Gefolterte als ein vollständig rechtloses Objekt. Der mit einer solchen Situation verbundene vollständige Kontrollverlust und das grenzenlose Ausgeliefertsein eines Menschen an einen anderen stellt die höchste Steigerungsform des Totalitären dar. Daher wird im internationalen Recht die mit der Folter herbeigeführte Totalinstrumentalisierung einer Person zu einem Mittel des Staates als eine der schwersten Verletzungen der Würde und Autonomie des Menschen angesehen. Nur auf der Basis eines solchen Verständnisses wird die Absolutheit des Folterverbotes verständlich und die sich in ihm ausdrückende Auffassung, dass Folter und Rechtsstaat sich ausschließen."
Heute vor fünf Jahren ist Tom Andersen, einer der wichtigen Pioniere der Systemischen Therapie, beim Klettern an der Küste tödlich verunglückt. John Shotter, mittlerweile Emeritus Professor of Communication in the Department of Communication, University of New Hampshire und bekannter Autor im sozialkonstruktionistischen Spektrum, hat 2007 auf der 12. Internationalen Konferenz zur Behandlung von Psychosen in Palanga (Litauen) einen wunderbaren Vortrag im Andenken an Tom Andersen ("Not to forget Tom Andersen’s way of being Tom Andersen: the importance of what ‘just happens’ to us") gehalten, der in der Zeitschrift Human Systems erschienen ist: "It is easy to think that tom Andersen’s central contribution was the introduction into psychotherapy and family therapy of the “reflecting team” – later to be developed into “reflecting processes.” But Tom thought of himself as “a wanderer and worrier” – he was constantly reflecting on his own practice, on his way of ‘going on’, to further develop and refine it, and then continuing further to worry about the right words in which to express what seemed to be his new way. Each new way came to him as he reached a ‘crossroads’, a moment when he could no longer continue in the same way, a moment when he stopped doing something he came to see as ethically wrong. In these special moments, he found that “alternatives popped up almost by themselves” (Anderson and Jensen, 2007, p.159) – a special phenomenon in itself, as we shall see. There are thus many, many more features to tom’s way of therapy than just his use of the reflecting process. Central to Tom’s way of being in the world was what came to him as he moved around in the world, as a participant in it rather than an observer of it. Thus below I will try to set out many of the small detailed changes Tom made in his way-of- being-with those around him in his meetings with them, and the large changes these small changes led to. These changes matter to us all. Thus we must do more than merely commemorate his achievements, we must work out how not to forget them, ever." Der Text ist auch online zu lesen, und zwar hier…
Das aktuelle Heft der Zeitschrift "Psychotherapie im Dialog" beschäftigt sich mit dem Thema Diagnostik und Evaluation. Ein wunderbares Thema, über das man die unterschiedlichen Therapieschulen und -Praktiken mitsamt ihren jeweiligen wissenschaftlichen Orientierungen miteinander in einen Dialog bringen könnte, ganz abgesehen davon, dass es auch an soziologischen sowie wissenschaftstheoretischen bzw. -historischen Diskursen zum Thema Diagnostik keineswegs mangelt. Gerade angesichts der heftigen Auseinandersetzungen um die Erstellung des DSM-V, die momentan im Gange ist (und verdeutlicht, dass es hier keineswegs nur um Fragen der Operationalisierung forschungsrelevanter Daten geht, sondern auch um handfeste Interessen der unterschiedlichsten Akteure), öffnet man gespannt das neue Heft in der Hoffnung, dass der Aspekt des psychotherapeutischen Dialogs nach einer erschlafften Phase vorwiegend symptomorientierter Informationssammlung in der Zeitschrift mal wieder etwas befeuert wird. Das Editorial "Diagnostik und Evaluation - zähneknirschend oder neugierig?" setzt auch dementsprechend ein Fragezeichen, das aber schon im Eröffnungsbeitrag von Jürgen Hoyer durch ein nachhaltiges Ausrufungszeichen ersetzt wird: "Psychotherapie braucht strukturierte Diagnostik!". Und damit ist der Tenor des Heftes auch schon vorgegeben. Diskussion von Theorie und Praxis der Diagnostik, von quantitativen vs. qualitativen Ansätzen, von gesellschaftlichem Stellenwert der Konstruktion von diagnostischen Kategorien (und ihren Konsequenzen): Fehlanzeige. Da passt es auch hinein, dass entgegen der normalen PiD-Praxis dieses Heft keinen Beitrag eines ausgewiesenen Systemikers aufweist. Ob das nicht vorgesehen war, oder ob alle angefragten Systemiker sich zu diesem Thema lieber nicht äußern wollten, ist dem Heft nicht zu entnehmen. Der diskussionsinteressierte Leser muss sich daher angesichts der angebotenen mainstream-Engführung an anderen Quellen orientieren. Immerhin ist der Verlag auch diesmal seiner Linie treu geblieben, die Literaturangaben von Beiträgen aus der Print-Version herauszunehmen und nur im Internet unter verwirrenden Dateinamen zu veröffentlichen (diesmal trifft es fünf Texte). Dafür sind auf der website mit den Inhaltsangaben auch nicht alle Seitenzahlen korrekt. Zu den vollständigen abstracts…
Im vergangenen Jahr hat Michael B. Buchholz im Rahmen seiner regelmäßigen "Psychonewsletter" auf ein Buch aufmerksam gemacht, dass sich mit der Rolle von Psychotherapeuten und Psychoanalytikern im Umgang mit Krieg und Folter beschäftigt. Offenbar ist dabei noch nicht ausgemacht, auf wessen Seite sie stehen. Die Herausgeber fassen ihr Konzept folgendermaßen zusammen: "We look first at the history and contemporary work on the injuries and repair of soldiers. We look then at the use of psychoanalysis in the service of warmaking and torture, the demonic side. We take up, in a third section, the use of psychoanalysis as a deconstructive tool for understanding warmaking and militarism. Finally, we address, from a sociohistorical, political, as well as a psychoanalytic perspective, the question of resistance." Allerdings sollte außer Frage stehen, dass dies keinesfalls ein Thema ist, dass nur Psychoanalytiker beträfe - ganz im Gegenteil. Der Titel "First Do No Harm" spielt auf den Grundsatz jeden ärztlichen Handelns an, bei der eigenen Arbeit der Leitmaxime zu folgen, niemandem Schaden zuzufügen. In der Ära von George W. Bush ist in den USA die Folter von Häftlingen in Guatanamo und anderenorts als legitimes Mittel im Kampf gegen den Terrorismus salonfähig geworden. Wie längst bekannt ist, sind Ärzte und Psychologen aktiv an der Ausarbeitung von Verhörprogrammen beschäftigt gewesen, die man nicht anders als Folter bezeichnen kann. Erstaunlich, dass diese Tatsache weltweit nur ein sehr verhaltenes Echo in Fachkreisen gefunden hat. Im vorliegenden Buch wird u.a. die Beteiligung der American Psychological Association an diesen Programmen (und der Versuch ihrer Vertuschung) rekonstriert. "Die Conclusio lautet: APA-Psychologen waren im Dienst der Bush-Administration; sie wussten, dass ihre Tätigkeiten gegen Ethik-Konventionen verstießen, weshalb sie es zu vertuschen versuchten und hohe APA-Funktionäre sorgten dafür, dass es keinen Zusammenprall zwischen solcher Tätigkeit und der offiziellen APA-Politik gab." Mit freundlicher Erlaubnis von Michael B. Buchholz präsentiert systemagazin einen Auszug aus seinem Newsletter, der dieses Buch betrifft. Zur ausführlichen Rezension…
Einen kurzen Überblick über die Entwicklung systemisch-konstruktivistischen Denkens von Ludwig von Bertalanffy bis hin zu Heinz von Foerster gibt Sarah B. Jutoran in ihrem online 2005 veröffentlichten Paper "The Process From Observed Systems to Observing Systems". Im abstract schreibt sie: "In the present paper I intend to describe some of the founding systemic cybernetic ideas starting from the second half of the XXth century up to the present. I have therefore limited the focus to what I consider the more representative concepts of General Systems Theory, Communication Theory and Cybernetics, plus the important contributions of renowned scientists such as Gregory Bateson, Heinz von Foerster and Humberto Maturana, who, I consider, constitute the spine of systemic-cybernetic thinking." Zum vollständigen Text…
Im Juli 2011 fand in Merseburg die Tagung "2 x 2 ist grün - Die Vielfalt systemischer Sozialarbeit" statt, deren Nachklang im aktuelle Heft der Zeitschrift für systemische Therapie und Beratung zu finden ist. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht ein Artikel von Johannes Herwig-Lempp und Ludger Kühling, in dem beide postulieren, dass "Sozialarbeit anspruchsvoller als Therapie" sei, und damit nämlich die Königsdisziplin im psychosozialen Feld. Betrachtet man den systemischen Diskurs in der Sozialarbeit in den letzten Jahren und vergleicht ihn mit dem Level der Theoriediskussion im systemtherapeutischen Feld, ist man geneigt, den Autoren zuzustimmen. Walter Milowitz versucht, dem Begriff der "Rückkopplung", der aus diesen Diskursen weitgehend verschwunden ist, wieder neues Leben einzuhauchen - nicht immer ist schlecht, was alt, und besser, was neu ist! Jan Bleckwedel steuert Ideen zu "Systemischen Guerilla-Ideen bei und Lisa Werkmeister Rozas macht sich Gedanken, wie man inter-ethnische Beziehungen auf einer Mikro- und Makroebene wirksam stärken kann. Zu den vollständigen abstracts…
Im Social Science Open Access Repository ist eine Arbeit von Metaphernforscher Rudolf Schmitt aus dem Jahre 1997 "mit einigen Bemerkungen zur theoretischen 'Fundierung' psychosozialen Handelns" zu lesen, in der auf anschauliche und sehr lesenswerte Weise der Frage nachgegangen wird, welche metaphorischen Modelle des Helfens sich finden lassen. Gleichzeitig geht es aber auch um die Reflexion des Verhältnisses von Theorie und Praxis und welchen besonderen Beitrag die Metapherntheorie hierzu leisten kann. Auf der Downloadseite gibt es folgende kurze Zusammenfassung des Beitrages, der in der Zeitschrift "Psychologie und Gesellschaftskritik" erschienen ist: "Der Beitrag versucht, die in Metaphern des Helfens kondensierten Erfahrungen in der Einzelfall- und Familienhilfe zu untersuchen und stellt eine Reihe von Arbeiten vor, die das Selbstverständnis von Psychotherapie-Klienten in ihren Metaphern rekonstruieren. Grundlage der Überlegungen ist die Annahme, dass Metaphern ihrerseits den Kern von Theorien liefern. Neben der Vorstellung der eigenen Untersuchung stellt der Autor hier auch die Praxis dieser Forschungsmethode vor. Zunächst werden einige Annahmen der Metaphernanalyse sowie kollektive Modelle des Helfens vorgestellt. Anhand eines Fallbeispiels werden sodann subjektive Konstruktionen aus der Metaphernanalyse erörtert. Das abschließende Resümee thematisiert die auch für die Metaphernanalyse zutreffende tiefe Kluft zwischen akademischer Theoriebildung und Praxis. Den Ansätzen der Metaphernanalyse ist ein nicht-hierarchisches Verhältnis von Theorie und Praxis eigen. Die Lücken zwischen Theorie und erlebter Praxis könnten jedoch mit Bildern, Gleichnissen und Geschichten gefüllt werden, die die Erfahrungen der PraktikerInnen besser repräsentieren." Zum vollständigen Text…
Der Hypnotherapeut Stefan Hammel hat 2011 im Klett-Cotta-Verlag ein "Handbuch der therapeutischen Utilisation" veröffentlicht, das "Vom Nutzen des Unnützen in Psychotherapie, Kinder- und Familientherapie, Heilkunde und Beratung" handelt. Peter Stimpfle hat es für systemagazin gelesen und empfiehlt es weiter: "Der Autor legt Beispiele aus unterschiedlichen Praxisfeldern vor, wie man das scheinbar Unnütze nutzen kann. Die Beschreibung von Utilisationstechniken (wie Kopplung, Altersregression, Paradoxe Interventionen, Reframing, Externalisieren, Personifizieren usw.) veranschaulicht dabei das simple und dennoch anspruchsvolle Prinzip der Nutzung des Unnützen. Er stellt dazu sowohl ein theoretisches Gerüst wie auch eine Fülle von Befunden aus unterschiedlichen Beratungs- und Therapiekontexten vor." Eine Warnung ist aber auch mit der Empfehlung verbunden: "Allerdings kann man sich fragen, wo die Grenzen der Utilisation liegen. Ist wirklich alles utilisierbar? Auch wenn Hammel kein Rezeptbuch im Sinne hatte, kann davor gewarnt werden, das Buch als 'Rezeptbuch' zu verstehen und zu missbrauchen." Zur vollständigen Rezension…
Das neue Heft der "Familiendynamik" befasst sich mit dem Stellenwert der Familienpsychologie für die systemische Familientherapie, der bislang immer noch durchaus bescheiden ist. Die Herausgeber des Themenheftes Klaus A. Schneewind und Arist von Schlippe konstatieren in ihrem Editorial: "Nein, Zwillinge sind sie wohl nicht, die Familientherapie, die in den 1950er Jahren aufkam und etwa ab den 1980er Jahren als »systemische Familientherapie« ihre Identität fand, und die ebenfalls in den 1980ern aufkommende Familienpsychologie, die bis heute darum kämpft, vollwertige Teildisziplin der Psychologie zu sein. Aber Schwestern sind sie schon, auch wenn sie sich nicht gerade »schwesterlich« verstehen und erstaunlich wenig Berührungspunkte haben. Die Theorien, Praktiken und Forschungsergebnisse der Familientherapie werden zwar von der Familienpsychologie aufmerksam verfolgt und aufgegriffen, ein vergleichbarer Einfluss der Familienpsychologie in das Feld der systemischen Therapie hinein ist jedoch nicht erkennbar, zumindest hierzulande." Im Heft gehen verschiedene Beiträge der Frage nach, warum das so ist und ob sich das ändern könnte. Außerdem gibt es noch einen interessanten familienpsychologischen Text zu einer Gorilla-Familie im Hannoveraner Zoo, die mithilfe systemischer Interventionen unterstützt werden konnte. Zu den abstracts…
Gestern ging die Jahrestagung der Systemischen Gesellschaft in Köln zu Ende, diesmal ausgerichtet vom Weinheimer Institut für Familientherapie. Eröffnet wurde der gestrige Tag von einem aufrüttelnden Vortrag von Jürgen Kriz, der von seinen Erfahrungen (u.a. als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats) mit dem bisherigen Prozess der wissenschaftlichen Anerkennung systemischer Therapie berichtete und prognostizierte, dass sich die Widerstände im nächsten Schritt, nämlich der sozialrechtlichen Anerkennung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss G-BA sicher nicht verkleinern werden. Angesichts dieser Tatsache plädierte er dafür, zwar dennoch diesen Weg zu gehen, aber nicht alle Energien in die "Eroberung" des G-BA zu investieren, sondern ganz im Gegensatz dazu die Vielfalt systemischer Praxis weiter zu kultivieren. Zur Frage der Wissenschaftlichen Fundierung der Entscheidungen des Gemeinsamen Bundesausschusses zitierte Jürgen Kriz eine Arbeit von Bernhard Strauß, Martin Hautzinger, Harald J. Freyberger, Jochen Eckert und Rainer Richter, also von Vertretern unterschiedlicher Psychotherapieverfahren, aus dem Jahre 2010, in dem diese den Umgang des G-BA mit der Gesprächspsychotherapie untersuchen - ein Prozess, der für die systemische Therapie nicht strukturell anders verlaufen dürfte. Im abstract heißt es lakonisch: "Die vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) bei der Beurteilung des Nutzens der Gesprächpsychotherapie angewandten Methoden werden kritisch untersucht. Dabei stellt sich heraus, dass der G-BA seine Beurteilung nicht auf der Grundlage des aktuellen Standes der wissenschaftlichen Erkenntnisse vorgenommen hat und so zu einem Ergebnis kommt, das weder von der Wissenschaft noch vom Berufsstand geteilt wird. Es erhebt sich der Verdacht, dass ein Interessenkonflikt vorliegt." Zum vollständigen Text…
Prof. Dr. Jochen Schweitzer, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) ist von der Bundespsychotherapeutenkammer als stellvertretendes Mitglied in den Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie berufen worden. Schweitzer ist Diplom-Psychologe und approbierter Psychotherapeut für Erwachsene wie für Kinder und Jugendliche. Derzeit leitet er die Sektion "Medizinische Organisationspsychologie" im Institut für Medizinische Psychologie des Universitätsklinikums Heidelberg und lehrt Systemische Therapie am Helm Stierlin Institut. Schweitzer wurde von mehreren Landespsychotherapeutenkammern und psychotherapeutischen Fachgesellschaften vorgeschlagen und tritt die Nachfolge von Prof. Dr. Jochen Eckert an. Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (nach § 11 des Psychotherapeutengesetzes) hat vor allem die Aufgabe, Gutachten zur wissenschaftlichen Anerkennung von Psychotherapieverfahren zu erstellen. Jochen Schweitzer war viele Jahre in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, der Psychosomatik und in einer psychotherapeutischen Hochschulambulanz tätig. Zu seinen bisherigen Forschungsprojekten gehören die psychischen Spontanremissionen, die Therapie dissozialer Jugendlicher, die systemische Therapie in der Akutpsychiatrie (SYMPA-Projekt), die Wirksamkeit Systemischer Therapie (Expertise 2006) und derzeit die Wirksamkeit von Systemaufstellungen. Er ist Autor dreier Lehrbücher zur Systemischen Therapie. Als Gründungsmitherausgeber der Zeitschrift "Psychotherapie im Dialog" hat er sich für einen intensiveren praxisnahen Austausch zwischen verschiedenen Therapieverfahren eingesetzt (Text einer Presseermeldung der DGSF).
Unter diesem Titel hat Martin Hafen, Sozialarbeiter und Soziologe an der Hochschule für Soziale Arbeit in Luzern (Foto: website von Martin Hafen - ein Besuch lohnt sich!), 2004 einen Beitrag im von Ueli Mäder und Claus-Heinrich Daub herausgegebenen Band "Soziale Arbeit: Beiträge zu Theorie und Praxis" (Basel), geschrieben: "Der folgende Text bezieht sich auf das Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Theoriebildung und professioneller Praxis. Im Zentrum steht die Frage, aus welchen Gründen die soziologische Systemtheorie für die Beobachtung der Sozialen Arbeit prädestiniert ist und wie eine so komplexe Theorie für die Praxis nutzbar gemacht werden kann. Dabei stellt sich das Problem, dass die Systemtheorie für viele professionelle Praktiker und Praktikerinnen wegen ihrer Abstraktheit und Komplexität über Originaltexte kaum erschliessbar ist. Das führt unter anderem dazu, dass bei kritischen Bemerkungen zu Luhmanns Theorie aus Praxiskontexten oft inhaltliche Missverständnisse zu Grunde liegen scheinen. Der Weg, der beschritten wird, um die Leitfragen dieses Textes zu beantworten, soll über die Praxis der Theorie führen. Dass bedeutet, dass primär einige Theoriestücke vorgestellt werden, welche die Systemtheorie auszeichnen und die auch für die Beschreibung der Sozialen Arbeit von besonderer Bedeutung sind. Weiter wird es darum gehen, auf der Basis der aktuellen Literatur die wichtigsten Erkenntnisse einer systemtheoretischen Beschreibung der sozialarbeiterischen Praxis zusammenzufassen. Zum Abschluss sollen einige grundsätzliche Überlegungen zum Zusammenspiel von Wissenschaft und Praxis angestellt werden." Zum vollständigen Text…
Gute Tagungsberichte sind, wie hier schon vor kurzem angemerkt, nicht besonders häufig. Umso erfreulicher, wenn gleich zwei ausführliche Berichte von einer Tagung vorhanden sind, wie das nun für die Tagung zur "Systemischen Forschung vom 7.-9.3.2012 in Heidelberg der Fall ist. Nachdem im systemagazin bereits der Bericht von Klaus Schenck erschienen ist, gibt es heute noch einen zweiten Blick von Astrid Beermann-Kassner, Wiss. Mitarbeiterin an der Abteilung für Beratung und Konfliktlösung an der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg (Foto: www.diskursys.de). Erschienen ist er auf der gut gepflegten Plattform systemisch-forschen.de, die ihn soeben per Frühlings-Newsletter bekannt gemacht hat. Gleichzeitig ist hier auch ein umfangreicher und sehr spannender Bericht von der Fachtagung "Systemische Lehre und Forschung an Deutschsprachigen Hochschulen" zu lesen (ebenfalls von Astrid Beermann-Kassner in Kooperation mit Joseph Rieforth), die schon am 02. und 03. März 2009 in Oldenburg stattfand und irgendwie durch das Wahrnehmungsraster des systemagazin durchgerutscht ist. Dieses Protokoll gibt verschiedene Debatten zum Stellenwert Systemischer Theorie und Methodik in der Hochschul-Lehre sehr differenziert wieder und ist daher viel mehr als nur ein Bericht über ein vergangenes Treffen. Es bringt auch die überdauernden Widersprüche und Komplikationen zutage, die mit der Systemischen Lehre und Forschung heutzutage im universitären Kontext verbunden sind und lohnt sich alleine deshalb schon zu lesen!
Helmut de Waal, Lehrtherapeut an der Wiener Lehranstalt für Systemische Familientherapie, schreibt immer wieder schöne Texte über therapeutische Themen, die sich jenseits von Theoriendiskursen und methodischen Anwendungen bewegen, aber dennoch immer ins Zentrum dessen treffen, womit wir uns als Therapeuten und Berater täglich beschäftigen. Sein Beitrag aus dem Jahre 2004 erörtert die Frage nach dem Platz des Pathetischen in der Systemischen Therapie und sei zur Lektüre empfohlen. Einleitend heißt es: "Vom Pathetischen sprechen wir dann, wenn wir erfasst werden oder uns erfassen lassen von etwas, das – unserer Empfindung nach – größer ist als wir, es ist ein Zustand von Passivität, in den wir uns begeben, den wir riskieren und erleiden: „Wir lassen uns ergreifen“. Wobei das nicht negativ gemeint ist, alle Erfahrung von Hingabe, Begeisterung, Faszination usw. ist so geartet; „überrascht sein“, „sich wundern“ ist eine pathetische Erfahrung, auch die Erkenntnis des Neuen, zumindest im Moment der Entdeckung, wenn die aktive Neugierde umschlägt in die passive Verwunderung. Das Gegenüber des Pathetischen ist das Skeptische. Es ist immer mehrdeutig oder führt die Mehrdeutigkeit in den Diskurs zwischen Menschen ein – das Pathetische hingegen behauptet Eindeutigkeit und, zumindest meistens („ich erlebe es so“), Gültigkeit. Das Pathetische findet immer in der Gegenwart statt, ja schafft Gegenwart. Es entbehrt im Unterschied zum Skeptischen (das nur aus der Distanz heraus möglich ist) der Distanz. In der modischen Terminologie von gestern: Das Pathetische ist das „Hier und Jetzt“ per se. Nachdem das Pathetische subjektiv assoziiert erlebt wird – dem eigenen Gefühl nach tatsächlich erlitten – kann auch leicht die Verantwortung dafür abgegeben werden – „etwas Höheres hat uns erfasst“. Für den Psychotherapeuten eine problematische Geschichte, trotzdem manchmal unvermeidlich, an sich auch nützlich. Unter dem Motto „man kann zumindest darüber reden“ soll hier reflektiert und auch nach plausibler, verantwortungsvoller und nachvollziehbarer Anwendung gesucht werden. Zum vollständigen Text…